Pearl Harbor

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
20. Juni 2001
Abgelegt unter:
CD

Score

(2/6)

Ich las und staunte: In der Presse-Info zur Filmmusik-CD wird Pearl Harbor als „Liebesfilm“ bezeichnet. Nun, wie auch immer, die Filmmusik präsentiert sich ähnlich blass wie der Film. Ich habe nach eingehendem Hören ein wenig den Eindruck gewonnen, dass Hans Zimmer hier nicht gerade mit Elan und Überzeugung bei der Sache gewesen ist – im Gegensatz zu seiner erheblich eindrucksvolleren Musikbegleitung zu Terrence Malicks The Thin Red Line • Der schmale Grat (1998).

Das x-fach wiederholte Love Theme hat einfach keinen Biss. Es ist vielmehr ein fades, sehr banales Piano-Thema, das sich dazu nicht gut einprägt und keinesfalls als melodischer Wurf bezeichnet werden kann. Der weitgehend ruhige Score wird von Streichern, Klavier und auch Hozbläsersoli dominiert. Die Musik ist stilistisch nahe bei Rachel Portman, John Barry und Georges Delerue angesiedelt.

In Sachen Patriotismus hält sich die gut geschnittene CD recht angenehm zurück. (Wobei es im Film ein sehr Gladiator-nahes, recht penetrant wirkendes Action-Stück gibt, das auf der CD nicht enthalten ist.) In „Attack“ werden nur kurzzeitig die gewohnten Action-Rhythmen geboten. Dass die Japaner im Spiel sind, sollen recht blasse exotisch klingende Einwürfe (Flöte und Percussion) suggerieren. Eine elegische Orchester-Passage mit Chor schließt sich an. In „War“ geht es dann (in Maßen) ein Stück patriotischer zu, wenn relativ dezente für Zimmer typische Percussions und Posaunen hinzutreten. In den Streicher-Passagen steht die Musik Samuel Barbers „Adagio für Streicher“ sehr nahe. Teilweise ist eine gewisse Nähe zu Der schmale Grat spürbar, jedoch ohne die Dichte dieser ambitionierten Komposition auch nur annähernd zu erreichen. Das Streicher-Requiem in „December 7th“ wird von einem Motiv beherrscht, das dem gregorianischen „Dies Irae“ zumindest verwandt ist.

Besonders bei mehrmaligem Hören offenbart die Komposition aber deutlich ihre schlichte Machart. Orientiert sind die Chor-Einlagen, sowohl im großen Abschied der Liebenden – „I Will Come Back“ – als auch in anderen Abschnitten der Klang-Schöpfung, entweder an Morricone (z. B. The Mission) oder klassischen Vorbildern. Diverse Vocalisen – unter anderem in „Heart of a Volunteer“ – erinnern ebenfalls überdeutlich an den italienischen Maestro. Es mangelt der Partitur an Einfallsreichtum und Eleganz. Packende dramatische Akzente fehlen ebenso: vielmehr plätschert die Musik weitgehend gleichförmig dahin. Das klingende Ganze gehört eher der mittlerweile zur Genüge bekannten Gattung „Stil-Kopie“ an. Auch wenn der Vergleich etwas hinkt: wer die pseudo-japanischen Sounds zu Beginn von „Attack“ (und die Musik überhaupt) mit Tora! Tora! Tora! von Goldsmith vergleicht, spürt geradezu eklatant die unterschiedlichen Gewichtsklassen beider Film-Musiken.

Positiv anzumerken bleibt, dass dieses Mal das Synthetische erfreulich wenig spürbar und nicht so vordergründig ist wie in manchen anderen Zimmer-Scores. Der im Film-Abspann präsentierte Lovesong „There You’ll Be“ – komponiert von Diane Warren, interpretiert von Faith Hill – leitet die CD ein. Es ist ein einigermaßen passabler „Fremdkörper“, der allerdings dem deutlich stimmigeren Titanic-Love-Song nicht das Wasser reichen kann.

Unterm Strich bewegt sich Hans Zimmers Score zu Pearl Harbor ausschließlich auf ausgetretenen Pfaden und lässt daher Engagement vermissen. Die Komposition ist zwar anhörbar, wirkt aber speziell bei mehrmaligem Hören recht gleichförmig und einfallsarm: es handelt sich überwiegend um ein Déjà-vu-Erlebnis. Hier hat z. B. Gladiator doch mehr zu bieten; zeigt im Vergleich deutlich mehr Konzeption und trotz Schwächen auch einige nette Einfälle. Insofern handelt es sich bei Pearl Harbor wohl kaum um eine inspiriert zu nennende Filmmusik und erst recht nicht um eine Weiterentwicklung der Tonsprache Hans Zimmers. Interessierte erhalten mit den rund 43-Minuten Score-Anteil auf der CD die Filmmusik substantiell vollständig.

Dieser Artikel ist Teil unseres Pearl-Harbor-Specials.

Komponist*in:
Zimmer, Hans

Gesamtspielzeit:
46:24 Minuten
Sampler:
WEA
Kennung:
936 248 113 - 2

Weitere interessante Beiträge:

Schubert: Sinfonie 8 (Große C-Dur)

Schubert: Sinfonie 8 (Große C-Dur)

Vienna

Vienna

Albert Roussel: Complete Symphonies

Albert Roussel: Complete Symphonies

Sinfonie Nr. 6/Suite Nr. 2 – „In ungarischer Weise“

Sinfonie Nr. 6/Suite Nr. 2 – „In ungarischer Weise“