Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
21. Mai 2007
Abgelegt unter:
DVD

Das Parfum auf DVD

Patrick Süskinds Bestseller aus dem Jahr 1985 ist wahrscheinlich die international erfolgreichste deutsche Publikation seit Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“, erschienen 1928. Der von Constantin-Chef Bernd Eichinger unter der Regie von Tom Tykwer produzierte Film hat immerhin rund 50 Mio € gekostet: gewiss ein fetter Batzen für das beschauliche Kinoländle Deutschland. Und Kasse gemacht hat der Film sowohl national wie international. Seit dem 18. Februar 2007 ist Das Parfüm erneut in ausgewählten Kinos zu sehen und seit dem 15. März auch auf DVD erhältlich. Infos zu Film und Filmmusik: hier.

Mir will sich die für viele offenbar vorhandene tiefe Faszination von Süskinds Geschichte eines Mörders allerdings nicht so recht erschließen. Der junge britische Theaterschauspieler Ben Whishaw verkörpert im Gegensatz zum Jean-Baptiste Grenouille der Vorlage nicht ein Quasimodo-ähnliches Geschöpf. Er ist hier vielmehr ein Serienkiller, der trotz einiger dezenter Entstellungen durch die Maskenbildner keineswegs gänzlich unattraktiv wirkt, einer, der sogar in gewissem Maße beim Zuschauer sowohl Mitleid als auch Sympathie zu erwecken vermag. Als merkwürdig und irritierend empfinde ich vor allem die geradezu fantasyhaften Überhöhungen der Story im letzten Viertel, z. B. die in eine an Woodstock gemahnende kollektive Massenorgie umschlagende Hinrichtungssequenz, wenn Grenouille den Duft des perfekten Parfüms verströmen lässt. Dieses ist ihm übrigens merkwürdigerweise selbst in seiner schweren Kerkerhaft nicht abgenommen worden. Und ebenso, wenn er sich im Finale damit übergießt und von der Menge in einer Art von kannibalistischem Akt quasi zerrissen und aufgefressen wird. (Was übrigens eklatant an die Quintessenz des Bühnenstücks „Plötzlich im letzten Sommer“ des US-Dramatikers Tennessee Williams erinnert — verfilmt 1959 von Joseph L. Mankiewicz mit Liz Taylor und Katharine Hepburn.)

Bei der Umsetzung für die Kino- und Heimkinoleinwand gibt es handwerklich nichts Entscheidendes zu beanstanden. Das vorrevolutionäre Paris erscheint betont naturalistisch, als eine partiell durchaus prachtvolle, aber zugleich welke und beschmutzte Metropole. Daran haben nicht nur die häufig abgewetzt erscheinenden Kostüme mit überpuderten Schwitzflecken ihren Anteil, auch eine mit gedämpften Farben operierende, von dominierenden Grau- und Brauntönen bestimmte Farbdramaturgie unterstützt diesen Eindruck. Demgegenüber erstrahlt die Region um die Stadt Grasse in der Provence in deutlich wärmeren, natürlicheren Farben. Der Film ist von Szenen in gedämpftem Kerzenschein dominiert, die in Stanley Kubricks Barry Lyndon (1971) das entscheidende Vorbild besitzen. Die von Süskind seitenlang beschriebenen Geruchsimpressionen sind filmisch zwar weder ungewöhnlich oder gar revolutionär, aber durchaus geschickt umgesetzt worden. Dabei wird das Auge des Betrachters (die Kamera) letztlich quasi durch die Nase Grenouilles ersetzt: Bebende Nasenwände und ausgefeilte Kamerafahrten per Steadicam zeigen den Weg der Geruchspartikel. Haufen von Unrat sowie teilweise von Maden befallene Fisch-/Fleischabfälle stehen dabei für besonders Ekliges. Die Versinnbildlichung des Wohlriechenden hingegen, z. B. das Mirabellenmädchen oder das durch Destillation eines Gemisches aus Rosenblättern und Wasser gewonnene Rosenöl, werden durch impressionistische Klangwolken des Orchesters unterstrichen, sirenenhafter Chorgesang inklusive.

Nun, wie auch immer: Tom Tykwer und seinem Team ist hier zweifellos opulentes, handwerklich perfekt inszeniertes Unterhaltungskino gelungen, das trotz einiger etwas ekliger Momente auch von DVD überaus ansehnlich herüberkommt. Neben einer (zukunftsträchtigen?) HD-DVD-Version liegen im Handel zwei Standard-DVD-Ausgaben zum Kauf bereit: Eine Einzel-DVD-Version, die neben dem Film mit drei anwählbaren Audiokommentaren sowie einer Hörfilmfassung für Sehbehinderte aufwartet, sowie eine Premium-Edition, die neben besagter Film-DVD noch eine zweite DVD mit reichhaltigem Bonusmaterial enthält.

Die drei Audiokommentare warten bereits mit vielen wertvollen Infos zur Produktion auf: Regisseur Tom Tykwer, Szenenbildner Uli Hanisch und Assistentin Kai Karla Koch sowie Kameramann Frank Griebe und Cutter Alexander Berner berichten jeweils entspannt und locker Wissenswertes, und ebenso sind die technischen Infos durchweg in leicht fasslicher Form vermittelt. Weder an dem fast durchweg sehr scharfen und detailreichen Bild noch am überwiegend überzeugenden Stereo-Raumton (in AC-3 und dts) gibt es Entscheidendes — höchstens Marginales — zu beanstanden.

Wer noch mehr Informationen zur Produktion möchte, der ist mit der Premium-Edition gut beraten. Die darin enthaltene zweite DVD bietet umfangreiche weitere Extras. Im Zentrum steht das sehr ausführliche rund 54-minütige Making-of. Des Weiteren gibt es sehenswerte Beiträge u. a. zur Visualisierung der Düfte, zur Motivsuche, zur Kameraarbeit und ebenso zur Tonmischung. Letzteres Segment zeigt, wie moderner Surround-Ton mittels eines computerunterstützten High-Tech-Mischpultes, das mehr wie eine Kommandozentrale anmutet, gemacht wird. Das berühmte Tüpfelchen auf dem i wären noch die in den Audiokommentaren erwähnten nicht verwendeten Szenen gewesen, die leider nicht den Weg auf die ansonsten geradezu erschöpfend ausgestattete Bonus-DVD gefunden haben.

Wem das alles vielleicht doch noch nicht reichen sollte, der wird möglicherweise durch die etwas krude anmutende Werbung in „Die Düfte zum Film“ zur Anschaffung der so genannten limitierten Duft-Edition „Faszination der Düfte“ inspiriert. Diese exklusiv durch die Müller-Märkte vertriebene Ausgabe ist ein an das „Duftkino“ vergangener Tage anknüpfendes (Werbe-)Gimmick. Hier erhält der Käufer in einer Holzschatulle die beiden DVDs der Premium-Edition und fünf atmosphärische Düfte in Flacons, „abgestimmt“ auf Schlüsselszenen des Films.

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zu Pfingsten 2007.

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Regisseur*in:
Tykwer, Tom

Erschienen:
2007
Vertrieb:
Highlight Communications
Kennung:
HC084348 (2 DVDs)
Zusatzinformationen:
D 2006

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