Der Magier im Kreml für daheim auf BD & die Buchvorlage
Zum Film:
Die gleichnamige Romanvorlage des italo-schweizerischen Autors Giuliano da Empoli erschien bemerkenswerterweise im März 2022, nur wenige Tage nach Russlands Überfall auf die Ukraine. Regisseur Olivier Assayas hat zusammen mit Emmanuel Carrère aus der Vorlage das Filmdrehbuch erstellt. Das Ergebnis ist eine eindrucksvolle Studie über das heutige Russland, die Funktionsweise seines Machtapparats und in ganz besonderem Maße den Werdegang seines modernen Zaren, Wladimir Putin. Nach der rund fünfstündigen TV-Mini-Serie Carlos – Der Schakal (2010) ist dies nun Assayas zweites historisches Setting. Der Magier im Kreml nimmt den Zuschauer über seine knapp zweieinhalb Stunden mit auf eine aufregende Reise, die einen weiten Bogen spannt: von den frühen 1990ern, als sich die Sowjetunion im freien Fall befand, bis zur Invasion der Krim im Jahr 2014. Die fiktive Figur des Wadim Baranow ist inspiriert von Putins langjährigem Berater Wladislaw Surkow. Paul Dano verkörpert Baranow zurückhaltend, fast schon etwas farb- und konturlos und gerade so durchaus sehr eindringlich und überzeugend. Baranow spielt in der geschickt inszenierten Rahmenhandlung die Hauptrolle. Er war nämlich seinerzeit der entscheidende Strippenzieher und dieser lässt nun im Rahmen seiner ausführlichen Gespräche mit dem US-Journalisten Lawrence Rowland (Jeffrey Wright) rund 30 Jahre russischer Zeitgeschichte elegant Revue passieren.
Jude Law ist ebenfalls sehr überzeugend in seiner äußerst kühlen, sachlichen und unklischierten Darstellung der Hauptfigur, Wladimir Putin. Putin, der hier durchgehend als „der Zar“ bezeichnet wird, erhält erst in der 46. Minute seinen ersten Auftritt, aber der hat es bereits in sich, wenn dieser sagt: „Ich habe kein Interesse an einem Friedensnobelpreis! Ich will den Krieg!“ Dass der etwa beim Untergang des Atom-U-Boots Kursk völlig eiskalte, machiavellianische Machtmensch Putin auch mal eine Portion Oberkellnercharme verströmen mag, wird in den Szenen in des neuen Zaren Sommerresidenz in Sotschi deutlich. Natürlich wissen wir nicht, was sich hinter den Kreml-Mauern im Detail wirklich abgespielt hat. Darin ähnelt Der Magier zwangsläufig der ebenfalls sehr sehenswerten filmischen Studie, Führer und Verführer (2024), die auf ihre Art vergleichbar faszinierende Einblicke in die NS-Propagandamaschinerie bietet. Beim Magier im Kreml erscheint das Gezeigte ebenfalls geradezu verblüffend plausibel. Nur wenige Namen von Akteuren wurden verändert, was den Wiedererkennungswert der übrigen erheblich steigert.
Im ebenso faszinierenderen wie hochaktuellen Blick hinter die Kulissen des heutigen Russland wird deutlich, wie sich aus dem absoluten Chaos gegen Ende der Ära Jelzin, schrittweise der Wandel zur mit vertikaler Machtausübung ausgestatten diktatorischen Staatsführung unter Putin vollzog. Wie der Aufstieg eines jungen und athletischen, zweifellos intelligenten, aber völlig farblosen Direktors des Inlandsgeheimdienst FSB, der, von einer Gruppe Oligarchen unter dem Medienmogul Boris Beresowski als leicht lenkbare Alternative zum untragbar gewordenen Vorgänger fehleingeschätzt, seinen Anfang nahm. Von Beresowski erhält Wadim die entscheidende Lektion: „Hör auf, Geschichten zu erfinden, gestalte die Realität.“ Worauf Letzterer dann Putin dabei behilflich wird die von Jelzin übernommene, seinerzeit immerhin nur „defekte Demokratie“ nach und nach komplett zu zerstörten, um diesen als mächtiger Autokraten zu etablieren. Beresowski war dann auch nur der erste, der beim neuen Zaren in Ungnade fiel und an dem dieser ein Exempel statuierte, indem er ihm seine TV-Anteile abnahm und ihn schließlich ins britische Exil vertrieb. Der zweite war Michail Chodorkowski, Chef des ehemaligen Ölkonzerns Jukos und zeitweise der reichste Mann Russlands. Im Oktober 2003 erfolgte dessen Verhaftung. Es wurde ihm der Prozess gemacht und er verblieb bis zu seiner Begnadigung 2013 für mehr als 10 Jahre in Haft. Faszinierend ist auch die Szene wo Wadim eine noch mit klassischer Desinformation arbeitende „Trollfabrik“ besucht. Wadim belächelt diese nur, denn er ist längst über dieses Stadium hinaus: „Unser Ziel ist Chaos. Wir dringen in die Köpfe ein. Wir schaffen den Mythos, dass die Russen die moderne Welt kontrollieren.“ Dafür schmiedet er kaum vorstellbare Allianzen, etwa indem er neben dem Klerus und den Nationalbolschewisten ebenso die Marxisten und auch die rechte Rockergang „Wölfe“ rekrutiert und vor den Karren zu spannen versteht, mit deren Mitgliedern sich auch Putin offenbar nur allzu gern ablichten lässt.
„Der Magier im Kreml“: Die Buchvorlage, gebunden bei C.H. Beck und als TB im btb Verlag
Im vorliegenden Fall ist es dringend empfohlen, sich neben dem Film auch der ebenfalls hochinteressanten Buchvorlage anzunehmen. Hier geht es naturgemäß noch ein ganzes Stück mehr in die Breite. Im Anliegen Putins langsamen, aber unaufhaltsamen Aufstieg zum mächtigen Autokraten darzustellen, sind Buch und Leinwandadaption vergleichbar konsistent. Auch Vadim Baranows Werdegang vom ehemaligen Kunststudenten, Theater-Regisseur und Reality-TV-Produzenten in der anarchistisch-chaotischen Phase der russischen Demokratie zum äußerst geschickt agierenden Steigbügelhalter Putins ist hier noch plastischer durchgezeichnet. Man meint fast zum direkten Beobachter der politischen Ereignisse zu werden, auch wenn es sich hierbei ja nur um eine freilich äußerst geschickt um die bekannten Fakten herum konstruierte Fiktion handelt. Dabei lässt einen Putins Aufstieg zu Russlands neuem Zaren zwischendurch allerdings auch durchaus mal etwas frösteln. Bei so manchem Leser dürfte bei der Lektüre das Bedürfnis geweckt werden, das Buch ganz besonders zügig, möglichst in einem Zuge auszulesen.
Der Magier im Kreml auf Blu-ray
Bild und Ton
Die Einzel-BD kommt ähnlich unpathetisch und nüchtern wie der Film daher, schlicht aber solide aufgemacht, im üblichen blauen Amaray-Set. Der Look des Films im breiten Scope-Format ist ebenfalls eher sachlich und quasi-dokumentarisch gehalten. Abseits einigen technisch zwangsläufig unzulänglicheren Dokumentarmaterials ist der Bildeindruck zwar durchweg tadellos. Dieser ist allerdings eindeutig abseits aller perfekt jedes Detail scharf zeichnenden, perfekt ausgeleuchteten Hochglanzoptik angesiedelt. Abgesehen von ganz wenigen kurzen Szeneneinschüben ist nämlich immer, mal etwas mehr mal etwas weniger, eine Portion digitalen Weichzeichners mit von der Partie. Dieser sorgt entsprechend für deutliche Stilisierungen im Bild. Indem etwa bei Lichtquellen die typischen Lichthöfe erzeugt werden und auch wenn die diffusen Übergänge an Konturen häufiger zu einem merklichen Grauschleier in an sich schwarzen Bildteilen führen. Davon werden sowohl der Schwarzwert als auch die Schärfe unausweichlich dezent negativ beeinflusst. Richtig knackscharf ist das Bild selbst in seinen nur vereinzelt anzutreffenden klarsten Momenten nicht. Vermutlich ist das auch der Grund, warum Constantin Film bzw. Leonine in diesem Fall auf eine UHD-BD-Version verzichtet hat, denn diese vermag im vorliegenden Fall wohl kaum mit nennenswertem Mehrwert aufzuwarten. (Bemerkenswerterweise ist in Großbritannien eine UHD-Ausgabe verfügbar, bestückt ausschließlich mit englischem und französischem Ton.)
Der Tonmix in DTS-HD Master Audio 5.1 ist konsequenterweise bewusst abseits vom an druckvollen Sound- und-Tiefbasseffekten reichen Blockbuster-Action-Kino platziert. Indem man sich hier auf das Spiegeln einer unaufdringlichen, betont natürlich abgebildeten Geräuschkulisse beschränkt hat, agiert der tadellose stereophone Klangraum völlig stimmig mit dem ebenso wenig effekthascherisch inszenierten Film.
Extras
Neben dem deutschen Filmtrailer besteht das Bonusmaterial aus einer recht umfangreichen Sammlung mit unterm Strich durchaus interessanten Interviews mit Cast & Crew. Hinzu kommen noch rund 20 Minuten Material vom Dreh in Form von recht ansprechendem B-Roll-Footage.
Fazit: Der Magier im Kreml ist nach seinem Kinostart am 9. April 2026 an den hiesigen Kinokassen doch etwas schwach frequentiert worden. Dabei erhält der Interessierte trotz des eher dokumentarischen Inszenierungsstils, keineswegs langatmig dargebotene Einblicke hinter die Kulissen des heutigen Russlands und seines Machapparates. Der Film ist im Stile eines spannenden Politthrillers gehalten, der sich freilich nicht wie ein effektgeladener Actionblockbusters aufführt, sondern betont nüchtern sachlich, fast schon wie eine dokumentarische Studie gibt. Darüber hinaus ist die Buchvorlage zusätzlich zum Film sowohl den finanziellen wie auch zeitlichen Aufwand absolut wert und wird daher nachdrücklich empfohlen.
Zum Gewinnspiel zu Der Magier im Kreml geht’s hier.
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