Fiesta

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
10. Mai 2008
Abgelegt unter:
Klassik

Kleine Klassikempfehlung: „Live aus Caracas: FIESTA — Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela, Dir.: Gustavo Dudamel“

Die Frage, ob Musik ein adäquates Mittel sein kann, um unterprivilegierte Jugendliche vor dem Abgleiten in Kriminalität und Gewalt zu bewahren, wird heutzutage längst allgemein bejaht. Im Venezuela des Jahres 1975 stand dafür allerdings noch die kühne Vision eines einzigen Mannes: José Antonio Abreu. Er rief ein beispielhaftes Programm staatlicher Musikförderung ins Leben, aus dem bald das „El Sistema“, das „System der Jugend- und Kinderorchester von Venezuela“, erwuchs. Derzeit besuchen rund 250.000 Kinder, zum weitaus überwiegenden Teil aus bildungsfernen Schichten, die 90 Musikschulen der Organisation. In einer Atmosphäre des Vertrauens und der Zuwendung lernen sie mit ihrem Instrument umzugehen und ebenso, dieses Wissen an Jüngere weiterzugeben. Die gemeinsame Arbeit in einem Orchester bedeutet aber letztlich nicht nur Freude an und durch Musik, sondern in der Konsequenz eben auch erlernte soziale Kompetenz durch Teamarbeit, gegenseitige Motivation und gemeinsames Streben nach Erfolg.

2686Mittlerweile verfügt Venezuela auf diesem vorbildlichen Weg über 30 professionelle Sinfonieorchester, 57 Kinder- und 125 Jugendorchester. Die Spitze dieses Musikernachwuchses ist im „Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela“ (SBYOV) vereint, das vom in den letzten Jahren zum viel beachteten Shooting-Star unter dem Dirigentennachwuchs avancierten Gustavo Dudamel geleitet wird. Dudamel (•1981) ist selbst ein Sprössling von „El Sistema“. Seit 1999 ist er Musikdirektor des Orchesters und hat im Jahr 2000 auch Deutschland im Rahmen einer Orchestertournee erstmalig besucht. 2004 wurde er Sieger des ersten Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs der Bamberger Symphoniker. Im Folgejahr sprang er nicht allein beim Bonner Beethovenfest für Frans Brüggen als Leiter des Londoner Philharmonia Orchestras ein. Er machte dort außerdem Furore mit einem „Power of Music“ überschriebenem Konzertprogramm. Ab 2009 wird Gustavo Dudamel die Leitung des Los Angeles Philharmonic Orchestra von Esa-Pekka Salonen übernehmen.

26852005 unterzeichnete er einen Exklusivvertrag mit Deutsche Grammophon, eine Zusammenarbeit, aus der nun das dritte CD-Album, „Fiesta“, resultiert. Mit den ersten beiden Alben auf dem renommierten Gelb-Label haben das Orchester und sein Dirigent Talentproben geläufigen Klassik-Repertoires vorgelegt: Beethovens Sinfonien 5 & 7 (DG 477 6228) und Mahlers Fünfte (DG 477 6545). Bei derartigen bereits x-fach auf dem Markt vertretenen Werken resultieren zwangsläufig keine Einspielungen von besonders hohem Repertoirewert. Aber natürlich wollen sich die argentinischen Musiker und ihr Taktstockmaestro auch auf Tonträger mit Zugpferden des Klassik-Repertoires profilieren. Wirft man einen Blick auf die Konzertprogramme, so wird deutlich, dass Beethoven und Mahler häufig unmittelbar neben Stücken lateinamerikanischer Komponisten stehen. Und in den Begleithefttexten stellt Gustavo Dudamel außerdem überzeugend heraus, welche besondere Bedeutung die Meilensteile der europäischen Musiktradition auch für den Musikernachwuchs aus Lateinamerika besitzen. Insofern sehe ich in den beiden ersten Veröffentlichungen auch nicht das übliche Gelb-Label-Marketing, sondern schlichtweg logische Konsequenz. Bei den geradezu in Mahler’schen Orchesterdimensionen präsentierten Beethovensinfonien zeigt sich übrigens das Vorbild Herbert von Karajans, der in diesem Jahr 100 geworden wäre.

Mag den jungen Musikern aus Venezuela auch noch eine Portion intellektueller Reife abgehen und mögen sie dies noch mit etwas zu viel an jugendlichem Temperament überspielen. Eines belegen sie mit diesen Einspielungen in jedem Fall: ein sehr hohes Maß an technischer Perfektion, gekoppelt mit leidenschaftlich engagiertem Vortrag.

Mit „Fiesta“ stand nun eine Kollektion südamerikanischer Orchesterstücke auf dem Spielplan, bei der die Musiker sich besonders vorhaltlos ihrem südländischen Temperament hingeben konnten, zeigen durften, dass Tanz ihnen ganz besonders im Blut liegt. Geht es um die Komponisten Südamerikas, handelt es sich zudem um eine selbst für viele versierte Klassikfreunde bislang noch weitgehend unerschlossene weiße Landkarte, eine, auf der es Vielversprechendes zu entdecken gibt. Und dazu ist „Fiesta“ ein unkomplizierter Appetitanreger. Über knapp 80 Minuten gibt es lateinamerikanische Reißer zu hören, mit denen Dudamel und seine jungen Musiker zum Teil auch hierzulande ihr Konzertsaalpublikum begeistert haben. Drive und ausgeprägter Rhythmus kommen dabei natürlich ausgiebig zum Zuge, aber ebenso findet sich sehr feinfühlig Vorgetragenes.

Leonard Bernsteins dezent stilisierter „Mambo“ aus dem Musical „West Side Story“ bildet den Schlusspunkt einer facettenreichen Kollektion, die von Evencio Castellanos’ (1915-1984) festlicher sinfonischer Suite „Heiliges Kreuz von Pacairigua“; Innocente Carreños (•1919) „Margariteña“, einer sinfonisch verarbeiteten venezolanischen Volksliedmelodie; vier Tänzen aus dem Ballett „Estancia“ des Argentiniers Alberto Ginastera (1916-1983); „Mediodía en el Llano“ des Antonio Estévez (1916-1988), einem elegischen Stimmungsbild des ausgedehnten flachen Graslandes der venezolanischen Hochebenen; über den hitzigen mexikanischen „Danzón no. 2“ von Arturo Márquez; „Fuga con Pajarillo“ von Aldemaro Romero (1928-1977), einer raffinierten Kombination aus einem typisch venezolanischen Tanz, dem Parillo, und der barocken Form der Fuge; bis hin zum mythisch archaischen „Sensemayá“ vom Mexikaner Silvestre Revueltas (1899-1940) reicht. Letzteres wird von Dudamel als eine Art lateinamerikanisches „Sacre du printemps“ bezeichnet.

Insgesamt ist „Fiesta“ ein abwechslungsreiches musikalisches Programm, das Lust auf mehr macht. Die jungen Musiker lassen da, wo geboten, feurig-vitale Freude an der Sache spüren, aber ebenso spielen sie die lyrischen Momente mit inniger Hingabe aus. Der technisch tadellose Live-Mitschnitt ist erfreulicherweise nicht von Nebengeräuschen getrübt. Allein beim Finalstück (L. Bernsteins „Mambo“) wird das offenbar begeisterte Publikum spürbar: in den anfeuernden Rufen zu Beginn sowie im brausenden Beifall am Schluss. So möge das feine Album letztlich nur ein Anfang sein, weitere Werke gerade der bislang eher vernachlässigten Komponistenklientel Südamerikas aus dem unverdienten Schattendasein hervorzuholen. Die damit für das vorliegende Album zum Ausdruck gebrachte Cinemusic.de-Klassikempfehlung zum Pfingstfest 2008 wird noch durch ein Gewinnspiel unterstrichen.

Die nunmehr dritte Veröffentlichung des unbedingt hörenswerten SBYOV auf dem renommierten Gelb-Label unter seinem auf dem Weg zum Pultstar befindlichen jungen Dirigenten ist sicher dazu geeignet, weitere Klassikhörer auf die diesjährige Konzerttournee des Ensembles neugierig zu machen. So werden Gustavo Dudamel und sein Orchester im laufenden Jahr bei den Salzburger Festspielen, beim Lucerne Festival und natürlich auch in Deutschland erwartet: in Berlin, Frankfurt am Main, Ludwigshafen und Baden-Baden.

Dieser Artikel ist Teil unseres kleinen Spezialprogramms zu Pfingsten 2008.

© aller Logos und Abbildungen bei den Rechteinhabern (All pictures, trademarks and logos are protected).

Komponist*in:
Diverse

Erschienen:
2008
Gesamtspielzeit:
75:57 Minuten
Sampler:
Deutsche Grammophon
Kennung:
477 7457

Weitere interessante Beiträge:

Jason and the Argonauts

Jason and the Argonauts

Sibelius: Sinfonie 5

Sibelius: Sinfonie 5

I Dreamed of Africa

I Dreamed of Africa

Inside Man

Inside Man