CD

Veröffentlicht am 15.11.1999 | von Michael Boldhaus

Bernard Herrmann at Fox Vol. 2

Bernard Herrmann at Fox Vol. 2 Michael Boldhaus
Bewertung

Bernard Herrmann at Fox Vol. 2/Garden of Evil/Citizen Kane

Nur wenige Wochen nach der ersten CD ist die Varèse-Kompilation „Bernard Herrmann at Fox, Vol. 2“ erschienen. Hier sind ebenfalls drei Filmkompositionen vertreten: dieses Mal zu Filmen, die Bernard Herrmann zwischen Oktober 1953 und November 1954 für 20th Century Fox komponierte, nämlich Garden of Evil • Der Garten des Bösen, King of the Khyber Rifles • Der Hauptmann von Peshawar und Prince of Players • König der Schauspieler.

Als Anfang der fünfziger Jahre das CBS-Symphony-Orchester in New York aufgelöst wurde, dessen Leiter Bernard Herrmann bis dahin war, übersiedelte dieser nach Los Angeles. Alfred Newman, Chef des 20th-Century-Fox-Musicdepartments und langjähriger Freund Herrmanns, gelang es, den charakterlich schwierigen Komponisten für die musikalische Illustration einer Reihe neuer Fox-Produktionen zu gewinnen. Herrmann hatte zwar schon zuvor für 20th-Century-Fox Jane Eyre, Hangover Square undThe Ghost and Mrs. Muir vertont, doch von Mitte 1951 bis Ende 1954 arbeitete er sogar ausschließlich für dieses Studio.

Hollywood befand sich in jener Zeit in einer schwierigen Phase des Umbruches und der Neuorientierung. Der lange Zeit belächelte „kleine Bruder Fernsehen“ war zu einer immer ernsteren Konkurrenz geworden. Den drastischen Besucherschwund in den Kinos versuchte man durch den Großeinsatz von Material und neuer Technik entgegenzuwirken. Zum einen sollten ausgefeilte und aufwendige Produktionen den gewünschten Effekt bringen; zum anderen setzte besonders die Fox auf das neue Breitwandverfahren CinemaScope mit 4-Kanal-Magnetton. Dass nicht gespart wurde, belegen auch die in dieser Phase recht zahlreich entstandenen hochkarätigen Filmkompositionen. Für Kino- und Filmmusikfreunde wurde diese Periode zur letzten Blüte der großen Kinosinfonik des „Golden Age“ – vor dessen unaufhaltsamen Niedergang. Ironischerweise wurde seinerzeit von keinem der erwähnten Filme Musik auf Tonträger veröffentlicht.

Alle drei vorliegenden Filmmusiken Herrmanns sind exzellent, Garden of Evil würde ich sogar zu Herrmanns Meisterwerken zählen. Der Film ist trotz einiger dramaturgischer Schwächen auch heute noch sehenswert: Es ist ein liebevoll fotografierter, ungewöhnlicher Western mit sehr reizvollen, geheimnisvollen, exotischen Landschaften und dazu psychologischen Elementen in einer Story um Gold und Habgier. Eine Gruppe Abenteurer (Gary Cooper, Richard Widmark und Cameron Mitchell) strandet an der südmexikanischen Küste und sieht sich gezwungen, in einem verschlafenen Städtchen die Instandsetzung des Schiffes abzuwarten. Dort lassen sie sich von Susan Hayward zu einer Rettungsexpedition anwerben: Ihr verletzter Gatte wartet in einer versteckten Goldmine in einem schwer zugänglichen, abgelegenen Tal, das die Indianer „den Garten des Bösen“ nennen und in dem sie alle Eindringlinge töten.

Volles Blech und grosses Schlagwerk leiten mit einem typisch Herrmann’schen, fanfarenähnlichen Schicksals-Motiv das Drama ein. Tom-Tom-Rhythmen und eine dem Rauschen des Windes ähnliche geheimnisvolle Klangfigur der Flöten suggerieren drohende Gefahr durch die, noch unsichtbaren, aber von Anfang an beobachtenden Indianer. Brachiale Schlagwerkattacken begleiten den finalen Höhepunkt, wenn die dezimierte Gruppe verzweifelt versucht, einen rettenden Pass zu erreichen. Die Musik suggeriert deutlich mehr Gewalt als der Film damals zeigen durfte. Eine durchgehend beeindruckende Herrmann-Musik von großer Farbigkeit und dramatischer Wucht!

King of the Khyber Rifles ist ein koloniales Swashbuckler-Movie in der Tradition von Lives of a Bengal Lancer und Charge of the Light Brigade. Die Hauptrolle spielt hier Tyrone Power: das Pendant zu Warners Errol Flynn bei 20th-Century-Fox. Der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Indien spielende Abenteuerfilm handelt vom Kampf britischer Kolonialtruppen gegen aufständische Bergstämme. Wie auch Garden of Evil ist King of the Khyber Rifles sehr schön fotografiert: Die Story ist allerdings doch recht routiniert, und von einzelnen Passagen abgesehen wenig mitreißend. Den musikalischen Kontrapunkt zur blassen Filmhandlung bildet die gekonnte, in den Actionszenen stark rhythmisch akzentuierte und mit leicht ethnischem Touch versehene Musikbegleitung von Bernard Herrmann. In seiner Komposition zu Battle of Neretva (1968) griff der Komponist das hier in Sachen Actionmusiken Erprobte noch einmal auf. Die präsentierte Suite ist leider etwas sehr kurz geraten: Kurioserweise fehlt auch ein Höhepunkt der Partitur, das von Charles Gerhardt im Rahmen seiner Classic-Film-Score Serie eingespielte Stück „Attack on the Mountain Stronghold“.

Den Film Prince of Players habe ich bislang nicht sehen können. Die in diesem Film dargestellte Chronik des im 19. Jahrhundert bedeutenden Shakespeare-Darstellers Edwin Booth – dargestellt von Richard Burton – und seines Bruders John, der Präsident Lincoln ermordete, wurde von der Kritik zwar besonders gelobt, war aber kommerziell der erste Flop eines Breitwand-Opus. Herrmanns Musik verbindet das Theaterfeeling Shakespearescher Königsdramen mit der familiären Tragödie. Neben quasi-höfischen Fanfaren findet sich Herrmanns typische – hier mehr melodisch orientierte – romantisch-melancholische, farbig instrumentierte Musik mit psychologisierenden Untertönen.

Titel: Bernard Herrmann at Fox Vol. 2
Erschienen: 1999

Laufzeit: 71:23 Minuten

Medium: CD
Label: Varèse
Kennung: VSD-6053

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CD

Veröffentlicht am 15.11.1999 | von Michael Boldhaus

Garden of Evil

Garden of Evil Michael Boldhaus
Bewertung

Fast zwangsläufig bot sich hier der Vergleich mit der vor zwei Jahren auf Marco Polo veröffentlichten Neueinspielung von Garden of Evil und Prince of Players an. Die Originaleinspielungen sind im Bereich Filmmusik fast grundsätzlich eine Referenz für eine Nachspielung: Hier zeigt sich wieder einmal, wie superb auch Neueinspielungen gelingen können. Die von John Morgan restaurierte Garden of Evil-Partitur wird von den Moskauer Sinfonikern unter William Stromberg geradezu atemberaubend interpretiert. Im Gegensatz zur Varèse-CD liegt die Musik komplett vor. Verschiedene, durch den Endschnitt erzwungene musikalische Kürzungen wurden wieder eingefügt und auch ein im Film nicht verwendetes Stück erstmalig eingespielt.

Auch ungekürzt ist diese Musik eine tolle, jedem aufgeschlossenen Filmmusikliebhaber zu empfehlende Hörerfahrung. Dank der erstklassigen Interpretation, die unterstützt von einer hervorragenden Aufnahmetechnik alle Nuancen der äußerst farbigen und leuchtkräftigen Musik hörbar werden lässt, gehe ich hier sogar soweit, das Original auf Platz zwei zu verweisen. Ähnliches gilt auch für Prince of Players. Da aber beide Suiten nicht identisch sind, ist das Original eine wertvolle Ergänzung. Parallel zu King of the Khyber Rifles arbeitete Herrmann in diesen Monaten zusammen mit Alfred Newman auch an der Musik zu The Egyptian • Sinuhe der Ägypter. Die Originalmaster dieser Musik sind leider nicht mehr in gutem Zustand: Auf die in Kürze vorliegende Neueinspielung aus dem Hause Marco Polo darf man daher besonders gespannt sein.

Titel: Garden of Evil
Erschienen: 1997

Laufzeit: 63:24 Minuten

Medium: CD
Label: Marco Polo
Kennung: 8.223 841

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 15.11.1999 | von Michael Boldhaus

Citizen Kane

Citizen Kane Michael Boldhaus
Bewertung

Noch pressfrisch ist Varèses neue Einspielung der Musik zu Herrmanns filmmusikalischem Erstling Citizen Kane mit dem Royal Scottish National Orchestra unter Joel McNeely. Über die Qualitäten dieses außergewöhnlichen Films und auch der Komposition ist schon viel geschrieben worden. Eine Schwierigkeit in der Präsentation der Musik liegt zweifellos darin, dass sich die Partitur in eine Vielzahl kleiner und kleinster Musikpartikel gliedert. Diese faktische „Zerstückelung“ führt aber gelöst vom Film, dank Herrmanns Meisterschaft, nicht zur Bildung eines grellbunten musikalischen Flickenteppichs: Im Gegenteil, es ist faszinierend sich in diese – wohl vollständig aus einer musikalischen Keimzelle der Eröffungssequenz entwickelte – überaus vielfältige, einem Chamäleon gleiche Musik hinein zu hören. Von der Tristesse des eröffnenden Xanadu-Bildes über Ragtime- und Music-Hall-Klänge – hier ist der Einfluss durch den grotesken Witz des jungen Schostakowitsch unüberhörbar – bis zum Jazz; von romantischer Walzermusik bis zur spätromantisch üppigen Opernarie – die von Janice Watson überzeugend dargeboten wird – reicht die fast extreme Vielseitigkeit dieses frühen Meisterwerkes. Die präsentierte Musik enthält einige erstmalig eingespielte Fragmente. Dazu noch ergänzt durch drei von Herrmann als frühe Entwürfe konzipierte Bonusstücke, ist dies die bislang vollständigste Fassung der Citizen-Kane-Musik auf Tonträger. Die exzellente, sehr dynamische Interpretation durch das Orchester und seines Dirigenten wurde durch eine auf grosse Plastizität und Raumtiefe setzende exzellente Aufnahmetechnik ergänzt. Der hervorragende Gesamteindruck wird zwar durch ein paar hörbare Nebengeräusche ein wenig getrübt: Trotzdem ist eine in jede Sammlung gehörende Referenzaufnahme entstanden.

Titel: Citizen Kane
Erschienen: 1999

Laufzeit: 53:01 Minuten

Medium: CD
Label: Varèse
Kennung: VSD-5806

Komponist(en):

Schlagworte:


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