Circus-Welt

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
24. Oktober 2002
Abgelegt unter:
DVD

Film

(2/6)

Bild

(3.5/6)

Ton

(2/6)

Extras

(2.5/6)

Ein deutliches Stück hinter den beiden zuvor genannten Filmen rangiert Circus World • Circus-Welt auch Held der Arena (Regie: Henry Hathaway). Trotz seiner Stars (John Wayne, Rita Hayworth und Claudia Cardinale) kein guter Film, sondern allein eine eher sentimentale und simple Story, um eine vor Jahren verschwundene Artistin. Das Spektakel hält dank 70-mm (wie auch die übrigen Filme des Bronston-Quartetts) ein gestochen scharfes Bild von faszinierender Schärfentiefe bereit. Im Prinzip bietet der nicht billige Film primär etwas für Freunde von Zirkus und Varietee-Nummern: Bei diesen dürften die in Zusammenarbeit mit dem deutschen Zirkus Althoff realisierten Szenen einiges Interesse finden.

Dimitri Tiomkin komponierte zu 55 Tage in Peking, Der Untergang des Römischen Reiches und Circus-Welt die jeweilige Filmmusik. Von diesen zählt Der Untergang des Römischen Reiches zu den großen Tiomkin-Musiken. Diese nicht historisierend angelegte, im Sinne von Miklós Rózsas Musik zu Julius Cäsar (1953) eher „modern“ wirkende (siehe hierzu auch Cleopatra von Alex North) Komposition ist ein stilistisch etwa zwischen Tschaikowsky, Borodin und Rachmaninoff angesiedelter breit-orchestral angelegter Score. Der Academy of Motion Picture Arts and Sciences war diese nur eine Oscar-Nominierung, aber keine Statue wert. Daher entstand das Gerücht, Tiomkin hätte sich dafür mit seiner insgesamt allein auf gehobenem Zirkusmarsch-Niveau befindlichen Partitur zu Circus-Welt „gerächt“. Für 55 Tage in Peking hingegen entstand immerhin eine sehr solide gemachte Abenteuerfilmmusik, die mit einer Reihe sehr schöner Passagen aufwartet – z. B. einer recht originellen „Chinesischen Festmusik“ (mit Chor) und einem archaischen „Arbeits-Chor“ der eine große Kanone heranschaffenden Boxer.

Dass Dimitri Tiomkin ein starkes melodisches Talent besaß, zeigen die in seinem Schaffen häufig anzutreffenden überaus eingängigen, oftmals sehr schönen und zumeist sangbaren Melodien. Mit dem überaus erfolgreichen Song zu High Noon • 12 Uhr mittags (1952) setzte er unter anderem den (im Laufe der Zeit zunehmend) Pop-orientierten Trend, auf eingängige Film-Songs angelegte Scores zu lasten dramatischer, sinfonisch auskomponierter Filmmusiken immer mehr zu bevorzugen (hierzu siehe auch Love Is a Many-Splendored Thing). Zeitweilig war er der bestdotierte Komponist in Hollywood.

Die vier Bronston Epics auf DVD

Zu den DVD-Editionen des Anbieters e-m-s hat es von verschiedenen Seiten m. E. in Teilen etwas zu harsche Kritik gegeben. Sicher, die vier DVDs bieten lange nicht alles von dem, was das perfektionistische Sammlerherz begehrt. So fehlen bei El Cid die Ouvertüre, Pausen- und Schlussmusik, bei 55 Tage in Peking die Ouvertüre und Pausenmusik sowie bei Der Untergang des Römischen Reiches die Eröffnungs-Fanfare und ebenfalls die Pausenmusik. Überhaupt hat e-m-s bei diesem Projekt wohl ein unterstützender Partner aus der Film-Sammlerszene gefehlt, der hätte helfen können, eine Reihe von fehlerhaften Angaben zu den präsentierten Filmen zu vermeiden.

So wurde El Cid in Deutschland 1962 von Rank-Filmverleih (wie auch international) mit einer Lauflänge von 184 Minuten in die Kinos gebracht. Dem an die vollständige Bildfassung der DVD (kürzere PAL-Video-Laufzeit beachten!) angelegten – leider nur monoralen – deutschen Ton liegt jedoch die auf nur noch rund 155 Minuten gekürzte Wiederaufführungs-Fassung des Constantin-Verleihs aus den 70ern zugrunde. Von „… bisher in Deutschland niemals gezeigten Szenen, für die nur englischer Originalton existiert …“ kann also nicht die Rede sein. Zwar ist El Cid in den Folgejahren von weiteren Rechteinhabern – wie Jugendfilm und C.S.-Film – nur in der gekürzten Fassung wieder aufgeführt worden, allerdings sind in der Bundesrepublik Deutschland wohl die (heute kaum mehr in spielfähigem Zustand befindlichen) 70-mm-Kopien ungekürzt geblieben – was offenbar ebenso für 35-mm-Kopien in Österreich und der Schweiz gilt.

55 Tage in Peking dürfte, abgesehen von den fehlenden o. g. Musikteilen vollständig sein. Der Film lief mit einer Lauflänge von 154 Minuten in den deutschen Kinos. Circus-Welt wurde international mit einer Lauflänge von 138 Minuten gestartet, was mit der DVD-Lauflänge von 133 Minuten gut zusammenpasst. Der Untergang des Römischen Reiches hingegen scheint in Deutschland mit seiner Lauflänge von 174 Minuten von Anfang an gegenüber der ursprünglichen US-Version mit 187 Minuten leicht gekürzt gewesen zu sein. Nun, wohl auch in den USA hat es später zumindest eine Reihe kleinerer Schnitte gegeben. So präsentiert ihn die Laser-Disc-Ausgabe (LD) von 1993 mit „nur“ 182 Minuten, die Lauflänge der PAL-DVD liefert (umgerechnet auf die Kinolaufzeit) rund 179 Minuten. Zieht man die bei der US-LD-Version von 1993 immerhin enthaltene Pausenmusik mit knapp 3 Minuten ab, ergibt sich auch hier immerhin ein Gleichstand mit der wohl zur Zeit verfügbaren längsten US-Fassung. In jedem Fall enthält diese einige Szenen, die in Deutschland vermutlich nie gezeigt worden sind, aber auch ein paar kleinere erkennbare (recht holprige) Schnitte.

Als positiv muss bei sämtlichen DVDs das präsentierte Bild angeführt werden, das nicht allein im korrekten Bild-Seitenverhältnis, sondern ebenso mit soliden bis guten Werten für Schärfe, Farbe, Kontrast, Durchzeichnung und geringem Farbrauschen aufwartet. Gerade beim Farbrauschen und der Schärfe sind die jetzt vorliegenden DVDs den guten US-LD-Fassungen der genannten Filme ein Stück überlegen. Ebenfalls sind die bei 55 Tage in Peking von LD in einigen Teilen – infolge leicht verblasster Farben – deutlich sichtbaren Farbsprünge weitgehend ausgeglichen. Bei El Cid lassen zudem einige verbliebene (gut identifizierbare) leichte Bildfehler der LD-Fassung, die auch von DVD zu sehen sind, den Schluss zu, dass dasselbe Ausgangsmaterial zugrunde gelegt wurde. Bei El Cid wirkt das Bild etwa in der ersten dreiviertel Stunde etwas unnatürlich, nämlich zu dunkel. Zwar erscheint das sehr scharfe Bild durchaus nicht stumpf und zeigt einiges an Details, aber so manches verschwindet im übertrieben wirkenden Schwarz. Circus-Welt belegt beim Bild von DVD klar den hintersten Platz, da es die für 70-mm-Produktionen so charakteristische Schärfentiefe weitgehend vermissen lässt.

Zum Ton gibt es weniger Positives anzumerken: Gerade die deutschen, leider nur monoralen Tonfassungen schneiden ziemlich bescheiden ab. Teilweise wirkt der meist eh matte Sound besonders eng und ist gelegentlich auch verzerrt. Bei El Cid ist die deutsche Tonspur besonders heftig angerauscht und mit Störungen (Knacker etc.) geradezu übersät. Die englischen Tonfassungen sind dagegen sämtlich (entgegen den Coverangaben!) nicht monoral, sondern in immerhin passablem 4-Kanal-Stereo vorhanden. Auch hier markiert allerdings der matte Sound von Circus-Welt klar das Schlusslicht.Die klassischen Stereo-Tonmischungen der Magnettonära sind zwar, was die hinteren Kanäle anbelangt, nicht so effektreich wie von aktuellen Blockbustern gewohnt. Von sehr guter Quelle abgenommen ist der Sound aber sehr präsent, satt und auch druckvoll. Bei den vorliegenden DVDs können die recht gut klingenden Stereo-Tonspuren mit denen der entsprechenden US-LDs weitgehend mithalten. Was allerdings nahezu komplett entfernt worden zu sein scheint, ist das in den klassischen Stereoabmischungen ausgeprägte Dialog-Penning – d. h. der Ton des Sprechenden kommt nicht nur aus der Mitte, sondern folgt exakt der Position im Bild.

Die DVD mit 55 Tage in Peking demonstriert ein interessantes Kuriosum. Musikschnitte in deutschen Fassungen sind nämlich nicht immer identisch mit dem Original: So wurde der impressionistisch gefärbte, lyrisch-zarte „Main Title“ gegen einen, auf dem fanfarenartigen Einschub im ersten Drittel der Ouvertüre beruhenden, eher plumpen deutschen „Marching Song“ ausgewechselt. Da dieser nicht lang genug ist, wird anschließend noch ein eher jazzig – nach Peter Thomas klingendes – instrumentales Arrangement besagten Themas in technisch sehr unzulänglicher Weise eingeblendet, das auch im Nachspann (den End Credits) nochmals platziert wird. Durch diesen kommerziellen Eingriff – der ominöse Song war seinerzeit auf einer Singel erhältlich – wird allerdings die Wirkung des von Dong Kingman überaus edel illustrierten, gemäldeartigen Rollenvorspanns stark beeinträchtigt.

Beim Zusatzmaterial kommen die DVD-Editionen über einen ordentlich aussehenden Trailer (allerdings keine Original-Kinotrailer, sondern „selfmade“ by e-m-s) und immerhin solide biografische Notizen auf Texttafeln (in sehr kleiner Schrift und daher etwas mühsam zu lesen) nicht hinaus. An dieser Stelle muss aber angemerkt werden, dass die LD-Versionen der Filme (bis auf die von El Cid) ebenfalls nicht mehr bieten. Das Fehlen des rund 35-minütigen Zusatzmaterials der restaurierten Miramax-Martin-Scorsese-Laser-Disc-Fassung von El Cid ist zwar bedauerlich, aber vermutlich hätte es den wohl recht begrenzten Produktionsrahmen gesprengt, die dafür zusätzlich erforderlichen Rechte anzukaufen – zumal auch eine zweite DVD erforderlich geworden wäre.

Und noch etwas zu den fehlenden Musiksegmenten: Besonders schmerzhaft ist diese Tatsache bei Ouvertüre und Pausenmusik des El Cid, bei 55 Tage in Peking ist es primär um die Ouvertüre schade, wie bei Der Untergang des Römischen Reiches um die effektvolle Eröffnungsfanfare. Bei der jeweiligen Pausenmusik handelt es sich zum einen um eine merklich poppige Version des Peking-Themas, des Songs „So Little Time“, und zum anderen um eine recht kitschige Fassung des Love-Themes für Chor á Capella. Und ebenso ist die hier fehlende „Exit Music“ von El Cid auch „nur“ ein etwas schmalziges Chor-Arrangement des Love Themes mit zünftigem Text von Paul Francis Webster. In diesen Fällen halten sich also die „wahren“ Verluste zumindest in Grenzen. Außerdem darf man auch nicht vergessen, dass die 1993er US-LD-Version von El Cid seinerzeit umgerechnet etwa 80 – kostete, die DVD von e-m-s hingegen jetzt in vielen Geschäften für nur 15 – in den Regalen liegt.

Fazit: Die vier Bronston Epics auf DVD von e-m-s sind gewiss nicht das Nonplusultra, aber auch nicht grundsätzlich schludrig gemacht. Hierfür stehen insbesondere die qualitativ respektablen und auch so vollständig wie möglich zugrunde gelegten Bildfassungen. Wie auch einige weitere DVD-Produktionen dieses kleineren Anbieters zeigen, ist man durchaus bemüht, qualitativ hochwertige, möglichst restaurierte Fassungen älterer Filme zu präsentieren und nicht einfach nur alte Videotransfers zu veröffentlichen. Und der beim Gegenwert von knapp 2 Kinobesuchen angesiedelte günstige Preis pro Bronston-DVD-Edition, dürfte dem Interessenten das In-Kaufnehmen einiger Unzulänglichkeiten schon ein Stück erleichtern.

Regisseur*in:
Hathaway, Henry

Erschienen:
2002
Vertrieb:
e-m-s DVD
Zusatzinformationen:
USA 1964

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