Citizen Kane

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
21. September 2000
Abgelegt unter:
DVD

Film

(6/6)

Bild

(4/6)

Ton

(3/6)

Extras

(2.5/6)

Über Orson Welles außergewöhnliches Kino-Debüt, Citizen Kane (1941), ist schon viel geschrieben worden. Im Jahr 1995 wurde der Film sogar zum „Besten Film aller Zeiten“ gekürt. So problematisch derartige „absolute“ Platzierungen (oder wie „Liste der 10 weltbesten Filme“) bei eingehender Betrachtung auch sind, sie weisen aber ohne Zweifel darauf hin, dass es sich hier um einen außergewöhnlichen Film handelt.

Im Zuge der Recherchen eines Reporters nach der Bedeutung von Kanes letztem Wort „Rosebud“, entsteht in ineinander verschachtelten Rückblenden ein widersprüchliches, facettenreiches Portrait der Titelfigur – wobei sich schließlich die Bedeutung von „Rosebud“ dem Zuschauer, aber nicht dem Reporter offenbart.

Es handelt sich hier um einen Geniestreich des jungen Orson Welles, der die kinematographieschen Möglichkeiten seiner Zeit raffiniert bündelt und für seine Zwecke einsetzt. Der Ideenreichtum dieses Filmprojekts, und die dem Medium Film angemessene Umsetzung durch den kreativen Willen eines einzelnen Künstlers sind bis heute außergewöhnlich geblieben. Die Verpflichtung des hervorragenden Kameramanns Gregg Toland war eine Voraussetzung für die ungewöhnliche Bildsprache des Films. Durch die intensive Zusammenarbeit mit Toland erlernte Wells – speziell am Beispiel von John Fords Stagecoach – Grundlegendes über die Film-Fotografie.

Welles war ein vom Theater kommendes Multitalent, das im Oktober 1938 auch seine Fähigkeiten im Rahmen des Rundfunks durch ein spektakuläres Science-Fiction-Hörspiel bewiesen hatte, „Der Krieg der Welten“ nach dem Roman von H.G. Wells, in dem die Landung bösartiger Aliens vom Mars geschildert wird. Dieses Hörspiel verblüffte durch seine äußerst raffinierte, realitätsnahe Inszenierung, indem es durch fingierten Live-Charakter (Sondermeldungen, eingeblendete Live-Reportagen und Interviews) eine Vielzahl seiner Hörer derart überzeugte, dass sich eine Massenhysterie entwickelte. Die Rundfunk-Erfahrung im Umgang mit Musik und Geräuschen machte sich Welles auch für Citizen Kane schöpferisch zunutze. Einen wichtigen Anteil an der Wirkung der Bilder hat außerdem Bernard Herrmanns hervorragende Filmmusik – die auch für diesen Newcomer das Hollywooddebüt war (siehe hierzu auch die Rezension der Varèse-Neueinspielung unter Joel McNeely).

Die DVD präsentiert den Film in durchweg guter Bildqualität. Sichtbar sind zwar eine Reihe von Gebrauchsspuren und Bildschäden, aber das Bild ist insgesamt sauber durchzeichnet, gut detailliert und auch die Kontraste sind ordentlich. Die Qualität würde ich als eine Klasse besser als bei den bekannten (sehr ordentlichen) Fernsehausstrahlungen bezeichnen. Erfreulicherweise ist ein Vergleich der deutschen Synchronfassung mit dem amerikanischen Original möglich. Nur die amerikanische Tonfassung enthält die vollständige Bernard-Herrmann-Musik, von der in der deutschen Fassung nur einige wenige Fragmente erhalten geblieben sind! Neben den gravierenden Unterschieden in der unterlegten Musik, zeigen sich allerdings auch deutliche Unterschiede im jeweiligen Geräusch-Mix. Die deutsche Tonfassung ist offenbar komplett neu angefertigt worden – also ohne Verwendung eines internationalen Geräusch- und Musik-Tapes. Der Vergleich der unterschiedlichen Tonfassungen gerät in manchen Szenen zur faszinierenden Angelegenheit: So wirken z.B. die lange Eröffnungsszene mit ihren tollen Kamerafahrten und Perspektiven oder das „Schneebild“ (Kane als Kind mit dem bedeutungsvollen Schlitten), stimmungsmäßig in der jeweiligen Fassung geradezu dramatisch anders. Dass die Originalfassung mit Herrmanns Musik deutlich besser wirkt, sei nur der Vollständigkeit halber angemerkt. Die Tonqualität ist altersbedingt eher durchschnittlich, aber passabel, wobei die deutsche Tonfassung deutlich klarer klingt.

Bei Citizen Kane handelt es sich um einen Film, der infolge seiner komplexen und vielschichtigen Struktur mehrfach gesehen werden muss. Zwar klärt sich das Rätsel um „Rosebud“ in den letzten Momenten des Films, allerdings steht dagegen die Aussage des Reporters Thompson: „Ich glaube nicht, dass man das Leben eines Menschen in einem Wort zusammenfassen kann …“. Hierdurch wird der Zuschauer geradezu zur Spurensuche im Labyrinth von Citizen Kane aufgefordert; die Bilder dieses Films wollen eingehend gelesen werden, denn vieles erscheint nach mehrfachem Betrachten in deutlich anderem Licht. Hier spielt das Medium DVD, mit seinem von der CD bekannten leichten Zugriff auf einzelne Stellen, gegenüber der deutlich unpraktischeren VHS-Band-Technik beim Studieren des Films eindeutig Trümpfe aus. Ein weiteres Plus: Wer mit dem Englischen Probleme hat, kann die hilfreichen deutschen Untertitel einblenden.

Als Zusatzmaterial gibt es einen ungewöhnlichen amerikanischen Kinotrailer und Schrifttafeln mit Starinfos sowie interessante Filminformationen, wo Essentielles zur Machart des Films, wie die subjektive (erzählende) Kamera und die Verwendung der Schärfentiefe erläutert werden – dies ist zwar schlicht, aber passabel.


Mehrteilige Rezension:

Folgende Beiträge gehören ebenfalls dazu:


Regisseur*in:
Welles, Orson

Erschienen:
1999
Vertrieb:
ARTHAUS (Kinowelt)
Kennung:
DVD 1899
Zusatzinformationen:
USA 1941

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