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Veröffentlicht am 03.01.2008 | von Michael Boldhaus

7 Faces of Dr. Lao

7 Faces of Dr. Lao • Der mysteriöse Dr. Lao (1964) war George Pals letzte Regiearbeit und zählt neben The Time Machine (1960, Musik: Russell Garcia) zu seinen sympathischsten Filmen. Die Geschichte basiert auf Charles G. Finneys Roman „The Circus of Dr. Lao“ aus dem Jahr 1935. Besagter Zirkus mit seinen fantastischen und bizarren Attraktionen entpuppt sich als Spiegel für die Seele, in dem sich die Bewohner einer Kleinstadt im mittleren Westen der USA wieder erkennen und in Teilen geläutert werden.

Die Geschichte um den angeblich 7000 Jahre alten mysteriösen Doktor aus Fernost ist gekonnt erzählt sowie atmosphärisch überzeugend umgesetzt. Der mysteriöse Dr. Lao ist für ein Publikum quer durch die Generationen geeignet. Trotzdem handelt es sich jedoch keineswegs einfach nur um einen amüsanten Kinderfilm. Vielmehr bleiben auch melancholische, ja bittere Töne zu den Themen Lebensrealität und Lebensweisheit nicht ausgespart. So bringt Lao in Gestalt des Apollonius eine alternde Jungfer (Mrs. Cassin) um ihre Lebenslüge. Er eröffnet ihr, dass der sehnsüchtig erhoffte, sie begehrende gut situierte Herr nicht kommen werde: Sie müsse sich damit abfinden, allein zu bleiben und einsam zu sterben.

Die vorzüglichen Masken des William Tuttle (ausgezeichnet mit einem Ehrenoscar) verleihen dem Ganzen ebenso nostalgischen Reiz wie die zwar zwangsläufig überholte, aber trotz erkennbar begrenzten Budgets sehr einfallsreich und geschickt gestaltete Tricktechnik. Ein „Ungeheuer von Loch Ness“, das nur auf dem Trockenen zu riesenhafter Größe wächst, ansonsten im harmlosen Miniformat in einem Goldfischglas bewundert werden kann, ist dabei sicherlich das Highlight und besitzt drolligen Charme. Tony Randall in der Rolle des Dr. Lao verkörpert insgesamt sieben Figuren (!) und ist dabei kaum zu identifizieren. Dies alles macht den Film zum kleinen aber feinen „Klassiker“ des Fantasy-Genres.

2515Leigh Harline (Warlock) zählt zu den Könnern der Komponistengeneration des Golden Age, deren Musik lange Zeit auf Tonträger fast nicht zur Verfügung stand. Harlines Hollywood-Karriere begann bei Disneys Silly-Symphony-Cartoons in den 1930er Jahren. Sein ausgeprägtes melodisches Talent zeigt sich auch in der Musik zu Der mysteriöse Dr. Lao. Die unmittelbar eingängigen melodischen Einfälle dieses Scores besitzen viel Pinocchio-Charme — in Erinnerung an den berühmten Harline-Hit-Song „When You Wish upon a Star“.

Das über nur 19 Spieler verfügende Ensemble dieser spielerischen, melodienseligen und zugleich äußerst farbig instrumentierten Komposition klingt erstaunlich voll. Harline entlockt seinem „Kammerorchester“ berückende exotische Klangfarben. Das direkt im „Main Title“ vorgestellte lyrische Hauptthema charakterisiert Dr. Lao. Es begegnet dem Hörer über die rund 50 Minuten häufig wieder, in geschickt abgewandelter Form; bleibt dabei erkennbar, jedoch ohne dass der Hörer ermüdet.

Partiell sind in der mit exotischen Klangeffekten angereicherten Musik auch Cartoonstandards spürbar und natürlich wird auch drollige Zirkusmusik benötigt. Insgesamt präsentiert sich Harlines Vertonung als liebevoll und zugleich raffiniert gestaltete Synthese aus Western-Americana und vorzüglich eingearbeitetem, mitunter geradezu magisch wirkendem fernöstlichem Klangkolorit. Instrumente wie die Gitarre, das Akkordeon, die Okarina, kleine Glocken, verschiedene Gongs, die Mandoline, die Marimba und selbst Dudelsäcke erhalten ihren Auftritt. In Kontrast zum über weite Strecken humorvollen musikalischen Geschehen ist die bereits oben erwähnte bittere Szene zwischen Mrs. Cassin und Apollonius von schlichter, beeindruckender Melancholie geprägt.

Zu den besonders erwähnenswerten, zugleich als sanglich zu bezeichnenden thematischen Einfällen zählen der für Merlin den Magier und ganz besonders der geheimnisvoll wie verführerisch anmutende für den Flöte spielenden griechischen Hirtengott Pan. Pan wird als Gottheit der lustvollen Freuden charakterisiert, besitzt hier also eindeutig Sex-Appeal. Fast schon ballettartig erklingt sein impressionistisch angehauchtes Thema in „Pan’s Dance“, vorgetragen von vier Flöten, vier Hörnern, zwei Harfen, Xylophon, Kontrabass, Tamburin, Snare Drum und Basstrommel.

Durchaus originell und unkonventionell vertont ist auch die gleichermaßen originell animierte Trick-Sequenz mit dem Loch-Ness-Monster. Nicht nur an dieser Stelle konnten übrigens auch die Toningenieure zeigen, was sie drauf hatten, indem sie raffiniert mit zum Teil verfremdeten Overlays experimentierten; das Stück also aus einzelnen klanglichen Schichtungen mit Hilfe des Mischpults quasi synthetisierten.

Dank FSM ist damit nun eine weitere feine Harline-Filmmusik auf Tonträger zugänglich. Das Album präsentiert neben dem kompletten Score mit rund 50 Minuten noch ca. 10 Minuten Bonus-Material. Diese bestehen zum einen aus so genannten Pre-Recordings, womit speziell zur Unterstützung der Schauspieler am Set gedachte Einspielungen gemeint sind, wie „Pan’s Dance“ als Piano-Solo-Version. Zum anderen gibt’s hier reizvolle Klangeffekte und deren Kombination (Overlays) zu hören: z. B. mit der dem „Kazoo“ ähnlichen, als Effektinstrument dienenden Slide Whistle (Zugpfeife) — siehe dazu auch das Chicken Run-Special. Dabei finden sich auch für die Loch-Ness-Monster-Sequenz gefertigte, letztlich aber nicht verwendete Overlays. Ebenso sind hier zwischendurch immer wieder aufscheinende kurze Toneffekte zu hören, die innerhalb der reinen Score-Präsentation, also ohne Bild, sinnlos sind. Wie einfallsreich hier bereits mit Klängen auch mittels Technik getrickst wurde, ist zugleich ein weiteres Beispiel und Vorbild für die modernen Klangspielereien Thomas Newmans — siehe auch Vater Alfred Newmans Dragonwyck • Weißer Oleander (1945). Der durchgehend feine, transparente Stereosound tut ein Übriges, den positiven Eindruck dieses erstklassig produzierten FSM-Albums zu vertiefen. Und natürlich gibt’s dazu wieder ein sehr informatives und liebevoll illustriertes Begleitheft, das in Sachen Infos zu Film und Musik keine Wünsche offen lässt.

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zum Jahresausklang 2007.

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7 Faces of Dr. Lao Michael Boldhaus
Bewertung

Titel: 7 Faces of Dr. Lao
Erschienen: 2007

Laufzeit: 59:55 Minuten

Medium: CD
Label: FSM
Kennung: Vol. 9 No. 11

Komponist(en):

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