Bambi 2 – Der Herr der Wälder

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
7. Mai 2006
Abgelegt unter:
CD

Bambi

Seit dem 27. April 2006 wird in den deutschen Kinos die Fortsetzung des Disney-Zeichentrick-Klassikers Bambi aus dem Jahr 1942 gezeigt: Bambi 2 — Der Herr der Wälder. In den USA ist der Film interessanterweise wohl überhaupt nicht für die Lichtspieltheater vorgesehen, sondern bereits auf DVD erhältlich.

Ob der niedliche Bambi nun ein Rehkitz oder ein Hirschkalb ist, darum entstand zumindest im deutschen Sprachraum einige Verwirrung. In der deutschen Synchronfassung ist Bambi nämlich entsprechend der im Jahr 1923 entstandenen Buchvorlage des Österreichers Felix Salten ein Rehkitz geblieben, sein Vater ist jedoch erstaunlicherweise ein Weißwedelhirsch. Die Erklärung ist einfach: Den Amerikaner ist das europäische Reh unbekannt und so wurde Bambi durch Disney kurzerhand zum Weißwedelhirschkalb umgemünzt — eine Tiergattung, die wiederum in Europa nicht anzutreffen ist.

Nach allem, was ich bislang vom Film sehen konnte, ist die Fortsetzung ein liebevoll dem Geist des 1942er Originals nacheifernder Film geworden. Einer, der erfreulicherweise auf moderne Mätzchen verzichtet, die als allzu viel Lacher erzeugende Gags offenbar ein Muss für die meisten zeitgemäßen Animationsfilme sind. Man hat nichts überhastet, sondern sich für die Produktion immerhin rund vier Jahre Zeit genommen. Dabei hat man versucht, den einzigartigen Look des außergewöhnlichen Vorläuferfilms, eine gekonnte Mischung aus Simplizität und Eleganz, mit den Mitteln modernster Animationstechniken nach und zugleich neu zu schaffen. Infolge ist möglicherweise ein vergleichbar künstlerisches Produkt entstanden, das trotz einer sehr klassisch orientierten Erzählweise vielleicht (gerade) das Zeug besitzt, die nachgewachsenen und zukünftigen Generationen ähnlich zu begeistern wie Bambi.

Inhaltlich handelt es sich nicht um ein übliches Sequel, das als eine direkte Fortsetzung an das Finale des ersten Films oder deutlich später anknüpft. Vielmehr traf das Team um Produzent Jim Ballantine, (Regie: Brian Pimental; Tarzan, 1999) schon früh die Entscheidung, dass die Story von Bambi 2 — Der Herr der Wälder im zeitlichen Rahmen der Originalgeschichte verbleiben sollte — ein gewiss nicht ungeschickter Schachzug, hatte man mit Bambi als Kind doch zwangsläufig besonders günstige Voraussetzungen, an den Charme des Originals anzuknüpfen. Und so steigt der neue Bambi-Film nach dem Tode der Mutter ein und erzählt damit seine Geschichte innerhalb des Szenarios des Ur-Bambis: thematisiert wird, wie der Kleine die Anerkennung seines Vaters, eines strengen Familienpatriarchen alter Schule, schließlich doch erringt. Entsprechend sind auch die altbekannten originellen Nebenfiguren dabei, wie Hase Klopfer, Stinktier Blume und natürlich die Eule.

Bruce Broughton, dessen Disney-Vertonung zu Rescuers Down Under (1990) oder auch das auf einer Promo-CD zugängliche „Cartoon Concerto“ vorzügliche Genre-Referenzen darstellen, hat nun auch Bambis neue Abenteuer mit Musik unterlegt. Leider sind davon auf der CD-Veröffentlichung nur gerade einmal rund neun Minuten zu hören! Spätestens beim Einlegen der CD in den Player dürfte auch der Letzte schockiert sein: Werden doch als Gesamtspielzeit gerade einmal mickrige rund 33 Minuten ausgewiesen. Und das Debakel ist komplett, wenn man sich klar gemacht hat, dass diese CD gerade mal die auch dank des Vortrages von Girlie „Sandy“ — ein fünftel der Castingband „No Angels“ — etwas soapig wirkenden und textlich ein wenig holprig eingedeutschten Songs enthält und als „Bonustracks“ noch rund 10 Minuten Originalstücke aus dem 1942er Bambi bietet.

Schade, schade! Ist doch das im ultraknappen Score-Anteil zu Hörende sehr ansprechend und knüpft dabei sowohl stilistisch als auch thematisch charmant an den Score des 1942er Films an. Wenn man bedenkt, dass es mühelos möglich gewesen wäre, den kompletten Score des Films (Kino-Lauflänge ca. 72 Minuten) auf der CD unterzubringen, ist das Album zu Bambi 2 — Der Herr der Wälder nicht nur eine Enttäuschung, sondern geradezu ein Flop erster Güte. Was man sich bei dieser Albumkonzeption gedacht haben mag, bleibt nicht nur völlig unverständlich, es ist schlichtweg ein Ärgernis. An diesem harschen Urteil vermag auch der etwas geringere Anschaffungspreis nichts zu ändern. Da bleibt vielmehr nur abzuwarten, ob die Macher bei Buena Vista vielleicht mittelfristig doch noch ein Einsehen haben.

Ob Bambi 2 jetzt wenigstens als Film den hier behutsam vergebenen Vorschusslorbeeren gerecht wird oder ob dabei doch nur ein nett-unterhaltsamer Zeichentrickfilm im Retro-Look für Disneyphile herausgekommen ist, der gar um Längen hinter dem „Ur-Bambi“ zurückbleibt, mag nun jeder Interessierte selbst überprüfen.

Komponist*in:
Broughton, Bruce

Erschienen:
2006
Gesamtspielzeit:
32:53 Minuten
Sampler:
EMI (Walt Disney Records)
Kennung:
0946 3 55962 2 9

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