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Veröffentlicht am 12.06.2012 | von Marko Ikonić

5. Filmmusik-Festival in Krakau/Polen (2012)

Aus der Traumfabrik in die Blechfabrik: Hollywoods musikalische Avantgarde beim 5. Filmmusik-Festival in Krakau (24.-26.5.2012)

Hollywood mag zwar nach wie vor die bedeutendste Mainstream-Filmmusik-Schmiede sein. Die umfassendste Präsentation dieser Musik abseits des Filmzusammenhangs lässt sich aber zunehmend auf europäischem Boden erleben. Seit einigen Jahren veranstalten rührige Filmmusik-Fans in Spanien, Frankreich, Belgien, Deutschland oder seit einiger Zeit auch besonders stimmig in der Heimatstadt der Filmmusik-Gründerväter Steiner und Korngold, Wien („Hollywood in Vienna“), ausgewachsene Festpiele mit teils hochkarätigen Konzerten, begleitenden Symposien und der für Fans besonders attraktiven Möglichkeit, ihre komponierenden Idole einmal persönlich kennenzulernen. Etwas Vergleichbares gibt es im Mutterland der symphonischen Filmmusik kaum, wo eher das „klassische“ Filmmusik-Konzert der Marke „klingender Frontalunterricht“ mit nachfolgender Belagerung des (häufig) Stardirigenten vor dem Künstlerausgang dominiert. Sogar eingefleischte Größen des US-Marktes wie Varèse-Sarabande-Chef Robert Townson unterstützen diese Tendenz zur auswärtigen Filmmusik-Pflege mit regelmäßigen Besuchen in „good old Europe“, z. B. in Teneriffa und jüngst wieder im polnischen Krakau.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAZum mittlerweile fünften Mal war die geschichtsträchtige südpolnische Stadt Schauplatz eines professionell aufgemachten Filmmusik-Festivals, das mit Stargästen wie Wojciech Kilar, Elliot Goldenthal, Julie Taymor und Tom Tykwer punkten konnte. Cinemusic.de-Forumsmitglied Csongor Birinyi konnte sich an den Festival-Tagen 2 und 3 ein Bild davon machen, wie man im EM-Gastgeber-Land Polen Filmmusik hochleben lässt. Neben einschlägig besetzten Diskussionsrunden zu Themen wie The Biomechanical Symphony around the cult Alien saga oder „Taymor & Goldenthal — Art of Collaboration“ stießen vor allem die drei großen Konzerte auf unser Interesse. Nachdem am Donnerstag der aus Luzern geläufige Herr-der-Ringe-Spezialist Ludwig Wicki den gesamten Score zu Tom Tykwers „Das Parfüm“ (2008) live zum Film dirigiert hatte, stand am Freitag Abend ein Konzert zu Ehren des wohl arriviertesten polnischen Filmkomponisten Wojciech Kilar an, der ja im Juli dieses Jahres seinen 80. Geburtstag feiern wird.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAls Spielstätte für das „Festiwal Muzyki Filmowej“ fungiert in Krakau — wohl aus Kapazitätsgründen — kein Konzertsaal, sondern eine gigantische ehemalige Produktionshalle auf dem Gelände der ArcelorMittal-Stahlwerke. Die zwar einerseits „coole“, aber für ernsthaften Musikgenuss nur bedingt geeignete Location bot Platz für jeweils ca. 3000 Besucher. Um in dem riesigen Metallquader die abgestuften Orchesterklänge auch in die weiten Fernen der letzten Sitzreihen zu projizieren, bedurfte es freilich elektronischer Verstärkung — etwas, das in Live-Situationen extrem schwer auszubalancieren ist und so auch hier kaum zur Freude des gewiegten Hörers beitrug. Hinzu kamen die harten Stühle, die gerade beim 3-Stunden-Marathon des Alien-Goldenthal-Konzerts dem Sitzfleisch viel abverlangten. Doch auf der anderen Seite gab’s auch ordentlich was fürs Geld: Drei wirklich abendfüllende Konzerte mit zwei Orchestern und zwei Chören unter drei Dirigenten, und das bei Kartenpreisen in zwei Kategorien von umgerechnet 8 und 15 Euro (17/35 für alle drei Konzerte). Derartige Beträge sind auch für polnische Durchschnittsverdiener erschwinglich und sorgten dementsprechend für volle Häuser mit bunt gemischter Zuhörerschar. Wenn nun tatsächlich, wie eine der Organisatorinnen im Interview hervorhob, auch sämtliche Rechte für die auf der Großleinwand gezeigten Filmclips erworben wurden, fragt man sich, wie das Ganze finanziert werden kann. Möglicherweise greift hier direkt der weltgrößte Stahlproduzent und Halleninhaber Mittal als Sponsor kräftig unter die Arme? Sei’s drum: Aus der kolportierten finanziellen Zitterpartie im Vorfeld scheint nun eine Fixgröße am europäischen Filmmusikkonzert-Himmel geworden zu sein, von dem reisefreudige Filmmusik-Freunde nur profitieren können.

Kehren wir zurück zum Kilar-Konzert. Die erste Hälfte des Abends war dessen umfangreichem Schaffen für den polnischen Film gewidmet. Unter der Leitung von José Maria Florêncio brachte das Nationale Symphonische Orchester des Polnischen Rundfunks Filmmusik-Auszüge aus über 40 Jahren zu Gehör. Hierbei wurde vor allem die langjährige Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Krzysztof Zanussi (mehr als 40 Filme) und Andrzej Wajda (6 gemeinsame Projekte) gewürdigt, aus deren Filmen unter anderem mehrere feine Walzer und Märsche, aber auch die dem Gelegenheits-Kilar-Hörer geläufige „Polonaise“ aus Pan Tadeusz (1999) erklangen. Das Album zu Wajdas Verfilmung dieses polnischen Nationalepos von Adam Mickiewicz wurde im Rahmen der Konzertgala sogar mit einer Platin-Schallplatte ausgezeichnet. Wer von Wojciech Kilar hauptsächlich die klangmächtigen Vertonungen einiger großer Hollywood-Streifen kennt, konnte hier so manche Hör-Entdeckung machen. Schade allerdings, dass die charmante Moderatorin Grażyna Torbicka nicht zweisprachig agieren durfte und die volle Information so nur dem — natürlich klar in der Überzahl befindlichen — polnischsprachigen Publikum zur Verfügung stand.

Ebenfalls nicht zu kurz kamen die Lobeshymnen für den Tonsetzer. Wajda und Zanussi durften ihrem langjährigen musikalischen Mitstreiter per Videobotschaft huldigen. Der anwesende Kilar selbst kam übrigens ebenso nicht live zu Wort, sondern nur via ausgewählter älterer Interview-Ausschnitte auf der Leinwand. Dies unterstrich einmal mehr das leicht kauzige Erscheinungsbild des Mannes mit dem charakteristisch zu Berge stehenden weißen Haarflaum.

Nach der Pause standen Wojciech Kilars Ausflüge ins amerikanische Kino im Mittelpunkt. Neben einer recht repräsentativen Suite aus Francis Ford Coppolas Dracula (1992) unter Mitwirkung des Polnischen Radio-Chors gab es noch Stücke aus Portrait of a Lady (Regie: Jane Campion) und einen längeren Roman-Polanski-Block mit Death and the Maiden, The Ninth Gate (inklusive Sopran-Vokalise) sowie The Pianist zu hören. Den Reigen der Laudationen setzten Campion und Polanski per Brief fort, während der persönlich anwesende Oscar-Preisträger Jan A. P. Kaczmarek dem Jubilar in einer warmherzigen Ansprache Rosen streute. Zur Qualität der Darbietungen durch das Radio-Orchester unter José Maria Florêncio lässt sich nichts Negatives vermerken. Zwar kann ich ohne vorherige Kenntnis vieler der gebotenen Stücke letztlich kein qualifiziertes Urteil treffen, doch vom Standpunkt der reinen Musikalität und Klangschönheit stand bei diesem führenden Klangkörper Polens alles zum Besten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAFür das dritte und letzte Konzert des Festivals schien die düstere industrielle Location stimmungsmäßig besonders geeignet. Mit „Alien: A Biomechanical Symphony“ im ersten und einer üppigen Auswahl aus Elliot Goldenthals „wilderen“ Werken im zweiten Teil des Abends stand Musik auf dem Programm, die zeigt, dass der Begriff „Filmmusik“ nicht automatisch mit spätromantischer Melodienseligkeit gleichzusetzen ist. Diesmal dirigierte der feurig gestikulierende Spanier Diego Navarro die Sinfonietta Cracovia in insgesamt sehr idiomatischen Darbietungen, wobei er das engagiert aufspielende Ensemble ab und an an seine Grenzen führte. (Interessantes Detail am Rande: Erster Gastdirigent der Krakauer Sinfonietta ist John Axelrod, der musikalische Leiter von „Hollywood in Vienna“ 2009-2011.) Moderiert wurde der Abend auf Englisch von Varèse-Sarabande-Chef Robert Townson, der beim Dirigenten Navarro derzeit offenbar fix im Paketpreis enthalten ist, die polnischen Zwischenkommentare steuerte Magda Miśka-Jackowska bei.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADen Anfang machte wie gesagt die Alien-Symphonie, die natürlich wie das Shore’sche Pendant zu Herr der Ringe genauso wenig eine richtige Symphonie darstellt, sondern mehr eine Stücke-Revue, die aber hier zumindest recht ordentlich geraten ist. Jerry Goldsmiths sensationeller Score ist mit sechs Stücken vertreten („Main Title“, „The Landing“, „Breakaway“, „It’s a Droid“, „Out the Door“ und dem „End Title“), die auch als Konzertmusik des 20. Jahrhunderts gute Figur machen. Qualitativ dichtauf folgt Goldenthals Beitrag zum dritten Film der Reihe, der hier zu Ehren des Stargastes in besonders ausladender Form präsentiert wurde: Zu den sonst in der „Symphonie“ enthaltenen Stücken „Lento“ und „Adagio“ kamen noch „Agnus Dei“, „Bait and Chase“, „First Attack“, „Wreckage and Rape“, „Lullaby Elegy“ sowie „The Entrapment“. Den Chorpartien hauchten wie auch später am Abend der Pro-Musica-Mundi-Chor und der Knabenchor Pueri Cantores Sancti Nicolai überzeugend Leben ein. James Horners furiose Action-Cues „Futile Escape“ und „Bishop’s Countdown“ aus Aliens gehen stilistisch zwar deutlich in Richtung Hollywood-Mainstream, sind aber immer noch solide Qualitätsware. John Frizzells Suite aus Alien: Resurrection und das kaum 2-minütige Stück „Requiem“ von Brian Tyler aus dem allein noch apokryphen Alien vs. Predator dürften wohl eher der Vollständigkeit halber mit von der Partie sein. Ob der Tyler-Cue ein würdiger Abschluss für einen so Goldenthal-lastigen Alien-Überblick ist, sei dahingestellt. Eventuell hätte man hier zugunsten der Musikdramaturgie die Abfolge der Filmteile etwas ändern sollen.

Bereits vor Alien 3 betrat Elliot Goldenthal die Bühne, um das Publikum auf die folgende satte Ration seiner Musik einzustimmen. Immer noch gezeichnet von einer 2005 erlittenen Hirnblutung, wusste der charismatische Tonsetzer trotz langsamen Sprechtempos den Saal mit seiner offenen Art und seinem schrägen Humor zu unterhalten. Nicht zuletzt der Hinweis, dass seine Großeltern in Krakau gelebt hatten und somit die Stadt wahrscheinlich „voll von seiner DNA“ sei, sorgte für große Heiterkeit. Sichtlich ergriffen verneigte er sich zudem vor Krzysztof Penderecki, der zu den Konzertbesuchern zählte. Diesen Moment, seinem großen Vorbild so nahe zu sein, werde er nie vergessen, so Goldenthal.

Der zweite Teil gehörte schließlich ganz Goldenthal. Zu Beginn erklang eine große Suite aus Interview with a Vampire, bei der sogar kurze, kaum vom Bild zu trennende Spannungs-Cues nicht der Schere zum Opfer gefallen waren. Ein klarer Fall von „(zu) gut gemeint“. Im Anschluss beschäftigten sich Orchester, Chor und Solisten ausführlich mit zwei Arbeiten, die für Goldenthals langjährige Lebensgefährtin, die bedeutende Regisseurin Julie Taymor entstanden sind. Auf Goldenthals eigenen Lieblings-Score Titus (2002) mit seiner verrückten Mischung aus schroffer Avantgarde, plötzlichen Swing-Einschüben und mächtigen Chorsätzen folgte die oscarprämierte Musik zu Frida (2003), wobei die Sängerin Joanna Słowińska und die ebenfalls angereiste „Frida Band“ der Filmeinspielung für rassiges mexikanisches Flair sorgten. Den heftigen Schlussapplaus belohnte Diego Navarro mit einer Zugabe aus Batman Forever („Perpetuum Mobile“). Ein passend fulminanter Rausschmeißer für einen wie erwähnt zwar sehr langen Konzertabend, der aber dafür von der gebotenen Musikmenge praktisch alle vergleichbaren Veranstaltungen alt aussehen ließ.

Insgesamt konnte der geneigte Besucher drei gelungene Filmmusik-Tage in einer der schönsten Städte des ehemaligen Ostblocks erleben. Abschließend bleibt zu hoffen, dass die gute Auslastung und das starke lokale Medienecho weitere Auflagen dieses luxuriös ausgestatteten Festivals begünstigen — möglicherweise bald auch mit einer weiteren, weniger event-betonten Schiene in einem Konzertsaal bei optimaler Live-Akustik?

Bilder und Videos vom Festival sowie weitere Infos unter: http://www.fmf.fm/en/1/0/1/

Herzlichen Dank an Csongor Birinyi für die Impressionen und Bilder vom Festival.

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zu Pfingsten 2012.


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