All Fall Down/The Outrage

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
22. Januar 2004
Abgelegt unter:
CD

Score

(4/6)

Zweimal „Alex North at MGM“ vereint das vorliegende FSM-Album.

Beim Familiendrama All Fall Down • Mein Bruder … ein Lump (1961), um die Probleme mit dem Erwachsenwerden, führte der renommierte Regisseur John Frankenheimer Regie (The Gypsy Moths). Es geht um die beiden Söhne der Familie Willart aus Ohio. Clinton, der jüngere, muss erkennen, dass sein von ihm idolisierter älterer Bruder Berry-Berry dem entspricht, was der deutsche Verleihtitel aussagt.

The Outrage • Carrasco, der Schänder (1964), inszeniert von Regisseur Martin Ritt (Man nannte ihn Hombre), ist eine Art kleinformatiges Remake von Akira Kurosawas berühmtem Film Rashomon – Das Lustwäldchen (1950) im Gewand eines Westerns. Beide Filme hinterfragen kritisch das Problem der Wahrheitsfindung und machen dabei auch die Relativität der Begriffe „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ eindrucksvoll deutlich, indem der Hergang eines Gewaltverbrechens aus völlig unterschiedlicher Perspektive von Beteiligten und Tatzeugen geschildert und bewertet wird.

Alex North machte nicht allein den sinfonischen Jazz leinwandtauglich. Im Bewusstsein vieler Filmmusikfreunde ist sein Schaffen in erster Linie mit seinen groß angelegten, in Teilen episch-wuchtigen Scores zu Viva Zapata, Spartacus, Cleopatra, Cheyenne Autumn, The Agony and the Ecstasy und The Shoes of the Fisherman verbunden.

In den auf dem vorliegenden FSM-Album vereinten Filmmusiken zeigt sich der Komponist hingegen seinem filmmusikalischen Absichten besonders nahe: nämlich subtil-schlanke Bühnenmusik für Theater-Stücke zu komponieren.

Beide auf der CD vertretenen Scores sind für kleine Ensembles komponiert, stehen in der Transparenz des Ausdrucks North’ zweiter Filmkomposition zum (verfilmten) Theaterstück Death of a Salesman sehr nahe. Dem Hörer präsentiert sich insgesamt eine zurückhaltende und auch weniger komplexe Tonsprache, die auf größer angelegte Steigerungen fast völlig verzichtet. Allein in All Fall Down findet sich ansatzweise ein klanglicher Ausbruch: in den jazzig auskomponierten hysterischen Momenten in „Trouble/Shut Up“.

Im Übrigen herrschen klare, einprägsame melodische Linien und eine sparsame Instrumentierung vor. Insgesamt ein kaum abstrakter, sondern leicht verständlicher, aber keineswegs simpler Vertonungsansatz. Es handelt sich um eine kristall-klare, zurückhaltende Tonsprache, die sich zudem perfekt (dezent) an die Dialoge schmiegt. Dementsprechend dominiert kammermusikalische Transparenz, mit effektvoller, ausdrucksstarker Instrumentierung: charmante Holzbläsersoli und auch effektvoller Einsatz der Streicher stehen auf dem Programm. Das häufiger eingesetzte Tenor-Saxophon sorgt oftmals für einen zumindest unterschwellig bluesigen Sound.

Für All Fall Down schrieb North insgesamt drei melodisch ausdrucksvolle Themen, mit denen er den Score sehr hübsch und auch psychologisierend gestaltet, ohne dass er dabei Gefahr läuft, monoton zu werden. Da sind das an ein Kinderlied erinnernde für Clinton, und ebenso ein reizendes Walzer-Thema für Echo, eine attraktive junge Dame, die im Film eine entscheidende Rolle spielt. Wie geschickt North mit diesen beiden Themen umzugehen versteht, machen drei Tracks besonders eindrucksvoll nachvollziehbar, in denen der Musik der Filmversion eine alternative Fassung gegenübergestellt wird.

Vergleichbar subtil ist der Ansatz in The Outrage. Die in Teilen mit einigem mexikanischen Kolorit versehene Musik ist in ihrer (fast durchgehenden) Lyrik allerdings ein eher distanzierter Kommentar zu den teilweise abschreckenden Filmbildern: Insofern liefert der Score dazu einen (fast) schon bizarren Kontrapunkt. Bemerkenswert ist das herrliche Hauptthema, das für die Schönheit des weiblichen Opfers einer Vergewaltigung steht. Die vollständige, mit nur rund 14 Minuten äußerst sparsame Musikuntermalung (!) ist auf der CD als zusammenhängende chronologische Suite vertreten.

Die Musiken zu All Fall Down und The Outrage bilden eine unmittelbar wenig spektakulär wirkende Filmmusikkopplung aus dem Northschen Œuvre. Trotz ihrer eher einfachen Struktur, handelt es sich um sehr sorgfältig ausgeführte Filmvertonungen, die auch dank der inspirierten Melodik als Höralbum Lohnendes und recht Delikates zu bieten haben. Dementsprechend gibt es mit vier vergebenen Sternen eine klare Empfehlung.

Beide Musiken klingen so frisch, als hätten die Einspielungen erst kürzlich stattgefunden und nicht bereits vor nunmehr rund 40 Jahren. Wie gewohnt geizt das Booklet weder mit Informationen zu den Filmen noch zu den Musiken und ist dieses Mal (wie übrigens auch die beiden Filme) komplett „nur“ in Schwarz-weiß gehalten.

Komponist*in:
North, Alex

Erschienen:
2003
Gesamtspielzeit:
52:54 Minuten
Sampler:
FSM
Kennung:
Vol. 6 No. 6

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