Frank Strobel – Interview

Geschrieben von:
Magdi Aboul-Kheir
Veröffentlicht am:
15. August 2002
Abgelegt unter:
Special

Frank Strobel gehört zu den engagiertesten Förderern von Filmmusik in der deutschen Musikszene. Neben seiner Tätigkeit im klassischen Konzertbetrieb dirigiert er regelmäßig Filmmusik-Konzerte, Live-Aufführungen von Originalparituren zu Stummfilmen; außerdem ist er ein gefragter Dirigent, wenn es um die Musikaufnahmen für Film- und TV-Produktionen geht. Im vergangenen Jahr erschien auf cpo eine erstklassige Aufnahme mit Filmmusiken Alfred Schnittkes.

Kurzporträt:

1673Frank Strobel wurde 1966 in München geboren, besuchte dort das Musische Gymnasium und studierte bei dem australischen Konzertpianisten Michael Leslie. Schon während der Schulzeit beschäftigte er sich mit der Rekonstruktion von Originalmusiken der Stummfilmzeit. 1984 erfolgte das erste Engagement als Dirigent (u. a. als musikalischer Leiter des ppp-Musiktheaters München).

Neben der Aufführung des klassisch-romantischen Repertoires in Konzert und Oper setzte sich Frank Strobel besonders mit übergreifenden Genres und Stilarten der Musik, insbesondere mit Musik des 20. Jahrhunderts und der Filmmusik, auseinander. Er leitete einige Uraufführungen von Werken von Franz Schreker, Alexander Zemlinsky und Siegfried Wagner sowie von Erst- und Uraufführungen jüngerer Werke des Musiktheaters. Eine besondere künstlerische Beziehung verband ihn mit dem russischen Komponisten Alfred Schnittke bis zu dessen Tod.

Neben seiner Konzerttätigkeit ist Frank Strobel als Filmdirigent international bekannt geworden. So richtete er sowohl Originalmusiken als auch Neukompositionen diverser Komponisten zu insgesamt fünfunddreißig Stummfilm-Klassikern ein, die unter seiner Leitung in Opern- und Konzerthäusern, Filmtheatern und Open Air-Veranstaltungen aufgeführt wurden. Etliche dieser Produktionen wurden von den Sendern ZDF, SDR, arte und 3sat aufgezeichnet oder produziert. Und er spielte mit einer ganzen Reihe von Symphonieorchestern Musik für neue Kino- und Fernsehfilme aus Deutschland, Großbritannien und den USA ein, sowie natürlich auch Werke anderer Genres für Rundfunk und Schallplatte.

Bis Ende 1998 war Frank Strobel Chefdirigent des Deutschen Filmorchesters Babelsberg. Mit diesem Orchester leitete er abgesehen von Filmmusik-Einspielungen und Konzerten die Aufnahmen der beiden CDs Belcanto und Zeitsprünge mit Udo Lindenberg und die anschließende Deutschland-Tournee durch Konzert- und Opernhäuser. Seit Herbst 2000 ist Frank Strobel künstlerischer Leiter der Europäischen FilmPhilharmonie.

Neben seiner musikalischen Tätigkeit zeichnet Frank Strobel für die Konzeption, Organisation und künstlerische Beratung von „Musik und Stummfilm“-Festivals verantwortlich, war über zehn Jahre für den Bereich „Musik“ im Deutschen Filmmuseum Frankfurt zuständig und ist Berater des Stummfilmprogramms von ZDF-arte. Konzertreisen führten ihn in nahezu alle europäischen Länder sowie in die USA, nach Kanada, Mittel- und Südamerika als auch nach Asien. Er nahm an verschiedenen Festivals teil, u. a. an den Berliner und Wiener Festwochen. Frank Strobel lebt heute in Berlin.

Im Jahr 2002 stehen Live-Aufführungen unter anderem in Berlin, Weimar, Essen, in Brasilien und Argentinien an (gezeigt werden dabei Klassiker wie Ben-Hur, Metropolis, Das neue Babylon und Die Büchse der Pandora) außerdem Einspielung fürs Fernsehen und zahlreiche Filmmusikkonzerte.

Weitere Informationen unter www.frankstrobel.de und unter www.filmphilharmonie.de.

Interview:

Cinemusic.de: Wie kommt ein jüngerer deutscher „ernster“ Dirigent dazu, sich für Filmmusik zu interessieren und engagieren?

Strobel: Ich hatte schon immer ein großes Faible für die Verbindung von Bild und Musik. Ich bin neben meiner musikalischen Tätigkeit ein ausgesprochener Liebhaber des Films in all seinen Formen. Daher habe ich schon in meiner Jugend angefangen, mich mit der Musik zum Film zu beschäftigen. Und da die Rolle der Musik in oder zu einem stummen Film eine besondere Rolle spielt, war es für mich naheliegend, bei Stummfilmmusiken zu beginnen. Noch während meiner Schulzeit auf dem musischen Gymnasium richtete ich die Originalmusik zu Fritz Langs Metropolis in einer Fassung für zwei Klaviere ein, die ich damals in meiner Heimatstadt München, im weiteren Verlauf dann über neunzig Mal über die Welt verteilt aufführte. Über die intensive Beschäftigung mit der Stummfilmmusik, sei es durch Rekonstruktion von Originalmusiken oder die Aufführung von Neukompositionen wuchs ich – sehr bewusst – in die Praxis des Filmmusikinterpreten hinein. Gab es doch damals und auch heute noch kaum Dirigenten, die sich in Deutschland mit diesem Thema befassen. Und da ich sehr schnell zu der Überzeugung gelangte, dass die Verbindung von Film und Musik in all ihren Spielarten auch eine eigene Kunstgattung darstellen kann, habe ich beschlossen, mich neben meiner Tätigkeit als Dirigent im normalen Konzert- und Musiktheaterleben ausführlich für die Filmmusik einzusetzen. Denn hat man erstmal die üblichen Klischees in der Beurteilung von Filmmusik überwunden, stellt man sehr bald fest, dass es sich bei ihr um eine sehr vielfältige und experimentierfreudigen Musikform handelt.

Cinemusic.de: Wann haben Sie zum ersten Mal Filmmusik bewusst wahrgenommen?

Strobel: Als ich mit sechs oder sieben Jahren im Kino Chaplins Film The Kid gesehen habe. Natürlich geschah dies nicht bewußt, aber mir ist bei diesem wunderbaren Film sofort aufgefallen, dass Chaplins Musik mich im Zusammenhang mit der Geschichte enorm berührt und beschäftigt hatte.

Cinemusic.de: Gehen Sie oft ins Kino und achten Sie dabei auch schon auf die Musik?

Strobel: Leider schaffe ich es nicht mehr, so regelmäßig ins Kino zu gehen, aber in meinem Terminplan haben zum Beispiel Filmfestivals wie die Berliner Filmfestspiele ihren festen Platz, wo ich dann von morgens bis abends Filme sehe. Und natürlich achte ich auf die Musik, wobei ich froh bin sagen zu können, dass ich nicht einer naheliegenden Berufskrankheit erlegen bin: Ich nehme die Musik im Kino als Bestandteil des Filmes wahr und gebe mich diesem hin, ohne mich ständig nach irgendeiner dramaturgischen Wirkung der zu vernehmenden Filmmusik fragen zu müssen.

Cinemusic.de: Welche Qualitäten sehen Sie in Filmmusik, die Sie in Ihrem Beruf künstlerisch reizen?

Strobel: Grundsätzlich interessiert mich Filmmusik in dem Moment, wo sie über das Illustrative hinausgeht. Natürlich hat auch dies in bestimmten Zusammenhängen seine Berechtigung. Aber Filmmusik ist eben vielmehr als nur eine Streicherkantilene bei Filmküssen. Grundsätzlich muss man ja zunächst unterscheiden, um welche Art von Filmusik es sich handelt. Ich möchte drei Bereiche unterscheiden, in denen Filmmusik wirksam wird: 1. Musik im Tonfilm 2. Musik zu einem Stummfilm 3. Musik losgelöst von ihrem filmischen Kontext als Konzertstück. Denn diese drei Bereiche sind es – vereinfacht dargestellt -, in denen heute Filmmusik praktiziert und wahrgenommen wird. Und jeder Bereich hat für mich seine ganz eigenen Reize. So erwarte ich zum Beispiel in der Tonfilmmusik eine dramaturgische Mitgestaltung seitens der Filmmusik, die eigentlich schon in der Drehbuchphase einer Filmproduktion einsetzen muss. Denn Filmmusik sollte in einem Film wie die Kameraarbeit, wie das Licht, die Ausstattung und ähnliches eingesetzt werden. In der Stummfilmmusik kommen weitere Aspekte wie die Durchleuchtung und Hinterfragung eines Filmes, die Formulierung eines eigenen, heutigen Standpunktes, die Offenlegung von Zwischenräumen und die Psychologisierung von Situationen und Personen zum tragen. Außerdem spielt die Musik hierbei zwangsläufig eine große Rolle, da ja auf der hörbaren Ebene Sprache und Geräusche entfallen. Und was die Filmmusikkonzerte betrifft, so bin ich der Auffassung, dass es eine große Anzahl von meist orchestralen Filmmusikwerken gibt, die sich sehr wohl autonom im Konzertsaal aufführen lassen.

Cinemusic.de: Sie setzen sich auch verstärkt für die klassische Musik des 20.Jahrhunderts ein. Sehen Sie da Anknüpfungspunkte zur Filmmusik?

Strobel: Unbedingt! Denn der Film und seine Musik ist ja ein Kind des 20.Jahrhunderts. Und es gibt viele Komponisten, die sich in jenem Jahrhundert auch mit dem Film beschäftigt haben und für diesen geschrieben haben. Daher ergibt es sich natürlich, dass die sogenannte klassische Musik und die Filmmusik sich gegenseitig durchdrungen haben. Ich möchte nur ein Beispiel aus meiner eigenen Arbeit nennen. Der Komponist Alfred Schnittke, der als einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts gilt, hat im Laufe seines Lebens über 60 Filmmusiken und ein großes Werk für das Stummfilmgenre geschrieben. Und wenn man sich seine Konzertwerke im Vergleich mit seinen Filmmusiken ansieht, so stellt man sehr schnell fest, dass vieles von dem, was er in seinen Filmmusiken erdacht hat, in seinen Konzertwerken aber auch in seinen Opern wiedergefunden werden kann. Ich möchte damit sagen, dass für viele Komponisten des 20.Jahrhunderts die Filmmusik einfach ein Bestandteil ihres Schaffens gewesen war und heute natürlich noch ist.

Cinemusic.de: Erfahren wir einige Ihrer Lieblingskomponisten und Lieblingsscores?

Strobel: Das ist natürlich immer sehr schwer zu beantworten, da man immer das Gefühl hat, man vergisst diesen oder jenes. Wie schon erwähnt, haben das Schaffen von Alfred Schnittke wie überhaupt die sowjetisch-russichen Komponisten in meiner künstlerischen Laufbahn immer eine große Rolle gespielt. Stellvertretend möchte ich das Werk Agonia von Alfred Schnittke als einer der für mich beeindruckensten Filmmusiken nennen. Aber natürlich gibt es auch ganz andere: von den heutigen Holywood-Komponisten muss man natürlich John Williams nennen, den ich immer wieder in meine Konzertprogramme einbaue; um ihn kommt man einfach nicht herum. Meine Erfahrung ist übrigens auch, dass die Orchestermusiker seine Werke mit großer Vorliebe spielen. Aber auch einige Scores von Michael Kamen, wie den zu Gilliams Brazil, aber auch den Komponisten John Barry möchte ich in diesem Zusammenhang erwähnen. Besonders interessierte mich natürlich immer die Frage, woher eigentlich der sogenannte Hollywood-Sound stammt. Ich möchte jetzt keine musikwissenschaftliche Abhandlung zu diesem Thema geben, aber ich versuche immer wieder in meinen Konzerten auch auf diese Frage einzugehen. So finden die Kompositionen besonders von Erich Wolfgang Korngold, Max Steiner, Franz Waxman, Bernard Herrman und Alfred Newman immer wieder Platz in meinen Programmen. So dirigiere ich gerne das von mir sehr geschätzte Werk „Sursum Corda, symphonische Ouvertüre“ von Erich Wolfgang Korngold, das die Grundlage für seine spätere „Robin Hood“-Musik werden sollte. Denn dies ist doch zum Beispiel sehr spannend: die Frage nach der Verwandlung einer Musik von einem Konzertwerk zu einer Filmmusik, um dann wieder den Weg zurück auf das Konzertpodium zu finden.

Cinemusic.de: Welche Unterschiede zu Konzertwerken gibt es, wenn Sie sich als Dirigent eine Partitur erarbeiten?

Strobel: Bei Filmmusikkonzerten eigentlich überhaupt keinen, denn das Filmmusik-Werk steht ja dann auch als autonomes Stück im Raum und muss so wie jede Symphonie erarbeitet werden. Bei Stummfilmmusiken verhält sich dies natürlich anders, denn die Musik soll ja in der Aufführung synchron zum Bild (und in meinem Fall vollkommen ohne technische Hilfsmittel) dirigiert werden. In der Vorbereitung bedeutet dies, dass ich ein sehr genaues Sychronkonzept erarbeite, das dann in die Partitur in Form von ca. 500 bis 1000 Synchronangaben je Film und exakten Metronomangaben eingetragen wird. Manchmal ist es notwendig, die Partitur an die aufführbare Filmfassung anzugleichen, was dann meist mit einem großen Arbeitsaufwand verbunden ist. Die Orchesterproben finden zunächst so wie für ein normales Konzert statt, das heißt, es wird musikalisch geprobt. Erst gegen Ende der Probenzeit mache ich eine Probe mit Film, um einerseits die Musiker an den möglichst unterbrechungsfreien Ablauf des Werkes zu gewöhnen und andererseits um zu überprüfen, ob die Musik auch wirklich an allen Stellen so mit dem Film „zusammengeht“, wie ich dies für richtig und nötig erachte. Dann gibt es nur noch die Generalprobe und schließlich die Aufführung. Da die Erhaltung der Synchronität mit dem Film alleinige Aufgabe des Dirigenten ist (mit Ausnahme möglicher Effekte, die z. B. von Schlagzeugern eigenständig gespielt werden), hat die Bewerkstellung und Erreichung dieser Synchronität in den Orchesterproben selbst nichts verloren. Was Filmmusikaufnahmen für aktuelle Tonfilme betrifft: Da gibt es in der Regel nichts vorzubereiten, weil die Musik in den meisten Fällen ohnehin erst in der Nacht vor den Aufnahmen fertig wird…

Cinemusic.de: Viele Orchestermusiker rümpfen die Nase beim Stichwort „Filmmusik“. Ist es nicht schwer, sie für Filmmusik zu begeistern?

Strobel: Nach meiner Erfahrung ist dem mittlerweile nicht mehr so. Sicherlich hat die Filmmusik in Deutschland immer noch mit einem Prestigeproblem unter den „seriösen“ Musikern zu kämpfen. Aber gerade die Orchestermusiker gehen mit einer großen Offenheit in die Proben für ein filmmusikalisches Werk. Im übrigen ist die Arbeit mit Filmmusik aufgrund der diversen Stilistika immer recht abwechslungsreich. Und in den Konzerten und Aufführungen erleben die Orchestermusiker durch das meist gemischte Publikum sehr unmittelbare Reaktionen, die in klasischen Konzerten zumeist so nicht vorkommen.

Cinemusic.de: Sie setzen mehrere Schwerpunkte in Ihrer Arbeit: Live-Aufführungen zu Stummfilmen; Neueinspielung von Film- und TV-Musik; CD-Aufnahmen. Wie sehen die unterschiedlichen Herausforderungen und Aufgabenstellungen dieser Tätigkeiten als „Filmdirigent“ aus?

Strobel: Zunächst unterscheiden sich die Aufgaben in keiner Weise von jenen eines „normalen“ Dirigenten. So muss er selbstverständlich in allen musiktheoretischen Fragen, in der Ausbildung seines Gehörs, in seinem stilistischen Gefühl und in der Führung eines Orchesters beschlagen sein. Gerade in musikhistorischer Hinsicht sollte der Filmdirigent außerordentlich versiert sein, da bekanntermaßen die Filmmusik sich aller denkbaren Stilistiken bedient; von der Renaissancemusik über die romantische und atonale Musik bis zum Pop finden nahezu alle Epochen der Musik wie selbstverständlich Eingang in die Filmmusik. Grundvoraussetzung aber für den spezifischen Beruf des Filmdirigenten ist eine genaue Kenntnis der Filmmusikgeschichte mit all ihren Ausprägungen, ein visuelles Gespür für die Möglichkeit, filmische Bewegungen in musikalische Tempi und Phrasologien umzusetzen, Vertrautheit mit den Mechanismen einer Aufnahme samt der Kenntnis der verschiedenen Aufnahmetechniken und nicht zuletzt – so banal es klingen mag – die Liebe zum Kino.

Cinemusic.de: Sie haben auf dem Label cpo ein hervorragende Einspielung von Filmmusik Alfred Schnittkes veröffentlicht. Wir kam es zu diesem Projekt, und wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Strobel: Bereits Anfang der Neunziger Jahre hatte ich zusammen mit den ZDF-Redakteuren Jürgen Labenski und Gerd Luft die Idee, dass Alfred Schnittke unbedingt eine Musik für einen Stummfilm schreiben sollte. Damals hatte ich schon einige „Stummfilm und Musik“-Produktionen für das ZDF betreut und dirigiert. Nach langen Vorbereitungen war es dann im Herbst 1992 soweit: In Zusammenarbeit mit der Alten Oper Frankfurt und dem Ensemble Modern fand unter meiner Leitung die Uraufführung der Musik von Alfred und Andrei Schnittke zum Stummfilm Die letzten Tage von St. Petersburg statt, die damals live im ZDF übertragen wurde. Mit diesem Projekt entstand zwischen Alfred Schnittke und mir ein überaus freundschaftliches und künstlerisch enges Verhältnis. In der Folge dieses Projektes wandte sich Alfred Schnittke erneut der Tonfilmmusik zu: er schrieb – wieder zusammen mit seinem Sohn Andrei – die Filmmusik zu dem Spielfilm Meister und Margarita (Russland 1993, Regie: Juri Kara), deren Produktion und Einspielung ich in Moskau mit den dortigen Philharmonikern ebenfalls betreute. Alfred Schnittke hatte desweiteren den Wunsch, dass seine Filmmusiken, die leider nur noch zu einem Teil als Noten in seinem Besitz waren, in Konzertsuiten-Form gebracht werden sollen und fragte mich daher eines Tages, ob ich nicht Interesse an dieser Arbeit hätte. So begann ich also mit der Einrichtung von Konzertsuiten seiner Filmmusiken und im Jahr 1995 mit der sukzessiven Einspielung dieser Suiten im Auftrag des Deutschlandradio Berlin mit dem Rundfunk Sinfonieorchester Berlin (und dem Rundfunkchor Berlin). Wir planen übrigens, diese Serie im nächsten Jahr fortzusetzen.

Cinemusic.de: Welche weiteren filmmusikalischen Repertoirelücken würden Sie gern mit CD-Aufnahmen schließen?

Strobel: Nun, in diesem Bereich gibt es ja nun immer noch eine große Anzahl von Lücken. Da ich aber gerade für die Europäische FilmPhilharmonie ein Konzept für eine CD-Edition entwickle, ist es mir im Moment für eine differenzierte Aussage zu früh. Grundsätzlich finde ich es aber auffallend, dass es auf dem CD-Markt ein großes Übergewicht an reinen Soundtrack-CDs gibt, damit meine ich die Veröffentlichung des Originalsoundtrack in meist recht zusammengewürfelter und beliebiger Form. Aber gerade zum Beispiel bei der symphonischen Filmmusik finde ich es wichtig, sinnvoll zusammengestellte und speziell für CD eingerichtete Filmmusik (aber bitte in der Originalinstrumentation und möglichst in neuer Einspielung!) auf CD zu bringen, die dann wirklich einen Eindruck vom Werk geben kann und autonom funktioniert. Und daher denke ich, dass es sowohl bei den klassischen Filmmusikkomponisten, wie ich sie zum Teil oben schon benannt habe, aber auch bei den jüngeren Komponisten viel Interessantes zur Veröffentlichung anstehen würde. Und noch ein kleiner Nachsatz zu diesem Thema: John Williams kümmert sich in dieser Frage vorbildlich darum, indem er selbst Konzertsuiten seiner Filmmusiken editiert, sie als Notenmaterial herausgibt und auf CD in eigens für diesen Zweck erfolgten Einspielungen veröffentlicht!

Cinemusic.de: Erzählen Sie uns bitte etwas über das Projekt „Europäische FilmPhilharmonie“, dessen künstlerischer Leiter Sie sind.

Strobel: Die Europäische FilmPhilharmonie ist eine Konzertgesellschaft für die Produktion und Aufführung von Filmmusik und Stummfilmmusik. Gerade in der Gründung der Europäischen FilmPhilharmonie haben wir die Möglichkeit gesehen, endlich ein Netzwerk für dieses Genre aufbauen zu können. Sie ist in dieser Form einzigartig in Europa, vereint unter ihrem Dach einen Orchesterverbund erstklassiger und international renommierter Klangkörper. Sie übernimmt weltweit für Konzerthäuser, Orchester und sonstige Kulturveranstalter die Projektberatung und -koordination, Programmkonzeption sowie die Vermittlung von Dirigenten und Künstlern. So bietet die Europäische FilmPhilharmonie auf nationaler und internationaler Ebene die Möglichkeit, unter finanziell erträglichen Bedingungen mit hoher Qualität Filmmusikaufnahmen für Kino- und Fernsehfilme zu realisieren. Darüberhinaus recherchiert sie einzelne Filmmusikwerke für den Konzertgebrauch, klärt die Rechte ab und macht die Materialien verfügbar. Desweiteren werden aber auch einzelne Konzertprogramme entwickelt, die sich unter bestimmten Aspekten der Filmmusik widmen und zusammen mit einer Moderation verfügbar gemacht werden. Im Bereich des Stummfilms werden in Zusammenarbeit mit diversen Film- und Musikinstitutionen Projekte initiiert, wobei wir natürlich auf die geleistete Arbeit der letzten Jahre seitens der Initiatoren der FilmPhilharmonie zurückgreifen können. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Europäische Filmphilhamonie das Ziel verfolgt, Filmmusik als eigenständige Kunstform zu etablieren.

Cinemusic.de: Welche größeren Projekte stehen noch 2002 an?

Strobel: In diesem Jahr werde ich noch mehrfach die Neukomposition von Bernd Schultheis zu Fritz Langs digital restaurierten Stummfilm-Klassiker Metropolis dirigieren; dieses Projekt wurde Anfang letzten Jahres bei der Berlinale aus der Taufe gehoben habe. Es finden Aufführungen unter anderem am 9. November im Konzerthaus Reykjavik und am 29. November im Festspielhaus Baden-Baden statt. Ebenfalls im November werde ich Benedict Masons neue Musik zu dem Film Ein italienischer Strohhut, ein Stummfilm-Meisterwerk von Rene Clair aus dem Jahr 1927, im Konzerthaus Oslo als Eröffnung des Oslo International Film Festival mit dem Oslo Philharmonic Orchestra dirigieren, sowie am 30. November und 1. Dezember eine Aufführung der Musik des Hollywood-Komponisten Ashley Irwin zu Fancks/Pabsts Die weisse Hölle vom Piz Palü im Konzerthaus Athen. Ein mir ebenfalls wichtiges Konzert findet am 30. August mit der Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz in der Philharmonie Ludwigshafen statt, das von Deutschlandradio Berlin und europaweit live übertragen wird. Ich dirigiere als Erstaufführung die erste Filmsymphonie, die je geschaffen wurde, aus dem Jahr 1923 mit dem Titel „Der Schatz“ von Max Deutsch, einem Schönberg-Schüler, desweiteren „Vier kleine Stücke für Film für großes Orchester“ von Franz Schreker, sowie von Korngold das Cellokonzert op. 37, ursprünglich eine Filmmusik zu Deception.

(Das Interview führte Magdi Aboul-Kheir)

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