Our Mother’s House/The 25th Hour

CD Cover: Our Mother´s House
Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
29. Mai 2004
Abgelegt unter:
CD

Score

(4/6)

Our Mother’s House/The 25th Hour

Eine Premiere: Filmmusik von Georges Delerue (1925-1992) auf FSM. Das Album vereint die beiden Scores zu zwei europäischen Filmproduktionen, die seinerzeit bei MGM-Records auf LP erschienen sind. Der Käufer erhält ein sehr schönes und zugleich auch sehr aufschlussreiches Album, das Qualitäten, aber auch Grenzen des bekannten und beliebten französischen Komponisten exemplarisch aufzeigt.

Our Mother’s House • Jede Nacht um neun (1967) ist ein etwas merkwürdiger britischer Film, der auf einem Roman von Julian Gloag fußt. Es geht um sieben Kinder, die sich in einem alten Londoner Haus um ihre kranke Mutter kümmern. Als diese stirbt, versuchen sie den Tod zu verheimlichen, was sich als nicht einfach erweist. Um die jüngeren Geschwister bei der Stange zu halten, kommt eine der Älteren, Diana, auf eine kuriose Idee: Jede Nacht um neun veranstaltet sie eine Art von Séance, um Mutters „Willen“ aus dem Jenseits zu verkünden. Die Situation spitzt sich dramatisch zu, als Charlie, der eher haltlose und unzuverlässige Vater der Kinder (gespielt von Dirk Bogarde), zurückkehrt und ein dunkles Geheimnis lüftet.

Regisseur Jack Claytons Film ist romantisch und unheimlich zugleich. Er tendiert in seiner Machart ein wenig zu Henry James Novelle „The Turn of the Screw“ und zu Claytons Adaption derselben in The Innocents • Schloss des Schreckens (1961).

Die unheimlichen und drohenden Untertöne der Spielhandlung werden von der Musik nur gelegentlich in Form von Melancholie im Ausdruck gespiegelt. Georges Delerue komponierte für Our Mother’s House einen seiner im wahrsten Wortsinn schönsten Scores. Das kinderliedhaft-sinnliche Hauptthema gehört zweifellos zu seinen gelungensten und zugleich typischsten Schöpfungen. Es handelt sich um eine an ein Kinderlied erinnernde, leicht melancholische, sehr eingängige Melodie, die oftmals in typischer Delerue-Manier erklingt: für Holzbläsersoli über Streicherteppich. Ein zweites Thema, das zuerst vom Klavier vorgestellt wird, steht stilistisch der Wiener Klassik besonders nahe und verleiht der Musik passagenweise einen merklichen Mozart-Touch. Die rund 30 Minuten Musik werden in erster Linie mit diesen beiden Themen gestaltet. Was bei Georges Delerue bedeutet, dass die Themen grundsätzlich in sehr einfacher Weise variiert — oftmals nur in leicht veränderter Instrumentierung — wiederholt erklingen. (Das jazzige Klarinettenthema für den windigen Vater spielt hingegen eine absolute Nebenrolle.)

Die oftmals inspirierten, allerdings immer einfach strukturierten Themen des Maestros besitzen einige Ohrwurmqualitäten. Darin liegt zugleich das Geheimnis des Erfolgs, aber auch die Krux in Delerues Musik. Auf der einen Seite ist da die hohe Hörqualität und leichte Einprägsamkeit der schönen, oftmals unvergesslichen Melodien, dem auf der anderen Seite eine — infolge der relativ simplen Gestaltungsweise — gewisse Tendenz zur Ermüdung und Monotonie gegenübersteht. Eher schwach waren seine Fähigkeiten, das musikalische Material dramatisch zu gestalten.

Die Musik zu Our Mother’s House bleibt mit ihren beiden schönen Themen von den genannten Einschränkungen weitgehend verschont, zählt zu den im Verhältnis vielseitigen Schöpfungen des Komponisten. Hier verschafft er der Musik beispielsweise durch häufiges Changieren zwischen Dur und Moll eine gewisse Bandbreite im emotionalen Ausdruck und damit auch verstärkt Abwechslung.

Delerues Musik zu Our Mother’s House diente übrigens als Temp-Track für Steven Spielbergs Film The Color Purple (1985), und Quincy Jones hat sich in seinem Hauptthema dem Vorbild hörbar stark angenähert.

In Regisseur Henri Verneuils The 25th Hour (Originaltitel: 25ieme Heure) • Die 25. Stunde (1967) geht es um den tragikomischen und wechselvollen Irrweg eines von Anthony Quinn verkörperten unpolitischen rumänischen Bauern im Zweiten Weltkrieg. Dieser Johann Moritz wird zuerst als Jude denunziert, dann durch einen Irrtum zum arischen Vorzeige-SS-Mann und schließlich zum Angeklagten im Nürnberger Kriegsverbrechertribunal.

Delerues Musik verfügt über ein gutes Thema für Cimbalom (ein Hackbrett), das der Hauptfigur zugeordnet ist. Der im Score häufig eingesetzte vokalisierende Männerchor wirkt liturgisch streng und soll den Leidensweg von Johann Moritz versinnbildlichen. Allerdings ist hier gerade in den fortwährend nahezu unverändert wiederholten Chorpassagen (trotz der Kürze des gesamten Scores) Monotonie und damit die Blässe in der dramatischen Gestaltung unüberhörbar. Die Dramatik beschränkt sich überhaupt auf unheilsschwangere flächige Streicherfiguren und gelegentliche kurze dissonante Klangeffekte — manche Delerue-Musik kommt gar in Action-Passagen und Spannungsmomenten über endloses Gegrummel in den Streichern praktisch nicht hinaus. Nicht gerade umwerfend einfallsreich, jedoch passabel sind die primitiv-martialischen Rhythmen für die einrückenden Nazi-Truppen. Und für ein gewisses Maß an Abwechslung sorgen neben dem (hier allerdings nur geringfügig) variierten Hauptthema, Einschübe osteuropäischer Folklore für den rumänischen Schauplatz und die sowjetischen Befreier. Ebenfalls auf die Habenseite gehört ein für eine Sequenz in Budapest komponierter üppiger Walzer, der eine gehörige Portion k. u. k. Charme verbreitet, indem er auf den symbolischen Glanz „besserer“ Zeiten abzielt.

Unterm Strich ist die vorliegende CD (wie bereits erwähnt) eine sehr willkommene Bereicherung des Delerue-Repertoires. Musikalisch ist Our Mother’s House bei 3,5 bis 4 Sternen und The 25th Hour bei „noch“ 3 Sternen anzusiedeln. Als Albumwertung halte ich 4 Sterne für angemessen. Klangtechnisch gibt es nichts Gravierendes zu bemängeln. Die aus in Europa eingespielten Filmmusik-Mastern zusammengestellten LP-Alben-Bänder klingen sauber; sie erreichen allerdings in beiden Fällen nicht die hohe akustische Qualität der mittlerweile aus dem amerikanischen MGM-Archiv zutage geförderten klingenden Schätze. Besonders der etwas verhangene „Weichzeichner“-Sound von Our Mother’s House erinnerte mich an die alte LP — erfreulicherweise ohne die diversen Nebengeräusche.

Gewohnt informativ und ebenso sorgfältig mit Bildmaterial versehen präsentiert sich das Booklet. Dieses wartet nicht allein (auf Vorder- und Rückseite) mit den Abbildungen der alten LP-Cover auf; neben eingehenderen Infos zu den beiden Musiken sind auch die jeweiligen originalen Liner Notes der alten LPs vorhanden.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zu Pfingsten 2004.

Komponist*in:
Delerue, Georges

Erschienen:
2003
Gesamtspielzeit:
58:49 Minuten
Sampler:
FSM
Kennung:
Vol. 6 No. 10

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