3D

Veröffentlicht am 28.03.2016 | von Michael Boldhaus

The Walk (3D)

The Walk (3D) Michael Boldhaus
Film
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Schwindelerregender Drahtseilakt zwischen den Twin-Towers: Robert Zemeckis’ The Walk

Am frühen Morgen des 7. August 1974 lief ein Mann in atemberaubender Höhe auf einem Drahtseil zwischen den Zwillings-Türmen des noch nicht ganz fertiggestellten World Trade Centers in New York über rund eine Dreiviertelstunde hin und her. Robert Zemeckis’ The Walk bringt diesen sensationellen Vorfall nun auf die große Kinoleinwand. Als Vorlage dienten die Erinnerungen an das spektakuläre Ereignis, welche der Mann auf dem Seil, der Franzose Philippe Petit 1980 in „To Reach the Clouds“ (in der deutschen Übersetzung „Über mir der offene Himmel“) zu Papier gebracht hat.

Die Geschichte des ganz großen Abenteuers des Philippe Petit ist visuell – ganz besonders in 3D! – im wahrsten Sinne imposant und geradezu atemberaubend umgesetzt! Aber natürlich ist es gleichzeitig eine nostalgische Erinnerung und Liebeserklärung an die Twin Towers als unersetzbares New Yorker Wahrzeichen, das seit dem 13. September 2001 unwiederbringlich dahin ist. Dabei gelingt es Zemeckis, die Erinnerung an die Zwillingstürme – in die Verwirklichung eines Lebenstraumes positiv verpackt – als herzerwärmendes Wohlfühlkino wachzurufen, anstatt pathetisch auf die Tränendrüsen zu drücken. Das Ganze gibt sich vielmehr angenehm leichtfüßig, im Sinne eines drolligen, augenzwinkernden Schelmenstücks, in dem der große Coup des Philippe Petit von ihm selbst nebst Helfern, vergleichbar einem raffinierten Bankeinbruch, vorbereitet und durchgeführt wird. Joseph Gordon-Levitt, der im Film Petit verkörpert, fungiert dazu als Erzähler – originellerweise in großer Höhe auf dem Arm der Freiheitstatue neben der Fackel stehend.

Robert Zemeckis (Zurück in die Zukunft, Forrest Gump) gelingt es dank vorzüglich eingesetzter 3D-Umsetzung, die Zuschauer vom Dach der Wolkenkratzer und erst recht beim Balanceakt auf dem Seil überzeugend echt tief in die Häuserschlucht darunter blicken zu lassen. Wer da, wie der Rezensent, zur Höhenangst tendiert, dem vermögen, obwohl man sich der CGI-Illusion durchaus bewusst ist, die Bildeindrücke aus der Vogelperspektive dezenten Schwindel erregend bis in die Magengrube zu fahren. In der Realität balancierte Gordon-Levitt dabei ja nur – immerhin – ca. drei Meter über dem Studioboden.

Aber auch abseits dieses unzweifelhaften Höhepunktes kommt 3D prima zur Geltung. Verschiedentlich ragt bei Petits Balanceakten nicht nur die Balancierstange aus dem Bild heraus. Wenn der Hochseilartist bei einer Übung im Zirkus kurz vor dem Ende des Laufs das Gleichgewicht verliert, dann zielt die herabfallende Balancierstange scheinbar direkt auf den Zuschauer: Beim ersten Sehen ist der Effekt derart verblüffend, dass man sich fast weg duckt. Dass sich der verunglückte Artist selbst gerade noch am Drahtseil festhalten konnte und zur seitlichen, rettenden Strickleiter durchhangeln kann, erkennt man direkt im Anschluss. Geschickt von oben fotografiert, werden so wiederum die Höhe des Seils und der – hier ja noch relativ kleine – Abgrund besonders eindringlich.

Spannend wird es u.a., wenn sich das über 200 kg schwere Drahtseil in die Tiefe rutschend selbständig macht, dessen endgültiger Fall durch gerade noch rechtzeitig erfolgtes Befestigen des freien Endes an einem Träger im letzten Moment noch verhindert werden kann – sonst wäre es nämlich wiederum dem Zuschauer geradezu in den Schoß gefallen. Ähnliches gilt auch für den Moment, wenn an einem der Befestigungspunkte des Drahtseils infolge der durch die Bewegung der Türme erzeugten Spannungen etwas abbricht und sich rasant auf den Zuschauer zu bewegt.

Der Dokumentarfilm von James Marsh zu Petits Lauf, Man On Wire – Der Drahtseilakt (2009), darf natürlich nicht unerwähnt bleiben. Dort werden Spielszenen mit Dokumentaraufnahmen, Interviewausschnitten und Fotos geschickt kombiniert und so insbesondere die Planung des großen Coups interessant beleuchtet. Das eigentliche Event kann Marshs Dokumentarfilm allerdings, da es davon keine Filmaufnahmen gibt, nur in einer schwarzweißen Fotomontage nachstellen. Hier kann The Walk seine Trümpfe voll ausspielen, und natürlich ist Regisseur Zemeckis auch ein rechter Showman, der, wenn Petit den Fuß auf das Hochseil zwischen den Türmen setzt, perfekt dazu passend den morgendlichen Dunst aufreißen und uns den Sonnenaufgang über New York faszinierend erleben lässt. Auch dabei kommt einige Freude auf.

In den intimeren Momenten sind die Szenen zwischen Petit und seinem Mentor Papa Rudy (sehr überzeugend dargestellt von Ben Kingsley), der dem jungen Mann entscheidende Tricks verrät, besonders anrührend geraten.

Das größte Abenteuer des Philippe Petit von 3D-Blu-ray

Das Doppel-BD-Set enthält neben der 3D-Blu-ray-Disc noch eine 2D-BD auf der sich neben der 2D-Fassung des Films auch die Boni befinden.

The Walk zählt zu den Filmen der jüngeren Vergangenheit, die mit schlichtweg spektakulärem Resultat, nur „mit 3D im Hinterkopf“, also in der Ausführung des Drehs sorgfältig auf 3D konzipiert (!) in 2D aufgenommen und erst anschließend in 3D konvertiert worden sind. Was man hier zu sehen bekommt, ist in der Wirkung absolut überzeugend und von nativem 3D in Top-Qualität kaum mehr zu unterscheiden. Hier zeigt sich einmal mehr, was der technische Fortschritt zu leisten vermag und dabei eben auch anfänglich berechtigte Vorbehalte gegen eine Technologie gegenstandlos werden lassen kann – siehe dazu auch den 2010er-Artikel „Hat 3D für zuhause eine Chance?“.

Bild, Ton & Extras

Bereits das 2D-Scope-Bild sieht absolut knackig und somit prima aus, aber erst in 3D vermag es seine Trümpfe voll auszuspielen. Das auch sehr detailfreudige 3D-Bild ist ebenfalls fast durchweg von erstklassiger Qualität. Es wartet mit sorgfältiger Tiefenstaffelung und darüber hinaus mit einer Reihe wohlplatzierter, geradezu verblüffender Pop-Outs auf. Diese sind neben einer überzeugenden Tiefenstaffelung zusätzlich dabei behilflich, die (frei nach Wim Wenders) unsichtbare Wand zwischen den üblichen flachen Filmbildern und dem Zuschauer überzeugend aufzuheben. Ghosting-Artefakte sind nur ganz vereinzelt und wenn, dann auch nur in sehr geringfügigem Maße, zu beobachten. Hin und wieder ist kurzzeitig der Schwarzwert mal ein wenig zu hell. Aber das war’s dann auch schon. Die gute Wiedergabe der warmen, oftmals kräftigen Farben, ein solider Kontrast und tadellose Schärfe bereiten Vergnügen. Pfiffig schauen auch die Einblicke in die Frühphase Petit’s aus, wenn das Paris der 1960er in knackigen 3-dimensionalen Schwarz-weiß-Bildern wiederbelebt wird, in denen es originellerweise aber auch einzelne farbige Objekte zu sehen gibt, etwa die blauuniformierten Flics, welche dem Schausteller nachjagen. Einziger kleiner Einwand: Da der Film neben CinemaScope auch für das im Seitenverhältnis schmalere und damit höhere IMAX-Format konzipiert worden ist, hätte man auf dem TV-Bildschirm problemlos die schwarzen Scope-Balken vermeiden und das Bild verlustfrei (!) formatfüllend präsentieren können. Dass dies einen Mehrwert darstellt, verdeutlichen unter anderem die Home-Video-3D-Ausgaben von Avatar und Titanic.

Der den Filmbildern unterlegte Ton, vorliegend als DTS-HD Master Audio 5.1, ist in den Schlüsselmomenten auf sämtlichen Kanälen aktiv, wobei bei der Mischung des meist eher dezenteren Surround-Klangfeldes auch auf sehr fein akzentuierte Effekte Wert gelegt worden ist. Auch gekonnter Einsatz der Stille spielt bei der tadellosen Gesamtwirkung eine mitentscheidende Rolle. Das lässt eigentlich keine Wünsche offen. Einige dürften an dieser Stelle allerdings bereits von Dolby-Atmos träumen …

Joseph Gordon-Levitt wurde in die Kunst des Seiltanzes übrigens vom heute 66-jährigen, in der Nähe von New York residierenden Philippe Petit selbst eingeführt. Dazu liefert die 2D-Boni-Sektion immerhin eine kleine Featurette „Erste Schritte – Lernen über das Drahtseil zu Laufen“ (rund neun Minuten). Zusätzlich gibt’s in „Der sagenhafte Lauf“ (knapp 11 Minuten) Blicke in die digitale Trickkiste. Darüber hinaus findet sich neben Werbe-Trailern allein noch eine kleine, rund sechs-minütige Kollektion mit eher unbedeutenden geschnittenen Szenen. Zu den beiden Featuretten gilt: Sie sind im Ansatz zwar schon recht nett gemacht, unterm Strich aber leider eindeutig zu knapp und zu oberflächlich geraten. Dass es bei den Boni nix in 3D gibt, ist ebenso bedauerlich.

Fazit: Robert Zemeckis’ The Walk ist nicht nur eine sehr gelungene nostalgische Liebeserklärung an die Zwillingstürme des World Trade Centers nach einer wahren Geschichte, sondern zugleich ein 3D-Heimkino-Event der Top-Kategorie. Ausgeprägte 3D-Demoqualität ist dabei inbegriffen. Die Boni-Kollektion hätte hingegen üppiger ausfallen können.

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema Blu-ray-Disc versus DVD.

Titel: The Walk (3D)
Erschienen: 2016


Medium: Blu-ray, 3D
Verleih: Sony Pictures Home Entertainment (3D-BD-Set: 3D-BD & BD [Film + Bonus])


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