CD Justine

Veröffentlicht am 10.06.2004 | von Michael Boldhaus

Justine

Justine und Wild Rovers

Justine • Alexandria — Treibhaus der Sünde (1968) klingt besonders im deutschen Titel nach eher schlüpfriger Ware aus dem Rotlichtmilieu, es handelt sich aber um eine konventionelle Literaturverfilmung nach der „Alexandria-Tetralogie“ von Lawrence George Durrell. Justine ist die schöne und rätselhafte Gattin eines reichen Bankiers im Alexandria der 30er Jahre. Ein von Michael York verkörperter junger Englischlehrer verliebt sich in sie und wird zur Schachfigur in einem Ränkespiel um Liebe und Politik.

Der wohl recht belanglose Film ist praktisch völlig in der Versenkung verschwunden, Goldsmiths Musik hingegen ist eine sehr hübsche und eingängige, monothematisch organisierte (Hör-)Angelegenheit. Teilweise im leichten Pop-Gewand der 60er Jahre angesiedelt, spielt vielfältige Klangexotik hinein. Im Ethnischen ist diese Musik allerdings ein geradezu originelles Kuriosum: Neben diversen Orientalismen finden sich Instrumente wie das Akkordeon und eine Sitar, die in völlig andere Regionen — Westeuropa bzw. Fernost — als die der Filmhandlung deuten. Ebenso kann man auf Griechenland verweisende Bouzouki-Rhythmen (Sirtaki) ausmachen. Aus den Sphären des Pop stammen E-Gitarre und E-Bass.

Auch wenn Goldsmith hier mit dem Ethnischen äußerst frei umgeht — damit den Film vielleicht sogar etwas ironisch kommentieren will — dem recht vielseitigen Hörvergnügen tut dies keinen Abbruch.

Justine Michael Boldhaus
Bewertung

Titel: Justine (Justine)
Erschienen: 2003

Laufzeit: 60:51 Minuten

Medium: CD
Label: Varèse
Kennung: VCL 0803 1023

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 10.06.2004 | von Michael Boldhaus

Wild Rovers

Wild Rovers • Missouri (1971) zählt m. E. zu den interessanteren und ernsthafteren Filmen des besonders auf Komödien spezialisierten Regisseurs Blake Edwards (The Pink Panther). In diesem gut besetzten, unkonventionellen und melancholischen Spätwestern geht es um die Freundschaft zwischen einem alten (William Holden) und einem jungen Cowboy (Ryan O’Neal). Beide sind des harten Daseins auf der Ranch ihres rüden Chefs (Karl Malden) überdrüssig und versuchen durch einen Bankraub und anschließende Flucht nach Mexiko ihr kleines Glück zu machen, doch dabei geht von Anfang an alles schief …

Goldsmith vertonte die ursprünglich auf 136 Minuten angelegte Fassung des Films, die anschließend um 27 Minuten gekürzt in die Kinos kam. Es half nichts: An den Kinokassen geriet Wild Rovers zum Flop. Erst in den 90er Jahren ist der restaurierte Director’s Cut auf Video wieder zugänglich gemacht geworden. Die wieder eingefügten Szenen verleihen dem insgesamt eher ruhigen, dabei prächtig fotografierten Streifen nicht allein zusätzliche Atmosphäre, sie machen ihn deutlich stimmiger und damit überzeugender.

Jerry Goldsmith war in jenen Jahren im Genre Western absolut kein Greenhorn mehr. Bereits Black Patch (1957) ist ein Western und Lonely Are the Brave • Einsam sind die Tapferen (1962) markiert seinen ersten A-Kinofilm. Neben Fernsehvertonungen folgten für die Kinoleinwand Rio Conchos (1964), Stagecoach (1966), Hour of the Gun (1967), Bandolero (1968), 100 Rifles (1969) sowie Rio Lobo und The Ballad of Cable Hogue (beide 1970).

Die Musik zu Wild Rovers zählt zu seinen Western-Highlights. Eine romantisch-warme, aber trotzdem wenig sentimentale Komposition, die monothematisch und trotzdem abwechslungsreich organisiert ist und sich in Teilen besonders dicht an die Musik von Aaron Copland anlehnt. Das in vielfältigen Varianten und Stimmungen verarbeitete liedhafte Thema basiert zum Teil auf dem originalen Cowboy-Lied „Goodbye Old Paint“, auf das Copland in seinem Ballett „Billy the Kid“ ebenfalls zurückgriff. Faszinierende, breit angelegte Goldsmith-Copland-Americana begegnet dem Hörer in dem den Film mitreißend eröffnenden „Wild Horses“ — wobei auch der ursprünglich vorgesehene, deutlich weniger ausladend, sondern stärker versachlichte „Main Title“ vertreten ist. Ebenso eindringlich sind die sparsam und durchsichtig instrumentierten Passagen wie „Old Times“, aber auch „The Cemetery“. Insgesamt eine besonders beeindruckende Western-Musik, die sowohl im Lyrischen als auch in den von Melancholie und Dramatik geprägten Momenten überzeugt.

Sowohl die Varèse-Club-CD zu Justine als auch das FSM-Album zu Wild Rovers vereinen die originalen Einspielungen für den Film und die separat aufgenommenen LP-Versionen. Sie gewähren damit dem Interessierten tiefe Einblicke in die Komponistenwerkstatt. Einmal mehr verdeutlicht der Vergleich, wie mehr oder minder deutlich sich ein und dieselbe Filmmusik in der vom Film abgekoppelten Konzeption — als reines Höralbum — vom Original unterscheiden kann (hierzu siehe auch The Fury). Da sind die Musikstücke oftmals nicht allein unabhängig von der Chronologie des Films angeordnet, auch werden durch Kombination einzelner kürzerer Cues oftmals neue, eigenständige Stücke zusammenmontiert. Und abgesehen von den in Teilen anderen Arrangements sind einige Stücke für die Nachspielungen auch breiter (länger) auskomponiert worden. Und ebenso tauchen auf der Tonträgervariante Teile auf, die mit dem Film nichts zu tun haben. So verhält es sich bei Justine mit dem hier besonders Henry Mancini nahe stehenden, hübsch soft-poppigen Arrangement des Hauptthemas, und in Wild Rovers stehen dafür die vom Goldsmith-Töchterchen Ellen (mit andauernd umkippender Stimme) schaurig-schön interpretierten Songs.

Die Original-Film-Einspielung von Wild Rovers bietet zum Vergleich auch einige Stücke oder Teile davon, die nicht im Film verwendet wurden. Mit schließlich nur rund 30 Minuten effektiv eingesetzter Musik in einem 136-minütigen Film ist Wild Rovers auch ein treffendes Beispiel für ein sparsames und zugleich sehr effektvolles Filmscoring.

Klanglich gibt es an beiden CDs nichts zu mäkeln. Gut bis sehr gut erklingt die aus dem Fox-Archiv gehobene Justine und von geradezu brillanter Präsenz, Durchsichtigkeit und Frische bestimmt sind die von MGM stammenden Aufnahmen zu Wild Rovers. Und ähnlich verhält es sich mit den Booklets: Das mehr als befriedigende zu Justine wird vom hervorragenden des Wild-Rovers-Albums noch getoppt. Aber das sind letztlich qualitative Unterschiede auf hohem Niveau. Beide Alben sind damit wertvolle Ergänzungen der Goldsmith-Kollektion.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zu Pfingsten 2004.

Wild Rovers Michael Boldhaus
Bewertung

Titel: Wild Rovers
Erschienen: 2003

Laufzeit: 79:14 Minuten

Medium: CD
Label: FSM
Kennung: Vol. 6 No. 15

Komponist(en):

Schlagworte:


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