Special

Veröffentlicht am 16.08.2000 | von Michael Boldhaus

Der Patriot: Anmerkungen zum Film und Film-Buch

Die bereits in meinem Artikel vom 27.7.2000 aus dem Pressematerial hergeleiteten, vorsichtig formulierten Erwartungen haben sich erfreulicherweise beim Ansehen des Films weitgehend bestätigt. Für mich ist der neue Emmerich zwar kein Film der Superlative, er bietet aber durchaus ein solide gemachtes, monumentales historisches Abenteuer- und Action-Kino-Erlebnis. Hier werden auch sehr ansprechende Bilder geboten, z.B. der Hafen von Charleston, die Belagerung von Yorktown, herrliche Einstellungen mit Gegenlicht, eine schöne Farbdramaturgie mit zum Teil satten, leuchtkräftigen Farben. Die Bildsprache lehnt sich hier und da ein wenig an bei Stanley Kubricks Film Barry Lyndon (1975).

Das Gros der Kritikermeinungen ist hingegen negativ. Zu den häufigsten Vorwürfen zählen Gewaltverherrlichung, extreme Vereinfachung von Zusammenhängen und Hintergründen der Handlung, Sklavereiromantisierung und sogar Blut- und Bodendramaturgie. Auch das Motiv Benjamin Martins, sich nach der Ermordung eines seiner jüngeren Söhne den Kolonisten anzuschließen, wird als banal bezeichnet. Ich denke, die Entscheidung für eine Partei in einem Krieg, besonders vor über 200 Jahren, dürfte in vielen Fällen weniger motiviert und durchdacht ausgefallen sein als in der Filmhandlung. Derartige Kritik halte ich nicht nur für überzogen, sondern auch für unreflektiert. Hier wird aus dem bequemen Sessel und Blickwinkel eines Zeitgenossen des beginnenden 21. Jahrhunderts „intellektuell“ über Dinge geurteilt, als wären sie gestern geschehen, obwohl diese in einer Epoche angesiedelt sind, die über 200 Jahre zurückliegt!

Benjamin Martin ist eine Kämpfernatur und will – ähnlich wie die Hauptfigur in Braveheart natürlich auch Rache an den Briten und an Colonel Tavington nehmen. Welche Wahl hätte er denn wohl in der Realität gehabt? Durch das Niederbrennen seines Anwesens waren er und seine Familie praktisch entwurzelt. Dass er zwar zur Sache der Kolonisten tendiert, sich aber aus dem Krieg heraushalten will, wird auf der Versammlung in Charleston deutlich. Dass Martin im „French and Indian War“ gegen die Franzosen brutal gekämpft hat und inzwischen als „geläuterter Kriegsverbrecher“ sich und seine Familie aus dem Konflikt heraushalten will, ist eine nicht nur direkt zu Beginn, sondern auch während des Films mehrfach aufgegriffene, nicht unplausible Aussage.

Bei allen Vorbehalten, die man dem Patrioten machen kann: Es handelt sich um einen Kinofilm, der primär unterhalten will (!) und der überhaupt nicht den Anspruch auf intellektuelle Botschaft, wie in Der Soldat James Ryan oder in Schindlers Liste, erhebt! Wieso bleiben eigentlich die in Teilen ebenfalls fragwürdigen „Klassiker“ von derartig strengen Maßstäben verschont?

Die Vorwürfe von „Sklaverei-Romantik“ und „Blut und Bodendramaturgie“ müssten konsequenterweise auch bei Vom Winde verweht (1939) erhoben werden – immerhin einem der weltbesten Filme. So für die Szene zu Beginn, wo in der romantisierten Abendstimmung, kleine Schwarze die Feierabendglocke läuten und sich anschließend zwei Sklaven auf dem Baumwollfeld streiten, wer das Recht habe den Feierabend auszurufen…

Auch „Blut und Bodendramaturgie“ gibt’s hier satt und genug! Schon der alte O’Hara prägt Scarlet diese Philosophie ein, „vom Land, das das einzige ist, für das es sich lohnt zu leben, zu kämpfen und zu sterben…“. In der Schlussszene des ersten Teils kniet Scarlet auf einem Feld der am Ende des Bürgerkriegs halbzerstörten Plantage, reckt trotzig die erdige Hand und sagt vor blutroter Abendsonne „..ich schwöre, ich will nie wieder hungern…“ – wenn das nicht „Blut und Boden“ pur ist, weiß ich es nicht. Ich bin im übrigen sicher, dass viele der Farmer und Pflanzer seinerzeit ein entsprechendes Blut-und-Boden-Verhältnis zu ihrer Scholle gehabt haben dürften.

Bereits als Halbwüchsiger habe ich mit leuchtenden Augen die Kavallerie reiten sehen z.B. in Fords Fort ApacheBis zum letzten Mann (1948) und (in tollem Technicolor) in She wore a yellow Ribbon • Der Teufelshauptmann (1949) und in The Searchers • Der schwarze Falke (1956). Diese Filme waren schon damals Klassiker. Weder die naiv-patriotische, rechtslastige Verehrung der Kavallerie und die weitgehende Simplifikation und Glorifizierung ihrer Handlungen, noch die zwar markanten, aber sicher ebenfalls zwiespältig angelegten Figuren, haben der Einordnung der Filme als herausragend je im Wege stehen können. Die Filme sind, trotz vorhandener Mängel, in der Tat, in vielem faszinierend gestaltet – sie tragen ihren Status zu Recht.

Sicher wird im Patrioten vieles stark vereinfacht, aber die Forderung nach „Lehrstück“ und völliger historischer Exaktheit kann ein Kinofilm praktisch nicht erfüllen und muss dies m.E. auch nicht – schon gar nicht, wenn er primär unterhalten will. Die Szenen mit den Sklaven sind sicherlich anfechtbar, besonders in der Hochzeitsszene kann man von „Romantisierung“ sprechen. Allerdings gibt es dazu immerhin einen kleinen Gegenpart: nämlich den Sklaven, der von seinem Besitzer der Miliz überstellt wird und sich durch den Dienst seine Freiheit erkämpft. Die anfangs abfälligen Bemerkungen seiner weißen Mitstreiter weichen dabei späterer Hochachtung.

Das permanente Herumkritteln verschiedener Kritiker an Kampfszenen empfinde ich zum Teil geradezu als typisch für eine verkrampft auf überzogenen pazifistischen Grundsätzen beharrende und abgehobene Filmkritik. Da kann man zum Patrioten lesen, der Film sei nur „widerwärtig und schlecht“. Wenn ich derartiges lesen muss, sträuben sich mir geradezu die Nackenhaare: Historische Schlachten jener Ära wurden zum Teil gerade durch aberwitzige Aktionen – wie die des Fürsten André Bolkonski in Krieg und Frieden, der seinen zurückflutenden Männern die Fahne entreißt und voranstürmt – nicht nur, aber sicherlich auch, gewonnen!

Gerade bei Schlacht- Kampf- und Action-Szenen ist es offenbar für einige Kritiker chic, regelmäßig die Nase zu rümpfen – und genauso regelmäßig am Publikum vorbeizuschreiben. Stanley Kubrick hat sich einmal bezüglich Schlachtendarstellungen in Barry Lyndon geäußert und von der optischen Ästhetik historischer Schlachtformationen und deren hässlichen Konsequenzen gesprochen. Hinzu kommt ein „animalisches Bedürfnis“ von weiten Teilen des Publikums, das im Kino auch Dinge virtuell, aber zum Greifen nahe, erleben will, die es in Realität zweifellos verabscheut. Ohne einen Voyeurismus, auch für stilisierte Gewalt, wäre doch die Faszination vieler Zuschauer für z.B. das Krimi- und Action-Kino – vom Slasher-Genre ganz zu schweigen – gar nicht erklärbar, oder? Zum Erfolgsphänomen des Titanic-Films könnte man doch sonst nur angewidert schreiben: „Mein Gott, eine Katastrophe bei der 1500 Leute ihr Leben verloren haben, wurde zur Augenweide eines pervertierten Publikums stilisiert. Erschreckenderweise mit umwerfendem Erfolg! Wertung: absolut verwerflich, sofort in den Giftschrank!“

Die Ermordung des letzten Briten (bei der Befreiung von Gabriel) durch Martin ist zwar hart, wird aber im Film weitgehend von Gebüsch verdeckt gezeigt. Sie ist handlungsmäßig als blutrauschartige Rache-Tat über die Ermordung von Thomas einigermaßen motiviert und wird von den aus der Distanz zuschauenden beiden Kindern mit deutlich sichtbarer Betroffenheit registriert. Der Film zeigt auch im weiteren Verlauf nicht ausschließlich böse Rotröcke und honorige Amerikaner, sondern hat ebenso den Zwiespalt zwischen militärisch wirksamer Guerilla-Taktik und fragwürdiger Brutalität der amerikanischen Milizionäre zum Thema. Dass die Milizen zum Teil aus mordlustigem Mob rekrutiert wurden, deren Aktionen denen der britischen Soldaten an Brutalität nicht nachstehen, verschweigt der Film ebenfalls nicht. Emmerichs Film setzt der Bildgewalt seiner Schlachten zumindest ansatzweise die grässlichen Konsequenzen entgegen, ohne dabei zu extrem in Gewalt zu schwelgen. Hier gibt es im Film sogar eine wirklich beeindruckende Szene: Benjamin Martins Anwesen wird nach einem Gefecht zuerst von einer Einheit britischer Infanterie erreicht. Ein junger, nicht unsympathisch wirkender britischer Leutnant, der sich zuvor für die korrekte Behandlung der verwundeten Rotröcke bedankt hat, muss wenig später – sichtlich entsetzt – Colonel Tavingtons Befehl zum Erschießen der kontinentalen Verwundeten befolgen. Auch, dass sich einer der Milizionäre beim Anblick seiner von den Briten ermordeten Familie aus Verzweiflung selbst erschießt, spricht wohl eher für die generelle Ächtung von Kriegsgreul, denn für Gewaltverherrlichung. Damit gerät der Patriot sicherlich nicht zum Meisterwerk oder gar Antikriegsfilm (was er ja auch nicht für sich beansprucht!), vermeidet aber die Gefahr der Ästhetisierung der kriegerischen Aktionen.

Zu den Schwächen des Films gehört, dass schauspielerisch wenig geboten wird. Neben einem passablen Mel Gibson und seinem zum SS-Mann im roten Rock stilisierten Gegenspieler –sehr überzeugend gespielt von Jason Isaacs – bleiben alle übrigen Charaktere eher blass und zweitrangig. Natürlich ist die Figur des Colonel Tavington extrem übersteigert und zugleich auch ungewöhnlich. Das Kinopublikum ist ja in vergleichbaren Fällen an das Klischee vom hässlichen, schwarz uniformierten Deutschen gewöhnt. Insofern bietet der Film sogar eine echte Novität, bleibt aber trotzdem der Tradition verpflichtet – denn auch hier spielt ein jüdischer Darsteller den quasi-deutschen Redcoat-Bösewicht. Die Handlung hingegen ist recht einfach, zum Teil schablonenhaft gestrickt, aber unterhaltsam und auch weitgehend spannend inszeniert. Den ansehnlichen Schlachtenpanoramen fehlt vielleicht ein wenig zeitgemäßer Pfiff, aber sie passen gut in das Konzept eines Films, der wohl eher als Hommage an das epische Kino des Golden Age gedacht ist. Geradezu fantastisch wirkt allerdings der 5.1-Stereoton: Der überaus dynamische Sourround-Sound bezieht in ungewöhnlichem Maße auch die Effektkanäle (rechts und links hinten) ein. Speziell in den Guerilla-Actionen „fliegen“ dem Zuschauer Kommandos und Kugeln wahrlich um die Ohren. Trotz zweifellos vorhandener Schwächen, für Freunde des historischen Abenteuer- und Schlachtenkinos ist der Patriot sicherlich keine schlechte Wahl.

Das Film-Taschenbuch ist ein willkommenes Souvenir. Neben dem Roman – gestaltet nach dem Drehbuch – enthält der Band immerhin 8 Seiten mit überaus ansehnlichen Film-Farbfotos, gedruckt auf gutem Papier. Naturgemäß findet der Leser im Filmroman mehr Details der Geschichte und auch des historischen Hintergrundes. Vielleicht wird der eine oder andere dadurch sogar angeregt, sich eingehender mit den historischen Fakten dieses vielschichtigen Konfliktes zu beschäftigen.



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