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Veröffentlicht am 11.04.2009 | von Michael Boldhaus

70 mm — Bigger than Life

„70 mm — Bigger than Life“ lautete das Motto der Retrospektive der 59. Berlinale 2009. Doch was begründete eigentlich die berechtigte Schwärmerei und damit den Mythos für die aus dem Kinoalltag seit Anfang der 1970er auf dem Rückzug befindlichen und mittlerweile praktisch entschwundenen 70-mm-Verfahren?

Ausgangspunkt war das faszinierende Panorama-Triptychon des Cinerama-Verfahrens von 1952, erzeugt von drei synchron laufenden 35-mm-Kameras/Projektoren — hinzu kam noch eine vierte Maschine allein für den Stereosound (s. u.). Cinerama erzeugt ein Bild, das einem horizontalen Sehwinkel von 146 Grad entspricht (Bildseitenverhältnis 1 : 2,59). Doch der damit verbundene extreme personelle wie technische Aufwand (z. B. wurde für jeden Projektor ein eigener Vorführer benötigt) ließ den Ruf nach annähernd gleichwertigem Resultat bei erheblich reduziertem Aufwand laut werden. Michael Todd erhob die legendäre Forderung nach einem hochwertigen Breitwand-System, bei dem „alles aus demselben (Projektions-)Loch kommt“. Die erste wirklich zufriedenstellende Antwort war eben nicht CinemaScope, sondern das 1956 mit Oklahoma! eingeführte, sämtliche 70-mm-Verfahren — der 1950er und danach — begründende Todd-AO Michael Todds, mit einem Sehwinkel von immerhin 128 Grad (Bildseitenverhältnis 1 : 2,20).

Was aber bedeutet in der Praxis 70-mm-Film gegenüber dem geläufigen 35-mm-Scope-Format? Vielleicht für manchen überraschend, ist es nicht etwa zwangsläufig ein nochmals verbreitertes Bild. Nein, der entscheidende Reiz des 70-mm-Films liegt vielmehr in der dank vierfacher Auflösung begründeten Brillanz des projizierten Bildes, welches gegenüber dem einer 35-mm-Projektion erheblich größere Qualitätsreserven in sich trägt. Entsprechend wurde/wird das 70-mm-Bild auf deutlich größere, höhere und damit auch breitere Leinwände geworfen, mit dem Resultat, dass es im Bewusstsein des Zuschauers grandioser und auch breiter als 35-mm-Scope erscheint.

Bei 70 mm waren zwei Bildseitenverhältnisse gebräuchlich: 1 : 2,20 für Todd-AO inkl. seiner Ableger (wie Super Panavision 70, Sovscope 70, Super Technirama 70 und Dimension 150) und 1 : 2,76 für MGM Camera 65 sowie Ultra-Panavision 70. Dass, im Gegensatz zu den heutzutage fast durchweg nur noch planen Projektionsflächen seinerzeit sowohl 35-mm-Scope als auch 70 mm auf gekrümmte Bildwände projiziert wurde, sei kurz angemerkt.

Gegenüber 35 mm wirkt 70 mm durch die erheblich geringere Körnung in sich deutlich ruhiger und besitzt eine bestechende Schärfentiefe. Entsprechend kann man sich bei 70 mm im Saal auch erheblich näher nach vorn an die Leinwand setzen, ohne dass das beim 35-mm-Film deutlichere Flimmern, verursacht durch die erheblich gröbere Körnung, die Augen irritiert und Kopfschmerzen verursacht. Erst so kommt man dem von der Werbung vielfach beschworenen „entgrenzten Blick“ recht nahe.

Hinzu kommt — besser kam — bei 70 mm noch ein akustischer Trumpf: der infolge der relativ breiten Magnettonspuren (vgl. u.), die der breite Filmstreifen unterzubringen gestattet, exzellent satte, detaillierte und dynamische Stereoraumklang. Da konnte der 4-Kanal-Magnetstereoton der 35-mm-Kopien nicht voll mithalten. Mitte der 1950er war das nur mit dem Sound von Cinerama annähernd vergleichbar, war ansonsten nicht zu toppen.

Dabei muss man sich allerdings auch verdeutlichen, dass Cinerama insbesondere beim Bild (mit 3 x 35 = 105 mm und dank 6-Loch-Perforation mit 50% mehr Höhe) und zumindest damals auch beim Stereosound qualitativ eine nicht mehr voll erreichte Spitze markierte: Eine separate vierte Maschine erzeugte mit Hilfe eines 35-mm-Magnettonfilms den dank besonders breiter Tonspuren sogar sieben-kanaligen Stereo-Magnetton — Split-Surround bereits inklusive. Erst die ausgereiften Digitaltonverfahren vermögen diesem hochwertigen Klangsystem mehr als nur Paroli zu bieten.

Bereits 1993 hatte man auf der Berlinale die Geschichte der Breitwandfilme unter dem Motto „CinemaScope“ beleuchtet. In den seitdem vergangenen 16 Jahren hat sich viel getan. Der dynamische Heimvideomarkt mit seinen High-Tech-Produkten hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich die bei der 1993er Retrospektive in vielem sehr problematische Archivsituation bei älteren Spielfilmen deutlich verbessert hat. In den frühen 90ern war es zuerst die Laserdisc (hierzulande als Bildplatte geläufig) und ab der zweiten Hälfte der 90er in ganz besonderem Maße die DVD, welche durch ihren rasch zunehmenden und bald dominierenden Marktanteil das Interesse der Studios an der Vermarktung zuvor eingehend restaurierter Kinoklassiker beflügelt hat. Inzwischen steht ein nochmaliger Qualitätssprung vor der Tür: das hochauflösende High-Definition-TV und damit verbunden die sich derzeit etablierende Blu-ray Disc. Und gerade dieser besonders hochwertige Bilddatenträger dürfte zumindest einen (weiteren) Impuls mit zur Rettung (nicht nur) des 70-mm-Vermächtnisses beisteuern, welches mittlerweile im Bewusstsein des Massenkinopublikums praktisch nicht mehr verankert ist. Dafür steht z. B. die zu den Wurzeln der Breitwandverfahren der Fifties zurückgehende 2008er Blu-ray-Edition von How the West Was Won * Das war der wilde Westen (1962). Einen möglichst großen (!), HD-tauglichen Fernseher vorausgesetzt, vermittelt diese (natürlich „nur“ im Heimkinomaßstab) einen schon recht verblüffenden Eindruck des Cinerama-Verfahrens.

Erfreulicherweise konnte das aus insgesamt 21 Titeln bestehende Programm der Berlinale-Retrospektive daher zum Großteil mit Kopien in immerhin beachtlichem bis sehr gutem Zustand bestritten werden. Darunter befand sich eben auch so mancher mittlerweile restaurierte 70-mm-Filmklassiker, wie die rund vierstündige Premierenversion von Cleopatra (1962), der bereits Anfang der 90er aufgefrischte Lawrence of Arabia (1962) in neu gezogener Kopie mit angeblich nochmals verbesserten Farben, 2001 — Odyssee im Weltraum (1968), der frisch restaurierte Lord Jim und der in Ultrapanavision 70, mit einem Bildseitenverhältnis von 1 : 2,76 wahrlich ultrabreite Khartoum (1967). Besonders bemerkenswert sind die Beiträge aus russischer Produktion wie der monumentale Vierteiler Wojna i Mir * Krieg und Frieden (1965-67), die Weltkrieg-II-Ballade Powest plamennych let * Flammende Jahre (1960/61) oder die romantisierte propagandistische Betrachtung der Revolution und des Bürgerkriegs der 20er Jahre in Optimistitscheskaja tragedija * Optimistische Tragödie (1963). Nicht vergessen werden darf dabei die jetzt zwar erstmalig wieder in neu gezogener, qualitativ jedoch leider nicht perfekter, 70-mm-Kopie verfügbare deutsche Produktion in „Superpanorama MCS 70“ Flying Clipper — Traumreise unter weißen Segeln (1962).

Der Band des Bertz+Fischer-Verlages zur 70-mm-Retrospektive der Berlinale 2009 ist dazu Kompendium und Souvenir, aber zugleich auch ein Katalog, der annähernd das derzeit Machbare widerspiegeln dürfte. Das zweisprachig (deutsch und englisch) angelegte Buch beginnt mit „Size Matters“, dem Geleitwort von Rainer Rother, künstlerischem Leiter der Stiftung Deutsche Kinemathek und zuständig für die Berlinale-Retrospektive. Er wartet darüber hinaus auf mit einem freilich sehr knappen, aber recht profund abgefassten Essay „Zur Geschichte des Breitfilms“ und Glossar von Filmspezialist Gert Koshofer, Gabriele Jatho und Klaus Hoeppner. Ein umfangreicher Anhang gibt Überblick über sämtliche 70-mm-Produktionen der USA, Europas und der Sowjetunion. Die Filme der Retrospektive werden mit zeitgenössischen Kritiken und filmografischen Angaben besonders ausführlich dokumentiert. Zu den Wermutströpfchen dieser grundsätzlich begrüßenswerten Publikation zählt neben einigen Fehlern (wie die Formatangabe zu „Dimension 150“) und den häufiger recht dunkel wirkenden Schwarz-Weiß-Abbildungen der völlige Verzicht auf Farbfotos. Allerdings muss man hier auch den unschlagbaren Preis von nur rund 20 € berücksichtigen.

Freilich gibt es zur Retrospektive der 59. Berlinale 2009 zum Teil auch sehr kritische Stimmen. Da ist z. B. die Qualität so mancher Restauration umstritten und auch dem technischen Ablauf der Retrospektive werden zum Teil beträchtliche Mängel und Pannen attestiert. Gerade Letzteres ist allerdings etwas, von dem auch andere rührige 70-mm-Festivals zwangsläufig nicht völlig frei sind, wie die „Wide-Screen-Weekends“ im englischen Bradford oder ebenso inländische Aktivitäten, wie des Deutschen Filmmuseums Frankfurt am Main oder des Karlsruher Filmtheaters Schauburg.

ANHANG

Weitere Informationen, sowohl speziell zur Retrospektive der 59. Berlinale, aber besonders mehr ins Detail zum Thema „70 mm-Film“ gehend (z. B. Restauration), findet der Interessierte unter den nachfolgenden Links:

Eine wahre Fundgrube ist In 70 mm:
darunter Berlinale 2009 – 70mm Retrospective
sogar in Deutsch Traumreisen auf breitem Filmband: Das M.C.S.-70-Verfahren

Sehr in die Tiefe gehend, allerdings, da sehr technisch geführt, für Außenstehende nicht immer unmittelbar verständliche Debatten finden sich in der Rubrik „Nostalgie“ des Filmvorführer Forums

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zu Ostern 2009.

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Titel: 70 mm — Bigger than Life
Erschienen: 2009

Zusatzinformationen: (D) 19,90 €
Laufzeit: 168 Seiten

Medium: Buch
Verlag: Bertz + Fischer, Berlin
Kennung: 978-3-86505-190-5

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