DVD

Veröffentlicht am 21.09.2010 | von Michael Boldhaus

Der Winter, der ein Sommer war

Der Winter, der ein Sommer war Michael Boldhaus
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Anlässlich der 200-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten von Amerika entstand die dreiteilige TV-Adaption von Sandra Parettis Roman „Der Winter, der ein Sommer war“ im Auftrag der ARD als Produktion des Hessischen Rundfunks. Regie führte der Veteran Fritz Umgelter, der sich bereits in der ersten Dekade des bundesrepublikanischen Fernsehens mit den Straßenfegern So weit die Füße tragen (1959) und Am grünen Strand der Spree (1960) einen Namen gemacht hatte. Seine insgesamt überzeugendste Umsetzung eines Kostümstoffes wurde Die merkwürdige Lebensgeschichte des Friedrich Freiherrn von der Trenck (1973) neben dem ebenfalls beachtlichen Des Christoffel von Grimmelshausen abenteuerlicher Simplicissimus (1975).

Dagegen fällt der Dreiteiler Der Winter, der ein Sommer war zumindest in Teilen merklich ab. Der gleichnamige Roman Sandra Parettis, die ursprünglich Irmgard Schneeberger hieß, erschien 1972 und avancierte zum Bestseller, was den Produzenten von vornherein ein gerütteltes Maß an Zuschauerinteresse versprach.

Im Zentrum steht die Geschichte einer hessischen Kaufmannsfamilie, die in den Strudel der dramatischen Ereignisse gerät, welche aus dem 1776 geschlossenen Vertrag, dem berüchtigten „Soldatenhandel“, zwischen König Georg III. von Großbritannien und dem Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Kassel resultierten. Die Briten mieteten 12.000 hessische Soldaten für den Einsatz im Kampf gegen die aufmüpfigen amerikanischen Kolonien. In einer Zeit ohne Sozialversicherung besaß der Vertrag für die zum Großteil aus bedrückend armen Verhältnissen stammenden Betroffenen, die von rüden Werbern häufig gepresst wurden, auch Vorteile im Sinne einer Versorgung für sich und im Todesfall auch ihrer Angehörigen.

Parettis Gesellschaftsroman entwickelt sich durch die Rivalität und schließlich Todfeindschaft zweier Halbbrüder zur verkappten Kain-und-Abel-Geschichte. Eingewoben ist eine etwas schwülstige Liebesgeschichte, welche den Eindruck der Seifenoper unterstreicht. Der Bruderkonflikt kulminiert in der legendären Schlacht von Trenton, wo es George Washington am 26.12.1776 gelang, die Hessen vernichtend zu schlagen und damit die zuvor auf dem Tiefpunkt angelangte Moral seiner Armee entscheidend zu stärken und auch zu stabilisieren. Dass diese für die Amerikaner so bedeutungsvolle Schlacht in einem sich zuerst außergewöhnlich mild gebärdenden Winter stattfand, verlieh dem Roman den Titel, wobei dies in der Verfilmung allerdings eher verschwommen bleibt.

Die insgesamt sorgfältige Inszenierung und in weiten Teilen auch solide historische Ausstattung (bis auf die mitunter merkwürdigen Schusswaffen) vermag die Schwächen dieser bis dahin teuersten Produktion des HR nur bedingt zu kompensieren, die in der eher blutarmen, etwas hölzern und konstruiert wirkenden Story liegen. Die überwiegend gute bis hochkarätige Besetzung zählt dabei eindeutig zu den Pluspunkten. Besonders dominierend und überzeugend agiert Günter Strack als prunk- und vergnügungssüchtiger hessischer Landesvater. Gerade das Porträt dieser Figur zählt zum Überzeugendsten, was der Dreiteiler zu bieten hat. Außerdem zu nennen sind Pinkas Braun als hessischer Minister Martin Ernst von Schlieffen, Heinz Baumann als Oberst des Expeditionskorps sowie Christian Quadflieg und Sigmar Solbach als die verfeindeten Halbbrüder.

Die Gründungsgeschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, verbunden mit einem Teilaspekt der deutschen Geschichte zu verbinden, das hätte unterm Strich packender geraten können als hier zu sehen ist. Doch trotz gewisser Vorbehalte, der Dreiteiler besitzt seine Momente und ist vor allem aus nostalgischer Sicht eine passable TV-Unterhaltung.

Die drei DVDs präsentieren jeweils einen Teil der TV-Saga in sehr solider Bildqualität, die ähnlich wie bei Wallenstein von gutem Videomaterial aus dem Archiv herrührt. Insgesamt ist der Schärfeeindruck gar noch ein Stückchen konsistenter und befriedigender als beim besagten Wallenstein. Gelegentlich führen im Bild zu sehende Flammen (von Fackeln oder Mündungsfeuer) zu rot erscheinenden Bildfehlern (Artefakten), wie man sie, typisch für die Videotechnik jener Zeit, heutzutage freilich nicht mehr beobachtet. Den Ton dazu gibt’s, wie seinerzeit noch TV-üblich, in sauberer und fast durchweg gut verständlicher Mono-Abmischung. Als Bonus gibt es immerhin einen rund 10 Minuten umfassenden Auszug aus der TV-Sendung „Bilderbogen“, der anlässlich der Wiederholung im Jahr 2002 Einblicke in die Dreharbeiten gibt.

Die Freunde der Inszenierungen Fritz Umgelters dürften allerdings auf den deutlich überlegenen Mehrteiler Die merkwürdige Lebensgeschichte des Friedrich Freiherrn von der Trenck (1973) mit Matthias Habich in der Titelrolle hoffen. Obwohl auch dieser die Zeit seiner Entstehung anhand einer Reihe von Kompromissen nicht verleugnen kann, wäre er unbedingt eine Ausgrabung wert. Dies allerdings unbedingt in der ungekürzten Fassung der Erstausstrahlung. Nach Zuschauerprotesten wegen einer damals krass erscheinenden recht fulminanten Actionszene, ist erstmalig die Schere angesetzt worden. Und späterhin ist der „Trenck“ — ähnlich wie Soweit die Füße tragen — nur noch in deutlich geraffter Kurzfassung wiederaufgeführt worden.

Fazit: Mit dem Dreiteiler Der Winter, der ein Sommer war ist seit Herbst 2009 eine weitere, ehedem (erstausgestrahlt um Weihnachten 1976) teure TV-Unterhaltung in einer sehr ordentlichen DVD-Edition greifbar. Für Liebhaber der nostalgischen TV-Mehrteiler ist das zweifellos erfreulich, auch wenn diese TV-Produktion einige Schwächen besitzt.

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema „Blu-ray-Disc versus DVD“.

Titel: Der Winter, der ein Sommer war
Erschienen: 2010

Zusatzinformationen: D 1976

Medium: DVD
Verleih: Pidax Film, S.A.D. Home Video
Kennung: 3-DVD-Set

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