Das Dick und Doof Buch

Das Dick und Doof Buch
Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
25. Dezember 2004
Abgelegt unter:
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Norbert Aping, Jahrgang 1952, stammt aus Norddeutschland. Seit seiner Kindheit ist der spätere Jurist von Laurel & Hardy fasziniert gewesen. Ob dabei der Film Hinter Schloss und Riegel, bei dem das Komikerduo sogar (wenn auch etwas holprig) deutsch spricht, den beruflichen Lebensweg des Autors – dieser ist Amtsrichter in Buxtehude – entscheidend mitgeprägt haben mag? Wahrscheinlicher ist allerdings, dass Joe Hembus mitverantwortlich dafür ist, dass Aping dieses Buch verfasste. So schrieb Hembus 1980 im Vorwort zu William K. Eversons „Laurel und Hardy und ihre Filme“ (Reihe Citadel-Filmbücher bei Goldmann) von der langen Leidensgeschichte der Filme auf dem deutschen Kino- und Fernsehmarkt und bezeichnete die detaillierte Aufklärung der unübersichtlich vielfältigen, ja verwirrenden Auswertung der Filme des Duos in Deutschland als noch zu schreibenden Krimi. Dieses „Falles“ hat sich Norbert Aping angenommen, über Jahre eingehend ermittelt und schließlich den jetzt vorliegenden „Krimi“ zur deutschen Rezeptionsgeschichte der Könige des Slapsticks verfasst.

Wer den prall gefüllten Band in die Hand nimmt und etwas eingehender hineinschnuppert, dürfte in jedem Fall allein schon vor der monumentalen Fülle bewältigter Informationen den Hut ziehen. Mit beeindruckender Akribie hat der Verfasser aus seiner langjährigen Leidenschaft für das weltberühmte Gespann ein knapp 600-seitiges Buch gemacht. Eines, das letztlich aus der Schrift „Laurel und Hardy. Eine Odyssee durch ihre deutschsprachigen Synchronisationen“ erwachsen ist. Auch im jetzt vorliegenden „Das Dick und Doof Buch. Die Geschichte von Laurel & Hardy“ liegt der Schwerpunkt auf der Rezeptionsgeschichte von Stan und Ollie im deutschsprachigen Raum. Und keine Angst: Keinesfalls hält der Autor die beiden berühmten Komiker für „Dick und Doof“, wobei vor 1939 kurioserweise noch „Dof“ geschrieben worden ist. Nur ist die wenig schmeichelhafte Bezeichnung halt unauslöschlich in den Köpfen verankert. Daran vermochten auch die Bemühungen von Leuten wie Theo Lingen, die sich im deutschen Fernsehen um die originalgetreue Präsentation von Stummfilmen bereits in den 60er Jahren verdient machten, nichts zu ändern.

Laurel und Hardy, erfasst über acht Jahrzehnte, von 1924 bis heute: Dabei kommt so einiges zusammen. Sämtliche deutsche Bearbeitungen ihrer Filme sind erfasst; von Kino, TV über Schmalfilm und Videokassette bis hin zum modernen Bild-Tonträger DVD spannt sich der Bogen. Schon frühzeitig war Aping überrascht darüber, wie viele unterschiedliche deutsche Titel für ein und denselben Film existieren. Der Autor stellte dazu bereits in seinen Vorstudien zum vorliegenden Band resümierend fest: „Es finden sich keine anderen ausländischen Künstler, deren Werk so oft und so unterschiedlich in Deutschland vermarktet worden ist.“ Die in seinem Buch detailliert aufgeschlüsselte komplexe Vermarktung der Filme dokumentiert dabei zugleich ein Stück deutscher TV-Geschichte.

Mit Akribie ist der Autor hier auf Spurensuche gegangen und hat dabei auch noch so kurzen Filmschnipseln nachgespürt, die hierzulande im Kino und Fernsehen gezeigt worden sind. In geradezu abenteuerlicher Art und Weise ist besonders aus den Laurel & Hardy-Kurzfilmen immer wieder mit neuem Titel Versehenes zusammengeklaubt worden. Dabei wird so manche groteske Facette in der x-fachen Auswertung der Laurel-und-Hardy-Filme aufgespürt. Beispielsweise wie ein Film des dänischen Komiker-Duos Pat und Patachon einfach mit einem des US-Komiker-Duos zusammen geschnitten worden ist und als Pat und Patachon als Detektive jagen mit Dick und Doof Gespenster in die Kinos kam. Natürlich kann, ja, muss man die mitunter rüden Aspekte der rücksichtslosen Vermarktung der Dick-und-Doof-Filme kritisieren. Dabei ist allerdings auch fraglich, ob die bis heute ungebrochene Berühmt- und Beliebtheit von Stan und Ollie ohne ein fortwährendes Verwursten ihrer unzähligen Sketche und Gags auch nur annähernd vergleichbar groß wäre.

Zu den Personen, die mit dem Komiker Duo untrennbar verbunden sind, gehört natürlich der Produzent Hal Roach. Hierzulande sind Laurel und Hardy aber ohne Heinz Caloué ebenso undenkbar. Dieser fungierte als Vater der ab 1970 ausgestrahlten ZDF-Serie Dick und Doof. Von Caloué stammen die pfiffigen Synchrontexte, die Hanns Dieter Hüsch dem Gezeigten auf unverwechselbare Art und Weise unterlegte. Von Caloué erhielt Aping nicht allein viele unschätzbare Informationen, Caloué hinterließ ihm schließlich auch seine kompletten Aufzeichnungen. Vieles davon fand zweifellos Eingang in die vorliegende Publikation. Dabei wird der Interessierte unter anderem über die bisherigen Buchveröffentlichungen zu Stan und Ollie wie auch über die wechselvolle Geschichte ihrer Filme auf Video unterrichtet. Wer Stan und Ollie möglichst perfekt auf DVD erleben möchte, erhält Infos zum verdienstvollen Restaurationsprojekt der Kirchgruppe und die darauf beruhende Kinowelt-DVD-Edition. Und im IV. Teil, Kapitel 15 kommt auch der filmmusikalisch interessierte Leser zu seinem Recht, erhält wertvolle Hinweise zu der den Filmen in den verschiedenen Auswertungen unterlegten Musik. Das umfangreiche Register leistet dem Leser wertvolle Dienste, um sich im Informationsdschungel zurechtzufinden.

Damit der Umfang dieses fast schon als Wälzer zu bezeichnenden Buches nicht völlig aus dem Ruder lief, sind diverse Informationen schlichtweg „ausgelagert“ worden: sind als umfangreiche „digitale Anhänge“ via Internet auf einer per Passwort zugänglichen Unterseite der Internetpräsentation des Verlages abrufbar. Darüber mag manch einer vielleicht etwas enttäuscht die Nase rümpfen, allerdings wäre ohne dieses der maßvolle Preis für den Band wohl kaum machbar gewesen. Im Übrigen können die in den Anhängen enthaltenen tabellierten Übersichten und Zusammenstellungen auch wesentlich kostengünstiger korrigiert, aktualisiert und ergänzt werden – etwas, das bei der verwirrenden Materialfülle zweifellos vonnöten sein wird. Entsprechend fordert der Verfasser die Leser seines Buches auf, Ergänzungen und Berichtigungen beizusteuern. Damit wird m. E. eine interessante weitere Möglichkeit des neuen Mediums Internet genutzt, das mittelfristig flächendeckend in den Haushaltungen präsent sein dürfte: Ein Buch kann mit Unterstützung durch das digitale Medium Internet erheblich länger aktuell gehalten werden.

Der Käufer erhält also eine mit einer fast schon überbordenden Fülle an Informationen zum Thema geradezu voll gepfropfte Publikation und außerdem die Zugangsberechtigung zu ergänzenden Anhängen auf der Internetseite des Verlages. Die Veröffentlichung wartet daneben mit vielen Abbildungen auf, präsentiert neben interessanten Dokumenten auch Original-Werbematerialien und ist obendrein opulent mit Filmbildern in sehr guter Qualität ausgestattet. Was die Informationslage nach dem Lesen betrifft, erscheint mir die Kapitelüberschrift „Laurel und Hardy, better than Ever“ als zutreffend. Demnach dürfte der Band wohl das Zeug zum Standardwerk besitzen.

Ein 2004 in einem Moskauer Archiv wieder aufgefundener, verschollen geglaubter Film der beiden berühmten Komiker, Spuk um Mitternacht, lässt zur Zeit die Herzen der Fans höher schlagen. In den Anfangsjahren des Tonfilms gestalteten sich Synchronisationen noch als zu schwierig, daher wurden verschiedentlich verschiedene Fassungen in unterschiedlichen Sprachen gedreht. Besagter, aus zwei Kurzfilmen bestehender Spuk um Mitternacht lässt Dick und Doof ihre Witze einmal anders, nämlich in urig-holprigem Deutsch zum Besten geben. Dieser überraschende, sensationelle Fund machte Umarbeitungen und Ergänzungen nötig, die das Erscheinen des Buches verzögerten. Seit der Buchmesse im Herbst 2004 ist es nun endlich im Handel.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zum Jahresausklang 2004.

Autor*in:
Aping, Norbert

Erschienen
2004
Seiten:
576
Verlag:
Schüren Verlag, Marburg
Kennung:
3-89472-356-4
Zusatzinfomationen:
€ 34,00 (D)

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