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Veröffentlicht am 23.12.2003 | von Michael Boldhaus

Brennpunkt Hollywood

Entertainment made in Hollywood ist nach Rüstungsgütern zum zweitgrößten amerikanischen Exportschlager geworden. Franz Everschor, der Autor des Buches „Brennpunkt Hollywood — Innenansichten aus der Filmmetropole der Welt“, zeichnet seit 1990 für die zweiwöchentlich in der Zeitschrift „film-dienst“ erscheinende Kolumne „Aus Hollywood“ verantwortlich. Aus über 300 seiner Beiträge hat er 85 exemplarische ausgewählt und sie (in ergänzter Form) unter sieben thematischen Gesichtspunkten geordnet zusammengefasst. In einer chronologischen Darstellung beleuchtet er so besonders markante Aspekte des vielfältigen dramatischen Wandels in der amerikanischen Filmindustrie.

Im einführenden Kapitel werden die bereits in der Mitte der 50er Jahre einsetzenden Umbrüche und deren Fortsetzung bis in die Jetztzeit angerissen. Anschließend fokussiert der Autor auf die in den letzten knapp eineinhalb Jahrzehnten sich dramatisch beschleunigende Entwicklung. Das Buch veranschaulicht auf unterhaltsam-kurzweilige Art und Weise, dass von den „Goldenen Zeiten“ des Studiosystems alter Schule absolut nichts übrig geblieben ist; auch wenn dem Kinobesucher durch Verwendung der traditionsreichen alten Vorspann-Logos das Gegenteil suggeriert wird.

In den 90er Jahren begannen sich neue Medien wie Videospiel, DVD und Internet auf dem Markt zu etablieren. Neue Vermarktungsstrategien waren die zwingende Folge, wobei die der Fortsetzung (im Fachjargon „Franchise“) ein besonders eindeutiger Trend ist. Franchise-Produkte wie [url id=2104]Matrix[/url], Herr der Ringe und auch [url id=1852]Harry Potter[/url] sind dafür aktuelle Belege. Und da, wo es sich um verfilmte Literatur handelt, präsentiert sich der Marketing-Blitzkrieg gern im kulturellen Mäntelchen.

Beleuchtet wird von Everschor auch die Praxis der heutigen Massenkinostarts, die darauf abzielt, das Hauptgeschäft in kürzester Zeit, eventuell am ersten Wochenende zu machen. Etwas, das nicht nur zu Lasten der Kinobesitzer geht, die erst mit zunehmend längeren Laufzeiten am Geschäft adäquat beteiligt werden. Allein durch längere Laufzeiten erhalten Produktionen von Außenseitern überhaupt eine Chance, durch Multiplikator-Effekt per Mund-Propaganda zum kleinen Renner zu werden.

Die alte Rechnung, dass sich Filme auf dem amerikanischen Markt refinanzieren und alle Einnahmen aus dem internationalen Geschäft als Gewinn verbucht werden können, ist längst überholt. Im heutigen Hollywood agieren die Filmstudios als Teil des Netzwerks global operierender Medienkonzerne. Etwas, das zugleich die bittere Wahrheit oftmals enttäuschender Kinopräsentationen verständlich macht. Die Kinoauswertung ist mittlerweile nämlich kaum mehr als die (Werbe-)Lokomotive für andere mehrfache Nutzungen wie Video (DVD) und zusätzliche Merchandising-Produkte.

Beschrieben werden auch die „Ohnmacht der Regisseure“ und die heutzutage völlig anders (als früher) dimensionierte Allmacht der Produzenten. Es werden aber auch Chancen aufgezeigt und beispielsweise Pixar als „Kleines Team — große(r) Einfälle“ gewürdigt. Dabei stellt der Autor m. E. zu Recht fest, dass sich Pixar-Produktionen wie [url id=1649]Monster AG[/url] neben den Franchise-Produkten der Majors wie echte Perlen in einer Auslage voller glitzerndem Modeschmuck ausnehmen. Nicht ausgespart bleibt auch das Thema Filmmusik: In „Soundtracks ohne Publikum“. Hierzu wird festgestellt, dass für Komponist und Regisseur oftmals zu wenig Zeit bleibt, sich ausreichend zu verständigen. Darin sieht der Autor den Grund, warum Filmkomponisten heutzutage relativ oft ausgetauscht werden.

Everschors Texte helfen die Wandlungen in der US-Kinoindustrie besser zu verstehen, indem markante Gesichtspunkte zum Thema kompetent angesprochen werden. Seine sachliche Bestandsaufnahme zum neuen Gesicht Hollywoods ist eine kenntnisreich und zugleich nicht ohne Augenzwinkern abgefasste, sehr informative Lektüre für die kommenden langen Winterabende.

Titel: Brennpunkt Hollywood
Erschienen: 2003

Zusatzinformationen: € 24,90 (D)
Laufzeit: 304 Seiten

Medium: Buch
Verlag: Schüren Verlag, Marburg
Kennung: ISBN 3-89472-353-X

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