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Veröffentlicht am 31.12.2006 | von Michael Boldhaus

Nummer 6

Nummer 6 Michael Boldhaus
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The Prisoner • Nummer 6

Sollten Sie zu denjenigen gehören, die von der TV-Serie The Prisoner • Nummer 6 bis dato kaum etwas vernommen haben, so dürfte selbst Ihnen zumindest der seither auch bei uns in Mode gekommene so genannte Village-Gruß, „Wir sehen uns!“, geläufig sein.

Worum geht es? Ein Agent des britischen Geheimdienstes (Patrick McGoohan) quittiert seinen Dienst, wird daraufhin prompt entführt und kommt an einem unbekannten Ort, dem geheimnisvoll bizarren „The Village“, zu sich. Von hier scheint es kein Entkommen zu geben. Dabei wirkt dieser Platz mit mediterranem Touch, bevölkert mit Bewohnern, die keine Namen haben, sondern allein Nummern besitzen, eher wie eine Art komfortables Altersheim für Agenten im Ruhestand als wie ein Gefängnis. Aber dieser schöne erste Schein täuscht. Rasch entpuppt sich das Utopia als Synthese aus Huxleys „Schöne(r) neue(r) Welt“ und Orwells kafkaeskem Albtraum „1984“. Überall wird man fortlaufend elektronisch überwacht und kann selbst das Radio in der zugewiesenen Wohnung nicht abstellen — McGoohan platziert es in einer frühen Folge daher trotzig im Kühlschrank. Auf seine Frage, was man von ihm wolle, erhält der Entführte die Antwort: Informationen! Insbesondere über die Gründe für seine Demissionierung. Fortan ist er „Nummer 6“ und kämpft gegen von Folge zu Folge wechselnde Personen, die jeweils „Nummer 2“ verkörpern.

Produziert wurden insgesamt 17 Folgen, wobei die letzte, „Demaskierung“, eine nicht wirklich plausible Auflösung bringt, vielmehr alles zuvor Gesehene als Allegorie entlarvt. Jeder lebt in seiner Art von „Village“, muss sich dessen Zwängen unterwerfen: Freiheit ist letztlich nur ein Mythos.

Die TV-Serie Nummer 6 • The Prisoner war eine Mystery-Serie zu einer Zeit, als man diesen Begriff noch nicht kannte — Erstausstrahlung im ZDF von August 1969 bis April 1970. Sie bietet surreale Science-Fiction-Storys durchsetzt mit Elementen des Psychothrillers, die in vielem vom Gewohnten abweichen. Zwar ist längst nicht alles überzeugend geraten, aber in vielem ist ein intelligentes Konzept erkenn- und spürbar. Das schafft Raum für vielfältige Interpretationen und entsprechend anregende Diskussionen, ob man darin nun eine allegorische Studie über den Menschen, über die Auseinandersetzung des Individuums mit der Gesellschaft, oder nicht zuletzt auch politische Statements erkennen will.

Wobei neben dem Extravaganten und Bizarren, partiell auch schlichtweg Abgefahrenen immer wieder pfiffige sowie witzige Einfälle sichtbar werden. Im außergewöhnlichen Produktionsdesign sticht so manches hervor und prägt sich ein. So beispielsweise das charakteristische Abzeichen mit dem Hochrad; der „Rover“, eine Art mannsgroßer weißer Kaugummi-Ballon, der in der Lage ist, Flüchtige sowohl zu Lande, in und unter Wasser als auch in der Luft aufzuhalten, oder ein drolliges Requisit, das als Sicherheitsschranke fungiert: eine skurrile Spielzeug-Sparbüchse im Design von „das eiskalte Händchen“, entliehen aus der TV-Serie The Addams Family.

Auffällig ist ebenfalls die für ihre Zeit avantgardistische Kameraarbeit von Brendan J. Stafford sowie die oftmals ungewöhnlich schnellen, mitunter fast schon stakkatohaft anmutenden Schnittfolgen. Markant ist dies bereits im jeweiligen Episodenvorspann zu sehen, der die oben beschriebene Vorgeschichte (Kündigung und Entführung) ohne Dialoge, in ausschließlich mit Musik unterlegten rasanten Bildfolgen, erzählt.

Dass sich die Serie von den üblichen Abenteuer- und Agentenschemata ihrer Zeit — dabei besonders von James Bond — distanziert, sorgte anfänglich für Verwirrung und Verärgerung breiterer Zuschauerschichten. Zugleich begründete dies aber (besonders in Großbritannien) bereits in den späten 70ern die Bildung einer treuen Fangemeinde. Mittlerweile wird Nummer 6 quasi als Mutter moderner Mysterie-Produktionen angesehen, ist erklärtes Vorbild von Lost und Twin Peaks.

Der Hauptdarsteller und zugleich maßgebliche Mitproduzent, der smarte Patrick McGoohan, war auch dem deutschen Fernsehpublikum bereits seit den frühen 60ern geläufig. Ebenfalls als Geheimagent in der erfolgreichen TV-Serie Danger Man • Geheimauftrag für John Drake. (Die erste Staffel von Danger Man ist übrigens frisch bei Epix-Media auf DVD erschienen und wird in Kürze ebenfalls vorgestellt.) Darüber hinaus hatte er einige Auftritte als Gegenspieler von Peter Falk in der TV-Serie Columbo. McGoohan spielte auch in den Kinofilmen Eisstation Zebra (1967), Flucht von Alcatraz (1979), Braveheart (1995) und Das Phantom (1996).

Nummer 6 auf DVD:

Koch-Media hat sämtliche 17 Folgen von Nummer 6 nebst Bonusmaterial in einer vorbildlich sorgfältig und zugleich liebevoll gestalteten klappbaren DVD-Box untergebracht. Derartiges Engagement dürfte die Serienfreunde mehr als nur zufrieden stellen. Dabei sind die hierzulande gezeigten 13 Episoden sowohl mit sauberem deutschem als auch englischem Mono-Ton versehen. Die übrigens sehr sorgfältig eingedeutschte Synchron-Fassung klingt hierbei eine Spur klarer als das merklich angerauschte englische Original. Die in Deutschland bislang nicht gezeigten vier Folgen sind in der englischen Fassung, auf Wunsch mit soliden deutschen Untertiteln, zu sehen.

Ebenfalls sehr ordentlich ist die Bildqualität. Zwar fallen sowohl der Kontrastumfang als auch die Schärfe deutlich bescheidener aus als bei aktuellen Kinoblockbustern auf DVD, wie King Kong (2005) oder Fluch der Karibik 2. Trotzdem verdient der visuelle Gesamteindruck des leicht weich gezeichnet erscheinenden Bildes infolge seiner relativen Detailfreudigkeit und der wenig rauschenden Farbflächen eindeutig ein „gut“ und damit insgesamt glatte vier Sterne.

Besonders beim Ausgraben älterer Produktionen ist das Verhältnis von Kostenaufwand zu erwartenden Verkaufszahlen der entscheidende Faktor, welcher die Grenzen des (finanziell) Vertret- und damit Machbaren aufzeigt. Besonders kostenintensive Neuabtastung von originalem Filmmaterial nebst erforderlichen Korrekturarbeiten kam wohl von vornherein nicht in Frage. Hier dürfte von Studio-Videobändern in guter Qualität abgenommen und wohl auch aufbereitet worden sein: Das Resultat ist durchaus ansprechend und überzeugend.

Qualitativ deutlich darunter angesiedelt sind die im Bonusmaterial untergebrachten Alternativ-Versionen zweier Folgen, die qualitativ auf mittlerem und unterem VHS-Niveau rangieren. Das ist an dieser Stelle jedoch durchaus akzeptabel und daher nur der Vollständigkeit halber angemerkt.

Des Weiteren findet sich auf der Bonus-DVD (nicht Nummero 6, nein, sondern vielmehr die Nr. 7) ein ausführliches Interview mit Production Manager Bernard Williams und neben Trailern zu jeder Episode eine umfangreiche Bildergalerie mit Motiven von den Dreharbeiten. Eine weitere drollige Zugabe ist die Featurette „For the Love of: The Fans of the Prisoner“, in der es Einblicke in den mittlerweile entstandenen Kultstatus dieser TV-Produktion gibt. So pilgern jährlich ca. eine Viertelmillion Menschen in das in North Wales gelegene „Port Meiron“, extravaganter Drehort von Nummer 6:„The Village“ .

Nicht vergessen sei an dieser Stelle das vorzügliche 36-seitige Begleitheft, das mit einer detaillierten Einführung zu Hintergründen und zur Entstehung der Serie aufwartet; woran sich ein ebenso informativ wie übersichtlich gestalteter und damit wertvoller Führer durch sämtliche Episoden anschließt.

Die recht turbulente Produktionsgeschichte führte neben zum Teil widersprüchlichen Informationen auch zu mancher Legende, die sich um die Entstehung dieser TV-Serie rankt. So soll angeblich Produzent McGoohan dem Komponisten Ron Grainer (The Omega Man) das gelungene Titelthema vorgesummt haben. Grainer war zuvor in die Fußstapfen eines Kollegen getreten, dessen Musik keine Gnade fand. Die ursprüngliche Musik von Wilfred Josephs ist übrigens noch in den Alternativ-Versionen der beiden Episoden im Bonusmaterial zu hören.

Laut Patrick McGoohan vernebeln Erklärungen das, was die Serie Nummer 6 eigentlich sein will: Ein allegorisches Rätsel, das jeder selbst interpretieren mag. „ … Wenn man ein Rätsel erklärt, dann ist es kein Rätsel mehr; wenn man allerdings nach einer Erklärung verwirrter ist als zuvor, geht das Rätsel weiter …“ Entsprechend handelt es sich nach dem Willen seines Initiators um eine Art „Open Space“ und ist damit als ein Projekt anzusehen, das gar das Zeug zur Endlosserie besitzt. Vielleicht wirkt vieles in Nummer 6 gerade deswegen noch heute, nach immerhin rund dreißig Jahren, nicht nur vergleichbar frisch und zugleich avantgardistisch, sondern womöglich aktueller als zur Zeit seiner Entstehung.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zum Jahresausklang 2006.

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Titel: Nummer 6
Erschienen: 2006


Medium: DVD
Verleih: Koch Media
Kennung: DVM00146D (7-DVD-Set)

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