Der Untergang – Das Filmbuch

Der Untergang - Das Filmbuch
Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
13. November 2004
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Die Fest-Skizze erschien erstmalig im Jahr 2002. Den Anstoß dazu lieferte die Resonanz auf einen knappen Beitrag, den er zuvor für das Sammelwerk „Deutsche Erinnerungsorte“ über den Führerbunker verfasst hatte. Joachim Fest, der bereits 1973 mit seiner Hitler-Biografie Aufsehen erregte, schreibt dazu: „Erst dabei ging mir auf, dass außer einigen wenigen, in mancher Einzelheit inzwischen überholten Darstellungen kaum ein Werk zugänglich ist, das dem ungeheuerlichen Geschehen jener Wochen auf dem neusten Kenntnisstand gerecht würde. Das gleiche gilt für die Nachgeschichte, als der Vorhang schon gefallen war und das blutige Stück, den Launen der Geschichte folgend, auf der Vorderbühne noch ein paar Auftritte lang weitergespielt wurde. Die Autoren, die am Ende dieses Buches mit ihren Arbeiten aufgeführt und teilweise kurz gewürdigt sind, haben die Einsicht in den Ereignisverlauf oftmals beträchtlich erweitert. Doch ein Gesamtbild, das sowohl den Gang der Dinge als auch wichtige Aspekte des dazugehörigen Hintergrundes vermerkt, steht offenbar aus. Auch die vorliegende Beschreibung will und kann nicht mehr als einen Anstoß geben.“

Entsprechend bezeichnet Fest seinen Essay als eine „historische Skizze“, die in vier erzählenden Kapiteln die sich überschlagenden Ereignisse der letzten Kriegsmonate zusammenfasst — Der Untergang als Kinofilm befasst sich hingegen nur mit den letzten 10 Tagen des Dritten Reiches. Dazwischen finden sich vier Zwischenbetrachtungen eingeschoben, die reflektierend ein für den Ablauf der Ereignisse bedeutendes Stichwort aufgreifen. Indem dabei auch zeitlich weiter zurückreichend ausgeholt und Wichtiges zur Figur Hitler und auch die Etablierung des Nationalsozialismus in Deutschland angerissen wird, beispielsweise in „Konsequenz oder Katastrophe: Hitler in der deutschen Geschichte“, erweitert sich die Perspektive in der Betrachtung: „Aber mitunter tut der Chronist gut daran, das Vergrößerungsglas aus der Hand zu legen. Denn auch der Zusammenhang, in dem alles jederzeit mit allem steht, hat seine Bedeutung und leistet Erkenntnisgewinne, die keine Detailbetrachtung erbringen kann.“ Joachim Fests „Der Untergang“ ist die brillant verfasste Studie eines scharfen Analytikers, in welcher die geschickt komprimierten Geschehnisse zu einem packend-aufschlussreichen und zudem besonders eindringlichen Lese-Erlebnis werden. (Dies gilt, auch wenn der Autor dabei in Teilen auf seine berühmte Hitler-Biografie zurückgreift und daraus sinngemäß wiederholt, beispielsweise das erwähnte Kapitel „Konsequenz oder Katastrophe: Hitler in der deutschen Geschichte“.)

Bereits ins Jahr 1933 datiert ist das Verlangen des „Führers“ nach bunkerartiger Unterkellerung der Reichskanzlei. Noch vor Kriegsausbruch entstanden so ein Luftschutzkeller unter dem Festsaal im Garten hinter dem Kanzleramt sowie unter der von Albert Speer erbauten Neuen Reichskanzlei. Angesichts der Winterkatastrophe vor Moskau erteilte Hitler im Sommer 1942 den Auftrag zum weiteren Ausbau der Schutzräume. So entstand schließlich das weitläufige Bunkersystem auf dem Gelände der Reichskanzlei, das als Führerbunker zum Schauplatz des bizarren letzten Aktes in der Geschichte des „1000-jährigen Reiches“ werden sollte. Die Arbeiten an der Katakombe waren übrigens selbst im April 1945 noch nicht komplett abgeschlossen.

Claus Schenk von Stauffenberg, der Attentäter vom 20. Juli 1944, hatte bereits zuvor beim Anblick der zunehmend betonierten Führerhauptquartiere angemerkt: „Hitler im Bunker — das ist der wahre Hitler!“ Als Hitler infolge der fortwährenden Luftangriffe ab Ende Januar 1945 im Bunkerlabyrinth ständig Quartier bezog, war er auch dem Urteil verschiedener anderer Beobachter zufolge „endlich bei sich selber“ angekommen. Die dort herrschende Enge, der Beton, das künstliche bleiche Licht schafften für die Anwesenden eine derart bedrückende Atmosphäre, dass selbst Goebbels seinem Tagebuch anvertraute, er meide die Räume nach Möglichkeit, um nicht der „desolaten Stimmung“ anheim zu fallen. Dieses extrem von der Außenwelt Entrückte des Bunkerdaseins begünstigte bei Hitler zweifellos einen zunehmenden Realitätsverlust, der sich in den aus dieser Zeit bekannten, mitunter an die Handlungen eines Wahnsinnigen gemahnenden, völlig irrealen Handlungen und Beschlüssen widerspiegelt.

Joachim Fests historische Skizze verdeutlicht minutiös den Ablauf des Dramas und klärt dabei zugleich (soweit möglich) entstandene Legenden auf. Ebenso wird dabei auf nicht mehr eindeutig zu Klärendes, widersprüchlich Überliefertes eingegangen — wie die vier unterschiedlichen Versionen von Hitlers Selbstmord. Der Essay zeigt dabei auch, wie wenig man offenbar — weder unmittelbar nach Kriegsende noch in den Jahren des langsam greifenden Wirtschaftswunders — daran interessiert war, durch Befragung der aus russischer Gefangenschaft heimgekehrten Bunker-Zeitzeugen jener letzten Tage, (mehr) Licht ins Dunkel zu bringen. Darum ist, wie der Autor feststellt, seit Hugh Trevor-Ropers 1946 erschienenem Buch über „Hitlers letzte Tage“ nichts grundlegend Neues hinzugekommen: „Bis heute ist dieses Licht kaum schärfer geworden.“ Ebenso erfährt der Leser, wie irrig es ist, in Hitlers Untergang eine Tragödie zu sehen und auch, welch völlig amoralischer und rücksichtsloser Mensch der Führer des Großdeutschen Reiches wirklich war: „Die Vorkehrungen, die eine jahrhundertealte Tradition geschaffen hatte, um den Menschen vor dem Menschen zu schützen, tat er als ‚Geschwätz der Schweinepfaffen‘ ab.“ Und nicht erst in den Tagen der Götterdämmerung kam der Diktator darauf, sein Volk mit in den Strudel des Untergangs zu reißen („Nero-Befehl“ vom März 1945). Vielmehr hatte er bereits Ende November 1941, als sich die Winterkatastrophe an der Ostfront abzeichnete, (sogar) gegenüber zwei ausländischen Besuchern erklärt, das deutsche Volk solle, wenn es einmal nicht mehr stark und opferbereit genug sei, vergehen und vernichtet werden, er werde ihm keine Träne nachweinen.

Fests historische Skizze „Der Untergang“ ist derzeit in zwei Versionen im Buchhandel erhältlich: Zum einen als einfache Taschenbuchausgabe und zum anderen integriert in das sogenannte „Filmbuch“. Letzteres dürfte allein schon durch das erheblich günstigere Preis-Leistungsverhältnis praktisch von nahezu jedem Interessierten bevorzugt werden. Erhält man doch neben dem Fest-Essay das Drehbuch zum Film von O. Hirschbiegel mit Filmbildern, einen Bericht über die Dreharbeiten, gekoppelt mit einigen Interviews mit den Darstellern und der Produktion sowie einen sehr lesenswerten Artikel zum Thema Hitlerdarstellung im Film, „Hitler — eine Filmkarriere. Der letzte Akt und andere Filme über das Ende des Führers“.

Erschienen
2004
Seiten:
464
Verlag:
Rowohlt Taschenbuch
Kennung:
3-499-61923-7
Zusatzinfomationen:
€ 10,90 (D)

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