CD

Veröffentlicht am 20.05.2002 | von Marko Ikonić

Jurassic Park

Jurassic Park Marko Ikonić
Bewertung

John Williams’ Soundtrack zu Steven Spielbergs erstem unterhaltsamen Dinosaurier-Spektakel Jurassic Park behauptet auch fast 10 Jahre nach seiner Entstehung noch den Rang als eine der beliebtesten Filmmusiken überhaupt. Mit seinem stattlichen Themenfundus, dessen durchgehend ohrwurmhafte Melodien in traditionell breitorchestraler Manier variiert werden, hat Jurassic Park für etliche (jetzt) Filmmusikbegeisterte der jüngeren Generation das bewirkt, was in früheren Jahrzehnten auf das Konto von Star Wars oder E.T. gegangen war: Der erste Kontakt mit solch strahlender, farbenfroher Kinosinfonik konnte bei vielen ein dauerhaftes Interesse an der Gattung „Filmmusik“ wecken.

Meistens sind nostalgische Gefühle nicht eben förderlich für die Bildung eines stimmigen qualitativen Urteils, sie führen mitunter zu erheblichen Überbewertungen. Jurassic Park von John Williams hält jedoch auch dem – bei nostalgisch überhöhten Musiken nicht selten ernüchternd ausfallenden – zweiten Blick mit kühlem bzw. wieder abgekühltem Kopf stand: Der Score bietet einen abwechslungsreichen, ausgewogenen Mix aus leicht zugänglichen Zutaten, die Williams mit seiner gewohnt bravourösen Orchestertechnik aber stets im besten Lichte erscheinen lässt.

Da gibt es anmutige, erhebende Themen – als Motto für den gesamten Film in Gestalt des wunderschönen hymnisch anmutenden Hauptthemas „Theme from Jurassic Park“ (Track 2 auf der CD, ein Konzertarrangement übrigens) und der allerdings nur einmal gebrauchten warmherzigen Melodie, die dem mächtigen erkrankten Triceratops-Weibchen zugeordnet wird (Zu hören am Beginn des insofern etwas unglücklich benannten Tracks „My Friend, the Brachiosaurus“).Ein in der ersten Hälfte triumphierend fanfarisches Thema wird in „Journey to the Island“ erstmals angestimmt. Die aufsteigenden Quinten der ersten zwei Notenpaare, oft ein musikalischer Ausdruck von sich aufbäumender Kraft, von Größe und Unbegrenztheit, der als Hörerreaktion Ehrfurcht und Staunen nach sich ziehen soll, sind schon aus Williams-Musiken wie Star Wars, Superman und E.T. hinlänglich bekannt, zähl(t)en aber überhaupt zum ständigen handwerklichen Inventar der Hollywoodkomponisten schon zu „Golden Age“-Zeiten.

Den Dreh- und Angelpunkt der Filmhandlung, den Diebstahl einiger Dinosaurier-Embryos durch den feisten Computerspezialisten Dennis Nedry, unterlegt Williams mit einem Cue („Dennis Steals the Embryo“), der angesichts der sonst rein symphonischen Konzeption des Scores ziemlich aus der Reihe tanzt: Eine merkwürdige, im Film durchaus wirkungsvolle Mischung aus dezenter synthetisch angereicherter Percussion, einem E-Bass-Ostinato und in den oberen Registern angesiedelten Figuren für Streicher, Blech und gelegentlich Naturflöten. Das Ergebnis mag man insgesamt als nicht uninteressantes Derivat des Tracks „The Conspirators“ aus Williams’ eigenem JFK-Score bezeichnen, der ja nur ein Jahr zuvor entstand.

Auf die Liste der leicht erkenntlichen Themen gehört schließlich auch noch das rührend Spieluhr-hafte „Remembering Petticoat Lane“. Die tiefe existenzielle Trauer des sicher wohlmeinenden, aber von infantilem Größenwahn klar fehlgeleiteten John Hammond (Sir Richard Attenborough), der sich vor den Scherben des Lebenswerks an seine Anfangszeit als ärmlicher Flohzirkusdirektor zurückentsinnt, findet adäquat bittere Resonanz in diesem Stück.

Der vielleicht interessanteste Baustein der Jurassic-Park-Musik von John Williams ist ein an sich unscheinbares 4-Noten-Motiv für jene Riesenechsen, die den Filmcharakteren den Insel-Aufenthalt erst zum tödlichen Horror-Trip werden lassen – für die Carnivoren, und hiervon hauptsächlich für die Velociraptoren (ein einziges Mal wird es auch direkt mit dem T-Rex in Verbindung gebracht, daher meine Verwendung des „Fleischfresser“-Überbegriffs).Williams demonstriert auch hier wieder, dass er alle Kniffe kennt, die sich ein Filmkomponist so zur emotionalen Steuerung des Publikums zu Nutze machen kann. Nicht nur, dass er mit einem auf- und einem (unter dem ersten Ton ansetzenden) absteigenden Notenpaar bereits auf Ebene der Tonhöhe ein labiles, Unsicherheit und Unberechenbarkeit ausstrahlendes Klanggebilde konstruiert; die beiden Schlusstöne ergeben darüber hinaus einen Tritonus, jenes auch „diabolus in musica“ genannte Intervall, das schon aus sich heraus Überspannung, Unbehagen und Gefahr verströmt und in der menschlichen Wahrnehmung einfach grundsätzlich unangenehm assoziiert wird. „Was Johnny kann, kann ich schon lang“, dachte sich wahrscheinlich Don Davis, der zu Jurassic Park III einen gelungenen Score unter Einbeziehung der Williams-Themen verfasst hat. Sein ebenfalls aus 4 Noten bestehendes Spinosaurus-Motiv enthält nämlich gleich zwei Tritoni.

Zurück zum ersten Teil: In den brachial-urtümlich wirkenden kurzen „Opening Titles“ wird das Motiv zum ersten Mal von Shakuhachi-artigen Flöten angedeutet. Recht beeindruckend finde ich dann, wie Williams mit diesem Musikpartikel in den dicht vertonten Actionsequenzen gegen Filmende, und besonders im rasanten Showdown im Besucherzentrum (als „T-Rex Rescue & Finale“ auf der CD) umgeht. Diese knapp 8-minütige orchestrale Tour-de-force stützt sich über weite Strecken auf das 4-Noten-Motiv, wobei der Komponist es in wildem Wechsel mal der stimmführenden Instrumentengruppe zuteilt, und mal zu „nur“ begleitender Funktion in den Hintergrund drängt.

Für die Soundtrack-CD hat Maestro Williams wieder eines seiner berühmten, in Einzelfällen wohl auch berüchtigten Höralben zusammengestellt. Mit Eingriffen in den chronologischen Musikverlauf, einigen irreführenden Tracknamen und Zusammenschnitten verschiedener Cues muss man schon leben, was angesichts der daraus resultierenden guten CD-Hörqualitäten aber nicht schwer fällt. Wirklich ärgerlich ist nur die Beigabe von Track 16, der so genannten „End Credits“. Dabei handelt es sich in Wahrheit um eine exakte Doublette der letzten dreieinhalb Minuten von „Welcome to Jurassic Park“ (Track 7), die alleine kostbaren Platz einnimmt und somit auf der CD eigentlich nichts verloren hat. Genannter Track 7 bietet nichts weniger als die in der CD-Mitte zwar reichlich seltsam positionierten, aber immerhin gesamten End Credits in der Filmversion.

Titel: Jurassic Park
Erschienen: 1993

Laufzeit: 70:22 Minuten

Medium: CD
Label: MCA
Kennung: 10859

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 20.05.2002 | von Marko Ikonić

The Lost World: Jurassic Park

The Lost World: Jurassic Park Marko Ikonić
Bewertung

In The Lost World: Jurassic Park • Vergessene Welt: Jurassic Park (1997) steht Isla Sorna, eine Nachbarinsel der Isla Nublar, im Mittelpunkt des Geschehens. Dort wurde ursprünglich der schmutzige Teil der Jurassic-Park-Arbeit, das bei weitem nicht immer erfolgreiche Klonen, die Dinosaurier-Produktion, erledigt. Der verheerende Sturm im ersten Film ließ auch diese „Anlage B“ nicht unbeschadet und zwang die Mitarbeiter, die Insel aufzugeben und die verbleibenden eingesperrten Dinos in die (beschränkte Insel-)Freiheit zu entlassen.

Soweit die Vorgeschichte. Die Menschen, die aber nun vier Jahre später diese Insel betreten, werden mit einer völlig anderen Ausgangslage konfrontiert als im ersten Filmteil. Hier gibt es keine elektrischen Zäune, jeder Schritt der Charaktere führt durch die Territorien wilder Tiere – die Dinos haben überlebt und gedeihen sogar prächtig -, sie sind ständig und schutzlos der rohen Naturgewalt ausgesetzt.

Die Optik des Films trägt dem mit erdigen Tönen Rechnung, John Williams tut es mit seiner dunklen, urwüchsigen Filmmusik. Neben einem Standard-Symphonieorchester rekrutiert er für seinen Score ein überdimensionales Arsenal an Perkussionsinstrumenten, in dem Congas, Bongos, Maracas, Cabasas und ähnliches ethnisches Schlagwerk die übliche Palette der westeuropäischen großen Trommeln, Pauken, Schnarrtrommeln, Tamburine usw. um einige reizvoll exotische Klangfarben bereichern. Der Chor, der Jurassic Park von Zeit zu Zeit eine milde, humane und manchmal schicksalsschwangere Note verleiht, fehlt hier völlig. Man könnte das Strukturkonzept dieser Musik vielleicht so auf den Punkt bringen: Was Jurassic Park an thematischer Diversität bereitstellt, wird in The Lost World an rhythmischer geboten – eine logische Konsequenz des ungewöhnlichen perkussiven Schwerpunkts, den Williams hier setzt.

Ganz ohne neue thematisch-motivische Trademarks kommt die Musik aber nicht aus. Unablässig stampfende Pauken, musikalisches Pendant zu den bebenden Schritten der unbezähmbaren Urgiganten, bilden die Basis des kraftvollen „The Lost World“-Hauptthemas (auf der CD wiederum in einer auskomponierten Konzertfassung), das jedoch im Film so gut wie keine Rolle spielt und nur unvollständig, um nicht zu sagen verhackstückt, eingesetzt wird. Ein weiteres, diesmal aufsteigendes 4-Noten-Motiv zieht sich dafür wie ein roter Faden durch die gesamte Partitur. Außerdem wird an den passenden Stellen sehr sparsam das Fanfaren-Thema aus Jurassic Park zitiert. Eine ausführlichere Begegnung mit den gern gehörten alten Hauptthemen ermöglicht nur die Abspannmusik.

Die große Jagdszene wird in der endgültigen Filmfassung – bei kaum wahrnehmbarer Lautstärke – von Musikschnippseln aus verschiedenen Tracks untermalt. Ob das nun eine Fehlentscheidung der Verantwortlichen war oder nicht, sei dahingestellt, John Williams’ eigentlich dafür vorgesehener Cue „The Hunt“ ist jedenfalls glücklicherweise zur Gänze auf der CD enthalten. In dem packenden, auch aufgrund der vielfältigen Perkussionseinlagen ansprechenden Stück versteht Williams die Möglichkeiten der Kombination gerader und ungerader Zeitmaße (hier changieren 3/4 bzw. 6/8 und 5/8) und das daraus erwachsende treibende rhythmische Moment ähnlich effektvoll zu nutzen wie Jerry Goldsmith, der dieses Prinzip häufig seinen Actionmusiken zugrunde legt.

Noch etwas unterscheidet die Musik zum zweiten Film: Der Komponist hüllt die Vergessene Welt mehrfach in Klänge, die von modernistischen, fest im 20. Jahrhundert verwurzelten Kompositionstechniken bestimmt sind, wie sie etwa auch Howard Shore, Elliot Goldenthal und Don Davis immer wieder in ihren Filmarbeiten anwenden. Ein Vorbild hierfür aus der eigenen Filmographie ist zweifellos Close Encounters of the Third Kind (1979), aber auch der Williams der abstrakteren Konzertwerke (]Treesong, das Flötenkonzert von 1969 u.a.) kommt einem in den Sinn. Teilweise, z.B. beim Hören des asynchronen Holzbläser-„Gezwitschers“ in Track 9 („The Raptors Appear“), fühlte ich mich auch unweigerlich an die kontrollierte Aleatorik eines Witold Lutoslawski erinnert, d.h. an nicht exakt notiertes Durcheinanderspielen unter gewissen, vom Komponisten vorgegebenen Rahmenbedinungen.

Dank der Umstellung mehrerer Cues fließt das MCA-CD-Album zu The Lost World ähnlich gut wie das des Vorgänger-Scores. Für einen kleinen Wermutstropfen sorgt jedoch die äußere Aufmachung der CD. Statt in der bewährten Kunststoff-Box liegt der Silberling in einem gleicherweise kindischen wie unpraktischen Papp-„Dinorama“ (eine aufklappbare Dschungellandschaft mit JP-Dinosauriern), über das ich persönlich in den fünf Jahren seit Erscheinen niemanden auch nur ein positives Wort verlieren gehört habe.

Fazit: Jurassic Park und The Lost World: Jurassic Park sind zwei sehr unterschiedliche, jeweils mit großem Geschick ausgearbeitete Filmmusiken, deren Anschaffung auf CD mit Sicherheit lohnt. Auf der einen Seite „klassischer“ bunter und thematischer Williams, wie man ihn von der Indiana-Jones-Trilogie kennt, auf der anderen ein ungewohnt kantiger, perkussiv raubeiniger mit modernistischen Anklängen. Gerade auch in dieser stark ausgeprägten Andersheit liegt der Reiz, beide zu besitzen.

Titel: The Lost World: Jurassic Park
Erschienen: 1997

Laufzeit: 69:00 Minuten

Medium: CD
Label: MCA
Kennung: 11628

Komponist(en):

Schlagworte:


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