Needful Things

Geschrieben von:
Marko Ikonić
Veröffentlicht am:
25. Mai 2000
Abgelegt unter:
CD

Score

(5.5/6)

„Ein unglaublich langweiliger Film“ nach einer von Stephen Kings „lesser novels“. So oder ähnlich lautet ein Großteil der vermeintlich fachmännischen Kommentare über Fraser C. Hestons Thriller In einer kleinen Stadt. Ich sage dazu nur: Alles Quatsch! Das Buch selbst ist schon hervorragend, und Charlton Hestons Sohn Fraser Clarke hat das darauf basierende Skript, das übrigens die undankbare Aufgabe, Kings umfangreichen Roman auf Spielfilmlänge zu kürzen, bravourös meistert, in einen wirklich überzeugenden Film verwandelt. Schon kann man die ewigen Nörgler hören: „Aber es fehlen sooo viele Charaktere, der Film endet anders als das Buch und Filme nach Büchern sind sowieso immer eine Katastrophe!“ Und wieder sage ich: Humbug! Wir haben es hier mit einer durchaus interessanten Interpretation des King-Stoffes zu tun. Die schauspielerischen Leistungen sind überdurchschnittlich – Max von Sydow hat hier nicht einen seiner „schwächsten Auftritte“, sondern vermag in der Rolle des teuflischen Leland Gaunt, Inhaber des etwas anderen Ladens „Needful Things“, sogar zu glänzen. Nach außen ein reizender Gentleman der alten Schule, in Wirklichkeit aber die Verkörperung des absolut Bösen. Es ist ein Genuss, zuzusehen, welch perverses, in gewisser Weise sexuelles Vergnügen es ihm bereitet, mit wenigen Worten und scheinbar harmlosen Gegenständen solch gewaltiges Unheil anzurichten. Alles, ohne sich die Hände schmutzig machen zu müssen („Ich arbeite nicht mit Wundern“). Der wahre Teufel eben. Aber auch Ed Harris, J.T. Walsh (möge er in Frieden ruhen) und Amanda Plummer verkörpern ihre Charaktere mehr als überzeugend.

Eine Kurzzusammenfassung der Handlung: Castle Rock, ein verschlafenes Nest an der Küste New Englands. Jeder lebt sein beschränktes Alltagsleben mit all den kleinen Problemen, die bisweilen auftauchen. Doch die Ankunft eines charmanten Antiquitätenhändlers aus Akron, Ohio – Leland Gaunt – verändert alles. Sein Geschäft „Needful Things“ ist bald ein häufig besuchter Ort, er selbst ein gern gesehener Bewohner der Stadt. Seine Art, Geschäfte zu machen, ist einmalig: Biete jedem das an, was er sich schon immer gewünscht hat; ein Objekt, dem der Käufer nicht widerstehen kann. Der Preis ist erstaunlich niedrig, zumindest was das Bargeld angeht. Als zweite Hälfte der Bezahlung muss der Kunde nämlich stets einen kleinen „Dienst“ für Gaunt leisten – ein „harmloser Streich“. Im Laufe der Zeit wird klar, dass Gaunt nicht der nette, intelligente alte Mann ist, der er zu sein scheint. Es ist der Teufel höchstpersönlich, der die Stadt auslöschen will, indem er die Einwohner gegeneinander aufhetzt und sie so zu schrecklichen Gewalttaten bringt. In Castle Rock jedoch kann er sein dämonisches Werk nicht vollenden, es bleibt bei „mickrigen“ 7 Toten (samt Gaunts geistesgestörtem Handlanger Danforth „Buster“ Keeton und Nettie Cobbs Rottweiler Raider) und vielen Verletzten.

Als Draufgabe zu alledem bekommen wir Patrick Doyle in Reinkultur. TV-Movie bezeichnete Doyles Score einst als „pompös“, und, bei aller filmmusikalischen Inkompetenz dieser und aller anderen Fernsehzeitschriften, trifft diese Bezeichnung doch den Nagel auf den Kopf. Pompös, mächtig, üppig auf der einen Seite – subtil, dezent und unterschwellig auf der anderen. Wie das Böse selbst, das sich ja bekanntlich auf verschiedene Arten äußern kann. Man stelle sich die rasante Kamerafahrt über das herbstlich-rauhe Neuengland zu Beginn des Films ohne Musik vor; was bliebe übrig? Imposante, aber leere Naturaufnahmen. Ähnlich wie bei Stanley Kubricks The Shining legt die Titelsequenz („The Arrival“) auch hier musikalisch die Grundstimmung fest und lässt keinen Zweifel darüber bestehen, dass dem Städtchen Castle Rock bestimmt nichts Gutes bevorsteht. Ein Doyle-typisches Feuerwerk von aggressiven Streichern und opulentem Blech verkündet die Ankunft des Teufels. Nicht zu vergessen der aus ausgewählten Sängern bestehende Chor, der uns – wie sollte es anders sein – mit lateinischen Wortkombinationen verwöhnt. Apropos Shining-Vorspann: Auch Needful Things verzichtet nicht auf das allseits beliebte „Dies Irae“-Motiv. Die ersten 25 Sekunden von Track 15 („The Devil’s Here“) sind für Doyles Version reserviert. Außer diesen beiden Aspekten haben die 2 Partituren jedoch nichts miteinander gemein.

Wie schon gesagt deckt der Score ein breites Spektrum ab. Von elegischen Passagen bis zu knackiger Action ist alles zu haben, jedoch immer auf hohem Niveau. Schön ist neben den zahlreichen Variationen der etablierten Themen auch der häufige Einsatz des Chors als „Emotionsverstärker“, der die Intensität einer Szene mächtig steigern kann. Patrick Doyle überzeugt hier vor allem durch sein Talent, nie oder nur ganz selten das Gefühl für Melodik zu verlieren. Die Needful Things-Partitur gleitet nie völlig ins Atonale, rein Atmosphärische ab. Man hört kaum eine Stelle, an der nicht eines der Themen oder irgendein Motiv am Werk ist. Diese Art des Scoring lässt nur sehr wenig Spielraum für Langeweile, ist aber, wie man vielleicht vermuten könnte, auch nicht zu aufdringlich.

Der Aufnahmestandort London ermöglichte die für Varèse beachtliche Spielzeit von gut einer Stunde, wobei meiner Ansicht nach so ziemlich alle wichtigen Cues enthalten sind. Verzichtet wurde lediglich auf verschiedene sehr kurze Überleitungsstücke, die ohnehin nur die bekannten und auf der CD ausführlichst repräsentierten Themen wiederholen. Track 8 jedoch bleibt selbst nach mehrmaligem Studium des Films ein Mysterium. Entweder hat der Rezensent Tomaten auf den Ohren, oder diese Musik kommt so nicht im Film vor. Da wurde wohl nachträglich Doyles Score verdreht bzw. gegen einen Teil von „Ave Maria“ und einen bekannten Walzer ersetzt, dessen Name mir leider nicht einfällt. Diese Änderung könnte natürlich auch mit der weiter unten erwähnten Langfassung zu tun haben. Die 2 Source-Tracks, Schuberts „Ave Maria“ und Griegs berühmte „Hall Of The Mountain King“-Sequenz aus „Peer Gynt“, spielen im Film eine entscheidende Rolle und sind daher auch auf dem Album keineswegs fehl am Platz. Im US-Fernsehen wurde vor einigen Jahren ein Director’s Cut mit ungefähr einer Stunde zusätzlichem Material gesendet, und ich kann mir nicht vorstellen, dass Doyle eine angebliche Autoverfolgungsjagd zwischen Mr. Gaunt und Sheriff Pangborn unvertont ließ. Also, wahrscheinlich liegt hier doch nur ein Bruchteil der gesamten Komposition vor, aber was will man mehr als 60 Minuten, die einen von Anfang bis Ende fesseln?

Komponist*in:
Doyle, Patrick

Erschienen:
1993
Gesamtspielzeit:
60:19 Minuten
Sampler:
Varèse Sarabande
Kennung:
VSD-5438

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