Kommentar zum Film:
Die nur rund ein halbes Jahr nach der deutschen Kapitulation am 20. November 1945 im nur relativ wenig beschädigten Nürnberger Justizpalast vor einer internationalen Jury startenden Nürnberger Prozesse (1945–49), waren eine absolute Novität und werden zu Recht als Meilenstein des Völkerrechts betrachtet. Im Film Nürnberg steht der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess im Zentrum der Handlung, der vor einem von den Alliierten eingerichteten Ad-hoc-Strafgerichtshof, dem Internationalen Militärgerichtshof, gegen ursprünglich 24 Angeklagte, stattfand. Davon ergingen letztlich 22 Urteile. Zum ursprünglich vorgesehen zweiten internationalen Prozess gegen Hauptkriegsverbrecher kam es u.a. wegen des sich zunehmend verschärfenden Kalten Krieges und knapper Finanzmittel allerdings nicht mehr. Insgesamt noch weitere zwölf thematisch zugeschnittene Verfahren, etwa Einsatzgruppen-Prozess, Nürnberger Ärzteprozess oder I.G.-Farben-Prozess, sind am selben Ort in den Jahren bis 1949 gegen weitere Hauptkriegsverbrecher, dabei allerdings von rein amerikanischen Militärtribunalen verhandelt worden. Zum schnellen Einstieg in die Thematik, ist der zugehörige Wikipedia-Artikel, als eine übersichtlich gegliederte, leicht lesbare Einführung bestens geeignet.
Regisseur James Vanderbilt startete in Hollywood als erfolgreicher Drehbuchautor mit Zodiac ∗ Zodiac – Die Spur des Killers (2007). Der aktuelle Nuremberg∗ Nürnberg ist seine zweite Regiearbeit nach Der Moment der Wahrheit (2015). Für den aktuellen Nürnberg hat er ebenfalls das Script erarbeitet, unter Verwendung der Buchvorlage des US-Wissenschaftsjournalisten Jack El-Hai „Der Nazi und der Psychiater“ (s.u.). Die Uraufführung von Nürnberg erfolgte am 7. September 2025 beim Toronto International Film Festival; in den US-Kinos startete der Film am 7. November 2025. Der deutsche Kinostart erfolgte mit fast halbjährlicher Verspätung am 7. Mai 2026.
Im anlässlich des 60. Jahrestages des Beginns der Nürnberger Prozesse im Jahr 2006 von der BBC gezeigten dreiteiligen (jeweils knapp 60 Minuten umfassend) TV-Dokudramas, Nuremberg: Nazis on Trial, muss man wohl den entscheidenden Vorläufer des aktuellen Kinofilms Nürnberg sehen. Hierzulande ist die deutsche Fassung, Nürnberg – Die Prozesse, im Oktober 2006 auf „Discovery Geschichte“ und erst viereinhalb Jahre später, im April 2011, auch im öffentlich rechtlichen Fernsehen auf Arte gezeigt, aber kaum beachtet worden.
Stanley Kramers berühmter Film Judgement at Nuremberg∗ Urteil von Nürnberg (1961, Musik: Ernest Gold) ist auch heutzutage noch durchaus sehenswert. Allerdings ist die Filmhandlung um den dritten der zwölf Nürnberger Nachfolgeprozesse, den Juristenprozess des Jahres 1947, derart stark fiktionalisiert, dass der Film eher als eine sehr freie Reflexion zum Thema denn als eine historisch noch einigermaßen stimmige Rekonstruktion angesehen werden kann. Seine klare Stärke liegt dafür in der eindeutigen Beantwortung der Frage ob Rechtsprechung selbst zum Unrecht verkommen kann.
In Sachen historischer Korrektheit schneidet Vanderbilts Nürnberg, der sich in der Gestaltung der Filmhandlung schon auch diverse Freiheiten nimmt, insgesamt erheblich besser ab als das Stanley-Kramer-Pendant. Zudem ist er auch durch die Fokussierung auf die 22 Angeklagten des Hauptprozesses von 1945/46 eindeutig spektakulärer. Darüber hinaus ist aber auch der besondere Blickwinkel auf die Geschehnisse bemerkenswert, denn eine Zentralfigur ist der hierzulande bisher nur wenig geläufige Armeepsychiater Douglas M. Kelley Senior (Rami Malek), der beurteilen sollte, ob die Angeklagten verhandlungsfähig sind. Nürnberg steigt hier besonders gelungen ein, wenn die im Vorfeld der Nürnberger Prozesse zu bewältigenden immensen juristischen, aber auch die albtraumhaften damit verbundenen logistischen Probleme in der Eröffnungssequenz zwangsläufig stark verkürzt, aber gut angerissen werden. Faszinierend anzuschauen ist ebenfalls, wie der spätere amerikanische Chefankläger Robert H. Jackson (Michael Shannon) im Vatikan Papst Pius XII., dessen Rolle während des Holocaust höchst zweifelhaft war, geschickt unter Druck setzt und ihn so mit ins Boot holt.
Die Frage inwieweit das Böse in der menschlichen Psyche überhaupt fassbar ist, ist ja auch heutzutage immer noch sehr aktuell und wird entsprechend in TV-Dokumentationen immer wieder gern gestellt, z.B. im Zusammenwirken mit dem berühmten „Stanford Prison Experiment“. Zu Beginn des 2. Weltkriegs war die auf Sigmund Freud zurückgehende Psychoanalyse und die darauf aufbauende Psychiatrie in den USA am fortschrittlichsten entwickelt. Dass der seinerzeit sowohl bereits renommierte als auch sehr ehrgeizige Douglas M. Kelley Senior die Chance, sich durch das Schreiben eines Buches einen Namen zu machen, nicht entgehen lassen wollte, ist absolut nachvollziehbar. Was hätte sich wohl mehr angeboten als bei diesen wohl größten Verbrechern des 20. Jahrhunderts auf die Suche nach dem Bösen in der menschlichen Psyche zu gehen? Dem ihm als Dolmetscher zur Seite gestellten blutjungen US-Sergeanten Howard Triest (Leo Woodall) sagt er „Was wäre, wenn wir das Böse analysieren können? Was macht die Deutschen so anders? Anders als wir? Wenn wir das Böse psychologisch definieren, könnten wir dafür sorgen, dass sich so etwas nie wiederholt!“
Der noch sehr junge, hochbegabte Douglas M. Kelley (1911–1958) hatte nach seiner Einberufung als Armeepsychiater in den Jahren1942 bis 1944 in Großbritannien bei der Behandlung von traumatisierten Soldaten beachtliche Erfolge verzeichnen können. In der von ihm angewandten Methodik spielte u. a. die zuvor noch kaum erprobte Gruppentherapie eine mitentscheidende Rolle. Das nach der Landung in der Normandie innerhalb von 16 Monaten über 95% der an Kriegsneurosen leidenden Soldaten wieder diensttauglich werden konnten, dazu hatte Kelleys psychiatrische Weiterbildung der Militärärzte in jedem Fall beigetragen. Zuvor, etwa bei den 1943 am nordafrikanischen Kasserinpass psychisch massiv Angeschlagenen, sah da die Bilanz hingegen noch absolut düster aus. Nur rund 2 % der Opfer hatten sich im Verlauf der Nordafrika-Kampagne wieder entsprechend erholt (s.u.).
Kelleys Interesse wird gerade durch Hitlers Stellvertreter Hermann Göring befeuert. Dieser bildet, eindrucksvoll schillernd dargestellt vom neuseeländischen Oscar-Preisträger Russell Crowe (Gladiator), denn auch die zweite Zentralfigur der Filmhandlung. Das Crowe mit Göring nur im recht massigen Körperbau, aber eben nicht im Gesicht, Ähnlichkeit besitzt, wird verschiedentlich als ein klarer Schwachpunkt des Films identifiziert. In besonderem Maße gilt dies jedoch für Crowes im Bewusstsein des Massenpublikums zweifellos sehr positiv verankerte markante Gladiator-Mimik. Bei mir hat diese unleugbare Tatsache allerdings nicht wirklich für Irritationen gesorgt. Dafür ist Crowes Darstellung dieser perfiden Figur unterm Strich doch einfach zu vielschichtig andersartig und damit insgesamt sehr überzeugend geraten. Auch dass Crowes Leibesfülle zum erheblich verschlankten (dazu auch von seiner Drogensucht entwöhnten) Göring im späteren Prozess nicht passt, ist m.E. verzeihlich.
Dass der im Verhältnis jugendliche Kelley von diesem unwiderlegbaren Bösewicht der NS-Ära, welcher ihm gegenüber durchaus charmant sein und zugleich eine für sich einnehmende, jovial-väterliche Art an den Tag legen konnte, besonders in den Bann gezogen worden ist, hat er in seinen Aufzeichnungen selbst eingeräumt. Görings Feststellung am Ende der ersten Begegnung mit Kelley „wir werden Freunde sein“ geht fast in Erfüllung. Kelleys belegte ausgeprägte Neigung zu Karten- und Zaubertricks spielt dabei auch im Film eine wichtige Rolle. Ebenfalls zutreffend ist, dass Göring quasi als der Anführer der im Zellentrakt neben dem Gerichtsaal Inhaftierten fungierte und auch, dass er vom amerikanischen Chefankläger Robert H. Jackson im März 1946 in eigener Sache in den Zeugenstand gerufen diesem im sich daran anschließenden Kreuzverhör eine Niederlage bereiten konnte. Dem voraus ging Görings sich über zwei volle Prozesstage erstreckende, so theatralische wie fesselnde Verteidigungsrede zur angeblichen Rechtmäßigkeit des NS-Regimes. In der Realität brauchte es Wochen bis die sich auch in der Presse spiegelnde dezente Bewunderung für den ehemaligen Reichsmarschall endgültig ins Gegenteil umschlug. Das kommt in wiederum stark geraffter und auch verkürzter Form im Film insgesamt recht überzeugend zum Ausdruck. Somit hat aber auch die verschiedentlich als unangenehm empfundene Leinwandpräsenz des durch Russel Crowe verkörperten Hermann Göring durchaus ihre Berechtigung. Was hierbei zu irritierten vermag, das ist letztlich doch primär nur das, was späterhin von der Philosophin Hannah Arend als die Banalität des Bösen beschrieben worden ist. Was darauf folgt ist allerdings rein fiktiv. Das Kelley Richter Jackson praktisch in letzter Sekunde seine Aufzeichnungen als unverzichtbar für Görings Verurteilung übergibt, zählt, wie auch sein letzter Besuch in Görings Zelle nach der Verurteilung, zum frei Erfundenen einer für sich genommen allerdings schon gut funktionierenden Spannungsdramaturgie.
Der oben als Dolmetscher Kelleys erwähnte US-Sergeant Howard Triest (im Film Howie genannt) sorgt gegen Ende noch für einen besonders eindringlichen Moment, der zwar nicht so wie hier dargestellt stattgefunden hat, ansonsten aber völlig plausibel ist. Howie erzählt Kelley seine bittere eigene Geschichte, nämlich die eines blonden, blauäugigen, jüdischen Jungen dem die üblichen Anfeindungen nach der Machtübernahme der Nazis ironischerweise zuerst komplett erspart blieben. Als die Familie 1940 ihre Ausreise-Visa endlich bewilligt bekommen hatte, aber das Geld nur für eine Überfahrt nach Amerika reichte, ging der 17-jährige Halbwüchsige allein auf die große Reise in ein fernes Land und musste dort angekommen nahezu völlig sich selbst überlassen seinen Platz erkämpfen. Seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Howie schildert, wie er zuerst eine Lehre absolvierte, 1943 endlich in die Army aufgenommen wurde und beim D-Day zusammen mit einer ganzen Armee stolz wieder europäischen Boden betreten konnte. Wenn es dann zum Hängen der Verurteilten geht, ist es ausgerechnet Stürmerherausgeber Julius Streicher, der dem Juden Howie in einer eindringlichen Szene attestiert, er sei immer anständig gewesen.
Kelley hat längst erkannt, dass es in den Nazipersönlichkeiten abgesehen von Julius Streicher keine von der Norm gravierend abweichenden psychischen Auffälligkeiten gibt, die es rechtfertigen würde anzunehmen, die Deutschen seien kulturell so außergewöhnlich, dass sich die NS-Gräuel nur in Deutschland hätten entwickeln können. Im Epilog nach dem Prozess zeigt das auch der Film wo Kelley auf PR-Tour für sein Buch in Talkshows in den USA seine Warnung verbreitete, dass es Menschen mit denselben Charakteristika wie die der verurteilten NS-Größen überall auf der Welt gäbe: „Sie sagen, dass es solche Menschen bei uns nicht gibt? Ich bin mir ziemlich sicher, dass es selbst in den USA Leute gibt, die über die Leichen der Hälfte der amerikanischen Bevölkerung gehen würden, um die andere Hälfte unter ihre Kontrolle zu bringen!“ Das hat keiner seiner in Nürnberg späterhin beteiligten beiden Kollegen auch nur annähernd in vergleichbarer Art und Weise festgestellt. Mit dieser damals besonders in den USA nicht bloß unerhörten, ja geradezu unerträglichen These hat er sich zweifellos bei nicht wenigen seiner Landsleute heftige Ablehnung sowie den Ruf eines Nestbeschmutzers eingehandelt.
Wohl nicht bloß für viele der deutschen Kinogänger liegt hier das Neuartige und Reizvolle, nämlich die Nürnberger Prozesse aus einer in Teilen andersartigen Perspektive zu betrachten, nämlich der des schon damals warnenden Psychiaters. Darüber hinaus liegt die besondere Bedeutung von Nürnberg aber auch darin, dass er in Form einer sowohl eindringlichen als auch durchaus spannend anzuschauenden Inszenierung geschickt dazu einlädt, sich mit den bislang eher vernachlässigten Nürnberger Prozessen eingehender zu beschäftigen.
Literatur zur stofflichen Vertiefung der Thematik von Nürnberg: Jack El-Hai „Der Nazi und der Psychiater“ sowie Douglas M. Kelley „22 Zellen in Nürnberg – Im Denken der Nazis“.
Zwei Buchveröffentlichungen bieten sich in besonderem Maße dazu an, das im Film Gezeigte zu vertiefen: An erster Stelle steht hierbei das bereits im Kommentar zum Film Genannte, als Vorlage für das Drehbuch genutzte „Der Nazi und der Psychiater“des US-Wissenschaftsjournalisten Jack El-Hai. Die englische Originalausgabe erschien 2013 in den USA und die deutsche Übersetzung erstmalig im September 2014 im Rahmen der ANDEREN BIBLIOTHEK bei der Aufbau-Verlage GmBH & Co. KG Berlin. Die derzeit von dort erhältliche 4. Auflage erschien im Oktober 2018.

El-Hais Buch erläutert neben dem zentralen Ablauf des ersten Nürnberger Prozesses zugleich detailliert die letztlich hochdramatisch endende Lebensgeschichte des Douglas M. Kelley (1911–1958) welcher zwar nicht der einzige, aber der erste Armeepsychiater gewesen ist, der die gefangenen Nazi-Größen völlig frei und eingehend untersuchen konnte. Dabei werden auch die weiteren kleineren wie größeren Freiheiten, die sich die Filmhandlung nimmt, sehr umfassend verdeutlicht (s.o.). So ist es beispielsweise frei erfunden, dass Kelleys Kompetenz wegen des Selbstmordes von Robert Ley erschüttert worden ist und Gustave M. Gilbert quasi als eine zweite Meinung hinzugezogen und so in die Handlung eingeführt wird. Gilbert kam vielmehr im Oktober 1945 als Ersatz für ein ausscheidendes Mitglied des Gefängnispersonals nach Nürnberg und war Kelley unterstellt. Robert Ley hat sich erst 5 Tage später in seiner Zelle erhängt. Douglas M. Kelley Senior ist dann wenig später, am 8. Januar 1946, von Leon Goldensohn (der im Film unerwähnt bleibt) abgelöst worden und in die USA zu seiner Frau zurückgekehrt, die er seit 1942 kaum gesehen hatte.
Dieses und noch viel mehr, etwa zur kaum als korrekt und fair zu bezeichnenden Rolle Kelleys in seinem späteren Verhalten gegenüber Gilbert, mit dem er zuvor vereinbart hatte, das geplante Buch mit ihm gemeinsam zu verfassen, bis hin zu Kelleys tragischem Selbstmord am Neujahrstag 1958, erhellt der Band in Form eines gut aufbereiteten, keineswegs akademisch trockenen, vielmehr sehr lebendigen Lesestoffs. So beschreibt der Autor Kelley vor seiner Nürnberg-Mission als zweifellos außergewöhnlich begabte und zugleich einnehmend schillernde Persönlichkeit, als jemand dem es durch seine kindliche und gelegentlich schelmische Überschwänglichkeit geschickt gelang, das Vertrauen der Patienten zu gewinnen. „Kelleys Kollegen schätzten ihn wegen seiner ausgelassenen Art auch dann, wenn sie an seinem Ansatz zweifelten und nicht so genau wussten, ob sie es mit einem hochspezialisierten Mediziner oder einem Wunderkind mit einer Tasche voller Tricks zu tun hatten.“ Ein Freund und Kriegskamerad merkte an: „Der Junge hatte die Seele eines Diebes (…). Er mochte Schwindler, Gauner, Schurken und Betrüger, und er war einer der ganz wenigen unter uns, der uns in Zeiten absoluter Langeweile, die es im Krieg ja auch gab, noch zum Lachen brachte.“ Hais aufschlussreiches Buch ist praktisch ein Pflichtkauf für jeden, der über den Film hinaus an der in Deutschland bislang ebenfalls vernachlässigten Person Douglas M. Kelleys interessiert ist.

Das auch im Film Nürnberg erwähnte Buch von Douglas M. Kelley „22 Zellen in Nürnberg – Im Denken der Nazis“, bildet zusammen mit dem „Nürnberger Tagebuch“ von Gustave M. Gilbert sowie „Die Nürnberger Interviews: Gespräche mit Angeklagten und Zeugen“ von Leon Goldensohn ein so bedeutendes wie einzigartiges Quellen-Triumvirat zur Zeitgeschichte.Während die Publikation von Gilbert hierzulande bereits seit 1977 und die von Goldensohn (parallel zum internationalen Erscheinen der erst posthum veröffentlichten Aufzeichnungen) seit 2005 erhältlich ist, blieb Kelleys Buch bis kurz vor dem hiesigen Kinostart von Nürnberg erstaunlicherweise praktisch übersehen und de facto vergessen. Dabei ist die deutschsprachige Originalausgabe bereits 1947 im Berner Delphi-Verlag erschienen.
Seit dem 28. April 2026 ist „22 Zellen in Nürnberg – Im Denken der Nazis“ jetzt ebenfalls deutschsprachig verfügbar. Diese ist derzeit ausschließlich über Amazon erhältlich und wird offenbar „on demand“, also orientiert an den eingehenden Bestellungen produziert. Hierbei handelt sich um eine vom Herausgeber Jean-François Goulon gegenüber der 1947er Ausgabe, durchgesehene, sprachlich modernisierte und in einigen Punkten korrigierte Neuausgabe, die sich durch wertvolle ergänzende Anmerkungen auszeichnet. Dass Kelleys Buch, das sich in den ausgehenden 1940ern auch international nur schlecht verkauft hat, in deutscher Übersetzung jedoch derart lange praktisch vergessen blieb, ist schon bemerkenswert. Immerhin war er ja der erste, der mit den Angeklagten des Hauptprozesses, sogar noch vor deren Verlegung nach Nürnberg, bereits im luxemburgischen Bad Mondorf, eingehend in Berührung kam. Durch seine im letzten Kapitel seines Buches formulierte, damals äußerst provokante, warnende Schlussfolgerung, dass Derartiges auch in Amerika passieren könne, ist er seinerzeit einzigartig geblieben (s.o.). Dies macht das Buch ja auch heute wieder überaus aktuell. Bereits das Vorwort ist packend zu lesen, wobei bereits die Umstände der deutschsprachigen 1947er Veröffentlichung hochinteressant sind. Ebenso bemerkenswert sind die enthaltenen Portraits der Angeklagten. Ebenfalls enthalten ist dabei auch ein erstaunlich dicht gezeichnetes Porträt des infolge seines Selbstmordes abwesenden Führers, das er aus den überaus sorgfältig miteinander verknüpften Aussagen derjenigen erstellte, die Hitler täglich begleitet hatten. Und das gilt schließlich auch für das Nachwort des Sohnes, Douglas M. Kelley Jr., für den Kelley als Vater, wie Hais feststellt, „Fluch und Segen zugleich“ gewesen ist. Der Sohn stuft u.a. die Einflüsse der berüchtigten McCarthy-Ära auf Kelleys späte Phase und seinen Selbstmord deutlich anders, nämlich als erheblich bedeutender ein als dies etwa in Hais Buch zum Ausdruck kommt. Er tritt auch der verschiedentlich zu findenden These, sein Vater sei ein bereits durch die Nürnberger Ereignisse gezeichneter und gebrochener Mann gewesen, entschieden entgegen. Das Kelley Senior Mitte der 1950er beträchtliche Probleme hatte und selbst Hilfe gebraucht hätte, wird auch aus Hais Buch deutlich. Dass dies zu tun in den 1950er Jahren für einen Psychiater ruinös und damit völlig undenkbar war, gehört mit hinzu. Es ist daher absolut zu begrüßen, dass nun auch Kelleys wichtiges Buch auf dem deutschen Markt wieder erhältlich ist.
Nürnberg auf UHD-Blu-ray und BD im Steelbook
Für den HD-Interessierten steht dieser Titel als 2-Disc-Kombi-Ausgabe im limitierten UHD-Blu-ray-Steelbook und als Einzel-BD in der üblichen blauen Amaray-Hülle zur Verfügung. Eine DVD-Ausgabe ist natürlich ebenfalls erhältlich. Warum man den 149 Filmminuten nur magere 12 Kapitelmarken gegönnt hat anstatt hier eine wesentlich feinmaschigere, auf die Filmhandlung sauber zugeschnittene (!) und damit besonders nutzerfreundliche Unterteilung in etwa 25 bis 30 Kapitel vorzunehmen, bleibt unverständlich.
Bild und Ton
Das HD-Bild im Scope-Format von Blu-ray (BD) sieht in sämtlichen Kategorien sehr beachtlich aus. Ein gut abgestuftes Kontrastverhältnis geht Hand in Hand mit guter bis vorzüglicher Detailschärfe und sauberer, dabei merklich entsättigter, kühler Farbwiedergabe, wobei Ocker- und Brauntöne verschiedentlich dominieren. Letzteres tritt besonders in den eher nüchternen, dunklen Szenen im Gerichtsgebäude und den Gefängniszellen hervor. Bei den zum Großteil gedämpften Farben sind insbesondere die Fleischtöne weitgehend natürlich geblieben. Eingestreut finden sich aber auch einige Momente, in denen die Stimmung heller und auch die Farben (insbesondere Rottöne) etwas markanter ausfallen. Der gute Schwarzwert sorgt im Bild zusammen mit der meist exzellenten Detailschärfe für ausgeprägt scharfe Übergänge und sehr fein durchzeichnete Texturen.
Besonders dramatisch fallen die Unterschiede beim Bildvergleich von BD und der UHD-Ausgabe nicht aus. In einzelnen Momenten mit schnellen Bewegungsabläufen erschien mir die Detailzeichnung bei der insgesamt etwas dunkler erscheinenden UHD-Version schon einen kleinen Tick überlegen. Der Hauptunterschied liegt aber in einer dezenten Verschiebung in der Farbwiedergabe, bei der die UHD-Version eine Portion mehr Gelb aufweist, was in Verbindung mit der dezenten Brauntönung einigen Bildeindrücken (z.B. dem vorangestellten Welt-Kino-Logo und besonders der Szene im Vatikan) auch mal einen nicht unpassenden, dezent goldenen Schimmer verleiht.
Der Ton liegt sowohl in Deutsch als auch in Englisch zwar „nur“ als DTS-HD MA 5.1 vor. Das sollte man jedoch nicht überdramatisieren. Ein gelungener Atmos-Mix liegt gegenüber seinen technisch kleineren Pendants nur dann im echten Plus, wenn es Szenen mit diversen im Raum möglichst exakt nachvollziehbar zu ortenden Umgebungsgeräuschen gibt. Derartiges ist im Kinoalltag eh nicht allzu häufig gegeben. In diesem Gerichtsdrama spielt derartiges eh keine Rolle. Insofern schlägt sich der hier in puncto Verräumlichung des Klanges völlig ausreichende DTS-HD MA 5.1-Mix atmosphärisch rundum voll befriedigend, wobei auch eine handvoll Momente mit perfekt platzierten druckvollen Basseffekten vertreten sind.
Ausstattung und Extras
Die UHD-Disc enthält keinerlei Extras. Diese sind ausschließlich auf der beiliegenden Blu-ray-Edition enthalten. Sie bestehen allerdings nur aus einer Reihe von Interviewauszügen mit dem Regisseur und den Hauptdarstellern. Sich diese anzuschauen ist primär einmalig passabel, ein gutes Making of ersetzen können sie allerdings nicht.
Zum Gewinnspiel zu Nürnberg geht’s hier.
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