Vom Alexanderplatz zum Broadway

Vom Alexanderplatz zum Broadway
Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
11. Juni 2004
Abgelegt unter:
Special

„Westfalian Pops: Vom Alexanderplatz zum Broadway“

Rund zwei Monate nach dem Konzert-Ereignis „Von Babelsberg bis Hollywood“ gaben sich das Deutsche Filmorchester Babelsberg und sein Chefdirigent, Scott Lawton, im neuen Dortmunder Konzerthaus erneut die Ehre. Dieses Mal in erster Linie auf die Welt der Musicals ausgerichtet; das Programm „Vom Alexanderplatz zum Broadway“ versprach viele bekannte melodische Evergreens und vermochte daher in noch größerem Umfang Publikum anzulocken als beim letzten Mal. Scott Lawton stimmte — am Mittwoch, den 26. Mai 2004, ab 20 Uhr — vor nahezu ausverkauftem Hause mit der schmissigen Ouvertüre zu Gershwins 1924er Erfolgsmusical „Lady Be Good“ die Zuhörer ein. (Dass der späterhin für die Tonfilmmusik so bedeutende Wiener Max Steiner an der Instrumentierung dieses Musicals beteiligt war, ist ein originelles Detail.)

Auch dieses Mal führte Maestro Lawton als Moderator sein Publikum gekonnt durch den Abend. Was mir während der Anspielprobe unmittelbar auffiel, war die in der lockeren Probenatmosphäre besonders „sichtbare“ Spielfreude des Ensembles. Einige Musiker gingen gerade bei den elegant-pfiffigen Gershwin-Ouvertüren richtig „mit“.

Konzeptionell setzte das Programm des Abends Schwerpunkte auf die Werke von Komponisten, für die Berlin („Alexanderplatz“) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine entscheidende Adresse im Verlauf ihrer Karriere gewesen ist, bevor sie, nicht zuletzt aus politischen Gründen, zuerst Deutschland und anschließend Europa den Rücken kehrten („Broadway“). Der im Rahmen eines Musical-Konzerts unverzichtbare George Gershwin passte hier — wenn auch augenzwinkernd durch die Hintertür — ebenfalls hinein, hatte er doch im Verlauf seiner Europareise im Jahr 1928 auch die deutsche Metropole besucht.

Das wiederum rund zweistündige und damit umfangreiche Programm präsentierte aber nicht allein eine Fülle bekannter Melodien mit zum Teil Evergreencharakter, es zeigte auch interessante Querverbindungen zwischen Film und Musical: So bei Fritz Langs Liliom (1934), dessen Stoff auch dem Richard-Rodgers-Musical „Carousel“ als Vorlage diente, sowie zwischen Billy Wilders Film Sunset Boulevard (1950) und Andrew Lloyd Webbers Musical-Version des gleichen Stoffes aus dem Jahr 1993. Die hierzu präsentierten Auszüge aus den Filmmusiken Franz Waxmans gehörten dabei zu den Highlights des Abends für Filmmusik-Kenner und -Genießer. Waxmans farbige Musik zur Himmelfahrt seines Protagonisten in Liliom erklang an diesem Abend übrigens als Weltpremiere. Sie erhält durch die fremdartigen singenden Klänge des damals neuartigen „elektrischen“ Instruments Ondes Martenot quasi überirdischen Charakter. Das Neuartige im Klangkonzept dieses im Orchestralen das Vorbild Richard Strauss nicht verleugnenden Stücks begeisterte den amerikanischen Regisseur James Whale derart, dass sein (nächstes) Filmprojekt Frankensteins Braut (1935) für Waxman zum Startpunkt seiner glanzvollen Hollywoodkarriere wurde. Seine vielschichtig Stimmungen reflektierende und stilistisch aus stark kontrastierendem Material meisterhaft geformte Partitur zu Sunset Boulevard (1950) brachte ihm nicht allein den begehrten Oscar, sie zählt zu den ganz großen Filmvertonungen Hollywoods überhaupt. Hieraus erklang die so manchem Filmmusikfreund dank Charles Gerhardts „Classic Film Score Series“ geläufige, rund 8-minütige Suitenfassung, welche die Babelsberger mit Elan und Effekt zugleich präsentierten, was vergleichbar ebenso für Liliom gilt.

Neben diesen beiden Filmkompositionen bestand der übrige Teil des Abends aus überwiegend sehr bekannten Melodien aus berühmten Musicals und einer Reihe entsprechend bekannter Filmschlager. An dieser und weiteren Stellen des Programms traten dem Orchester die Gesangssolisten Tinie Zacher und Gregor DuBuclet unterstützend zur Seite. Recht originell war hierbei, dass Frau Zacher für ihre Auftritte mehrfach die Garderobe wechselte und damit sowohl das Straßenmädchen Elisa aus „My Fair Lady“ als auch den alternden Stummfilmstar Norma Desmond aus „Sunset Boulevard“ zusätzlich zur stimmlichen Verkörperung auch bildhaft werden ließ. Beide Sänger waren zweifellos mit Engagement bei der Sache, wobei sie (insbesondere Herr DuBuclet) etwas mit der hauseigenen Tontechnik zu kämpfen hatten, welche die Singstimmen gegenüber dem Orchester nicht optimal platzierte. Zwar empfand ich nicht jede Gesangseinlage als gleichermaßen gelungen, aber dabei spielt halt auch der individuelle Geschmack eine besonders entscheidende Rolle. Hervorheben möchte ich das recht sympathische Zusammenwirken der beiden Sänger bei den Einlagen aus „My Fair Lady“, und DuBuclet gefiel mir anschließend besonders im bewusst wortunverständlich vorgetragenen (allein aus russischen Komponistennamen bestehenden!) Lied „Tschaikowsky“ aus Kurt Weills „Lady in the Dark“.

Die durchweg mit Esprit dargebotene Fülle melodischer Evergreens in oftmals pfiffigen Arrangements — in „Lady Be Good“, „Show Boat“ und natürlich „Mary Poppins“ — lockte das Publikum regelmäßig dankbar applaudierend aus der Reserve. Daran konnten auch die eher Unverbindlichkeit und dezente Blässe ausstrahlenden beiden Lloyd-Webber-Songs aus „Sunset Boulevard“ nichts ändern. Sehr ansprechend und mit entsprechendem Pep gespielt wurde ebenso die Ouvertüre zu Gershwins politischer Operette „Of Thee I Sing“, in der es um den unfähigen Präsidentschaftskandidaten John P. Wintergreen geht. Infolge der in den USA anstehenden Präsidentschaftswahlen wirkte der Zeitbezug besonders aktuell und originell zugleich. Dank Scott Lawtons Hinweis war der besondere Witz der in der Ouvertüre x-fach zitierten thematischen Phrase „Wintergreen for President!“ unmittelbar nachvollziehbar und wurde während der Darbietung auch von so manchem im Saale dezent nickend und schmunzelnd registriert und anschließend mit entsprechendem Beifall quittiert. Auch die in Form eines orchestralen Medleys präsentierten Film-Songs „Gershwin in Hollywood“ belegten, obwohl aus weniger geläufigen Themen bestehend, das große Talent ihres Schöpfers.

Auch der berühmte Judy-Garland-Song „Somewhere over the Rainbow“ aus dem Filmmusical The Wizard of Oz (1939) erhielt ordentlichen Applaus. Hier wäre m. E. aber doch noch eine Portion mehr Publikumsbegeisterung drin gewesen, hätte man nicht ein sich überzogen gewichtig gebendes Orchesterarrangement zugrunde gelegt. Eines, das sich durch ein zuviel an variationstechnischen Spielereien vom unverwechselbar liedhaften Charme des Originals unnötig weit entfernte, es der herrlichen charmanten Melodie einfach nicht gestattete, sich frei und unverblümt zu entfalten.

Unterm Strich hat das temperamentvoll und präzise agierende Filmorchester Babelsberg unter Scott Lawton auch an diesem Mai-Abend voll überzeugt. Ein Eindruck, der sich auch beim Publikum eingestellt haben musste, denn es reagierte abschließend mit besonders anhaltendem, begeistertem Applaus. Damit dürften wohl grundsätzlich die Voraussetzungen zu einem weiteren klingenden Meeting von Berlin-Babelsberg im westfälischen Dortmund erfüllt sein, oder?

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