CD Angelas Ashes

Veröffentlicht am 28.02.2000 | von Michael Boldhaus

Angela’s Ashes

Alan Parkers (Fame • Der Weg zum Ruhm, Mississippi Burning • Die Wurzeln des Hasses) neuester Film Angela’s Ashes • Die Asche meiner Mutter ist die filmische Umsetzung des erfolgreichen biografischen Romans von Frank McCourt. Die Geschichte des Frank McCourt ist ungewöhnlich. Er wird 1934 in New York als Sohn irischer Einwanderer geboren. Seinem willensschwachen, alkoholabhängigen Vater gelingt es nicht die Familie aus dem Elend der Brooklyner Slums herauszubringen. So nehmen die McCourts vor Kriegsausbruch „Abschied von der Freiheitsstatue“ und kehren ins konservative, katholische Irland zurück. Die unter ärmlichsten Bedingungen im Arbeitermilieu gelebten, harten Kindheits- und Jugendjahre der Hauptfigur spiegelt Parkers Film in eindringlichen, atmosphärisch dichten Bildern wider. Trotz der deprimierenden Lebensumstände ist der Film aber keine Abfolge ausschließlich trister und hoffnungsloser Ereignisse, sondern bleibt in der Quintessenz lebensbejahend, indem Pathos, bittere Ironie, aber auch Humor auf urbane und forsche Weise miteinander verbunden werden. Ian McCourt verließ im Alter von 19 Jahren Irland endgültig und kehrte „heim“ nach New York.

Für den Film Angela’s Ashes • Die Asche meiner Mutter hat John Williams eine sehr feinfühlige, intime Tonsprache gewählt, die Lichtjahre vom Sound seiner Abenteuer-Action-Scores entfernt ist. Das Orchester beschränkt sich weitgehend auf die Saiteninstrumente: Außer im Finalstück kommt kein Blech zum Einsatz, nur chorische Streicherbesetzung sowie Soli von Klavier, Oboe, Cello und Harfe – da letztere nicht so voll klingt wie eine übliche Konzertharfe, handelt es sich hier vielleicht sogar um eine echte „irische“. Obwohl die Streicher stark besetzt sind, werden sie nur vereinzelt im Tutti verwendet; insgesamt ist eher kammermusikalische Intimität und Transparenz als Üppigkeit angestrebt. Die Komposition spiegelt die Atmosphäre des Films wider und dient nicht zur Untermalung äußerer Handlungselemente: also fehlt Tonmalerisches völlig, und vom üppigen „typischen Hollywood-Sound“ ist ebenfalls kaum mehr etwas übrig geblieben. Der Tonfall der Musik ist überwiegend herb, das geheimnisvolle Hauptthema hat elegisch-rhapsodischen Charakter, wobei die Komposition zwar melancholisch, aber nicht trostlos klingt. Nicht zuletzt die ausgedehnten, „konzertanten“ Soli von Oboe und Harfe, daneben auch Cello und Klavier, rücken diese Musik stark in Richtung eines autonomen Werkes für den Konzertsaal. Darüber hinaus bietet Track 4 („My Dad’s Stories“) ein reizvolles Streicherpizzicato und Track 8 („The Lones Of Limerick“) ist ein virtuoses Solostück für die „irische“ Harfe. In der Schlussszene des Films, Track 17 („Back to America“), hellt sich die Stimmung zwar merklich auf – ein Hauch des bekannten Hollywood-Williams-Sound ist spürbar –, doch die hinzutretenden Posaunen und auch das Schlagwerk werden nur dezent eingesetzt: So klingt das Finale zwar optimistisch, verzichtet aber auf jegliches Jubelpathos.

Als Inspirationsquelle dienten Williams im Wesentlichen die Komponisten der englischen und amerikanischen Romantik des 20. Jahrhunderts: Hier seien besonders die Thomas-Tallis-Fantasie von Ralph Vaughan Williams und das Adagio für Streicher von Samuel Barber erwähnt. In den genannten Werken findet man einiges vom recht elegisch-rhapsodischen Streicher-Klang der Filmmusik zu Die Asche meiner Mutter, aber auch die herbe Sinfonische Serenade Opus 39 von E. W. Korngold empfiehlt sich zum Vergleich. Williams Freunde, die beim ersten Hören über das Ungewohnte dieser Filmmusik enttäuscht sind, sollten sich etwas mehr Zeit (als üblich) nehmen, dann dürften ihnen auch die weniger plakativen Schönheiten dieser Williams-Musik nicht verborgen bleiben. Die beiden Jazz-Originale (Track 7 und 10) wirken vom Film gelöst mehr anachronistisch denn atmosphärisch – hier hilft Programmieren des CD-Spielers. Erfreulicherweise sind, im Gegensatz zur amerikanischen Ausgabe, auf der deutschen Pressung keine Dialoge enthalten! Besonders störend empfinde ich derartige Spielereien dann, wenn (wie auf der US-CD) Dialog und Musik nicht sauber voneinander getrennt werden. Vom „Übertragen der Filmatmosphäre“ kann da nämlich kaum die Rede sein: Nein, so etwas ist wohl für (fast) jeden (Film)-Musikfreund ausschließlich ein Ärgernis.

Angela’s Ashes Michael Boldhaus
Bewertung

Titel: Angela’s Ashes (Die Asche meiner Mutter)
Erschienen: 2000

Laufzeit: 65:53 Minuten

Medium: CD
Label: Decca
Kennung: 466761-2

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 28.02.2000 | von Michael Boldhaus

Seven Years in Tibet

Wer vielleicht schon beim Lesen oder auch erst beim (Ein-)Hören auf den Geschmack gekommen ist und für ein „Bindeglied“ in Sachen John Williams und Konzert-Filmmusik offen ist, dem sei auch die CD Sieben Jahre in Tibet empfohlen. Jean-Jacques Annauds Film-Epos aus dem Jahr 1997 über die Abenteuer des österreichischen Bergsteigers Heinrich Harrer im Tibet der vierziger Jahre enthält eine ähnlich angelegte Komposition. In dieser Musik lässt Williams neben konzertanten Passagen auch einigen Raum für „Hollywood-typische Klangseligkeit“, und der vielfältig verwendete Orchesterapparat hat hier durchaus die Dimensionen von Star Wars oder Superman. Das mit einem Harfenglissando beginnende breite, vom vollen Orchester vorgetragene Hauptthema ist eine wahre Perle, die unmittelbar ins Ohr geht. Das herrliche Thema wird dann vom Solo-Cello klangschön interpretiert und variiert. Dem Cello sind in dieser Filmmusik mehrere recht breite solistische Passagen zugewiesen, die vom Cello-Virtuosen Yo-Yo Ma gekonnt bewältigt werden. Äußerst raffiniert ist die Instrumentierung, die unter anderem aparte Klangfiguren der Celesta einschließt und außerdem durch sehr delikat einkomponierte Klangexotik zusätzliche Anreize bietet. Neben spirituellen Chören gibt es reichlich ethnische Flöten und Schlagwerk der Region zu hören – erstklassig auch der Einsatz von tibetischen Langhörnern. Sehr schön ist das quasi-Tibetische Thema für den Dalai Lama in Track 11 „Heinrich’s Odyssey“, dessen Odyssey in der „verbotenen Stadt“ überhaupt sehr filmisch wirkt. Daneben sind auch einige anspruchsvoll komponierte Action-Passagen enthalten.

Fazit: Zum Film Die Asche meiner Mutter erklingt eine ungewöhnliche, aber sehr hörenswerte und interessante Filmmusik von John Williams, der damit seinen Willen zur stilistischen Vielfalt einmal mehr bewiesen hat. Etwas einfallslos präsentiert sich der Schluss-Track, welcher eine identische „Reprise“ von Track 1 ist: eine Unsitte, die sich leider auf manchen Williams-CDs der letzten Jahre findet. Die ohne diese Mogelei verbleibenden rund 48 Minuten Musik rechtfertigen trotzdem eine volle Empfehlung.

Durch den Wechsel von mehr (Film-)Bildbezogenen und autonomen Musikpassagen, bildet die Film-Musik zu Sieben Jahre in Tibet eine Art „Bindeglied“ zwischen den üppig gehaltenen Williamsschen Abenteuer-Scores und der überwiegend konzertant wirkenden Musik zu Die Asche meiner Mutter. Beide Musiken sind zudem auch klanglich hervorragend und sollten in keiner ernsthaften Film-Musik-Kollektion fehlen.

Seven Years in Tibet Michael Boldhaus
Bewertung

Titel: Seven Years in Tibet (Sieben Jahre in Tibet)
Erschienen: 1998

Laufzeit: 57:30 Minuten

Medium: CD
Label: Sony
Kennung: SK 60271

Komponist(en):

Schlagworte:


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