CD

Veröffentlicht am 12.02.2001 | von Michael Boldhaus

Captain From Castile/The Snake Pit (TSU)

Die Handlung des 1947er Swashbuckler Captain from Castile • Der Hauptmann von Kastilien (Hauptdarsteller: Tyrone Power) spielt zur Zeit der spanischen Inquisition und der Eroberung Mexikos durch Hernando Cortez. Heutzutage wirkt die Filmstory – wie bei vielen Fox-Filmen dieser Ära – historisch fragwürdig und überhaupt recht banal; sie vermag daher kaum noch zu überzeugen. Allein die sorgfältige Ausstattung, eine Präsentation in guten Technicolor-Farben und auch Alfred Newmans schöner Score machen den Film noch interessant.

Das Conquistadoren-Abenteuer-Epos brauchte in jedem Fall eine groß angelegte romantische, emotionale Musikbegleitung, für die der legendäre Alfred Newman, Chef des 20th-Century-Fox-Music-Departments, genau der Richtige war (weitere Infos zu Alfred Newman in The Song of Bernadette und The Egyptian). Der den Film abschließende Marsch „Conquest“ ist üppig und glanzvoll orchestriert und dürfte seit Charles Gerhardts 70er-Jahre-Einspielung für das RCA-Album „The Classic Film Scores of Alfred Newman“ vielen Freunden der klassischen Hollywood-Musik unvergesslich sein. (Eine Schallplatten-Produktion der späten 40er Jahre diente übrigens schon damals als Demonstrationsobjekt für hohe Klangqualität.) Aber auch die übrige Musik zu Captain from Castile weist beträchtliche Qualitäten auf. Newman schuf für den Film eine seiner besten, in vielfältigen Orchester-Farben gehaltene Abenteuermusik: ein groß angelegter romantischer Score, dessen schöne einprägsame melodische Themen mit spanischen Rhythmen versehen sind und der dazu die klanglichen Möglichkeiten des französischen Impressionismus einsetzt. Dies alles ist zusammen mit zusätzlichen archaisierenden Klängen raffiniert zu einem schimmernden Amalgam verschmolzen. In den rund 75 Minuten wechseln klanglich breit und ausladend angelegte Passagen mit sparsam instrumentierten, meist lyrisch melodischen Teilen (Betonung der Holzbläser) ab. Die Musik zu der in Spanien beginnenden Filmhandlung enthält ein heroisches Thema für Pedro – den Hauptmann von Kastilien, der später sein Glück in Übersee suchen muss – mit typisch katalanischen Akkord-Folgen und ein von dunklen Harmonien geprägtes leidenschaftliches Liebesthema („Catana“). Newman hat sich hier wohl eingehender mit spanischer Musik beschäftigt, vergleichbar mit dem Engagement Miklós Rózsas für die Komposition zu El Cid (1961). In „Juan Tells of the New World“ erzeugt Newman eine geheimnisvoll glitzernde Klangvision Mexikos. Die den späteren Szenen in der Neuen Welt unterlegten Klänge heben sich merklich von den spanisch-exotisch gefärbten Musikteilen ab: Das Militärische der Cortez-Expedition kommt musikalisch ins Spiel, und die Begegnungen mit den Indios und mit Montezuma sind mit exotisch-primitiv wirkenden Rhythmen und Klängen unterlegt. Der bereits erwähnte heroische „Conquest“-Marsch bildet ein zwar in der Tendenz fragwürdiges, musikalisch allerdings mitreißend klangprächtiges Finale und dazu den Höhepunkt eines besonders kraftvollen, vitalen Abenteuer-Scores des Golden Age.

Es macht Spaß, diese für ihre Zeit in vielem beispielgebende Filmmusik jetzt erstmals (wohl annähernd) vollständig hören zu können. Dies gilt außerdem, weil diese Tsunami-Produktion erhebliche Fortschritte in der Bearbeitung des Ausgangs-Tonträgermaterials offeriert. Die vergleichbare – schon einige Jahre zurückliegende – Tsunami-Edition von The Song of Bernadette ist klanglich nur mit beträchtlichen Einschränkungen zu genießen; der weitgehend saubere Mono-Klang von Captain from Castile hingegen kommt ordentlich und auch recht transparent, rauscharm und frisch daher – zum Teil sind natürlich altersbedingte Qualitätsschwankungen und vereinzelt auch leichte Störungen hörbar, die mit Hilfe der eingesetzten elektronischen Restaurationstechnologie offenbar nicht korrigiert werden konnten.

Als Zugabe offeriert das CD-Doppelpack noch rund 30 Minuten Musik (einschließlich rund drei Minuten nicht verwendetem Musikmaterial) aus The Snake Pit • Die Schlangengrube (1948). Dieser Film thematisiert die Probleme bei der Behandlung psychischer Erkrankungen am Beispiel einer jungen Frau, die sich nach einem Nervenzusammenbruch einer Schocktherapie unterzieht. In dieser Newman-Komposition spielt Dissonanz eine größere Rolle als gewohnt: Fahle, geschickt instrumentierte Klänge symbolisieren den desolaten Gemütszustand der Hauptfigur und scharfe dissonante Akkorde des Blechs begleiten die – heutzutage nicht mehr übliche – Schock-Behandlung. Romantische Melodie fehlt aber auch hier nicht: Sobald es die Filmhandlung erlaubt, zaubert der Maestro betörend Schönes herbei. (Im Finale erklingt eine Melodie, die der Komponist in Prince of Foxes • In den Klauen des Borgia (1949) wiederverwendet hat.) Insgesamt ist die Musik zu The Snake Pit jedoch ein Kontrast-Programm zu den bekannteren, eher melodramatisch orientierten Filmmusiken Alfred Newmans und somit eine besonders wichtige Ergänzung im Sektor Filmmusik. (Erst sieben Jahre später schuf Leonard Rosenman für einen Film mit ähnlicher Thematik, The Cobweb • Die Verlorenen (1955), die erste konsequent zwölftönig angelegte Hollywood-Filmmusik.)

Titel: Captain From Castile/The Snake Pit (TSU)
Erschienen: 2000

Laufzeit: 56:39 + 49:10 Minuten

Medium: CD
Label: Tsunami
Kennung: TCI 0620/21

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 12.02.2001 | von Michael Boldhaus

The Razor’s Edge

The Razor’s Edge • Auf Messers Schneide (1946) ist die Verfilmung eines Romans von Somerset Maugham, in dem ein aus dem ersten Weltkrieg heimgekehrter Jagdflieger sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens begibt. Newmans überwiegend lyrische Musik hierzu zählt wohl nicht zu seinen Meisterwerken, zeigt aber eindrucksvoll, mit welcher Sorgfalt auch ein Stück abseits der ganz großen Filmprojekte bei 20th Century Fox von Seiten des Music Departments gearbeitet worden ist.

Tsunami hat die offenbar komplett vorliegenden Ton-Master technisch brillant aufbereitet und präsentiert das üppig bestückte CD-Album in einem Stereo-Sound, der sich vor den vergleichbaren Produktionen von Film Score Monthly und Varèse keinesfalls verstecken muss. Dies gilt leider nicht in gleichem Maße für die Booklets, die besonders zu den betreffenden Filmmusiken nur spärliche Infos bieten. Neben inspirierter Melodie und melodramatischen Musikpassagen, die offensichtlich aus Newmans Feder stammen, findet der Hörer Eigenkompositionen und zum Teil auch Arrangements von Originalstücken, die als „reale“ Hintergrundmusik dienen und im Film eine atmosphärische Funktion haben. So gibt es verschiedene geschmackvolle Arrangements von Liedern und Tanzmusik der Ära (der Filmhandlung), aber auch mehrere delikate Walzer, die Newman unter Verwendung seiner Themen speziell komponiert hat. Daneben sind auch verschiedene folkloristisch geprägte Musikstücke vertreten, die auf Frankreich, den Hauptschauplatz der Handlung verweisen. Neben einem Hauch von fernöstlichem Flair (durch ein exotisch anmutendes Klarinetten-Solo) wird ein russisches Lied, nicht wie meist in älteren Hollywood-Filmen üblich, englisch, sondern sogar russisch gesungen – beides musikalische Verweise auf die weitgestreuten Schauplätze der Filmhandlung. Man erlebt hier eine musikalische, stilistische Vielfalt, die ein wenig an die in der Musik zu Chicken Run • Hennen Rennen erinnert. Auch die CD zu The Razor’s Edge enthält einige Outtakes als Zugaben. Besonders interessant sind die drei alternativen Versionen des Finales, die sich dezent von der schließlich verwendeten pathetisch wuchtig wirkenden Version unterscheiden.

Ähnlich wie Max Steiner war auch Alfred Newman ein Komponist, bei dem herrliche melodische Einfälle keine Seltenheit, sondern wesentlicher Bestandteil des Schaffens waren. Alle drei von Tsunami präsentierten Scores stellen dies klar unter Beweis; sie legen aber auch klingendes Zeugnis ab für Newmans besonderes Markenzeichen: den ausgiebigen Gebrauch der Streichersektion des Orchesters in hoher und höchster Lage. Der hieraus resultierende charakteristische „20th-Century-Fox-Sound“ hat die filmmusikalischen Schöpfungen vieler in dieser Periode bei der Fox tätigen Komponisten beeinflusst.

Fazit: Zwei, genauer sogar drei sehr willkommene Erweiterungen der Alfred-Newman-Diskografie bieten die Tsunami CD-Editionen zu Captain from Castile • Der Hauptmann von Kastilien (1947) – die als Zugabe auf der zweiten CD des Doppelpacks noch die Musik zu The Snake Pit • Die Schlangengrube (1948) enthält – sowie die Einzel-CD zu The Razor’s Edge • Auf Messers Schneide (1946). Die Qualitäten der drei Scores aus der zweiten Hälfte der 40er Jahre reichen von qualitativ Hochwertigem bis zu perfekter und inspirierter handwerklich ausgefeilter Routine. Alle drei sind dazu deutlich unterschiedlich angelegt und spiegeln damit auch die Vielseitigkeit Newmans gut wider. Der vollblütigen exotisch-romantischen Abenteuermusik zum Conquistadoren-Epos Captain from Castile stehen die verstärkt dissonante Klangschöpfung zu The Snake Pit und die primär lyrische, mit stilistisch besonders vielseitiger Source-Music versehene Tonschöpfung zu The Razor’s Edge gegenüber.

Die bei Tsunami unüberhörbaren Fortschritte bei der Ton-Restauration machen die alten Originale nicht nur gut anhörbar, sondern verleihen der Wiedergabe sogar gewissen Glanz. Dies gilt besonders für die zum Teil verblüffend frisch und voll klingende Stereo-Präsentation von The Razor’s Edge; die Booklet-Texte bieten zwar ein Kurzporträt von Alfred Newman, sind allerdings bezüglich der präsentierten Filmmusiken wenig informativ. Ein Pluspunkt ist das sorgfältig erstellte Tracklisting, mit dessen Hilfe sich die Musikstücke gut zuordnen lassen. Leider sind bei The Razor’s Edge Source-Cues und Newman-Musik nicht klar voneinander abgesetzt und gekennzeichnet – ein editorischer Schwachpunkt. Unterm Strich resultiert aber eine klare Empfehlung für die – alles in allem – liebevoll gefertigten Editionen.

Durch die mittlerweile erschienenen, mustergültig editierten und mit herausragendem Begleitheft versehenen offiziellen SAE-Editionen von Captain from Castile und The Razor’s Edge haben die Tsunami-Editionen drastisch an Bedeutung verloren. Um dies zum Ausdruck zu bringen, haben wir die ursprünglich sehr positive Wertung entfernt und verweisen primär auf den legitimen Nachfolger.

Titel: The Razor’s Edge
Erschienen: 2000

Laufzeit: 72:03 Minuten

Medium: CD
Label: Tsunami
Kennung: TSI 0622

Komponist(en):

Schlagworte:


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