CD

Veröffentlicht am 12.04.2004 | von Marko Ikonić

Dodge City/The Oklahoma Kid

Dodge City/The Oklahoma Kid Marko Ikonić
Bewertung

Nach einigen erfolgreichen Western in der frühen US-Tonfilmphase Ende der 20er rutschte das Genre für mehrere Jahre in den Bereich der B-Movies ab. Das wieder erwachte starke Publikumsinteresse an den Paramount-Streifen Texas Rangers (1936) und The Plainsman (1937) veranlasste Warner Brothers 1938/9, zwei große Western-Produktionen ins Rennen zu schicken: Dodge City und The Oklahoma Kid. Die beiden Filmmusiken von Max Steiner sind 2002 in einer luxuriös ausgestatteten Edition des bewährten SAE/BYU-Teams um Craig Spaulding und James V. D’Arc erschienen.

Die Scores entstanden inmitten einer äußerst arbeitsintensiven Periode für den Komponisten. 1939 kamen nicht weniger als 12 von ihm vertonte Filme in die Kinos, darunter auch Gone with the Wind, der Steiner trotz Hilfsdiensten verschiedener Kollegen eine gewaltige, mit der von zwei oder drei „normalen“ Filmen vergleichbare Arbeitsleistung abverlangte. Dass er bei derartigen Jahrespensen kaum die Schwelle routinierten Handwerks unterschritten, häufiger jedoch sehr wohlklingende Schätze von zeitlosem Wert hinterlassen hat, spricht für die Flexibilität und das große Können dieses gerne als „Vater der Filmmusik“ bezeichneten Meisters.

Die zwei vorliegenden Musiken sind wohl irgendwo in der Mitte zwischen diesen Polen anzusiedeln. Sie präsentieren zwar nicht „Steiner at his best“, sind aber souverän gefertigte, klangschöne und melodische Kompositionen mit unmittelbar großem Hörcharme.

In der aufwändigen Technicolor-Produktion Dodge City (Regie: Michael Curtiz — siehe unser Robin-Hood-Special) verkörpert Errol Flynn den aus Irland stammenden, draufgängerisch veranlagten Viehtreiber Wade Hatton. Die titelgebende, erst vor kurzem gegründete Stadt in Kansas (benannt nach Colonel Dodge) befindet sich fest in der Hand des skrupellosen Jeff Surrett (Bruce Cabot), der keine Gesetze kennt und mit seinen Anhängern die Bürger in Angst und Schrecken versetzt. Als Hatton Sheriff wird, ändern sich die Zustände. Nach zahlreichen Auseinandersetzungen kann er Dodge City schließlich aus Surretts Gewaltherrschaft befreien. Obendrein gewinnt er das Herz der reizenden Abbie Irving (Olivia de Havilland).

Steiners robuster Score für diesen auch heute noch sehenswerten Film weiß durch starke Themen und solide Variationsarbeit zu gefallen. Neben dem episch-kraftvollen Hauptthema (wieder verwendet im 1945er Flynn-Western San Antonio) sind vor allem noch ein passend finsteres 7-Noten-Motiv für den Schurken Surrett und ein zartes Liebesthema für Wade und Abbie im Angebot. Zum Schmunzeln dürfte manchen das so genannte Planwagen-Thema verleiten: Der gemächlich dahintrabende, tatsächlich den Hufschlag der Pferde nachahmende Grundrhythmus gehört ja zu den erprobten Vertonungsstandards des Western-Genres (man höre nur Red River von Dimitri Tiomkin). Bei Steiner jedoch bahnt sich hier auf sympathische Weise der Alt-Wiener (Klang-)Charme einen Weg. Natürlich: Das entspannte, einfach und folkig anmutende Thema klingt schon nach Wildwest-Romantik — allerdings wäre es auch für eine gemütliche Spazierfahrt im offenen Fiaker durch Wien nicht ganz ungeeignet.

Die diversen Schlagabtausche zwischen Hatton und Surrett erhalten gut auskomponiertes dramatisches Action-Scoring, das sich in gewohnter Steiner-Manier sehr nahe am Bild orientiert. Ohne den Bildbezug kann daher so mancher orchestraler Ausbruch oder Stimmungswechsel mitunter ein bisschen unvermittelt und abrupt wirken. Im Großen und Ganzen sorgt der Komponist aber dafür, dass die Stücke nicht auseinander fallen, dass das eng mit den Bildvorgängen verzahnte Material auch als reine Musik Sinn macht. Auf westerntypischen Instrumenten wie Mundharmonika oder Gitarre basierendes Klangkolorit kommt in Dodge City kaum zum Tragen. Lediglich in „The Covered Wagon“, wo einige Male das bekannte „Oh Susanna“ zitiert wird, kommen kurz Banjo und Ziehharmonika zum Einsatz.

The Oklahoma Kid von Regisseur Lloyd Bacon erzählt ebenfalls eine recht einfache Gut-gegen-Böse-Geschichte: Ausgangspunkt ist — wie beim 1992er Ron-Howard-Film Far and Away (Musik: John Williams) — die letzte große Landnahme-Aktion anno 1893 im Cherokee-Territorium in Oklahoma. Tunichtgut Whip McCord (Humphrey Bogart) steckt schon vor dem offiziellen Beginn illegal jenen Claim für sich ab, auf dem eigentlich die Stadt Tulsa errichtet werden soll. Er lässt die Städtebauer gewähren — unter der Bedingung, dass er später Casino-Chef in Tulsa wird. Bald darauf steuert McCord die Geschicke der gesamten Stadt. Als er dann jedoch dem alten ehrbaren Bürgermeisterkandidaten John Kincaid einen Mord anhängt und ihn der Lynchjustiz preisgibt, geht er zu weit. „Oklahoma Kid“ Jim Kincaid (James Cagney), der selbst wegen eines Diebstahls auf der Flucht ist, unternimmt einen persönlichen Rachefeldzug gegen die aus McCords Reihen stammenden Mörder seines Vaters. Den obligaten Liebes-Subplot deckt eine Romanze zwischen „Kid“ und der Richterstochter Jane Hardwick (Rosemary Lane) ab.

Wie auch Dodge City bietet die Oklahoma-Kid-Musik inspirierte Melodik in gekonnt durchgeführten Variationen. Die drei Hauptzutaten der Partitur sind ein majestätisch strahlendes, die Aufbaustimmung symbolisierendes Hauptthema, ein vielseitig eingesetztes Misterioso-Motiv für Oklahoma Kid sowie eine bezaubernd tänzelnde Melodie für seine Herzdame Jane.

An verschiedenen Stellen äußert sich Steiners Vorliebe für raffinierte tonmalerische Effekte und Mickey-Mousing. In Track 16 („Making a Vacancy“) z. B. werden durch tiefe Flatterzungen der Holzbläser täuschend echt die Schnarchgeräusche im Saloon schlafender Männer imitiert. Überhaupt handelt es sich hierbei um ein köstliches kleines Stück voller humorvoller musikalischer Gesten. Weitere reizvolle Klangkombinationen — diesmal dramatisch-ernster Natur — bringt „Martial Law/Revenge“ (Track 26) zu Gehör. Bei der Verfolgung eines der Mordgehilfen durch die Wüste lässt der Komponist eindrucksvoll Klang werden, wie Kids Kräfte in der sengenden Hitze schwinden. Immer schwerfälliger absteigende Ostinati auf den Bassseiten der Harfe und parallel fallende, mit Vibraphon-Schimmern angereicherte Streicherakkorde werden hier zum überzeugenden tönenden Pendant körperlicher Erschöpfung.

Für die rasanten Action-Vertonungen in The Oklahoma Kid gelten prinzipiell meine Bemerkungen zu Dodge City. Da Steiner oftmals geschickt sein markantes Kid-Misterioso-Motiv einbindet, sind sie hier jedoch m. E. sogar noch ein wenig besser gelungen. Folk-Anklänge in Form von dezenten Banjo-Rhythmen sind wiederum exklusiv für „Oh Susanna“ reserviert, das ebenso einen Kurzauftritt absolviert wie der Präsidentenmarsch „Hail to the Chief“, „Marching Through Georgia“ und Wagners berühmter Hochzeitsmarsch (bzw. Brautchor) aus dem „Lohengrin“. Es bleibt unseren werten Lesern überlassen, zu erraten, welche erfreuliche Handlungsentwicklung am Ende des Films letzterer ankündigt.

Die sorgfältigen Azetat-Transfers präsentieren die beiden Musiken in für ihr Alter durchaus ordentlicher, mehr als nur „archivarischer“ Soundqualität. Freilich mag der etwas verhangene und enge Mono-Klang auf die heutigen verwöhnten Ohren zunächst ein wenig abschreckend wirken, der geneigte Hörer dürfte sich aber vermutlich schnell daran gewöhnen. (Wer Teile dieser Musik auch in hervorragendem modernem Sound hören möchte, dem sei zusätzlich die sehr gute 8-minütige Suite aus Dodge City ans Herz gelegt, welche Charles Gerhardt für das Classic-Film-Scores-Album „Captain Blood — Classic Film Scores for Errol Flynn“ eingespielt hat.) Bei The Oklahoma Kid fehlen größere Abschnitte der Musik: Sie wurden entweder gar nicht erst auf Azetat mitgeschnitten oder die betreffenden Platten sind mit der Zeit einfach verloren gegangen. Das für die CD-Veröffentlichung herangezogene Material hat die rund 65 Jahre aber glücklicherweise nahezu unbeschadet überdauert. Die für beschädigte Azetat-Disks typischen Schleifgeräusche sind nur ganz vereinzelt in einigen Tracks von The Oklahoma Kid vernehmbar. Um den nur fragmentarisch erhaltenen Action-Cue „Fight at the Territory Saloon“ wiederherzustellen, haben die CD-Produzenten zu ungewöhnlichen Mitteln gegriffen. Steiner hatte neun Jahre später eine fast identische Passage in seinem Score für den Western South of St. Louis verwendet. Diese konnte mithilfe moderner Schnitttechnik und klanglicher Angleichung nun praktisch nahtlos an die vorhandenen Reste der 1939er Ur-Version angehängt werden.

Der enorm hohe Aufwand, den die SAE/BYU-Mannen selbst für derartige Feinheiten betreiben, setzt sich im prachtvollen Booklet der Edition fort. Das mit Plakatmotiven, Filmstills, Komponistenfotos und abgelichteten Original-Partiturseiten reich bebilderte Büchlein ist so dick, dass es nur in einer Doppel-CD-Box Platz findet! Die Texte von James V. D’Arc, Rudy Behlmer, John Morgan und Ray Faiola behandeln eingehend alle wichtigen Aspekte der Filme, Filmmusiken und CD-Produktion. Wobei ich persönlich besonders für den Abdruck der schelmischen Wortspielereien dankbar bin, die Max Steiner oft ans Ende seiner Skizzen schrieb (z. B. bei The Oklahoma Kid: „The End — Now, for ’Dodge City’. Goody, goody, can’t we ’Dodge’ it?“). Manchmal sind es Kleinigkeiten wie diese, die dem Leser — mehr als nüchterne biographische Fakten — das Gefühl geben, ein bisschen von der Wesensart eines geschätzten Künstlers spüren zu können. Sie zeigen wieder einmal, dass man es bei den BYU-Veröffentlichungen mit echten Ausnahme-Produkten von Liebhabern für Liebhaber zu tun hat.

Bei den beiden mit je ca. 40 Minuten vertretenen Scores schwanke ich wertungstechnisch zwischen 4 und 4,5 Sternen. An der überragenden Präsentation gibt es allerdings nichts zu rütteln, sodass eine Albumwertung von höchst standsicheren 4,5 vernünftig erscheint.

Titel: Dodge City/The Oklahoma Kid
Erschienen: 2002

Laufzeit: 78:20 Minuten

Medium: CD
Label: BYU
Kennung: FMA-MS108

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