CD

Veröffentlicht am 30.12.2003 | von Michael Boldhaus

The Big Sky

The Big Sky Michael Boldhaus
Bewertung

Als Regisseur Howard Hawks sich der Verfilmung der Romanvorlage „The Big Sky“ von A. B. Guthrie, Junior (1901-1991) zuwandte, hatte er bereits mit Red River (1948) großen Erfolg gehabt. Und auch für den neuen Film sollte wieder Dimitri Tiomkin die Musik komponieren. (Näheres zu Regisseur und Komponist im Artikel zu Red River.)

Die Filmhandlung basiert auf dem ersten Drittel von Guthries Roman und spielt im Jahr 1832. Geschildert wird die Geschichte einer Männerfreundschaft vor dem Hintergrund einer Expedition zu den Schwarzfußindianern. Das Kielboot „Mandan“ und seine Besatzung brechen von St. Louis auf, in die damals vom weißen Mann noch weitgehend unberührte Welt des oberen Missouri — im heutigen Montana —, um bei den Indianern Pelze einzuhandeln. Im Ergebnis hat Hawks hier einen besonders poetischen und stimmungsvollen Film geschaffen, bei dem die packende Naturkulisse ein besonders ausdrucksstarkes Element ist.

1045Als der Film im August 1952 in den USA startete, war er zwar durchaus erfolgreich, ihm wurde aber vom konkurrierenden High Noon nachhaltig der Rang abgelaufen. So konnte The Big Sky seine hohen Produktionskosten von rund 2,5 Millionen $ nicht einspielen. Aber damit nicht genug: Nach zweimonatigem Kinoeinsatz wurden aus dem ursprünglich 138-minütigen Epos insgesamt 16 Minuten herausgeschnitten. In dieser resultierenden 122-Minuten-Fassung wurde der Streifen 1956 in den USA wiederaufgeführt. Hierzulande ist diese Version (unter dem Titel Der weite Himmel) übrigens erstmals 1971 in der ARD gezeigt worden. In den deutschen Kinos hingegen war der Film bis dahin nur in noch stärker gekürzten, geradezu verstümmelten Fassungen (zwischen 87 und 95 Minuten) unter vier weiteren Titeln, wie Das Geheimnis der Indianerin oder Flusspiraten am Missouri, gezeigt worden. Trotz seiner hohen Qualitäten rangiert The Big Sky im Publikumsbewusstsein deutlich hinter Red River und High Noon, was ebenso für die Filmmusik von Dimitri Tiomkin gilt.

Das Filmmusik-Archiv der Brigham Young University in Utah beschäftigt sich mit der Aufarbeitung und Sicherung wertvoller Filmmusiken des Golden Age. Eine sehr verdienstvolle Arbeit, die von möglichst vielen Interessierten der Sammlerszene durch Kauf der CDs unterstützt werden sollte. Das vorliegende Album belegt eindrucksvoll, mit wie viel Liebe hier Überzeugungstäter am Werk waren.

Dank der Pionierarbeiten des Orchestrators Pat Ross, der die wichtigen Tiomkin-Scores und ihre Materialien katalogisiert hat, konnte der Lagerungsort der noch erhaltenen Tonmaster in der Television Library der University of Southern California ermittelt werden. Erfreulicherweise erwiesen sich die vorhandenen, zu Sicherungs-Zwecken angefertigten Acetat-Discs sogar als musikalisch vollständig. Allerdings zeigte der vor einer Reihe von Jahren für Archiv-Zwecke angefertigte Transfer auf Tonband den doch sehr bescheidenen Zustand der Tonquellen. Eine Präsentation auf CD schien damit zunächst unmöglich. Wie James D’Arc, Kurator des Filmmusik-Archivs der Brigham Young University, im Booklet schreibt, hat der im Umgang mit Acetaten erfahrene Chris Lembesis die Platten sorgfältig gereinigt und anschließend einen neuen Transfer vorgenommen. Mit Hilfe aller heutzutage zur Verfügung stehenden technischen Tricks hat er dabei ein kleines klingendes Wunder vollbracht. Fast durchgehend bekommt der Hörer einen recht klaren, weitgehend sauberen Mono-Sound geboten.

Bislang stand dem Hörer allein ein Auszug zur Verfügung. Charles Gerhardt hat auf seinem 1976er LP-Album „Lost Horizon — The Classic Film Scores of Dimitri Tiomkin“ (später auch auf CD veröffentlicht) eine rund 8-minütige kleine Suite vorgelegt, die schon damals Lust auf mehr machte. Wie geschickt Gerhardt hier das Material für seine Einspielung ausgewählt und auch wie sorgfältig er interpretiert hat, belegt die jetzt erstmals vollständig vorliegende Originaleinspielung.

1046Dimitri Tiomkin, dem oftmals attestiert wurde, seine Musik sei „laut“, hat für The Big Sky eine seiner wohl poetischsten und zartesten Filmvertonungen geschaffen. Auch die zumindest in jenen Kinojahren übliche Konvention, ein Abenteuerfilm beginnt und endet mit einem Fortissimo des Orchesters, wird nicht eingehalten. Tiomkins Musik beginnt und endet hier nicht nur pianissimo, das Finale ruft klar den Beginn in Erinnerung, was der Musik einen zyklischen Charakter verleiht. Von berückender Schönheit ist der Main Title, der mit einem archaisierenden „indianischen“ Motiv der Altflöte über dezenten Tom-Tom-Rhythmen beginnt und in eines der beiden Hauptthemen übergeht. Eine Gruppe von vier Hörnern intoniert das anschließend von den Streichern übernommene, später auch als Lied vorgetragene „Quand Je Reve“, eine melancholische Melodie, die an das Seemannslied „Rollin’ Home Across the Sea“ erinnert.

Der Komponist bestreitet den Score im Wesentlichen mit dem Song-Thema „Quand Je Reve“ und einer weiteren breit ausschwingenden Melodie mit epischem Touch, dem majestätischen Big-Sky-Thema. Beide Themen kehren in vielfältig ausgeführten Variationen und Stimmungen fortlaufend wieder. Dies gelang dem Komponisten derart kunstvoll, dass dabei keinerlei Langeweile aufkommt. Hinzu treten diverse Folksong-Zitate, und auch das den Main Title eröffnende „Indianer-Motiv“ spielt in der Gestaltung der abwechslungsreichen Partitur eine gewichtige Rolle. Besonders ausgeprägt sind hier impressionistisch gefärbte Naturstimmungen als musikalischer Reflex auf die grandiosen Landschaftsaufnahmen. Und ebenso stimmig sind die immer wieder auftauchenden tonmalerischen Effekte, die das Pullen der Kielbootfahrer und auch das Ziehen und Fließen der Wassermassen des Stroms Missouri symbolisieren.

Die knapp 80 Minuten bieten dabei auch einige schöne Stücke, die im Film nur teilweise verwendet worden sind, oder deren zugehörige Film-Szenen offenbar schon vor der Premiere der Schere zum Opfer gefallen sind. Hier ist besonders das orgiastisch-wild anmutende „Celebration“ zu nennen. Eine archaisierende Musik mit Chor, für eine Feier der Schwarzfußindianer. Hier spielt nicht nur das o. g. Indianer-Motiv eine wichtige Rolle, die Chor-Passagen lassen bereits einen der monumentalsten Scores des Komponisten vorausahnen: Land of the Pharaohs • Land der Pharaonen (1954). Und zum Abschluss der CD gibt’s sogar noch eine Demo-Song-Version des Big-Sky-Themas, die (dieses Mal erfreulicherweise) im Film ebenfalls nicht verwendet worden ist. Das umfangreiche, informative und reichhaltig ausgestattete Begleitheft bildet eine erstklassige Abrundung dieser vorbildlichen Produktion.

Alles in allem ist die Musik zu The Big Sky der erstklassigen zu Red River keinesfalls unterlegen, vielmehr ebenbürtig. Dank des jetzt vorliegenden und allgemein zugänglichen BYU-Albums ist die Originaleinspielung im wahrsten Wortsinn gerettet worden und kann (in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft) einer Neueinspielung als wertvolle Referenz dienen.

Dimitri Tiomkin hat übrigens noch ein weiteres Mal einen Howard-Hawks-Western vertont: Rio Bravo (1959).

Titel: The Big Sky
Erschienen: 2003

Laufzeit: 79:17 Minuten

Medium: CD
Label: BYU
Kennung: FMA-DT111

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