08/15

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
6. November 2000
Abgelegt unter:
CD

Score

(4/6)

Neues Altes aus dem Hause Cobra-Records vom deutschen Filmkomponisten Rolf Wilhelm: die Musik zur 08/15-Filmtrilogie. Die drei Filme (08/15, 08/15 2. Teil und 08/15 in der Heimat) entstanden in den Wirtschaftswunderjahren 1954-55 nach der Romantrilogie von Hans Helmut Kirst. Es hatte zwar noch ein paar Jahre Zeit, dass „man begann wieder wer zu sein“ – bis zu Bundeskanzler Ludwig Erhardt, Anfang der Sechziger –, aber für eine ernsthafte Abrechnung mit dem Militarismus, geschweige denn für eine Aufarbeitung von Nazi-Ära und zweitem Weltkrieg, war die Zeit noch nicht reif. Kritische und um mehr Ehrlichkeit in der Behandlung des Themas bemühte Filme, wie Der letzte Akt (1955) oder Die Brücke(1959), waren eher ungeliebte, mitunter auch angefeindete Ausnahmen.

So ist es kein Wunder, dass die drei billig produzierten Filme weitgehend vom Geist der Verdrängung geprägt sind. Einzig der erste Teil ist heutzutage unter dem Aspekt einer reinen Militärklamotte noch einigermaßen erträglich; den an der Ostfront spielenden 2. Teil kann man unschwer vergessen; und im letzten Film der Trilogie, 08/15 in der Heimat, gerät die nicht stattfindende Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit vollends zur Peinlichkeit. Filmhistorisch interessant ist nur, dass die seinerzeit überaus erfolgreichen Filme Nachwuchsschauspieler wie Joachim Fuchsberger zu Publikumslieblingen machten, also deren weitere Karriere gefördert haben.

Rolf Wilhelms Musik zur 08/15-Trilogie gehört wohl zum wenigen Bemerkenswerten, das die eher belanglosen Filme heute noch zu bieten haben. Die Musik ist zwar nicht ganz so stark wie die zum Björndal-Film-Duo (siehe hierzu Und ewig singen die Wälder/Das Erbe von Björndal) – was sicher auf den Stoff zurückzuführen ist –, der Komponist erweist sich aber als souveräner Könner des Metiers Filmmusik. Rolf Wilhelm zeigt sich in der Art und Weise, wie er das verwendete thematische Material variiert und verarbeitet, Max Steiner sehr nahe. Wie dieser Große des „Golden Age“ setzt er in den drei Filmen stark auf Zeitkolorit und arbeitete Lieder und Märsche der Ära geschickt ins Musikgeflecht ein. Wie hier Themen und Themenfragmente zitiert, variiert und gegeneinander gesetzt werden, zeigt sehr solides handwerkliches Können und Geschick, das sich vor vergleichbaren Arbeiten aus Hollywood nicht verstecken muss. Das Seiten-Thema aus Beethovens Apassionata Klaviersonate Opus 57 wird als Leitmotiv für den Gefreiten Vierbein verwendet, der von einer Pianisten-Karriere träumt. Es erklingt im Finale des zweiten Film-Teils, in der tragischen Todesszene, als verzerrter Protestschrei. Im dritten Teil kommt neben impressionistisch angehauchten Klängen, die den Frühling des Jahres 1945 suggerieren, auch die neue (Nachkriegs-)Zeit musikalisch durch den Swing zu Gehör. Es ist durchaus originell, wie am Ende ein in der Gesamtkomposition wichtiges Marsch-Motiv des preußischen Zapfenstreichs verjazzt erklingt.

Der hinter dem Cobra-Label stehende Essener Knut Räppold ermöglicht mit der vorliegenden fast noch presswarmen CD dem Interessierten einen weiteren klingenden Einblick in die deutsche Kinosinfonik der Nachkriegszeit. Die Produktion hatte hörbar Schwierigkeiten mit dem zur Verfügung stehenden Tonmaterial: Die Original-Master-Bänder sind verschollen, die aufgefundenen Kopien wurden offenbar zu Vertonungszwecken zum Teil unter Beimischung von Geräuschen angefertigt, und einige Musikteile mussten sogar direkt von der Filmtonspur übertragen werden. Die Tonqualität ist daher merklichen Schwankungen unterworfen und erreicht nicht in allen Teilen das sehr ordentliche Klangniveau der Björndal-Filmmusiken. Trotz dieser (leichten) Einschränkungen kann man hier aber durchaus noch von „befriedigend“ sprechen. Besonders liebevoll ist das beigelegte Booklet geraten: Neben informativen Texten gibt es auch Plakatmotive und diverse Filmfotos.

Wie bereits geschrieben, erreicht der Level der Musiken zur 08/15-Film-Trilogie nicht das der Björndal-Filme, hier setze ich 3 ½ Sterne an. Für die lobenswerte Initiative, das mühevolle aufbereiten des Tonmaterials, und für das ansprechende Booklet gebe ich einen Zuschlag von ½ Stern und damit insgesamt 4 Sterne.

Fazit: Fast noch presswarm ist die zweite Rolf-Wilhelm-CD-Veröffentlichung aus dem Hause Cobra Records: die Musik zur 08/15-Filmtrilogie. Auch dieses Mal erweist sich der Komponist als sehr solider Handwerker, der gekonnt auf den Spuren eines Max Steiner wandelt. Zwar ist die musikalische Substanz insgesamt nicht ganz so überzeugend wie beim Björndal-Film-Duo, aber für die sehr liebevoll und sorgfältig editierte CD gibt’s inklusive kleinem Bonus 4 Sterne.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Rolf-Wilhelm-Specials.

Komponist*in:
Wilhelm, Rolf

Erschienen:
2000
Gesamtspielzeit:
71:34 Minuten
Sampler:
Cobra
Kennung:
CR 004

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