CD

Veröffentlicht am 27.08.2003 | von Michael Boldhaus

Dragonwyck

Dragonwyck Michael Boldhaus
Bewertung

Nach dem Album „Max Steiner: The RKO Years 1929-1936“ aus der Brigham Young University Film Music Archives Production (BYU) folgen nun zwei Produktionen von Screen Archives Entertainment (SAE). Screen Archives Entertainment – renommierter US-Händler im Segment Filmmusik – vertreibt ebenfalls die BYU-CDs (www.screenarchives.com).

Drei hochinteressante Alfred-Newman-Scores auf SAE: liebevoll restauriert und anhand der einzelnen Lichtton-Elemente sehr überzeugend auf Stereo gemixt. Beide CD-Alben sind mit vorzüglichen Booklets versehen, die sich hinter denen der FSM-CD-Alben aus dem Hause Lukas Kendall nicht verstecken müssen.

Dragonwyck • Weißer Oleander (1945) ist ein außergewöhnliches Kostümmelodram um dekadenten Adel und abhängige, quasi leibeigene Bauern. Eine Story, die einen europäischen Schauplatz vermuten lässt, aber vielmehr in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts im Staate New York angesiedelt ist. Vincent Price verkörpert Nicholas Van Ryn, den Herren des feudalen Herrensitzes „Dragonwyck“. Price probt hier bereits ein wenig den Rollentypus, mit dem er besonders Horror-Fans der 50er und 60er Jahre bestens geläufig ist.

Van Ryns Besitz und Status sind ein Relikt aus den Tagen der holländischen Kolonialherren. Der Landedelmann entpuppt sich nicht allein als opiumsüchtig und bösartig, sondern ist außerdem mörderisch. Aber damit nicht genug: neben plüschigem Kostüm-Touch mit Krimi-Elementen gibt sich das Übernatürliche in Form des Geistes von Azilde, der aus New Orleans stammenden, verstorbenen Großmutter Van Ryns, ein Stelldichein.

Darryl F. Zanuck sah in der Produktion ein Prestigeobjekt und Al Newman legte sich mächtig ins Zeug, komponierte einen seiner breitesten und üppigsten Melodram-Scores. Newman entwarf fünf Hauptthemen, die wichtigen Elementen der Handlung leitmotivisch zugeordnet sind. Da ist zum einen das prachtvoll-düstere Dragonwyck-Thema, das in x-fachen Variationen immer wieder auftaucht. Dieses steht nicht allein für den Landsitz selbst, sondern auch für das Böse im Charakter Van Ryns. Zum anderen ist da eine optimistisch und schwelgerisch klingende Melodie, die Newman verschiedentlich als charmanten Walzer erklingen lässt und die für den positiven weiblichen Charakter von Miranda steht. Mirandas Thema verweist aber in den aufwärts gerichteten Streicherfiguren im Schlussteil auch schon auf einen von Newmans berühmten späten Scores: The Diary of Anne Frank (1959).

Besonders markant, ungewöhnlich, ja geradezu herausragend modernistisch ist das geheimnisvoll und zugleich gespenstisch wirkende Thema für Alzide. Newman schuf hierfür sein „Creole Lullaby“, eine stark impressionistisch eingefärbte Klangvision aus mehreren übereinander geschichteten musikalischen Ebenen: weibliche Vocalise, Orchesterklänge und (teilweise dissonante) Cembalo-Begleitung. Neben dem Kompositorischen benötigte dieses Stück schon damals eine für seine Zeit relativ komplexe Abmischungstechnik. Hier steht der „alte“ Newman den zeitgenössischen Klangcollagen seines Sohnes Thomas schon ein wenig Pate.

Daneben spielen auch drei prägnante, nicht unmittelbar personenbezogene Motive eine wichtige Rolle: so das fanfarenartig-kraftvolle für „The Patroon“, Symbol der Macht der Familie Van Ryn. Dass mit dem gesamten thematischen Material durchdacht gearbeitet wird, ist für Alfred Newman typisch. Er gestaltete auch Teile der Source Cues komplett eigenhändig, und zwar jene Teile, die stilistisch – besonders stimmig auf die Zeit der Filmhandlung abgestimmt sind: „Astor House Waltz“ sowie Walzer und Polka für die „Kermess-Sequence“.

Teile der aus dem Œuvre der Strauß-Familie entliehenen Stücke entstanden erst Jahre nach der Zeit der Filmhandlung. Zwar sind sie insofern anachronistisch, erklingen allerdings klangschön arrangiert von versierten Orchestratoren des Fox Music Departments, wie Maurice de Packh.

Insgesamt handelt es sich hier zweifellos um eine der erstklassigen Arbeiten des Hollywood-Altmeisters und es ist höchst erfreulich, dass die Originaleinspielung dieser Musik komplett in derart frischem, sogar gekonnt auf Stereo aufbereitetem Klang auch für spätere Generationen „gerettet“ worden ist. Abseits dieser Aufnahmesessions ist die Musik aus Dragonwyck erstmals fast exakt 50 Jahre später, im Jahr 1996, erneut eingespielt worden: in Form einer knapp 9-minütigen Suite vom New Zealand Symphony Orchestra unter Richard Kaufman für das Koch-Album „Wuthering Heights – A Tribute to Alfred Newman“.

Titel: Dragonwyck
Erschienen: 2002

Laufzeit: 79:53 Minuten

Medium: CD
Label: SAE/CRS
Kennung: SA-CRS-0006

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 27.08.2003 | von Michael Boldhaus

Down to the Sea in Ships • Twelve O‘ Clock High

Down to the Sea in Ships • Twelve O‘ Clock High Michael Boldhaus
Bewertung

Down to the Sea in Ships • Seemannslos (1949) ist ein Abenteuerfilm im amerikanischen Walfängermilieu des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Eine zwischen Spannung, Drama und Humor pendelnde Filmhandlung, die trotz Romantisierung auch den seemännischen Alltag auf einem Walfänger jener Zeit halbdokumentarisch einfängt.

Alfred Newman beschäftigte sich zusammen mit seinem Hauptorchestrator Edward B. Powell und dem Chorleiter Ken Darby intensiv mit Sea-Shanties aus New England. Und neben einer Reihe von Original-Shanties für Männerchor, die sparsam begleitet (mit Mundharmonika, Gitarre, Banjo und Akkordeon) als Source Music eingesetzt werden, komponierte Newman ein eigenes Thema im Stile eines Shanty. Darby textete dazu und nannte das prachtvolle Stück „Ol’ Briny“. „Ol’ Briny“ bildet im Score das Rückgrat. Das sehr eingängige Thema hat beträchtliche Ohrwurmqualität. Es erklingt in vielfach abgewandelter Form und wird der jeweiligen Stimmung der Filmhandlung, vom fröhlichen Tanz („Hornpipe“) bis zum Seemannsbegräbnis, meisterlich-perfekt angepasst. Und wenn an einer Stelle „Ol’ Briny“ vom besagten Seemanschor intoniert und von Mundharmonika, Gitarre, Banjo und Akkordeon begleitet wird, verschmelzen Folklore und im gleichen Stile Komponiertes stimmig miteinander, bilden quasi eine Einheit.

Alles in allem ein wunderschöner Newman-Score, dem Fred Steiner mit dem National Philharmonic Orchestra auf dem Kompilations-Album „The Kentuckian“ (1977 auf LP erschienen und 1987 auf CD wiederveröffentlicht) in einer gelungenen kleinen Suite ein Denkmal gesetzt hat. Und „Ol’ Briny“, in der reizvollen Variante als „Hornpipe“, findet sich bereits auf dem Newman-Album in Charles Gerhardts legendärer Alben-Reihe der 70er Jahre: „Classic Film Scores“.

Twelve O’ Clock High • Der Kommandeur (1949) zählt zu den wenigen renommierten sein Thema auch psychologisch aufgreifenden Kriegsfilmen jener Jahre. Er schildert am Beispiel einer Flugstaffel und ihres Kommandeurs die Probleme bei der Schulung der Army Air Corps für die im Jahr 1942 aufgenommen Luftangriffe bei Tag auf Nazi-Deutschland.

Der im Verhältnis zu anderen Filmen der Ära große Realismus der Filmhandlung schlägt sich auch im musikdramatischen Konzept Alfred Newmans nieder. Zu Beginn erklingt keine Fox-Fanfare (!) und überhaupt ist der Musikanteil eher gering: So sind allein drei Szenen mit speziell komponierter Musik unterlegt. Darüber hinaus erklingen allein einige Stücke Source Music (Lieder und Schlager der Zeit) für Szenen in einem Nachtclub. Newmans dramatisch-packender Main Title ist vom Feinsten: Ein hervorragendes Stück, das trotz heroischer Anklänge das Tragische der Situation der eher unfreiwilligen „Helden“ Klang werden lässt und dabei nicht auf ein herrliches melodisches Thema, „Archbury“, verzichtet.

„Archbury“ erklingt nochmals kurz in der musikalisch ansonsten eher modern wirkenden Szene auf dem Flugfeld, wo zu Beginn der Filmhandlung (Jahre später) in einem der Protagonisten alte Erinnerungen aufleben. Newman schichtet hier recht modern collagen- und geisterhaft klingende Wartime-Favorites übereinander. Diese kehren im Finale, bevor besagter Protagonist dem Platz der Kriegserinnerungen den Rücken kehrt, nochmals wieder und eine stärker militärisch wirkende Variante von „Archbury“ bringt als kurze Abspannmusik Film und Filmmusik zum Abschluss.

Die die eigentliche Filmhandlung einleitende Flugfeldszene erinnert in der Gestaltung übrigens deutlich an Hugo Friedhofers Musik zur Sequenz „airplane graveyard“ in The Best Years of Our Lives (1946).

Die vorliegende CD präsentiert alles, was sowohl an Musik zum Kriegsdrama Twelve O’ Clock High als auch zu Down to the Sea in Ships zu finden war. Bei Twelve O’ Clock High sind darüber hinaus noch ein alternativer Main Title und drei verschiedene Trailer-Musiken vertreten. Der Klang ist in Anbetracht des Alters hervorragend, was ganz besonders für die sehr dynamisch und klar klingende Musik zum Kriegsfilm gilt. In vergleichbarer Qualität wie das zu Dragonwyck, lässt auch das tolle Booklet keine Wünsche offen.

Twelve O’ Clock High enthält übrigens insgesamt weniger als sieben Minuten originale Filmmusik und Down to the Sea in Ships wartet auch „nur“ mit rund 17 Minuten Newman-Score auf. Hier zeigt sich, wie klischeehaft die pauschale Feststellung vom generellen „Overscoring“ im Golden Age oft ist.

Titel: Down to the Sea in Ships • Twelve O‘ Clock High (Seemannslos • Der Kommandeur)
Erschienen: 2002

Laufzeit: 42:21 Minuten

Medium: CD
Label: SAE/CRS
Kennung: SA-CRS-0005

Komponist(en):

Schlagworte:


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