CD

Veröffentlicht am 16.01.2001 | von Michael Boldhaus

The Treasure of the Sierra Madre

The Treasure of the Sierra Madre Michael Boldhaus
Bewertung

Was Gold und die Gier nach Reichtum aus den Menschen machen können, thematisiert John Hustons Film-Klassiker The Treasure of the Sierra Madre • Der Schatz der Sierra Madre aus dem Jahr 1948. In der rauen Bergwelt Mexikos spielt die Geschichte dreier Goldgräber, deren anfänglich starker Gemeinschaftssinn nach beträchtlichen Goldfunden durch die aufflammende Habgier, speziell von Dobbs (dargestellt von Humphrey Bogart), zerbricht: Aus Partnerschaft wird lebensgefährliches, für Dobbs in Folge schließlich tödliches Misstrauen. Die Filmstory endet ironisch: Den Banditen, denen Dobbs zum Opfer fällt, erscheint das gewaschene (in dieser rohen Form noch unscheinbare) Gold wie wertloser Sand, den sie achtlos fortschütten. Auch die zwei überlebenden Goldsucher gehen leer aus, denn durch einen Sandsturm wird der Goldstaub im wahren Wortsinn „vom Winde verweht“…

Humphrey Bogart (Bogie) ist auch hier (wie häufiger in seinen Filmen) ein heroischer Verlierer-Typ mit unverwechselbarem zerfurchtem Gesichtsausdruck. Seine Verkörperung des anfänglich nicht unsympathischen, später hingegen gefährlich paranoiden Dobbs ist eher der realistischeren „schwarzen Serie Hollywoods“ verbunden als der Traumfabrik jener Zeit. Mich hat The Treasure of the Sierra Madre als raffinierte Mischung aus spannendem Abenteuerkino (Goldsuche, Banditenüberfälle und Indianer) und psychologischer Verhaltensstudie bereits als Teen stark beeindruckt. Bis heute zählt dieser Film für mich zu den besonders gelungenen des Regisseurs John Huston, wobei ein Teil der Wirkung auch auf Max Steiners Filmmusik zurückzuführen ist.

1948 war für Steiner ein sehr erfolgreiches filmmusikalisches Jahr. Unter anderem entstanden die Musik zur Gangsterstory Key Largo sowie die romantisch gefühlvolle zu Johnny Belinda, und auch die herrliche Tonschöpfung zum Mantel- und Degen-Film The Adventures of Don Juan komponierte er nur wenig später (weitere Informationen zu Max Steiner in They Died with Their Boots On und The Cat People).

Max Steiners Filmmusiken machen die Geschichten ihrer Filme auf besondere Weise sinnlich erfahrbar, indem der Komponist die Bilder musikalisch verdoppelt und ihnen so zu faszinierendem Eigenleben auch abseits der Filme verhilft: eine Art des Komponierens für den Film, die nur auf den ersten Blick als ausschließlich Cartoon-verdächtig und damit althergebracht wirkt. Steiner entwickelte bereits in seiner Frühphase bei RKO sein musikalisches Modell für die Film-Komposition, das die Musikwissenschaft landläufig als „deskriptiven“ Ansatz bezeichnet: Der Komponist betrachtet das Filmgeschehen aus der Perspektive des Zuschauers und ist bemüht, die visuellen Eindrücke und auch die Emotionen der Figuren dem Zuschauer musikalisch möglichst plastisch zu vermitteln. Insofern steht Max Steiners Kunst fast zwangsläufig der großen Tradition der Oper (hier besonders Richard Wagner) und den großen naturalistischen Tondichtungen sehr nahe – z. B. eines Richard Strauss und Ottorino Respighi.

Zwar ist Musik nicht zwangsläufig eine wirklich „bildhaft“ wirkende Kunstform; sie liefert vielmehr ein Vokabular, das der Kinogänger im Laufe der Zeit unbewusst trainiert und somit zu verstehen gelernt hat. Steiner hat die Kunst, Bilder mit Hilfe von Tonfolgen sinnlich erfahrbar zu machen, auf einzigartige Weise perfektioniert. Im übrigen war er einer der viel beschäftigten Komponisten Hollywoods. Als Chef des Music-Departments der Warner-Studios oblag ihm in den späten 40er Jahren die Vertonung von bis zu 10 Filmen pro Jahr, die jeweils etwa eine Stunde Musik benötigten. Er war also zweifellos ein Vielschreiber, der hart arbeiten musste. Bei einem derart hohen musikalischen Output steht im riesigen Gesamt-Œuvre und mitunter auch innerhalb einer Film-Komposition zwangsläufig Wertvolles neben Schwächerem. Allerdings gelang es Max Steiner, zum Großteil inspirierte und meist raffiniert auskomponierte breitorchestrale (sehr effektvolle) Musiken zu den anvertrauten Filmen zu liefern. Auch wenn Steiners beste Filmvertonungen nicht den intellektuellen Touch und die Modernität vergleichbarer Arbeiten Franz Waxmans besitzen, war er ein Vollblut-Musiker und dazu ein äußerst versierter Handwerker, der meist einen sicheren Instinkt für das bewies, was der jeweilige Film an Musik brauchte. Viele seiner Musiken zeichnen sich dazu durch herrliche melodische Einfälle aus: Es ist sicher nicht überzogen, Max Steiner als einen Melodiker par excellence zu bezeichnen.

Zu Max Steiners anfänglich hoch ausgezeichneter Filmmusik zu The Treasure of the Sierra Madre hat es speziell in späteren Jahren – auch aus berufenem Munde, z. B. von Hugo Friedhofer (siehe Hugo-Friedhofer-Special) – kritische Anmerkungen gegeben. Nun, mit zeitlichem Abstand betrachtet, erscheinen viele Dinge zumindest teilweise in anderem (allerdings nicht zwangsläufig besserem) Licht. Max Steiners Musik zu The Treasure of the Sierra Madre gilt heutzutage jedoch wohl als insgesamt sehr gelungen und auch als Klassiker ihrer Art.

Bislang gab es von dieser Filmmusik mehrere Einspielungen in Suitenform, von denen die Fassung im Rahmen von Charles Gerhardts „Classic Film Score Serie“ (auf dem Album „Casablanca – Classic Film Scores for Humphrey Bogart“) in besonderem Maße Referenzcharakter genießt. Charles Gerhardt war in den siebziger Jahren der Pionier, der die klassische Hollywood-Sinfonik aus ihrem Dornröschen-Schlaf erweckte und in das Bewusstsein der nachgewachsenen Generationen von Filmmusik-Liebhabern nachhaltig einprägte. John W. Morgan und William T. Stromberg setzen seine Arbeit seit Anfang der neunziger Jahre fort und haben eine insgesamt sehr gute bis hervorragende, inzwischen auch schon recht umfangreiche Reihe Filmmusik-Neueinspielungen des „Golden Age“ produziert, die ihresgleichen sucht.

2345Beim Vergleich der Gerhardt-Fassung mit der Marco-Polo-Neueinspielung unter William T. Stromberg machte ich speziell beim Main Title anfänglich eine ähnlich ernüchternde Erfahrung, wie erst kürzlich beim entsprechenden Vergleich der Fassungen von Objective Burma • Der Held von Burma: Das von Gerhardt angeschlagene schnellere Tempo erweist sich, gelöst vom Filmbild, gegenüber der schleppender wirkenden Stromberg-Version als überzeugender – wobei letztere allerdings erheblich dichter an die Original-Film-Einspielung herankommt (was auch für die übrigen Teile der Einspielung gilt)! Wie schon beim Marco-Polo-Album von Objective Burma erwähnt, hat sich Charles Gerhardt bei den Einspielungen seiner Filmmusik-Kompilationen mitunter gewisse – fast immer überzeugende – Freiheiten gegenüber den Originalen gestattet, um eine optimale Wirkung seiner Konzertfassungen zu erreichen.

Das mit dem Main Title an Gerhardt verloren gegangene Terrain gewinnt die Stromberg-Einspielung von The Treasure of the Sierra Madre im Anschluss jedoch rasch wieder zurück. Max Steiners farbenprächtige Musik entfaltet in der jetzt vorliegenden Langversion ihre vielfältigen Reize denn auch erheblich deutlicher als in der schon gut gemachten Gerhardt-Kurzfassung. Vom einleitenden wuchtig-geheimnisvollen Motiv für den Berg (des Goldes) über das melodisch kraftvolle der Kameradschaft bis hin zu den düsteren Akkord-Folgen, die den Banditen zugeordnet sind, reicht das Spektrum: Praktisch allem ist hier ein signifikantes Thema zugeordnet. Vieles der Filmhandlung findet auch seine musikalische Entsprechung, ist „bildhaft“ gespiegelt: Wind und Sturm, gefährliche Situationen (z. B. Angriff der Banditen auf einen Zug), die Fanfare für das die Banditen vertreibende Militär…

Besonders faszinierend gelang es dem Komponisten, den Glanz des Goldes musikalisch umzusetzen (durch wahrlich funkelnd zu nennende Klangkombinationen von Vibraphon, Triangel, kleinen Gongs, kleinem Tam tam, Harfe, zwei Klavieren und Celesta); aber auch das Emotional-Sinnliche kommt nicht zu kurz. Das breit-melodische Hauptthema (The Trek) folgt in seiner Stimmung subtil der Filmhandlung und erklingt dabei in raffinierten Variationen von hoffnungsvoll bis verzweifelt. Einer der schönsten Momente der Partitur ist „Cody’s Letter“: Die Szene, in der ein Brief von Codys Frau aus dem fernen Texas vorgelesen wird, ist getragen von einem innigen, melancholischen Thema, das ein Gefühl von tiefer Sehnsucht vermittelt. Versinnbildlicht wird dies im anschließend nostalgisch und warm klingenden „Texas Memories“, das von Gitarren und Mandolinen gespielt wird – eine weitere melodische Perle. Erwähnenswert ist auch die Begegnung mit den Hilfe suchenden Indianern, die musikalisch durch ein einfach gearbeitetes, dabei allerdings wirkungsvolles Chor-Stück „Funeral Chant“ untermalt ist. Sehr schön wirkt auch das verschiedentlich eingesetzte mexikanisch-exotische Klangkolorit, z. B. in „Narange Dolce“.

Im Gegensatz zu den besonders stark melodisch orientierten Klangschöpfungen zu Melodramen enthält die Musik zu The Treasure of the Sierra Madre verstärkt dunkel gefärbte Orchester-Passagen, welche die Abgründe der menschlichen Seele mit unheimlichen Piano-Klängen und wuchtigen Akkord-Folgen versinnbildlichen. Die finale Begegnung von Dobbs mit den Banditen, seine Angst und schließlich seine Ermordung werden kunstvoll und raffiniert in Musik gekleidet – wobei der Mord nicht gezeigt, sondern allein musikalisch ausgedrückt wird. In derartig komplexen Musik-Passagen brilliert auch die zwischenzeitlich herausragend arbeitende Aufnahmetechnik und lässt jedes Detail des ausgeklügelten Klang-Designs hörbar werden.

Für diese CD-Version hat John W. Morgan rund 55 Minuten zusammengefasst und stellt damit alle wichtigen Musikpassagen der Gesamt-Komposition vor. In Teilen sind hier auch, den ursprünglichen Absichten des Komponisten entsprechend, Musik-Teile eingespielt, die in der endgültigen Filmfassung fehlen; auch das hier in einigen Passagen deutlich vertretene mexikanische Klang-Kolorit ist in der finalen Film-Version merklich reduziert. Als interessante Zugaben sind vertreten: ein alternativer Main Title (mit der Warner-Fanfare), die original für den Kino-Trailer komponierte Musik und eine alternative deutlich optimistischer ausklingende Version des Finales.

Fazit: Das aktuelle Prunkstück der Morgan-Stromberg-Kollektion auf Marco Polo ist Max Steiners The Treasure of the Sierra Madre • Der Schatz der Sierra Madre. Der „Vater der Tonfilmmusik“ hat zu dieser psychologischen Studie zum Thema Gier eine seiner pracht- und dazu kraftvollsten Abenteuer-Filmmusiken komponiert: Sie gehört nicht nur zu den hervorragenden Arbeiten seines Œuvres, sie funktioniert sowohl im Film als auch allein in vielem geradezu perfekt. Charles Gerhardts gelungener knapp achtminütiger Extrakt aus den wichtigsten Themen der Partitur wird zwar auch in Zukunft ein liebgewordener Begleiter bleiben; die detaillierte Marco-Polo-Langversion der Filmmusik verdient jedoch einen Ehrenplatz in einer Max-Steiner-Kollektion.

Die hervorragende Aufnahmetechnik der Neueinspielung macht alle Feinheiten der raffiniert gewobenen und ausgefeilten Musik hörbar; das Booklet ist auf gewohnt hohem, liebevollem Niveau. Es lohnt sich, die informativen Texte eingehender zu lesen, sie verdeutlichen manche Intention Steiners, die sich durch Hören allein kaum erschließen lässt. Sehr lesenswert ist ebenfalls der kurze Essay über Murray Cutter, den Orchestrator der Filmmusik. Insgesamt ist The Treasure of the Sierra Madre eine mehr als nur vorzeigbare Produktion und wird nicht ausschließlich den Freunden des Golden Age empfohlen.

Titel: The Treasure of the Sierra Madre
Erschienen: 2000

Laufzeit: 60:17 Minuten

Medium: CD
Label: Naxos
Kennung: 8.570185

Komponist(en):

Schlagworte:


Der Autor/Die Autoren



Schreibe einen Kommentar

Nach oben ↑

Pin It on Pinterest