Die Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn (3D-Blu-ray)

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
27. Mai 2012
Abgelegt unter:
3D

Film

(4/6)

Bild

(6/6)

Ton

(5.5/6)

Extras

(5/6)

Spielbergs animierter Ausflug in die berühmten belgischen Comics in 3D

Zur vielfach gestellten Frage, was Spielberg aus den berühmten Comicvorlagen Hergés gemacht habe, ob seine Adaption diesen gerecht zu werden vermag, möchte ich auch an dieser Stelle keine Position beziehen. Dafür stecke ich bei „Tim und Struppi“ zu wenig drin, fühle ich mich nicht kompetent genug. Das Interesse an der 3D-Blu-ray-Version und damit an einer erneuten Begegnung mit dem Film resultierte daraus, dass mich dieser zuvor zwar längst nicht durchgehend, aber doch in einzelnen Teilen durchaus beeindruckt hatte. Einmal ist keinmal ist zwar beim Phänomen Kinofilm längst nicht in jedem Fall eine Prämisse, aber eine wiederholte Begegnung mit einem beim ersten Durchgang nicht völlig durchgefallenen Leinwandprodukt lohnt sich meist schon. Ein zweiter Durchgang ist dann nämlich sehr hilfreich dabei, das Für und Wider einer Sache besser abzuwägen und diese besser beurteilen zu können. Die noch vom Kino herrührenden, im Filmmusikartikel zu lesenden Vorbehalte gegenüber dem Drehbuch haben sich dabei denn auch merklich abgeschwächt. Das liegt sicher auch mit daran, dass ich zu den Kinofreunden gehöre, bei denen die Wertschätzung für einen Film nicht ausschließlich Plot-dominiert ist, sondern auch von der jeweiligen visuellen Umsetzung mit bestimmt wird.

The Adventures of Tintin: The Secret of the UnicornBereits im Kino hatte mich die so liebevoll ausgeklügelte und unübersehbar sorgfältige, ja perfektionistische Machart dieses 3D-Films ziemlich beeindruckt. Jetzt, beim zweiten Sehen mit Hilfe der 3D-Homevideotechnik tritt das Positive nochmals klarer hervor. Dafür steht ein praktisch durchweg ungemein präsenter Eindruck von Raumtiefe, der sich besonders elegant und völlig unaufdringlich einstellt und daher auch so natürlich wirkt. Und wenn mitunter mit dem 3D-Effekt auch dezent gespielt wird, dann dominiert dabei zwar in erster Linie der so gekonnt erzeugte Tiefeneindruck. Einmal jedoch findet sich ein zum Zuschauer gerichteter, geradezu klassischer 3D-Effekt: Wenn nämlich in der Vision Kapitän Haddocks vom Duell seines Vorfahren mit einem berüchtigten Piraten schließlich das brennende Piratenschiff zu sinken beginnt und bei der Explosion der Pulverkammer der gebunkerte Goldschatz durch die Luft fliegt, scheint eines der umhergewirbelten Goldstücke direkt auf den Zuschauer zuzufliegen und landet vielleicht gar in seinem Schoß. …

Spielbergs erster Ausflug in die dritte Dimension im Motion-Capturing-Verfahren ist eindeutig ein Fest für die Augen und zählt zu den derzeit besten 3D-Filmen, die man sich ansehen kann. Es beginnt bereits mit dem raffiniert gestalteten Rollenvorspann und ist mit den bereits im Filmmusikartikel (s.o.) erwähnten, kunstvollen Überblendungen noch lange nicht beim Ende angelangt. Allein schon die Eingangsszene auf dem Flohmarkt, wo die faszinierend dreidimensional erscheinenden Figuren, an einem Stand voller Spiegel vorbeigehend, auch in perfekt natürlich erscheinender zweidimensionaler Abbildung zu sehen sind.

Dabei wirkt auch das von Co-Produzent Peter Jackson und seiner Spezial-Effektschmiede „Weta“ eingesetzte Motion-Capture-Verfahren derart gut, wie man es bislang kaum gesehen hat. Jamie Bell (King Kong) bildete den Ausgangspunkt für Tim, Andy Serkis (Gollum in Herr der Ringe) für Kapitän Haddock und Bond-Darsteller Daniel Craig für den bösen Red Rackham. In einem Interview der Los Angeles Times hat Regisseur Spielberg dazu ausgeführt: „Die Entscheidung basiert auf meinem Respekt gegenüber der Kunst von Hergé und dem Willen, möglichst nahe an seine Kunst heranzukommen. Hergé schrieb über fiktive Menschen in einer realen Welt, nicht in einem Fantasy-Universum. Er arbeitete mit dem realen Universum und er benutzte National Geographic für die Recherche seiner Abenteuer-Geschichten. Es schien mir ganz einfach, dass ein Realfilm schlussendlich für das Publikum zu stilisiert wirken würde. Man hätte Kostüme machen müssen, die an den Schauspielern etwas lächerlich gewirkt hätten. Die Kostüme passen besser, wenn das Medium ein digitales ist.“ (s. u.) Dabei sorgt der ausgeprägte Fotorealismus in der detailverliebten Animation immer wieder für Verblüffung. Manches wirkt so echt, dass man kaum einen Unterschied zum Realfilm bemerkt.

Nur wenige Filme erfüllen in meinen Augen die Voraussetzungen einer praktisch perfekten Dreieinigkeit von Geschichte, technischer Umsetzung und filmmusikalischer Ausstattung. Und hierzu darf ich einräumen, dass mich die zuvor schon durchaus positiven visuellen Eindrücke jetzt noch mehr in ihren Bann gezogen haben. So manches von der Detailverliebtheit in der Inszenierung ist mir erst jetzt richtig ins Bewusstsein gerückt, z. B. wie pfiffig und witzig die Rolle des intelligenten Foxterriers Struppi gestaltet ist. Struppi wird so vergleichbar bedeutend wie sein Herrchen Tim, bleibt aber trotzdem eindeutig ein Hund, auch wenn man mitunter meint, er würde gleich auch einen gesprochenen Kommentar abgeben. Und auch die Filmmusik von John Williams harmoniert und funktioniert sehr gut, ist geradezu brillant mit den Bildern kombiniert. Dank der insgesamt fast perfekten Machart verblasste dann doch zunehmend das mitunter schon etwas Überladene im Drehbuch, und auch so manch überdrehter Gag erscheint erheblich weniger störend als zuvor. Somit gelang es der äußerst liebevollen und ungemein fantasievollen Inszenierung mit dem darin erkennbaren Augenzwinkern letztlich in zunehmendem Maße, die Schwächen des Plots in den Hintergrund treten zu lassen.

Die Abenteuer von Tim und Struppi von 3D-Blu-ray

(L to R) Snowy in THE ADVENTURES OF TINTIN: THE SECRET OF THE UNICORN.Das Doppel-BD-Set enthält eine 3D-Blu-ray, die neben dem Film in der 3D-Version nur mit ein paar 2D-Trailern aufwartet. Auf der zweiten Disc befindet sich neben der 2D-Fassung eine sehr beachtliche, fast 100 Minuten umfassende, gut gegliederte Dokumentation, deren Segmente sowohl einzeln wählbar als auch im Block angeschaut werden können. Darin finden sich Einblicke in die Entwicklung des Filmprojekts, aber auch in die typische Welt der Hergé-Comics. Die Arbeit mit dem Performance-Capture-Verfahren wird eingehender beleuchtet, wobei auch die Bedeutung des Castings für die Gestaltung der zentralen Figuren unterstrichen wird. Und auch der Anteil von Filmkomponist John Williams wird im Rahmen eines rund siebenminütigen Segments gewürdigt. Das sehr sehenswerte Bonusmaterial hat bei mir mit dazu beigetragen, den ersten Eindruck nachhaltig zu verbessern. Einziger dezenter Schwachpunkt ist das Fehlen eines entsprechend wertigen 3D-Bonussegments.

Zur sehr guten Boni-Kollektion kommt eine häufig Referenzqualität bietende Präsentation sowohl der 2D- als auch der 3D-Version des Films. Fast durchweg wird das sehr detailfreudige Bild von exzellenter Schärfe, Kontrast, Schwarzwert und Farbe bestimmt. Nur in einzelnen, ganz kurzen Abschnitten wirkt es doch mal etwas softer. Infolge der Kürze fallen derartige minimale Beeinträchtigungen eher dem geübten Betrachter auf, als dass sie als störend registriert werden.

Positiv hinzu kommt die praktisch störungsfreie 3D-Präsentation, in der Doppelkonturen nur ganz vereinzelt und dann auch nur dezent ausgeprägt in einzelnen Momenten kurz hervortreten. Auch derartige Störungen fallen jedoch derart geringfügig aus, dass sie vom Zuschauer kaum bewusst wahrgenommen werden. Das bedeutet natürlich zugleich, dass die Augen beim 3D-Erlebnis kaum irritiert und ermüdet werden. Das bereits eingangs zur vorzüglichen 3D-Qualität Angemerkte darf hier nochmals betont werden: Die Abenteuer von Tim und Struppi — Das Geheimnis der Einhorn zählen klar zum Besten was man zum Thema 3D-Film derzeit sowohl im Kino erleben als auch für das Heimkino erwerben kann.

5159Hinter dem oftmals praktisch perfekten Bildeindruck braucht sich auch die ebenfalls mit Sorgfalt und Professionalität gestaltete Surround-Tonkulisse nicht zu verstecken. Die deutsche DTS HD Master Audio 5.1 Tonspur ist sowohl stimmungs- wie da, wo angebracht, auch kraftvoll. Sie lässt aber ebenso die Musik im Klanggeschehen nicht untergehen. In geräuschlastigeren Momenten versacken zwar mitunter etwas die Dialoge, aber insgesamt ist die Klangbalance sehr gut gewahrt. Ob der sogar in 7.1 zur Verfügung stehende englische Originalton dem gegenüber noch einzelne Pluspunkte zu verzeichnen vermag, das dürfte in erster Linie ein Thema für Freaks sein.

Fazit: Beim Vorstellen des feinen Filmmusikalbums von John Williams kam der Film noch nicht so gut weg wie jetzt bei wiederholter und, infolge der technischen Möglichkeiten von BD, auch eingehenderen Betrachtung. Zusammen mit dem umfangreichen und zugleich informativen Bonusmaterial ist das anfänglich in Teilen etwas grau scheinende Entlein zum ansehnlichen Schwan, nein, wohl doch besser zum rein weißen, quirlig-pfiffigen Foxterrier mutiert. Alles in allem vermag das Spielberg-Opus gut zu unterhalten. Infolge der brillanten visuellen Konzeption und Gestaltung treten dabei die Schwächen des Drehbuchs zunehmend in den Hintergrund. Wer hier, ähnlich wie der Rezensent, anfänglich doch etwas reserviert war, sollte dem eindrucksvollen Spielberg-Animationsopus vielleicht ebenfalls eine zweite Chance einräumen: und das dann möglichst auch in 3D.

Weiterführender Link:

Steven Spielberg on ‘Tintin’: ‘It made me more like a painter than ever before’

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema „Blu-ray-Disc versus DVD“.

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zu Pfingsten 2012.

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Regisseur*in:
Spielberg, Steven

Erschienen:
2012
Vertrieb:
Sony Pictures Home Entertainment
Kennung:
72707
Zusatzinformationen:
USA 2011, 2-Blu-ray-Set, 2D & 3D

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