Hollywood in Vienna 2009: A Tribute to John Barry

Geschrieben von:
Marko Ikonić
Veröffentlicht am:
27. Februar 2010
Abgelegt unter:
Special

Bereits zum zweiten Mal wehte Mitte Oktober 2009 ein Hauch von Hollywood durch das altehrwürdige Wiener Konzerthaus.

Bei der ersten Filmmusik-Gala „Hollywood in Vienna“ im November 2007 stand anlässlich des 50. Todestages Erich Wolfgang Korngold im Mittelpunkt. Der große Hollywood-Klangmagier mit Wiener Wurzeln war mit einem erlesenen Konzertprogramm gefeiert worden, dessen eine Hälfte aus einem Streifzug durch sein Oeuvre und die andere aus neueren, „im Geiste Korngolds“ komponierten, Filmmusiken bestand. Der frühere Leiter der Hollywood Bowl und Filmmusik-Spezialist par excellence, John Mauceri, sorgte damals mit dem superb disponierten ORF-Radio-Symphonie-Orchester Wien (kurz: RSO Wien) für einen unvergesslichen Abend.

3704Die zweite Ausgabe der von Dr. Sandra Tomek (Foto) mit enormem Elan und Liebe zum Detail organisierten Konzertreihe trug den Titel „A Tribute to John Barry“. Das ursprüngliche Konzept ist etwas abgeändert worden. Gedacht war, in zweijährlichen Konzerten jeweils einen aus Österreich stammenden Golden-Age-Komponisten zu würdigen, indem dessen Einflüsse auf nachfolgende Komponistengenerationen aufgezeigt werden. Stattdessen soll unter dem neuen, dynamischen musikalischen Leiter John Axelrod ab sofort jährlich einfach „The Best of Film Music“ (so auch der Name von Tomeks Firma) aus allen Jahrzehnten geboten werden. Zugleich wird jeweils ein bedeutender Filmkomponist der Gegenwart mit dem neu ins Leben gerufenen „Max Steiner Life Achievement Award“ geehrt. Doch sollen nicht nur die großen Klänge aus der Traumfabrik herüberwehen; Tomek und ihr Team haben sich auch auf die Fahnen geschrieben, deren Macher und weitere international erfolgreiche Filmschaffende für einige Tage in die Welthauptstadt der Musik zu locken. So soll ein Austausch mit der österreichischen Film- und Musik-Szene — zumal mit dem talentierten Nachwuchs — angeregt werden. Dass der Veranstaltung dadurch zwangsläufig auch eine kräftige Portion Glanz und Glamour verliehen wird, ist ein begrüßenswerter, da sichtlich publikumswirksamer Nebeneffekt.

Am Wochenende vor dem ausverkauften Konzert wurde der Albtraum eines jeden Veranstalters wahr: Die Hauptattraktion des Abends kam abhanden, John Barry musste aufgrund einer plötzlichen schweren Erkrankung seiner Frau Laurie absagen. Es ist kein Geheimnis, dass der Altmeister selbst gesundheitlich angeschlagen ist und öffentliche Auftritte heute praktisch komplett meidet. Mancher verärgerte Fan hat die Vermutung geäußert, Barrys Absage habe von vornherein festgestanden und die Krankheit der Frau sei nur vorgeschoben worden. Dies muss ich unter Berufung auf Informationen aus erster Hand entschieden zurückweisen. Den enttäuschten Barry-Anhängern sei Folgendes versichert: Der Komponist wäre in diesem würdigen Rahmen unheimlich gerne aufgetreten und war untröstlich, dass die äußeren Umstände es nicht zuließen.

3705Der Ehrengast und damit in gewisser Weise das Zugpferd war nicht da, das lässt sich nicht leugnen. Für mich persönlich machte das keinen großen Unterschied, konnte man sich doch an dem ohnehin üppig bemessenen Abendprogramm mit allgemeinem und Barry-Konzertteil sowie gleich zwei Preisverleihungen (an Barry sowie den Gewinner des Wiener Filmmusik-Preises für Nachwuchs-KomponistInnen) schadlos halten. Der filmmusikalische „Star-Faktor“ war dank der Anwesenden — und teils aktiv am Geschehen Beteiligten — Nicholas Dodd, Bruce Broughton, David Arnold und Harald Kloser dennoch sehr hoch. Einige Tage davor fand außerdem ein von Dr. Tomek und Prof. Gerold Gruber auf die Beine gestelltes zweitägiges Filmmusik-Symposium an der Musik-Uni statt. Dort hatte man bei freiem Eintritt Gelegenheit, die oben Genannten und dazu etliche heimische Musikgrößen und unzählige weitere, beruflich mit Film und/oder Musik befasste Redner bei Einzelvorträgen, Diskussionsrunden und Workshops hautnah zu erleben. Bei einem derart hervorragenden Gesamtpaket lässt sich das Fernbleiben des Haupt-Stargastes m. E. relativ leicht verschmerzen.

Was das Gala-Konzert selbst angeht, möchte ich gleich eines vorausschicken: Wie schon 2007 waren die musikalischen Darbietungen von außerordentlich hoher Qualität. Das RSO Wien ist ein Spitzenensemble. Unter Insidern wird es gar als das rundum beste, weil eindeutig vielseitigste der Wiener Orchester gehandelt. Als Besucher sämtlicher Orchesterproben war ich in jedem Fall Zeuge einer Entwicklung von bereits sehr guten Erstdurchläufen hin zu geschliffenen Interpretationen, die den Vergleich mit den für ihre Perfektion bekannten LA-Studio-Orchestern nicht zu scheuen brauchten. Das hier hinzukommende Quäntchen Wiener Klangkultur ist etwas, was dem heutigen Hollywood-Sound manchmal sogar spürbar abgehen mag.

Im Wesentlichen unverändert blieben auch die Rahmenbedingungen des Gala-Abends. Wiederum las der musikalische Leiter — von nun an John Axelrod — solide Einführungstexte zu den Stücken auf Deutsch vor (Nicholas Dodd blieb allerdings im Barry-Teil bei seiner Muttersprache). Die Beleuchtung changierte sehr geschickt, da beinahe unmerklich zwischen dem normalen weißen Licht und Rot- und Blautönen, wodurch der große Saal des Wiener Konzerthauses teils in märchenhafte Lichtstimmungen gehüllt wurde. Und auch die Leinwand durfte wieder nicht fehlen. Dieser bei Filmmusik-Konzerten stets etwas umstrittene Aspekt wurde 2009 vergleichsweise elegant und in jedem Fall ungleich besser als bei der Erstauflage gelöst. In ein für den Verlauf eines Stückes gleich bleibendes, optisch ansprechendes Hintergrundbild wurden nach und nach Figuren und handlungsrelevante Objekte des zugehörigen Films eingeblendet. Dass wie hier erstklassiges Bildmaterial verwendet und beim Ausschneiden der Figuren u. ä. perfekt gearbeitet wurde, ist leider absolut keine Selbstverständlichkeit. Überhaupt darf die Leistung des Art-Directors Michael Balgavy nicht unter den Tisch fallen. Von den Homepages über das Programmheft bis hin zur äußeren Aufmachung der Filmmusikgala selbst verfügt „Hollywood in Vienna“ über eine zeitgemäße, außergewöhnlich edle Optik aus einem Guss.

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Doch nun zum Wichtigsten, zur Musik. Die erste Konzerthälfte stand unter dem Motto „Film Music around the World“. Den Beginn machte der „Vater der Filmmusik“ Max Steiner, dessen Casablanca in einer rund fünfminütigen Suite samt vorangestellter Warner-Fanfare eine kraftvolle Interpretation erfuhr.

Auch der im März 2009 verstorbene Maurice Jarre stand auf der Shortlist für den ersten Max-Steiner-Preis. Wie als Beweis dafür, dass die Musik des Franzosen sicher weiterleben wird, standen zwei seiner Werke auf dem Programm. Die Ouvertüre aus Lawrence von Arabien, die wegen ihrer wuchtigen Perkussionseinlagen auch bei Konzerten mittlerweile sehr beliebt ist, und das schon etwas seltener gespielte, reizende „Adela’s Theme“ aus Eine Reise nach Indien kamen in mustergültigen Aufführungen zu Gehör.

John Williams’ Sieben Jahre in Tibet zählt für mich zu den besonders hörenswerten unter den gerne etwas unterschätzten Spätwerken des Maestros. Schön also, dass die für jedes Filmmusik-Konzert unverzichtbare Williams-Ration neben einem populären Standard wie Star Wars hier auch aus dem reifen, nachdenklichen Tibet-Score — übrigens in europäischer Erstaufführung — bestand. Im Großen und Ganzen war die Darbietung zufriedenstellend. An der Leistung des RSO Wien gab es nichts zu bemäkeln, lediglich der Solo-Cellist nahm sich für meinen Geschmack etwas zu sehr zurück. Schon in der Proben-Phase hatte ich den Eindruck, dass der technisch bestimmt makellose Musiker Williams’ ausgedehnten grüblerischen Solopassagen im Mittelteil des langen Main Titles eher ratlos gegenüberstand. Es resultierte ein etwas dünner, unsicher wirkender Ton, der manchmal im Orchester-Tutti oder auch im Zwiegespräch mit einzelnen Instrumentengruppen unterzugehen drohte.

3709Nach Marokko, der arabischen Wüste, Indien und Tibet landete der Hörer im Wilden Westen Nordamerikas. Maximale Authentizität war garantiert, als der sympathische Bruce Broughton seinen energiegeladenen Silverado-Main-Title in den teilweise halsbrecherischen Originaltempi präsentierte. Nachdem der monumentale, von Streicherfiguren umwirbelte Blech-Schlusschoral und die verdienten Akklamationen verklungen waren, zeigte Broughton mit dem Daumen hinter sich und sagte auf Deutsch: „Dieses Orchester ist wirklich gut, nicht?“ (Das Foto zeigt Broughton mit Bond-Produzentin Barbara Broccoli und David Arnold.)

Die größte Überraschung des Abends dürfte das Stück des ersten Wiener-Filmmusik-Preisträgers, des 26-jährigen Roman Kariolou, gewesen sein (auf der Homepage erklingen Ausschnitte der prämierten Musik). Robert Dornhelm hatte für den Wettbewerb zwei wählbare Szenen aus seiner 2007er „Krieg-und-Frieden“-Verfilmung zur Verfügung gestellt: eine Ballsequenz und eine Schlachtenszene. Bei der Vorstellung der sechs besten von insgesamt 61 Einreichungen im Rahmen des Filmmusik-Symposiums wirkten die drei später mit Preisen bedachten Musiken von Kariolou, Christof Unterberger und Gerrit Wunder allesamt wie nette, handwerklich mehr oder weniger untadelige Fingerübungen. Keine davon hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck. Welchen Unterschied lebendige Musiker im Vergleich zu noch so hochwertigen Instrumentalsamples machen können, wurde schon bei der ersten Probe des Kariolou-Stückes klar. Zwischen der Einreichung zum Wettbewerb und der endgültigen Übergabe der Partitur mochte freilich noch einiges an orchestratorischer Feinarbeit passiert sein; was da jedenfalls live zu den projizierten Filmbildern der Ballszene erklang, war ein hoch professionell ausgeführtes, melodisch inspiriertes und dramaturgisch wirkungsvolles Stück Filmmusik — eines, das im besten Sinne altmodisch ist. In den viereinhalb Minuten der Szene wird auch sehr nett mit gleich zwei gelungenen Themen gearbeitet, mit einem melancholisch-russischen und einem besonders reizvollen Walzer im Stile Tschaikowskys. Bei der Synchronizität zwischen Bild und Musik machte sich die ausführliche Probenarbeit bezahlt. John Axelrod, der sich nur für das kritische Anfangstempo auf einen Click-Track verließ, traf in der Folge alle entscheidenden Momente im Szenenverlauf praktisch punktgenau.

Auf Harald Klosers statischen Day after Tomorrow, dessen einleitende Knabensopran-Einlage ein Wiener Sängerknabe beisteuerte, folgte ein weiterer Höhepunkt nach Silverado und Krieg und Frieden. Erich Wolfgang Korngold und Edward Elgar mögen überdeutlich grüßen lassen, doch „Throne Room and Finale“ aus dem ersten Star Wars ist auch nach bald 35 Jahren noch ein immer wieder hörenswertes, grandioses Filmmusik-Kleinod voller Verve und Lebensfreude.

3708Nach der Pause regierte schließlich John Barry. Nicholas Dodd leitete eine wohlklingende Revue durch Songthemen und Main Titles der frühen Bond-Scores von Goldfinger bis Diamantenfieber und die beiden Oscar-gekrönten Musiken zu Jenseits von Afrika und Der mit dem Wolf tanzt. Ob es die von jugendlichem Biss geprägten Agenten-Scores oder die getragen fließenden Spätwerke sind: Das vereinende Element, welches Barry einen sicheren Platz im Filmmusik-Pantheon verschafft, sind für mich die oft großartigen Melodien. Selbst die auf sehr populäre Titel beschränkte Musikauswahl bot eine Fülle an melodischen Perlen, die der ungemein feurig, mit schweißtreibendem, Taktstock-schleuderndem Körpereinsatz agierende Dodd auf Hochglanz polierte. Als einziges Wermutströpfchen stach die äußerst wackelige, kurzatmige und vibratolose Performance des Mundharmonika-Solisten beim John-Dunbar-Thema ins Auge. Dieser Lapsus war bereits kurz danach vergessen, schließlich schloss sich Programm-Höhepunkt Nummer vier an, die rund 15-minütige, besonders schmissig dargebotene James-Bond-Suite. Das Publikum zeigte sich davon derart begeistert, dass Dodd als Zugabe sogleich noch einmal das einleitende Bond-Thema nachreichte.

3710Der offizielle musikalische Teil der Gala „Hollywood in Vienna“ war damit abgeschlossen, es fehlte noch die Preisverleihung. Zur Einführung wurden ein Ausschnitt aus der 1993er Barry-Doku „Moviola“ mit Lobesworten von Jane Seymour und Sir Richard Attenborough und eine aktuelle Videobotschaft von Regisseur Kevin Costner auf die Leinwand geworfen. Dann sah man eine wenige Tage zuvor aufgezeichnete Videonachricht von John Barry selbst, der sichtlich gezeichnet sein Fernbleiben bedauerte und sich nochmals für den ersten „Max Steiner Life Achievement Award“ bedankte. Daraufhin nahmen seine Tochter Kate Barry, David Arnold und die Bond-Produzentin Barbara Broccoli stellvertretend die Statuette in Form eines zum Notenschlüssel geschwungenen Zelluloidstreifens entgegen. (Auf dem Foto von links nach rechts: Arnold, Broccoli, Kate Barry, Regisseur Robert Dornhelm, Broughton, Dodd.)

Zu guter Letzt betrat noch einmal Axelrod das Podium, um die fix vorgesehene Zugabe zu spendieren. Es ertönte Max Steiners Vom Winde verweht in einer von John Mauceri eingerichteten 7-minütigen Suitenfassung. Schon zwei Jahre zuvor hatte dieses Stück als Rausschmeißer fungiert, und wie damals verfehlte das heute vielleicht bekannteste Hauptthema des Golden Age seine Wirkung nicht. Gleichzeitig schloss sich so der mit Casablanca begonnene programmatische Kreis um den Wiener Mitbegründer des „Hollywood-Sounds“ und Namensgeber des neu begründeten Preises.

Während des minutenlangen tosenden Schlussapplauses versammelte die Organisatorin Sandra Tomek noch einmal alle Stargäste auf der Bühne, und so fand ein denkwürdiger filmmusikalischer Abend seinen glamourösen Abschluss. Es bleibt nur zu hoffen, dass die mit großen Schritten näherrückende Fortsetzung ähnlich gelungen ausfällt, wenn es am 16.9.2010 heißt: „Hollywood in Vienna: A Tribute to Howard Shore“.

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