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Veröffentlicht am 01.01.2005 | von Michael Boldhaus

The Swan

Charles Vidors märchenhaft anmutender Film The Swan • Der Schwan (1956) nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Ference Molnár beginnt mit dem Hinweis „The Place: Central Europe; The Time: 1910“. Es handelt sich um eine Gesellschaftskomödie, angesiedelt in der romantisiert und idealisiert dargestellten Welt des Hochadels vor dem 1. Weltkrieg. Grace Kelly verkörpert Prinzessin Alexandra, die von ihrer Mutter mit dem zu Besuch weilenden Kronprinzen Albert (Alec Guinness) verkuppelt werden soll. Alexandra ist aber bereits „unmöglich“ verliebt, nämlich in ihren Fechtlehrer (Louis Jourdan). Die Plotte gerät zu einer reizenden Dreiecksgeschichte und Love Story mit bittersüßem Einschlag, denn schließlich akzeptiert Alexandra ihre gesellschaftliche Rolle als (Parabel vom) Schwan, der allein auf dem See, unerreichbar für die Normalsterblichen, majestätisch seine Runden ziehen muss, weil er auf dem Land ungeschickt und tollpatschig wie eine Gans wirkt. Wer zum Hochadel gehört, der muss halt auf persönliches Glück, auf Gefühle, verzichten können: So lautet auch in diversen anderen Filmen und Romanen die variierte „Botschaft“ aus einer eindeutig idealisierten und oft bis zur Kitschgrenze romantisierten Sicht auf die Aristokratie in der „Gute(n) alte(n) Zeit“.

Für die aus High Noon (1952) und mehrere Hitchcock-Filme der 1950er bekannte, sehr ansehnliche Grace Kelly wirkt Der Schwan wie eine Vorübung auf ihre wenig später vollzogene Heirat mit dem Fürsten von Monaco. Und Alex Guinness, der hier sein US-Debut gibt, ist nicht allein ihr charmanter Partner, er verhilft dem liebenswürdig inszenierten Film geradezu zum entscheidenden „gewissen Etwas“.

Bronislaw Kaper stimmt in seiner Filmmusik einen nostalgisch-warmen Schwanengesang auf den Charme der k. u. k. – Monarchie an. Es ist schon originell, wie virtuos es einem in Warschau Geborenen (und damit Polen) gelingt, märchenhaft und romantisch den Glanz dieser Epoche zu beschwören. Kapers außerordentliche Sympathie für das Filmsujet ist ja hinlänglich bekannt und ich möchte hier auch soweit gehen, dass man den Spaß, den ihm die Vertonung gemacht hat, eindeutig spürt, so liebevoll gestaltet ist diese Musik.

Der exakte Ort der Handlung bleibt ungenannt und somit märchen- und legendenhaft. Kaper lässt als Auftakt zum Ball eine sehr hübsche, plüschige Stilkopie einer europäischen Nationalhymne erklingen, die im Booklettext lustigerweise als „National Anthem of SWANOVIA“ bezeichnet wird. Der als Synonym für ungarischen Nationalstolz (vergangener Zeiten) stehende Rákózcy-Marsch ist möglicherweise auch eine Referenz an den Autor des Bühnenstücks, aber dank Franz Liszt und Hector Berlioz zugleich ein ausreichend popularisiertes und überhaupt markant-einprägsames „typisch“ europäisches Stück. (Drolligerweise wird der in Track 5 als Source-Cue eingesetzte Marsch sogar von Miklós Rózsa dirigiert.)

Besagter Marsch fungiert als Thema für Albert, aber auch für seine Mutter. Alexandra – und damit auch „Der Schwan“ – wird primär durch ein reizend-üppiges Walzerthema charakterisiert. (Für Alexandra gibt es noch ein weiteres Thema, das auch mit dem ersten geschickt zusammen eingesetzt wird.) Ein weiteres Thema ist dem Schloss als Ort der Handlung zugeordnet.

Die aus dem thematischen Material handwerklich sehr geschickt und fein ausgeformte Musik ist gelegentlich melancholisch, aber insgesamt von sanft optimistischer Atmosphäre. Eine mitunter auch impressionistisch, feenhaft schimmernde Komposition, die beim Hörer ein nostalgisches Feeling von „Es war einmal …“ erzeugt. Es ist einfach reizend, wie Kaper beispielsweise ein Fragment des Rákózcy-Marsches zum tiefen Schlummer Alberts in einer träumerisch zarten Variante, gespielt von der Celesta, erscheinen lässt, und anschließend übernimmt ein Fagott diesen Part – und die Celesta spielt die Begleitfiguren.

Mit Hilfe von ballettartigen, mitunter mickey-mousinghaften Musikpassagen wird verschiedentlich das geschäftige Treiben der handelnden Figuren, wie auch der Dienerschaft, illustriert und dabei dezent, aber liebevoll-charmant ironisiert – also ohne dabei spöttische Grimassen zu schneiden. Natürlich darf in einer romantischen Vision der k.-u.-k.-Ära Walzerseliges nicht fehlen: Für den großen Ball steuert Kaper zwei eigene graziöse Tänze in bester Wiener-Walzer-Tradition bei. Und da ist natürlich auch Alexandras Walzerthema, das in den innigen Momenten oftmals besonders sinnlich, nämlich vom Cello, erklingt. Nicht erst an dieser Stelle kommt dem Hörer Max Steiner (und auch Alfred Newman) in den Sinn. Kapers Filmmusik zu The Swan kann man durchaus als seinen Max-Steiner-Score bezeichnen.

Bereits im Umfeld der Filmpremiere veröffentlichte MGM auf dem hauseigenen Platten-Label rund zwei Drittel der originalen Filmmusik auf einer (damals zwangsläufig noch) Mono-LP. Interessant sind die Hintergründe der Albumproduktion. Sechs Wochen nach Abschluss der (Stereo-)Aufnahmesitzungen für den Film trat das MGM-Orchester unter Johnny Green nochmals an: für die geplante Album-Version der ausgewählten Teile der Original-Einspielung wurden (in Mono!) verschiedene nachkomponierte knappe Anhängsel und Übergänge nebst einer Album-Version von Alexandras Walzer eingespielt.

Für die vorliegende FSM-CD wurde von den 35-mm-Magnettonfilm-Elementen vollständig in Stereo abgemischt und an den entsprechenden Stellen die für die LP nachträglich eingespielten (Mono-)Musikschnipsel – klangtechnisch aufpoliert – behutsam eingefügt. Auch die Album-Version von Alexandras Walzer ist als „Theme from The Swan“ vertreten. Damit kann der Interessierte diese überaus elegante und zugleich graziöse Filmmusik erstmals vollständig und (fast durchweg) in sehr klarem und frischem Stereo zum Klingen bringen. An ein paar Stellen sind, erfreulicherweise nur kurzzeitig, irreparable Beschädigungen der Originalmaster hörbar, aber das dürfte allein bei Klangfanatikern den sehr positiven Eindruck dieser schönen Veröffentlichung merklich beeinträchtigen. Lob verdient auch hier wiederum das vorbildlich bebilderte und vorzüglich informative Begleitheft dieser FSM- Produktion, das sogar den Cover-Text des alten LP-Albums bereithält.
The Swan zählt übrigens schon lange, (spätestens) seit der Wiederveröffentlichung des LP-Albums als Japan-Pressung in den 1980ern zu den persönlichen Favoriten des Schreibers. Das sollte allerdings einem maßvoll versachlichten Blick nicht allzu sehr im Wege stehen. Kapers Score ist bei aller zauberhaften Leichtigkeit kein Meisterwerk, aber sehr inspiriert und auch variationstechnisch einfallsreich gestaltet: fette viereinhalb Cinemusic.de-Sterne erscheinen mir wertungstechnisch keineswegs als zu hoch gegriffen und eine ganz besondere persönliche Empfehlung gibt’s sowieso.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen [url=rezension.htm?rid=9123]Programms zum Jahresausklang 2004[/url].

The Swan Michael Boldhaus
Bewertung

Titel: The Swan
Erschienen: 2004

Laufzeit: 49:54 Minuten

Medium: CD
Label: FSM
Kennung: Vol. 7 No. 5

Komponist(en):

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