Sampler

Veröffentlicht am 17.10.2001 | von Michael Boldhaus

Deutsche Filmkomponisten, Folge 4: Rolf Wilhelm

Deutsche Filmkomponisten, Folge 4: Rolf Wilhelm Michael Boldhaus
Bewertung

Eine besonders schöne Einführung in das filmmusikalische Schaffen des Rolf Wilhelm ist der liebevoll editierte Sampler des Bear-Family-Labels aus der Reihe „Deutsche Filmkomponisten“. Auf der prall bestückten CD spiegeln sich fast 40 Jahre (west-)deutscher Nachkriegs-Kinogeschichte wider: Es finden sich Main- und End-Title-Musiken aus insgesamt 32 Filmen (Rolf Wilhelm vertonte mehr als 60 Spielfilme). Was auf den ersten Blick wie ein kunterbunter Flicken-Teppich anmutet, erweist sich in der Praxis als überraschend gut fließendes, ja sogar sehr vergnügliches Höralbum. Ausgehend von den allerersten Arbeiten zur 08/15-Film-Trilogie (1954/55) nach den Romanen von Hans Helmut Kirst spannt sich der Bogen über Und ewig singen die Wälder (1959), Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche (1967) und Das Schlangenei (1976) bis zu Wilhelms letzten Arbeiten zu Loriots Ödipussi (1988) und Pappa Ante Portas (1991). Der Hörer findet rein sinfonische Klänge, von Swing- und Tanzmusik der jeweiligen Dekade Beeinflusstes – wobei in Teilen auch stilistische Nähe zu den Hollywood-Musicals spürbar wird – und neben Pop-Sinfonik gibt’s Jazziges und in Die Welt der Marionetten sind auch synthetische Klänge eingearbeitet. Allein schon die Titel-Musiken der 08/15-Film-Trilogie direkt hintereinander gehört, beweisen Pfiff und Einfallsreichtum. Die musikalische Grundidee des ersten Main Title’s (ein Themen-Fragment aus dem preußischen Zapfenstreich) kontrastiert im zweiten Main Title mit der bekannten Ostfront-Sondermeldungsfanfare (aus Franz Liszts „Les Préludes“) und dem bekannten russischen Volkslied „Wolga-Schlepper“, im dritten mit dem Swing der anrückenden Amerikaner.

Der Komponist beweist seine Versiertheit in sehr unterschiedlichen Stilen und hat überhaupt ein Händchen für das (gekonnt) Leichte. Hierfür stehen nicht allein die beiden schönen Loriot-Filmmusiken mit walzerseligen Teilen und einem schmissigen, recht originellen Kintopp-Marsch als Schlussmusik: einige weitere Perlen sind die folkloristisch geprägten Lausbubengeschichten, das ironische Medley aus preußischen und bajuwarischen Märschen in Wenn Ludwig ins Manöver zieht und die charmante, die wichtigsten Schauplätze der Filmhandlung (Deutschland, Frankreich, Schottland, Russland) anklingen lassende Titelmusik zu Es muss nicht immer Kaviar sein. Und selbst die unsäglich misslungene Neuverfilmung des klassischen Erich-Kästner-Buches „Das fliegende Klassenzimmer“ im Jahre (1973) weist eine überraschend hübsche Main-Title-Musik auf, was ebenso für den späten, spröden Rühmann-Film Grieche sucht Griechin (1966) gilt. Nicht zu vergessen das reizende Orchesterscherzo aus Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche sowie die pfiffig-jazzigen Barock-Einsprengsel in Abelard – Die Entmannung (1975). Überhaupt macht dieser Sampler mehr als nur einmal Appetit auf mehr Musik des jeweiligen Films.

Die musikalische Qualität des vertretenen Materials schwankt zwischen soliden 3 und 4 ½ Sternen. Der Großteil der Musiken wurde (bis etwa Mitte der 60er) noch in Mono aufgenommen. Die Tonqualität spiegelt das jeweilige Alter der betreffenden Aufnahme wider und reicht von befriedigend bis gut. Ein dicker zusätzlicher Pluspunkt des äußerst liebevoll editierten Albums ist das sehr üppig ausgestattete Booklet. Auf rund 90 Seiten findet der Interessierte eine Fülle von überwiegend vierfarbigen Kinoplakat-Abbildungen und vereinzelt auch Aushangfotos. Damit ist die Edition qualitativ mit den Monstrous Movie Music-Alben vergleichbar und verdient wie diese einen Zuschlag in der Gesamtbewertung.

Titel: Deutsche Filmkomponisten, Folge 4: Rolf Wilhelm
Erschienen: 2001

Laufzeit: 62:09 Minuten

Medium: Sampler
Label: Bear Family
Kennung: BCD 16484

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 17.10.2001 | von Michael Boldhaus

Die Nibelungen

Die Nibelungen Michael Boldhaus
Bewertung

Mitte der 60er Jahre schuf Rolf Wilhelm seine in Sachen Kino-Sinfonik wohl ambitionierteste Arbeit: die Musik zum germanischen Helden-Sagen-Epos Die Nibelungen: 1. Teil Siegfried, 2. Teil Kriemhilds Rache (1966). Der Film ist einer der ganz vereinzelten bundesdeutschen Versuche, es den epischen Hollywood-Großproduktionen gleichzutun. Inszeniert worden ist dieser von Harald Reinl, der zuvor durch seine Filmadaptionen von Karl-May-Stoffen bekannt geworden ist – Der Schatz im Silbersee (1962), Winnetou I (1963), Winnetou II (1964) und Winnetou III (1965). Betrachtet man die beiden Nibelungen-Filme (in technisch guter Scope-Fassung) heutzutage, erscheinen sie zwar kaum als Höhepunkte des deutschen Nachkriegskinos, sind aber trotz Klischees, stereotypen Figuren und unleugbarer Naivität als ordentliches Unterhaltungs-Kino durchaus ansehbar. Als gelungen bezeichnen kann man die gute Kameraarbeit von E. W. Kalinke – insbesondere beeindrucken die urwüchsigen Natur-Stimmungen in Brünhildes Heimat Island. Besonders gelungen ist auch die legendenhafte Atmosphäre, die der Drehbuchautor H. G. Petersson durch einen geschickten Kunstgriff beschwört: Er lässt eine Figur der Handlung, den Minnesänger und Chronisten Volker von Alzey, als Off-Erzähler fungieren, derart, dass (in vereinfachter Form) die Charakteristik des originalen Nibelungen-Vers-Epos bewahrt bleibt.

In jedem Fall zählt Rolf Wilhelms Musik zum Feinsten, was die beiden Nibelungen-Filme zu bieten haben. Für den ersten Film, Siegfried, schuf er eine von wagnerscher Leitmotivik geprägte üppige Orchesterpartitur für 75 Musiker: In ihren besten Teilen steht diese den Musiken Miklós Rózsas zu Filmen wie Ivanhoe (1952) und Die Ritter der Tafelrunde (1953) nahe. (Die erste CD beginnt übrigens sehr nostalgisch, nämlich mit Martin Böttchers Signatur-Fanfare für CCC-Film.) Die überwiegend in dunklen Klang-Farben gehaltene Ton-Schöpfung wartet mit einer Reihe einprägsamer Themen auf. Im ersten Film-Teil steht dem Kraftvoll-Düsteren für die Nibelungen das Strahlende für Siegfried gegenüber; Island und Brünhilde bilden die zweite wichtige Themengruppe. Der düstere Hagen hingegen wird nur durch ein knappes 2-Noten-Motiv charakterisiert. Die Themen werden in der geschickt instrumentierten Partitur überwiegend einfallsreich variiert und auch dramatisch überzeugend miteinander verflochten. Daneben sind auch einige dezent historisierende Tanz- und Festmusiken sowie Chor-Einlagen zu hören. In den knapp 70 Minuten Musik gibt es nur wenige Durchhänger.

Man muss allerdings berücksichtigen, dass diese Musik nicht bei einem der großen Hollywood-Studios der Ära realisiert worden ist, sondern unter den eher bescheidenen Bedingungen des bundesdeutschen Nachkriegsfilms. (Dies gilt, obwohl es sich beim Nibelungen-Film-Epos um eine der größten deutschen Nachkriegsproduktionen handelt.) Entsprechend limitiert war daher trotz allem das Budget für die Musik – eher zufällig wurde überhaupt in Stereo aufgenommen. Mit dem Ergebnis, dass die Einspielungen zum ersten Filmteil bereits den größten Teil des zur Verfügung stehenden Geldes aufzehrten. An „Nachschlag“ war nicht zu denken und so sah sich Rolf Wilhelm gezwungen, die Musik für Teil 2, Kriemhilds Rache, mit erheblich reduzierten Kräften zu verwirklichen. Er entfernte sämtliche Streichinstrumente und setzte allein auf Bläser, umfangreiches Schlagzeug, Harfe und Klavier. Entsprechend düster-archaisch geht es am Hofe von Hunnen-König Etzel zu: Kriemhilds Rache und Kampf der Nibelungen bis zum letzten Mann unterlegte der Komponist mit primitiv-stählernen und martialischen Klängen. Dem hier dominierenden Nibelungen-Thema treten zwar noch ein Attila- sowie ein Hunnen-Motiv neu hinzu, die Musik bietet damit allerdings kompositorisch (fast zwangsläufig) nicht die Entfaltungsmöglichkeiten, wie die zum ersten Filmteil (Siegfried).

Die farbenprächtige und dazu stimmungs- und kraftvolle Musik zu Siegfried schneidet demnach beim Hörvergleich ein gutes Stück besser ab (4 ½ Sterne), als die im Ausdruck limitierte, mitunter etwas grelle und wilde Komposition zu Kriemhilds Rache (3 bis 3 ½ Sterne). Speziell hier merkt (hört) man auch, dass das Orchester mitunter doch etwas überfordert war, die Bläsereinsätze wackeln gelegentlich deutlich – etwas, das ebenfalls auf’s Konto der sehr begrenzten Musikbudgets im deutschen Nachkriegsfilm geht.

Originellerweise begegnet der aufmerksame Hörer bereits in der 1966er Nibelungen-Musik (zum ersten Film-Teil) den immer wieder gut funktionierenden Rhythmus- und Klangschemata von „Der Mars“ aus dem Zyklus sinfonischer Dichtungen „Die Planeten“ von Gustav Holst (in Track 2 „Einleitung und Titelvorspann“ und Track 14 „Zweikampf mit Brunhild“). Hier könnte es sich gar um den ersten filmischen Einsatz des „Mars“ handeln. In den Musiken des Golden Age findet er sich nicht: Erst John Williams griff in Star Wars erneut auf dieses wirksame Musikstück zurück – und fand bis heute unzählige Nachahmer, z. B. Hans Zimmer in Gladiator (2000).

Dank der Initiative des Esseners Knut Räppold (Cobra Records) liegt die Musik zum Nibelungen-Film-Epos jetzt erstmalig (fast) vollständig auf einem gut editierten Doppel-CD-Album vor. Der Klang kommt durchweg sauber und recht frisch daher. Liebevoll bebildert ist das beiliegende Booklet und dank der guten Texte von Volker Pantel auch informativ. Auch diese schöne Edition verdient einen Liebhaber- und Nostalgie-Zuschlag bei der Bewertung eines der raren deutschen Pendants zu Hollywoods Epos-Filmmusiken.

Fazit: Zwei willkommene Repertoire-Bereicherungen in Sachen deutscher Filmkomponisten sind Rolf Wilhelm gewidmet. Der Sampler von Bear Family belegt seine Vielseitigkeit und insbesondere die Fähigkeit, Unterhaltsames auf gehobenem Niveau für zum Teil äußerst schwache Filme beisteuern zu können. Die Qualitäten des Sinfonikers und Musikdramatikers treten in der breit angelegten Klangschöpfung zum Zweiteiler von 1966, Die Nibelungen, besonders deutlich zu Tage.

Rolf Wilhelm gehört in jedem Fall zur Creme der deutschen Nachkriegs-Film-Komponisten. Ein eingehender Vergleich mit seinen komponierenden Zeitgenossen steht zwar im Moment noch aus; vermutlich dürfte aber der Ausspruch seines Kollegen Gert Wilden Gültigkeit besitzen: „Wir sind gut, aber Rolf Wilhelm ist besser!“

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Rolf-Wilhelm-Specials.

Titel: Die Nibelungen
Erschienen: 2001

Laufzeit: CD-1: 69:50 Min.; CD-2: 38:34 Minuten

Medium: CD
Label: Cobra
Kennung: CR 006A/B

Schlagworte:


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