Das Geisterhaus

Geschrieben von:
Dietrich Haas
Veröffentlicht am:
19. März 2001
Abgelegt unter:
CD

Score

(3.5/6)

1993 engagierte Produzent Bernd Eichinger den dänischen Regisseur Bille August, um das in Buchform vorliegende Familienepos von Isabel Allende, Nichte des früheren chilenischen Staatpräsidenten Salvador Allende, Das Geisterhaus, zu verfilmen. Diese Familiensaga lässt den Zuschauer an rund 50 Jahren chilenischer Geschichte (20er – 70er Jahre) teilhaben und wurde mit internationaler Starbesetzung verfilmt: neben Jeremy Irons und Meryl Streep geben sich auch Glenn Close, Armin Müller-Stahl, Antonio Banderas und Winona Ryder die Ehre.

Der Film ist sicher nichts für Freunde leichter Unterhaltung, er beeindruckt vielmehr durch weitläufige Landschaftsaufnahmen, durch die ansprechenden schauspielerischen Leistungen und – ein nicht unwichtiger Punkt – durch die überraschend stimmungsvolle Filmmusik von Hans Zimmer. Dieser instrumentiert das sehr düstere, schwermütige Hauptthema, welches gleich im ersten Titel „The house of spirits“ in voll auskomponierter Fassung zu hören ist, als Klarinettensolo in Begleitung eines großen Streicher-Ensembles. Die Musik wirkt melancholisch, geisterhaft – verglichen mit anderen Arbeiten von Zimmer nimmt sie ansatzweise die ruhigeren Passagen des Gladiator voraus, im klassischem Sinne orientiert sie sich an Samuel Barbers „Adagio for Strings“.

Im weiteren Verlauf darf zwar auch das tiefe Blech nicht fehlen, doch hat es, gegenüber anderen Arbeiten Zimmers, wie z. B. dem Score zu The Rock oder auch der Musik zum genannten Ridley-Scott-Römer-Epos, eine eher untergeordnete Bedeutung. Da der Komponist weitestgehend auf seine üblichen synthetischen Action-Percussions verzichtet – an manchen Stellen tritt die große Trommel als Verstärkung hinzu –, hebt sich der Klang stark vom gewohnten synthetisch aufgepeppten Hans-Zimmer-Sound ab.

Track zwei überrascht mit einem langen Klaviersolo (gespielt von The Rock-Co-Komponist Nick Glennie-Smith); das Stück erinnert an den langsamen Satz eines frühromantischen Klavierkonzertes. In Track drei („Coup“) erklingt eine Blechbläserpassage, die eher an einen kirchlichen Choral erinnert als an jene bombastischen, schnell etwas vordergründig wirkenden Blechbläser-Einsätze in Gladiator oder Crimson Tide. Track vier („Pedro and Blanca“) ist stark durch südamerikanische Rhythmik geprägt und bildet zusammen mit dem Hauptthema die Höhepunkte der CD. Hier wechseln sich Solo-Klarinette und -Gitarre ab, unterlegt mit folkloristischem Schlagwerk. Besonders die Klarinettensoli von Jürgen Musser überzeugen: mit seinem sehr weichen und trotz des ständigen Piano-Charakters voluminös-kernigen Ton sorgt er an manchen Stellen für regelrechte Gänsehaut.

Die Musik hat etwas Sphärisch-Transzendentes (sehr hohe Lagen der Streicher), womit sie wohl die jenseitige Gedankenwelt von Clara untermalt, einer der Hauptfiguren der Handlung. Man muss hier nicht lang nach musikalischen Vorbildern suchen: diese Passagen erinnern mitunter stark an Wagner, speziell das Vorspiel zu „Lohengrin“ stand hier Pate. Später erklingt Solo-Harfe zusammen mit gezupften Streichern (Pizzicati), was die Musik regelrecht wabern und flimmern lässt.

Natürlich ist es Geschmackssache, ob man sich mit Zimmers eher klassizistisch-orchestralem Score anfreunden kann. Manch einer hätte wahrscheinlich eher Musik mit mehr typisch chilenisch-indianischem Charakter erwartet. Die Begründung dafür, dass Zimmer einen „europäisch-konventionellen“ Stil gewählt hat, liegt vielleicht darin, dass die Allendes eine spanische Einwandererfamilie sind und somit keine chilenischen Wurzeln haben. Ein weiterer Pluspunkt dieses Albums ist das reich bebilderte Booklet, aus dessen Credits hervorgeht, dass neben Nick-Glennie Smith auch Mark Mancina kompositorisch seine Finger im Spiel hatte.

Leider fehlt ein ausführlicherer informativer Begleittext.

Fazit: Die wohl wichtigste Erkenntnis bei der Musik zum „Geisterhaus“ ist, dass sie wohl nicht die Fan-Erwartungen an einen „typischen“ Zimmer-Score erfüllt; in meinen Ohren hingegen klingt sie sogar überzeugender. Diese Musik ist orchestraler als die meisten seiner anderen Arbeiten, kommt fast ohne synthetisch-verstärkenden Effekte aus und bezieht ihre Dynamik größtenteils aus rhythmischen Streicherbewegungen und nicht aus gewohnten eher rockigen Percussions – etwas das in diesem Film auch äußerst deplatziert gewesen wäre.

Daher gilt meine Empfehlung für diesen Score auch für jene Filmmusikfreunde, die sich von Zimmers Musik sonst eher abwenden. Zimmer sollte sich bei seinen neuen Werken bisweilen auf diesen Score zurückbesinnen. Finanziell ist der Kauf auch kein allzu großes Wagnis, da die CD für etwa 10 Euro erhältlich ist.

Komponist*in:
Zimmer, Hans

Erschienen:
1993
Gesamtspielzeit:
43:30 Minuten
Sampler:
Virgin
Kennung:
839235 2

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