Klassik

Veröffentlicht am 13.07.2018 | von Michael Boldhaus

Tristan und Isolde

Soltis „Tristan und Isolde“ als High-Tech-Wiederveröffentlichung

In diesem berühmten Musikdrama um vielfältige menschliche Empfindungen ist die äußere Handlung stark reduziert, entsprechend passiert auf der Bühne recht wenig. Im Vordergrund stehen die Seelenlagen der Figuren, deren Empfindungen insbesondere durch das groß besetzte Orchester zum Ausdruck gebracht werden. Entsprechend herrscht musikalisch fast durchweg Hochspannung. Das Orchester agiert suggestiv klangsinnlich nuanciert, von schmachtend bis sich ins Ekstatische steigernd und das auf bis dahin noch nie zuvor gehörte Weise, denn der Tristan ist das erste völlig ausgereifte Musikdrama von Richard Wagner.

Anfang der 1960er Jahre war Georg Soltis Tristan-Interpretation die erste Stereoeinspielung dieser Oper auf dem Plattenmarkt. Solti hat Effekte immer bereitwilligst ausspielen lassen, wobei das klangliche Ergebnis allerdings auch auf die für damalige Verhältnisse außergewöhnliche Tonregie des Produzenten John Culshaw zurückzuführen ist. Culshaw hat sich nämlich als erster entscheidend darum bemüht, dem Hörer einen zum Werk stimmigen stereophonen Klangraum zu präsentieren. Dabei sind in einem analytisch aufgefächerten und zugleich sehr präsenten, satten Orchesterklang nicht allein die Singstimmen eingebettet, sondern die jeweiligen Regieanweisungen werden ebenfalls so exakt wie möglich akustisch widergespiegelt – siehe dazu auch Elektra & Salome von Richard Strauss. Über ein paar von Culshaws  Entscheidungen kann man sicherlich diskutieren, aber unterm Strich sind und bleiben die von ihm betreuten Opernproduktionen für mein Empfinden absolut faszinierend umgesetzt. Die gerade dazu zu findenden, zum Teil äußerst negativen Einlassungen kann ich daher auch nicht nachvollziehen. Nun, derjenige, der beim Solti-Ring erst einmal Blut geleckt hat, der wird auch beim Solti-Tristan kaum einen grundsätzlichen konzeptionellen Mangel feststellen, etwa dass ein entscheidendes Ungleichgewicht zwischen der Balance der Singstimmen und dem Orchester bestehe. Im Gegenteil: Das hier erstmalig in „unendlichen Melodien“ wogende Wagner’sche Riesenorchester und damit die komplett neuartigen, in die Zukunft verweisenden klanglichen Visionen des Komponisten werden m. E. gerade in der besonders opulent klingenden Solti-/Culshaw-Version in ganz besonderem Maße erfahrbar. Auch wenn dazu beispielsweise Carlos Kleibers Studioaufnahme von 1982 als eine elegant fast kammermusikalisch-transparent musizierte und zudem von fast schon liedhafter Intonation bestimmte Interpretation zweifellos ein hochwertiges Pendant bildet, bleibt die Solti-Culshaw-Produktion in meinen Augen ein auf ihre Art unübertroffenes, mitreißendes Klangerlebnis.

Die unvergessliche Birgit Nilsson als Isolde strahlt trotz hier etwas zurückgenommener Intensität in der Intonation problemlos durch den opulenten Orchestersound hindurch. Auch ihre Teamkollegen sind mindestens solide, etwa Fritz Uhl als nicht ganz optimaler, aber doch sehr respektabler Tristan oder Arnold van Mill als sogar sehr markanter und eindrucksvoller König Marke. Regina Resnik in der Rolle der Brangäne hatte seinerzeit mit einer Erkältung zu kämpfen. Sie ist stimmlich hörbar nicht in Topform, klingt etwas rauh und dezent nuschelig, was die Textverständlichkeit beeinträchtigt. Überdramatisieren sollte man diesen kleineren Schwachpunkt aber nun auch nicht.

Erstmalig ist Soltis Tristan bei dieser mit 24-Bit/96-kHz remasterten High-Tech-Wiederveröffentlichung von ursprünglich vier auf jetzt drei CDs umgeschnitten worden. Damit ist nun jeder der drei Akte auf einer Disc untergebracht, und unschöne Pausen beim Disc-Wechsel gehören erfreulicherweise der Vergangenheit an. Für das Alter der Aufnahme erscheint der Rauschpegel geradezu erstaunlich niedrig. Hier dürfte beim Remastering daher mit moderner Rauschverminderungstechnik sehr behutsam, d.h. ohne dabei den Klang zu verfälschen (!), bearbeitet worden sein. Die elegante Hardcover-Buch-Präsentation enthält die CDs im von der Reihe „The Originals“ vertrauten LP-Look und wartet zusätzlich zum Libretto mit weiteren bemerkenswerten Texten auf. Neben „Eine Einführung in die Oper und ihre Leitmotive“ ist ein Essay des Plattenproduzenten John Culshaw enthalten: Die „Betrachtungen zu den Charakteren, der Musik und der Aufnahme“ sind illustriert mit Skizzen Culshaws, welche seine ausgefeilt-pfiffigen Überlegungen zur klanglichen Konzeption von Deccas „Sonicstage“ erläutern. Die Blu-ray Audio bietet nicht nur den kompletten Tristan am Stück, sondern hält außerdem noch eine ansprechende Zugabe bereit, die ursprünglich in der ersten LP-Ausgabe  mit enthaltenen, während der Proben aufgenommenen Ausschnitte und Interviews, „Die Geburt einer Oper“ (ca. 32 Minuten), welche Einblicke hinter die Kulissen der Produktion und dabei auch zum Klangkonzept „Sonicstage“ vermittelt.

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Titel: Tristan und Isolde
Erschienen: 2/2018

Zusatzinformationen: Wiener Philharmoniker, Dirigent: Georg Solti
Laufzeit: 239:17 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: Decca
Kennung: 3 CDs + BD-Audio

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