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Veröffentlicht am 23.04.2019 | von Michael Boldhaus

Ballon

Ballon Michael Boldhaus
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„Bully“ Herbig mal ganz anders, mit seinem Flucht-Thriller: Ballon

Auch wenn weder die Pseudo-Star-Trek-Ulks in (T)Raumschiff Surprise noch die Pseudo-Karl-May-Eskapaden in Der Schuh des Manitu mich zu besonderer Begeisterung veranlassen konnten: Dass Michael (Bully) Herbig durchaus ein Händchen für die großen Kinobilder besitzt, konnte man auch dabei bereits erahnen. Jetzt allerdings hat es der bayerische Komödiant endgültig bewiesen. Mit Ballon hat er nicht nur eine stilistische 180-Grad-Wendung vollzogen, sondern dem Publikum im Ergebnis eine handwerklich äußerst beachtliche Thrillerunterhaltung serviert, eine die außerdem noch mit einigem Tiefgang aufzuwarten vermag.

Es geht dabei um einen der spektakulärsten Fluchtversuche aus der DDR, welcher den befreundeten Familien Strelzyk und Wetzel im Jahr 1979 mit Hilfe eines selbstgebauten Heißluftballons gelang. Dafür musste Herbig allerdings zuerst von Disney die Rechte an der Geschichte erwerben und hat sich zweifellos auch dessen Vorläufer Night Crossing* Mit dem Wind nach Westen (1982, Regie: Delbert Mann) genauer angesehen. Dabei liefert Herbig dank sorgfältigster Vorbereitungen in Ausstattung und Inszenierung nicht nur die atmosphärisch eindeutig gelungenere Version des Stoffs. Der bisher nur für mitunter arg schrille Kino-Komödien geläufige Regisseur überzeugt in seinem ersten Filmdrama nämlich mit professioneller, eleganter, handwerklicher Souveränität in der Umsetzung. Natürlich hat auch Herbig sich in der Dramatisierung der wahren Geschichte einige Freiheiten genommen, um aller Vorhersehbarkeit zum Trotz – welche im Übrigen ja auch James Camerons Titanic nichts anzuhaben vermochte – daraus eine sowohl flüssig und spannend erzählte als auch überzeugende Kinounterhaltung zu formen, die den Zuschauer fesselt. So gab es insgesamt drei, nicht nur zwei Fluchtversuche, und auch die langwierige, mühsame Arbeit am finalen Fluchtballon wurde gegenüber der Realität erheblich verkürzt. Ebenso war die Stasi den potenziellen Republikflüchtlingen zwar schon hart auf den Fersen, aber ganz so dicht, wie Ballon es in einer rasant inszenierten Parallelmontage suggeriert, war es denn doch nicht. Derartiges ist freilich im Kino zum Spannungsaufbau durchaus erlaubt, denn das echte Leben 1:1 zu verfilmen, funktioniert schlichtweg nicht. Dagegen ist die zum gescheiterten ersten Fluchtversuch gemachte Feststellung eines Stasimitarbeiters, der Ballon wäre nur 200 m vor der Grenze heruntergekommen – in der Realität waren es rund zwei km – ein unmittelbar unglaubwürdiger Lapsus des Dialogbuches, der eigentlich hätte auffallen müssen. Dafür ist jedoch das, was es vom Leben und Alltag in der DDR zu sehen gibt, bis in Details akribisch und liebevoll rekonstruiert, was mit entscheidend für die insgesamt so stimmige Atmosphäre ist.

Die Inszenierung ist zwar konventionell, aber die Geschichte wird absolut professionell als geschickt umgesetzter Kino-Thriller erzählt. Ebenso belegt Herbigs Stammkameramann Stephan Schuh hier seine Professionalität, und neben den Bildkompositionen ist auch der Schnitt (Alexander Dittner) tadellos geraten. Herbig setzt souverän auf nahezu sämtliche Stereotypen des Spannungskinos, welche der Zuschauer zwar hinlänglich kennt, auf die er aber eben auch immer wieder „reinfällt“ und dezent zusammenzuckt. So etwa, wenn nach dem gescheiterten ersten Fluchtversuch ein Abschiedsbrief aus einem Briefkasten wieder herausgefischt werden muss oder wenn die Stasi in einer Parallelmontage an einer Haustür klingelt, man im Haus der Flüchtlinge in spe das Klingeln hört, es aber eben doch nicht ihre Tür ist, vor der die Staatsmacht steht.

Darüber hinaus verleiht das gute Drehbuch dem Handeln der Akteure Glaubwürdigkeit und einige Tiefe. Etwa wenn ohne übertriebenes Pathos die individuellen Sorgen in eher kleinen Szenen dezent verdeutlicht werden. Gemeint ist die Angst vor dem eigenen Versagen und damit einhergehend auch die schwere Last der Verantwortung, welche insbesondere die erwachsenen Protagonisten umtreibt, die mit der riskanten Fluchtaktion nicht nur die Gesundheit und das Leben ihrer Kinder größter Gefahr aussetzen müssen. Auch der ältere der beiden Söhne der Strelzyks, hat es nicht leicht. Er ist gerade dabei, sich in das hübsche Töchterchen des so verbindlich und freundlich erscheinenden Stasimitarbeiters von gegenüber zu verlieben, und sich vom Vater, der ihm verständlicherweise den Kontakt untersagt – ebenso verständlich – nicht dreinreden lassen will und ihm mangelndes Vertrauen vorwirft. Es bleiben aber auch die jüngsten Familienmitglieder nicht ausgespart, welche, nachdem die Fluchtvorbereitungen vor ihnen nicht mehr verheimlicht werden können, so behutsam, aber zugleich eindringlich wie möglich zum Stillschweigen verdonnert werden müssen, wobei sich der Kleinste in der Kita dann doch gefährlich verplappert. Dies unterstreicht zugleich das Gefühl der ständigen Bedrohung durch das totalitäre DDR-System, in welchem bereits die Bemerkung eines Kindes zur Denunziation führen konnte. Wenn die Strelzyks vom Ostberliner Inter-Hotel aus nächtens auf das leuchtende West-Berlin schauen, dann wird dies von außen als Spiegelung durch das Fenster gezeigt, wodurch die Szenerie einen besonders bedrückenden Touch á la Hitchcock und Torn Curtain erhält.

Das dies und mehr überaus glaubwürdig herüberkommt geht auch auf das Konto eines sorgfältig ausgewählten Darsteller-Teams, wobei, wie die im Abspann eingeblendeten Original-Fotos zeigen, insbesondere die beiden männlichen Protagonisten beachtliche Ähnlichkeit mit den historischen Figuren aufweisen. Friedrich Mücke gibt den die Aktion vorantreibenden Vater der Familie Strelzyk, David Kross den eher introvertierten Näher und Ballonhüllenbauer Wetzel. Als Ehefrauen agieren ebenfalls sehr überzeugend Alicia von Rittberg und Karoline Schuch. Natürlich muss an dieser Stelle auch Thomas Kretschmann genannt werden, der 1983 selbst aus der DDR floh und der dem die Ermittlungen leitenden, mit subtiler, aber gnadenloser Härte agierenden Stasi-Oberstleutnant perfekten Ausdruck verleiht, ohne diesen zu dämonisieren. Und last but not least runden die beiden natürlich wirkenden Jungschauspieler Jonas Holdenrieder und Tilman Döbler die Besetzungsliste überzeugend ab.

Mit diesen Darstellern gelingen Herbig sowohl die größeren, wie auch die kleineren dramatischen Momente menschlich überzeugend. Ihm ist mit Ballon ein nicht nur sehr spannender, sondern auch dank der sorgfältigen Ausstattung, den Milieuzeichnungen und ebenso der überzeugenden Darstellung der Charaktere ein wirklich beachtlicher, sehr sehenswerter Film gelungen. Dass Ballon umsatzmäßig wohl kaum mit seinen beiden eingangs genannten Kinoknallern wird konkurrieren können, steht auf einem völlig anderen Blatt.

Herbigs Hauskomponist Ralf Wengenmayr war ebenfalls mit von der Partie. Sein musikalischer Beitrag zu den Filmbildern sticht allerdings von den bei ihm so Vertrauten, betont themenorientiert und klanglich sowohl üppig als auch farbig-pfiffig auskomponierten Ausflügen in breitorchestrale Sinfonik stark ab. Hier bewegt sich die Untermalung zum überwiegenden Teil im Bereich pulsierend treibender, mitunter auch statisch bohrend agierender, dabei zum Großteil synthetischer Klang- und Geräuschkollagen, welche von den Bildern gelöst kaum mehr im üblichen Sinne als Musik bezeichnet werden können. Im Film funktioniert ein derartiges Sound-Design durchaus. Davon gelöst wird es jedoch nur wenige begeistern. Als klangliche Bezugspunkte können Hans Zimmers Vertonung zu Christopher Nolans Weltkrieg-Dramas Dunkirk aber auch Steven Price’ Vertonungskonzept zu Gravity dienen. Jerry Goldsmith unterlegte hingegen beim Disney-Vorläufer insbesondere den Mittelteil der entscheidenden zweiten Flugsequenz mit groß angelegter Kinosinfonik sowie ausgeprägtem Alpensinfonie-Touch. Mit majestätischen Orchesterklängen inkl. Windmaschine lässt er so die entscheidenden Momente der Flucht in den Westen akustisch besonders glanzvoll von statten gehen. Erst im letzten Drittel geht die Musik hier wieder über in einen Ausdruck von Anspannung und Unsicherheit und reflektiert dabei auf die Gefühle der eher notfallmäßig Gelandeten, welche ja noch nicht sicher sind, ob ihre Flucht dieses Mal geglückt ist.

Ballon in HD auf BD und in 4 K auf UHD-BD

Die Blu-ray-Ausgabe gibt’s im vertrauten blauen Amaray-Case. Die UHD-Blu-ray-Version dieses Titels ist zusammen mit einer Blu-ray untergebracht im besonders schlanken, schwarzen 2er-Amara-Case im Handel.

Bild und Ton

Das Bild von Blu-ray ist sehr detailfreudig und zeigt darüber hinaus durchweg gute bis sehr gute Schärfe. Ebenso vorzeigbar sind der meist tadellose Kontrast sowie die trotz dezenter Filterung häufig satten Farben. In einzelnen Momenten ist kurzzeitig der Schwarzwert etwas zu hell. Aber das war’s dann auch schon. Der Qualitätszuwachs bei der UHD-BD wird insbesondere auf den zweiten, eingehenderen Blick dezent deutlich, bei der intensiveren Detailzeichnung und auch der hier etwas satter und insgesamt noch etwas stimmiger erscheinenden Farbpalette. Den in den Actionmomenten auch mal kraftvollen, ansonsten aber eher zurückhaltend, im Sinne von natürlich agierenden, dabei sehr detailfreudig und fein ausdifferenziert abgemischten Surround-Ton zu den Bildern gibt’s dieses Mal ausschließlich in Deutsch: einmal im insbesondere die Technikfreaks begeisternden Dolby Atmos oder als im Vergleich keinesfalls flachbrüstigen DTS-HD Master-Audio Format.

Extras

Unterm Strich passabel, aber nicht umwerfend ausgefallen ist die Boni-Kollektion. Das Sammelsurium an Mini-Featuretten und Trailern mit jeweils nur ca. 3 bis 5 Minuten Laufzeit (darunter befindet sich sogar ein „Making of“) bietet zwar einzelne informative Momente. Da in Teilen merklich redundant, wirkt die Kollektion insgesamt aber etwas unentschlossen, halbherzig zusammengewürfelt. Am besten schneidet der 20-minütige Beitrag „Was für ein Aufwand: Ein Hintergrundbericht von den Dreharbeiten und den Zeitzeugen” ab. Dieser kommt einem soliden „Making of“ noch am nächsten.

Fazit: Bully Herbig ist mit Ballon ein eindrucksvolles Filmdrama gelungen, das aufgrund seiner sehr überzeugenden, professionellen Machart den Zuschauer mitfiebern lässt, auch wenn dieser vom geglückten Ausgang bereits weiß. Wer sich davon im heimischen Kino ein Bild machen möchte, hat die Wahl zwischen sorgfältig produzierten Editionen in den drei Formaten: DVD, Blu-ray und auch UHD-Blu-ray.

Hier geht’s zum Gewinnspiel.

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema Blu-ray-Disc versus DVD.

Titel: Ballon
Erschienen: 2019

Zusatzinformationen: D 2018

Medium: Blu-ray
Verleih: Studiocanal GmbH
Kennung: Standard Blu-ray oder im 2-Disc-4K-UHD-Set: UHD-BD + BD

Regisseur(e):


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