Leb wohl, meine Königin! (Blu-ray)

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
15. Dezember 2012
Abgelegt unter:
Blu-Ray

Film

(3.5/6)

Bild

(5/6)

Ton

(5/6)

Extras

(4/6)

Les adieux à la reine • Leb wohl, meine Königin! von Regisseur Benoît Jacquot war der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale und wirft einen Blick auf den Beginn der französischen Revolution. Der Film nach dem gleichnamigen Roman von Chantal Thomas begleitet seine Protagonistin, eine Bedienstete, über vier Tage im Juli des schicksalhaften Jahres 1789. Der Schauplatz: Das Zentrum der französischen Macht, der Hof von Versailles.

Im Fokus der Handlung stehen die Königin Marie Antoinette (Diane Kruger) und ihre Vorleserin Sidonie Laborde (Léa Seydoux). Sidonie fühlt sich erotisch stark zur Königin hingezogen. Diese jedoch hat ihrerseits bereits ein erahnbar inniges Verhältnis mit der Gräfin Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen). Sidonie ist für die oberflächliche Königin, die sich in einer eher scheinheiligen Geste um ihre Mückenstiche kümmert, letztlich doch nur Mittel zum Zweck dafür, am Ende des Films der Gräfin nebst Gemahl die Flucht in die Schweiz zu ermöglichen. Die für Ihre Königin opferbereite Sidonie erklärt sich schließlich dazu bereit, in das Kostüm der Gräfin zu schlüpfen und steigt als Köder für den Mob in die Kutsche der ihrerseits als Bedienstete verkleideten Polignacs. Bis es dazu kommt, erlebt der Zuschauer den Lauf der Dinge aus Sidonies subjektiver Sicht. Anhand kursierender Gerüchte erfährt diese vom Sturm auf die Bastille und den Forderungen der Bürgerschaft an den König. Aus ihren bei den alltäglichen Verrichtungen im Palast und dem Schlosspark getätigten Gesprächen und Beobachtungen entsteht dabei ein zwar unvollständiges, aber zunehmend bedrohlicher erscheinendes Bild von dem, was kommen wird. Sidonie wird dabei nicht nur Zeugin grotesker Szenen, etwa wenn die Königin ihre Bediensteten anweist, die edlen Steine aus den Geschmeiden herauszubrechen, da man diese auf einer Flucht leichter mitführen könne. Die Vorleserin erlebt auch die aufsteigende Panik, als von einer Liste des Bürgerkomitees gesprochen wird, auf der 286 Köpfe verzeichnet sind, die abgeschlagen werden sollen. In der Folge beobachtet sie auch erste nächtliche Fluchtaktionen des (seit Ludwig XIV.) am Hofe von Versailles unter der direkten Aufsicht des Königs stehenden Adels.

Benoît Jacquot wurde 1947 in Paris geboren. Fritz Langs Moonfleet • Das Schloss im Schatten (1955) beeindruckte ihn bereits im zarten Alter von acht Jahren derart, dass er beschloss, Regisseur zu werden. Die seit 1975 entstandenen Dokumentar- und Spielfilme zeigen ihn als Kind der Nouvelle Vague. Entsprechend ist der Regisseur auch in seinem jüngsten Leinwandopus trotz einiger relativ opulent inszenierter Szenen darauf bedacht, es nachdrücklich zu vermeiden, dass beim Betrachter der Eindruck eines hochglanzlackierten, eher traditionellen Kostümepos’ entsteht. Dafür stehen den kurzen Teilen, in denen ein wenig von der verschwenderischen Pracht des Ancien Régime sichtbar wird, nicht nur zu viel Tristesse, Schmutz und auch Ungeziefer in den kargen, eher heruntergekommen wirkenden Räumlichkeiten des Personals gegenüber. Auch die meisten übrigen Szenen in den Unterkünften des Adels und der Herrscherfamilie spielen in nächtlichem Dunkel, beschränken sich meist auf Flure und lange Gänge, die nur in stark gedämpftes Licht getaucht sind, was eventueller Entfaltung von Luxus von vornherein entgegenwirkt.

Leb wohl, meine Königin! hinterlässt trotz des gewollten Blicks „von unten“ auf die Ereignisse, trotz lüsterner Pfaffen und ebenso bereitwillig das erotische Abenteuer suchender Dienerschaft, die es ihrer adligen Herrschaft nachmacht, unterm Strich einen doch etwas blassen und zudem spröden Eindruck. Dabei wird das Geschehen über die rund 100 Filmminuten von einer beachtlichen Darstellerriege getragen und besitzt schon einige interessante Momente, sowohl visuell als auch versehen mit guten Dialogen. So ist z. B. die Begegnung zwischen Königin und König (Xavier Beauvois als Ludwig XVI.), bevor dieser Versailles verlässt, um mit dem Bürgerkomitee in Paris zu sprechen, gut inszeniert. Der die Gewalt verachtende, im Gegensatz zu Teilen des sich bereits absetzenden Adels ruhig und verantwortungsbewusst handelnde Monarch sieht das Kommende eher pessimistisch, bezeichnet das Volk als eine explosive Angelegenheit. Er spricht zudem von der Macht als Fluch, den man ohne es zu wollen erbe, einem Fluch, der sich geschickt unter einem Hermelinmantel verberge. Soweit so gut. Aber dies und ein paar weitere vergleichbar gelungene Momente reichen allein noch nicht für einen herausragenden Film.

Die Presse hingegen geriet zu Jaquots Film teilweise geradezu ins Schwärmen, attestierte etwa „erstaunliche Aktualität“ und „frappante Ähnlichkeit“ mit dem Untergang des libyschen Regimes. Das erscheint mir denn doch ähnlich (über-)konstruiert, wie die Äußerung des Berlinale-Präsidenten, Dieter Kosslick, der hierzu gar mit seiner Feststellung die Richtung gewiesen haben dürfte: Der Film atme denselben Geist wie die „Arabellionen“.

Allerdings, derart ungewöhnlich oder gar neuartig ist das hier Gezeigte ja nun schon lange nicht mehr. Das gilt für den Blick „von unten“ auf die Ereignisse. Entsprechend aber auch dafür, dass das Verhalten von historischen Figuren dem in heutigen Vorfällen Beobachteten in vielem ähnelt. Dass, wenn es nach Revolution riecht, Panik ausbricht, die Ratten das sinkende Schiff verlassen, ist eh hinlänglich geläufig. Das zeigt bereits das klassische Kino. Wirklich neuartig (und lt. Making-of durch neuere Forschungen belegt) ist einzig die Darstellung lesbischer Neigungen der Königin Marie Antoinette. Trotz seiner sorgfältigen Ausstattung und dem an Originalschauplätzen erfolgten Dreh fehlt dem Film jedoch schlichtweg das emotional Packende, das etwa Robert Redfords annähernd zeitgleich erfolgten, so gelungenen Ausflug in die Geschichte, Die Lincoln Verschwörung, oder auch Alejandro Amenábars brillante allegorische Studie Agora — Die Säulen des Himmels (2010) in beträchtlichem Maße auszeichnet.

Leb wohl, meine Königin! auf Blu-ray

Der Scope-Bildtransfer ist insgesamt sehr solide, allerdings nicht perfekt. Die gut ausgeleuchteten Szenen schneiden gut bis sehr gut ab. Gute Schärfe, ein ausgewogenes Kontrastverhältnis, saubere Farbwiedergabe und ein guter Schwarzwert gehen hier Hand in Hand. Lichtschwache Szenen zeigen hingegen in Teilen grau flackernde Artefakte. Das ist jedoch etwas, was nicht „state oft the art“ ist, sich mittlerweile vermeiden lässt und sorgt in der Bildbewertung für dezente Abstriche. Ansonsten gibt es wenig zu bemängeln. Nur einzelne, kurze Einstellungen erscheinen etwas softer und weniger detailliert. Der Ton ist tadellos. Er agiert freilich eher zurückhaltend atmosphärisch, der kammerspielartigen Atmosphäre angemessen.

Als Bonus ist neben dem Scope-Trailer ein passables, sich allerdings auch recht hollywoodtypisch gebendes, nämlich teilweise recht promomäßiges Making-of (von rund 20 Minuten) vertreten.

Fazit: Der Beginn der französischen Revolution aus dem Blickwinkel der Vorleserin der Königin Marie Antoinette. Diesen zeigt Benoît Jacquots Film, ohne dabei freilich das Zeug zum Paukenschlag zu besitzen. Leb wohl, meine Königin! gibt sich recht dokumentarisch und ist erheblich kühler inszeniert als etwa Sofia Coppolas Marie Antoinette (2006). Unterm Strich resultiert eine zwar nicht schlechte, aber kaum als revolutionär im Sinne von neuartig und ebensowenig im politischen Sinne als aktuell zu bezeichnende Produktion. Während die beginnende französische Revolution eher nur den Rahmen liefert, steht im Zentrum der Handlung das sich überwiegend in nächtlich dunklen Szenen abspielende, unterschwellig lesbische Psychodrama zwischen Königin und Dienerin. Das Resultat ist eine letztlich eher etwas unbeholfen und trocken wirkende Studie, die vielleicht geeignet fürs Frauenkino sein mag, aber kaum als ein in besonderem Maße beeindruckender Blick auf die Geschichte taugt.

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema „Blu-ray-Disc versus DVD“.

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zum Jahresausklang 2012.

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Regisseur*in:
Jacquot, Benoît

Erschienen:
2012
Vertrieb:
capelight pictures
Kennung:
Best.-Nr. 6413852
Zusatzinformationen:
F, E 2012

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