Fluch der Karibik 2

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
26. August 2006
Abgelegt unter:
CD

Score

(2.5/6)

Fluch der Karibik 2

Kommentar zu Film und Film-Musik

Neues von Kapitän Jack Sparrow gibt’s in Fluch der Karibik 2, der seit dem 27. Juli 2006 über die bundesdeutschen Leinwände flimmert. Infolge der zwiespältigen Erfahrung mit dem ersten Film sowie den eher flauen Kritiken zum neuen Spektakel hatte ich die Erwartungen niedrig gesteckt und bin angenehm überrascht worden. Geht es dieses Mal doch bedeutend überzeugender zu als in Fluch der Karibik aus dem Jahr 2003. Zwar wartet das Sequel mit einer etwas chaotischen, sich allerdings fortlaufend selbst auf die Schippe nehmenden Story in Kombination mit einer Fülle witzig darauf abgestimmter Gags auf. Dies freilich nicht im Sinne von Logik, sondern vielmehr überbordender augenzwinkernder Fantasie. Wer das akzeptieren kann, dürfte die in Serie auftretenden, oftmals skurrilen Einfälle als ähnlich gelungen in den Handlungsablauf integriert empfinden wie beim klassischen Vorbild, Der rote Korsar (1952). Natürlich kommt wiederum das spürbar üppige Budget und die damit mögliche High-Tech-Tricktechnik unserer Tage dem Ganzen sehr entgegen. Somit resultiert als Mixtur ein prächtiges visuelles Feuerwerk, das seinen Unterhaltungsauftrag vorzüglich erfüllt. Was im ersten Film nicht so recht zusammen passen will: In Fluch der Karibik 2 harmoniert alles umso glücklicher miteinander, wird zum überaus temperamentvollen Tanz um des toten Manns prallvoll mit Gags gefüllte Kiste, inszeniert im zeitgemäßen temporeichen Indiana-Jones-Stil. Und überhaupt besitzt das Ganze hier eine Leichtigkeit und nicht zuletzt dank einer gehörigen Portion Selbstironie auch beträchtlichen Charme; etwas, das man von einem Produkt aus dem Hause Bruckheimer überhaupt nicht erwartet hätte.

Das aufgebotene Sammelsurium an Bösewichten gemahnt wie auch manche der Schauplätze an die Blockbuster der jüngsten Vergangenheit, an die Trilogie Der Herr der Ringe und an King Kong. Man muss hier jedoch den Einfallsreichtum, die sorgfältige und liebevolle maskenbildnerische Gestaltung der raffiniert maritim geprägten Fantasy-Figuren und auch ihre Integration in ein funktionierendes Gesamtkonzept schon eindeutig anerkennend quittieren — hier spürt man einfach Gore Verbinsky, den Schöpfer der originellen Mäusejagd. Da haben doch die auf dem „Fliegenden Holländer“ beheimateten Unholde im Laufe der Zeit ihrer Verdammnis eine Kruste angesetzt, die aus vielerlei Arten von Meerestieren besteht. Einer der Bösewichte besitzt gar einen Kopf, der dem eines Hammerhais ähnelt. Darüber hinaus ist auch der klassische Seefahrermythos vom ganze Segelschiffe in die Tiefe ziehenden Riesenkraken originell in die Geschichte eingearbeitet und auch tricktechnisch beeindruckend umgesetzt worden. Schmunzeln verursachen einige quasi-Zitate, wie die an Kapitän Nemo in Disneys 20.000 Meilen unter dem Meer (1954) erinnernde Szene mit Barbossa, dem gelegentlich orgelspielenden Chef der verfluchten Piraten-Gang.

Johnny Depps Kapitän Sparrow setzt dieses Mal übrigens merklich andere Akzente. Sparrow wirkt kaum noch tuntig, erhält dafür in seiner Ambivalenz, pendelnd zwischen nettem Kerl und berechnendem Schurken, deutlich mehr Charakter. Auch trifft man so manche der Figuren des ersten Teils wieder: Darunter den Mann mit dem hölzernen Glasauge. Leider kommt die Figur des Piraten mit der herausgeschnittenen Zunge, für den originellerweise der auf der Schulter sitzende Papagei das Sprechen übernimmt, allzu kurz.

Dafür ist der finale „Cliffhanger“, der die Zuschauer auf den bereits mit dem zweiten Filmteil mitproduzierte dritte Teil einschwören soll, ähnlich wie in den ersten beiden Teilen der Trilogie Der Herr der Ringe durchaus akzeptabel geraten — laut Presseheft soll der Schluss der Piratensaga den hiesigen Fans im Frühsommer 2007 präsentiert werden.

Long John, nein, nicht Silver, sondern Zimmer — wie er humorvoll im Booklet genannt wird — ist mit sieben glorreichen Mitstreitern an Deck angetreten, um das Musikalische beim neuen Piratenspektakel aus der Bruckenheimer-Disney-Küche auszurichten. Und direkt gesagt: Für sich genommen handelt es sich bei Fluch der Karibik 2 um ein durchaus anhörbares, partiell auch recht unterhaltsames Album. Allerdings, selbst (oder besser gerade) eingefleischten Zimmerianern müsste das fortwährende 1:1-Déjà-vu zumindest auffällig werden. Alles klingt in einem Maße vertraut, das über das Erkennen einer charakteristischen Handschrift weit hinausgeht. Vielmehr wirkt hier das Allermeiste einzig und allein schablonenhaft, gar wie am Computer mit „kopieren und einfügen“ zusammengesetzt — man achte nur auf die Choreinsätze in „Hallo, Ungeheuerlein“, die geradezu wie aus Gladiator und King Arthur kompiliert und nur geringfügig retuschiert erscheinen.

Was ich dem zweiten Score gegenüber dem ersten schon als klares Plus anrechne, ist, dass er immerhin thematisch deutlich abwechslungsreicher daherkommt. Jack Sparrow erhält ein nettes slapstickhaftes Motiv, das in den Kontrabässen recht überzeugend rumoren darf und Davy Jones wird hübsch durch die Spieluhr charakterisiert. Das Thema für den sagenhaften Kraken ist einer Orgel zugeordnet. Schon okay, dass es hier ein wenig wie in den Italowesternmusiken Ennio Morricones klingt, wäre da nicht noch obendrauf dieses unerträgliche synthetische Klopfen. Nett ist wiederum das Toccata-hafte, für das Bachs berühmte „Toccata und Fuge“ BWV 565 Pate gestanden hat. Dem Heavy-Metal-Rockigen in der Kraken-Actionmusik kann man ein gewisses Augenzwinkern attestieren und neben der irischen Hornpipe ist auch die parodistische Walzereinlage ansprechend, die ein wenig an The Boys from Brazil erinnert in „Das Essen ist fertig“. Unterm Strich ist die Musik zum Bruckheimer-Piratensequel damit deutlich überzeugender als das Badelt-Zimmer-Konglomerat zum ersten Film.

Der mittlerweile unüberhörbar werdende Grad an Uniformität in der musikalischen Gestaltung wird allerdings nun, drei Jahre nach dem erfolgreichen ersten Film, gewissermaßen erneut zum Fluch: Zimmers Musik zum Sequel entlarvt sich nämlich als völlig genreunabhängiger rein schematisierter Action-Einheitsbrei. Das Resultat ist in einem geradezu erschreckenden Maße austauschbar und damit beliebig. Dabei stellt sich allerdings schon die Frage, ob man dies allein dem Komponisten anlasten darf, ob hier nicht vielmehr die Macht des Produzenten („J. B.“) die ausweglosen Vorgaben diktierte. Im Rahmen einer differenzierten Filmmusikkritik kann das, was über rund 50 Minuten dem Zuhörer in den Ohren klingelt nur als absolut standardisiert bezeichnet werden. Konsequenterweise sind daher im Rahmen einer Bewertung auch klare Grenzen gesetzt; halte ich eine „kleine Empfehlung“ und damit drei volle Sterne, bei allem Wohlwollen, nicht mehr für vertretbar. Beim als Bonus-Titel das Album beschließenden und auf die Gesamtspielzeit bringenden „Tiësto Remix“ handelt es sich übrigens um ein schlichtweg fürchterlich auf Techno getrimmtes Anhängsel, über das man am besten den Mantel diskreten Schweigens legt.

Handelt es sich hier in Sachen Filmmusik doch noch um mehr als um primär unterhaltsame Hörkost? Das ist hier die Frage, die sich letztlich jeder selbst beantworten mag, wie auch jene, ob die stark poppigen Actionschemata Zimmers im Rahmen des Piratengenres nicht eher deplatziert sind. Wie auch immer: Die hörbar maritim angelegte und raffiniert ausgearbeitete klassische Filmmusik von William Alwyn zum 1952er Der rote Korsar erscheint mir zum Sujet jedenfalls eindeutig stimmiger.

(Eine gelungene, wenn auch etwas kurze Suite aus der quirlig-mitreißenden Alwyn-Komposition ist übrigens auf dem Chandos-Album „The Filmmusic of William Alwyn, Vol. 2“ vertreten.)

Für den, der mitreden will, ist ist eine Begegnung mit dem klassischen Vorbild, Der rote Korsar (1952), hilf- und aufschlussreich — kürzlich auch auf DVD erschienen. Dieser technisch übrigens tadellose Titel gehört in die wegen der teilweise beträchtlichen Qualitätsmängel zu Recht attackierte Warner-DVD-Reihe mit Film-Klassikern. Der damit jetzt als DVD käufliche, sehr detailreich und auch farblich frisch wirkende Videotransfer ist dem über lange Jahre im deutschen TV gezeigten in sämtlichen Belangen beträchtlich überlegen. Durch eine Restauration dürften bei diesem Titel allein noch eher geringfügige Verbesserungen erzielt werden können. Ein Kuriosum der ganz besonderen Art begegnet dem Interessierten in besagter Warner-DVD-Reihe jedoch neuerdings in Form des auf der Versiegelung angebrachten Aufklebers: „nicht digital remastered“.

Fazit: Film und Musik erzeugen bei Fluch der Karibik 2 im Gegensatz zum Klassiker Der rote Korsar einen doch etwas zwiespältigen Eindruck. Bei beiden Filmen handelt es sich dafür allerdings um annähernd ebenbürtige, durchaus gelungene Kinounterhaltungen. Drum komm! Höre, siehe und vergleiche jetzt auch Du!

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© aller Logos und Abbildungen bei DISNEY PICTURES

Komponist:
Zimmer, Hans

Erschienen:
2006
Gesamtspielzeit:
58:56 Minuten
Sampler:
Walt Disney Records (EMI)
Kennung:
0946 368219 2 4

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