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Veröffentlicht am 29.05.2004 | von Michael Boldhaus

Moonfleet

Moonfleet

[img right]id=1066[/img]Moonfleet • Das Schloß im Schatten (1955) ist eine vom Metropolis-Regisseur Fritz Lang in der US-Emigration inszenierte, im 18. Jahrhundert an der südenglischen Küste spielende Schmugglerballade. Moonfleet ist kaum ein Meisterwerk, aber doch deutlich mehr als nur eine übliche plüschig-bunte Abenteuerunterhaltung im Kostümgewand. Es ist hier, wie bei vielen anderen Filmen auch: Die Story ist nicht einfach das, was den entscheidenden Reiz ausmacht, sondern vielmehr die Art und Weise wie sie erzählt und dabei visuell gestaltet wird. Das brillante Begleitheft nimmt in einem ausführlichen Essay Stellung zur problematischen Produktion des Films und auch zur Situation von Fritz Lang im Hollywood jener Jahre. Originell äußert sich die Skepsis des Regie-Altmeisters gegenüber dem Breitwandverfahren CinemaScope: dieses tauge doch in erster Linie zum Abbilden von Leichenzügen und Schlangen.

Trotz dieser Kritik hat Lang es sehr wohl verstanden, von den Möglichkeiten des breiten Scope-Bildes überzeugenden Gebrauch zu machen. Seine Regiearbeit nutzt außerdem virtuos Licht und Raum. Sie betont klar die Stilelemente des deutschen Stummfilm-Expressionismus und verleiht der düsteren Handlung und den pittoresken Studio-Sets einen ausgeprägten, reizvollen Noir-Touch. Der Film ist dabei nicht allein durchweg mit habgierigen, äußerst zwiespältigen Charakteren bevölkert, er bietet überhaupt keinen eindeutigen Helden als Identifikationsfigur an.

Vor einigen Jahren erschien die Musik zu Moonfleet in einer rund 64-minütigen, sehr schlicht aufgemachten Bootlegversion. Guter Stereo-Klang gingen hier einher mit zum Teil fehlerhaften Trackbezeichnungen und überhaupt komplett fehlenden Hintergrundinformationen. Das 1999 erschienene Rhino-Kompilationsalbum [url=https://cinemusic.de/rezension.htm?rid=1841]„Miklós Rózsa at MGM“[/url] enthält ebenfalls 10 Minuten des Scores.

Das nun vorliegende FSM-Album zieht darunter jetzt einen überzeugenden Schlussstrich. Es enthält neben der vollständigen Filmmusik noch sämtliche alternativen orchestralen Stücke. Wie Lukas Kendall anmerkt, sollen einige noch fehlende (weniger bedeutende) Source-Cues – mit Gitarrenmusik von Vicente Gomez – der Vollständigkeit halber im Anhang einer späteren Rózsa-Edition untergebracht werden. Der Klang des FSM-Albums ist sogar noch einen Hauch frischer und voluminöser als jener der schon beachtlich klingenden Bootlegversion. Der Hauptvorteil liegt aber auch hier (wieder einmal) im sorgfältig und äußerst liebevoll editierten Booklet, das ausführliche Informationen zu sämtlichen Stücken bietet.

Es ist kein Geheimnis, dass Rózsa mit der Arbeit am Film nicht besonders zufrieden war und das Langs Director’s Cut anschließend durch Schnitte verändert und gekürzt worden ist. So hatte der Regisseur ursprünglich ein wesentlich weniger optimistisch wirkendes Finale vorgesehen, das der Schere zum Opfer fiel. Überhaupt weist das FSM-Album sogar vier differierende musikalische Finale auf und nicht nur hierfür gilt: Der Rózsa-Liebhaber kann sich „seine“ optimale Fassung aus den im Film verwendeten und den alternativen Stücken selbst programmieren. Das ist hier m. E. besonders reizvoll. So gibt es in den beiden Versionen von „Cipher“ eine Passage, welche die (vorbei-)galoppierende britische Kavallerie illustriert: zum einen in einer besonders ausgeprägt militärisch-harsch wirkenden Version mit darüber gelegten signalartigen Einwürfen der Trompeten, zum anderen in einer in der Wirkung etwas zurückgenommen Fassung ohne Trompeten. Und ebenso dürfte manch einer Gefallen an Rózsas immer wieder charmanten, historisierenden Ausflügen in höfische Unterhaltungs- und Tanzmusik finden. Wieder einmal gibt sich [url id=1293]Madame Bovary[/url] (1949) dazu ein Stelldichein: hier aber nicht in Form des bekannten Walzers, sondern eines (im besagten Score anzutreffenden) französischen Tanzes.

Zu Moonfleet hat Miklós Rózsa zwar keine in der Kategorie „absolute Spitzenklasse“ anzusiedelnde, aber in jedem Fall eine äußerst sorgfältig und dicht gestaltete ungewöhnliche Abenteuermusik mit deutlichem Noir-Touch geschaffen. Eine, die deutlich über seinem eigenen (sehr beachtlichen!) routinierten Mittelmaß liegt. Da ist ein die Musik eröffnendes simples, düster anmutendes Drei-Noten-Motiv, welches wuchtig vorgetragen dem stürmischen Seebild des Rollenvorspanns ein unheimliches Suspense-Feeling verleiht. Es ist entsprechend der Bildvorgabe (Meeresbrandung an felsiger Küste) tonmalerisch in ebenso „stürmische“ wirbelnde Soli der Holzbläser und Streicher in hohen Lagen eingebettet.

[img left]id=1067[/img]Den ebenso stimmungsvollen lyrischen Kontrast zum unheimlichen Einstieg liefert eine anschließend erstmals erklingende, sehr eingängige, anmutige Melodie im Stil eines englischen Volksliedes, die im Tonfall zu „Greensleeves“ tendiert. Mit diesem melodisch prachtvollen, markanten Hauptthema geht der Komponist im Laufe der rund 48 Minuten des Scores recht ökonomisch um und vermeidet durch sensibel gehandhabten, nicht allzu häufigen Gebrauch Abnutzung. Und neben dem eröffnenden Drei-Noten-Motiv (das er später auch erweitert) führt der Komponist eine Reihe weiterer charakteristischer Tonfolgen ein, die für die Geheimnisse und oftmals gruseligen Situationen des Films stehen. Dass er mit dem zum Teil einfach gebautem, ja elementaren Musikmaterial seine Filmkomposition auch abseits der bewegten Bilder abwechslungsreich und überaus farbig zu gestalten weiß, ist bei Miklós Rózsa praktisch selbstverständlich. Drohende musikalische Gebärden stehen neben grotesk gestalteten Momenten, und Raum für lyrische Ruhepunkte liefert besagtes liedhaftes Hauptthema.

In einer interessanten Film-Szene wird der kindliche Protagonist in einem groß dimensionierten Holzeimer in den gewaltigen und tiefen Brunnen der Festung Hollisbrooke Castle heruntergelassen, um ein Diamantenversteck ausfindig zu machen. Der Komponist illustriert hierbei einmal die Aufregung des Jungen (ähnlich wie die Sabus in The Thief of Baghdad) mit quirligen und rhythmisch unterlegten Klangfiguren und macht zugleich das Hinabgleiten in die Tiefe tonmalerisch erfahrbar. Dies alles geschieht innerhalb eines äußerst farbig gehaltenen Orchestersatzes kombiniert mit faszinierender motivischer Feinarbeit, hier unter anderem mit dem thematischen Gedanken für den Piraten „Redbeard“.

Was sich im vielfältigen Umgang mit zum Teil elementarem musikalischem Material wie dem besagten Drei-Noten-Motiv zeigt, ist hervorstechender Teil der Handschrift des Komponisten. Derartiges ist in ähnlicher Form x-fach im Rózsaschen Œuvre zu finden, aber auch hier zeigt sich, beim Vergleich mit den klingenden Resultaten anderer, der Meister in der Musikdramaturgie — hierzu siehe auch [url id=2211]Where Eagles Dare[/url] und [url id=1954]The Day the Earth Stood Still[/url]. (Hier lässt übrigens ein wahrhaft klassisches Vorbild grüßen: Beethovens brillante motivische Arbeit im Kopfsatz der Schicksalssinfonie.)

Wertungstechnisch halte ich bei Moonfleet fünf Sterne für nicht überzogen und wem dies vielleicht doch ein Tickchen zu hoch erscheinen mag, der dürfte dem „Sehr gut“ spätestens nach Studium des feinen Begleitheftes zustimmen.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen [url=rezension.htm?rid=9107]Programms zu Pfingsten 2004[/url].

Moonfleet Michael Boldhaus
Bewertung

Titel: Moonfleet
Erschienen: 2004

Laufzeit: 77:11 Minuten

Medium: CD
Label: FSM
Kennung: Vol. 6 No. 20

Komponist(en):

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