Cartoons ziehen in den Krieg

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
24. Dezember 2004
Abgelegt unter:
DVD

Film

(4.5/6)

Bild

(3.5/6)

Ton

(3/6)

Extras

(3/6)

Cartoons ziehen in den Krieg

Cartoons für den Kriegseinsatz, an der Heimatfront und ebenso bei der kämpfenden Truppe. Die kürzlich bei CMV Laservision erschienene DVD, in deren Zentrum die Dokumentation Cartoons Goes to War • Cartoons ziehen in den Krieg steht, beleuchtet ein hierzulande wenig bekanntes Kapitel der US-Propaganda im Zweiten Weltkrieg. Die 1995er Doku zeigt über rund 45 Minuten wie die vertrauten Zeichentrick-Figuren von Disney, Warner Bros. und Paramount im patriotischen Kriegseinsatz gegen die Achsenmächte Verwendung fanden.

Interessanterweise werden Hitler, die NS-Ideologie und sowohl das verbündete Italien wie das kaiserliche Japan zwar karikiert und kräftig überzeichnet, dabei aber keinesfalls einfach nur verharmlost dargestellt. Natürlich wollten diese Filme ihr Publikum unterhalten und ihm Mut machen, dabei führen die besseren Vertreter der Gattung aber auch geschickt gemachte ideologische Aufklärungsarbeit durch. Manches Zeichentrickfilmprodukt der Kategorie Propagandaabteilung ist zweifellos fantasievoll und auch künstlerisch hochwertig gemacht. Dass die Entstehungsbedingungen von mitunter grotesker Geheimnistuerei geprägt waren, zeigt die interessante Doku ebenfalls. Als eine Abfolge von Interviews mit noch lebenden Machern, Filmkennern, garniert mit charakteristischen Filmausschnitten kommt das Ganze daher: ist informativ und zugleich amüsant unterhaltsam.

„Mit den berühmten, dem Publikum geläufigen Cartoon-Figuren zum Sieg“ lautete Uncle Sams Devise: Und so durfte z. B. Disneys Pluto, nachdem er Fett zur Fettsammelstelle gebracht hat, mit Wurst im Maul und wehender US-Flagge am senkrecht hochgereckten Schwanz stolz von dannen ziehen. Dabei wurde mitunter auch der Charakter der Figuren (gegenüber dem Gewohnten) verändert: Donald Duck zeigt in Disneys War-Cartoons kaum seine markanten charakterlichen Schwächen, sondern ähnelt deutlicher Otto Normalverbraucher. Im berühmten Der Fuehrer’s Face avancierte er gar zum unter dem NS-Regime leidenden „deutschen“ Enterich.

Wie die Dokumentation verrät, war offenbar der Regisseur Frank Capra der, der den Einsatz von Cartoons für Propagandazwecke begründete. Auf Capra geht die für Ausbildungszwecke im Rahmen des Army-Navy-Kinomagazins produzierte Cartoon-Reihe um den Gefreiten SNAFU zurück. Hierdurch sollten die Rekruten auf lustige Weise auf das Leben in der Armee eingestimmt werden. SNAFU steht für das, was man hierzulande Kommiss-Mentalität nennen würde: „Situation normal – alles im Arsch“. Beleuchtet werden aber auch die aus dem Kriegsende für die heimkehrenden Soldaten resultierenden Probleme; bei deren Bewältigung ebenfalls Cartoons mithelfen sollten.

Insgesamt sieben vollständige Original-Cartoons als Bonusmaterial sollen einen tieferen Eindruck in die Art und Weise dieser Art von Kriegspropaganda bieten. Dabei wirken die Paramount „Superman-Cartoons“ Jungle Drums und Secret Agent zwar doch etwas blass und einfältig, sie sind aber trotz Patina immer noch leidlich unterhaltsam. Einige Reize entfaltet die rund 51-minütige Bonusmaterial-Cartoon-Kollektion im Anschluss: Warners Enterich-Konkurrenz zu Disney, Duffy Duck, erzeugt Schmunzeln mit Scrap Happy Daffy und Daffy – the Commando. Aber ganz besonders eindrucksvoll kommt die Perle dieser Cartoon-Kollektion, Ducktators, daher, in dem die Auswirkungen des Faschismus in Europa in besonders raffinierter Spiegelung auf das Tierreich übertragen sind. Der Film nimmt dabei originellerweise fast schon Orwells „Farm der Tiere“ vorweg – das Buch erschien allerdings erst 1945. Besonders witzig wirkt auch die folgende Schrifteinblendung: Und ebenso originell ist das eingefügte „Die Geschäftsleitung entschuldigt sich bei allen netten Enten und Gänsen“. Norm McCabe, einer der Zeichner von Ducktators merkt dazu in der Doku selbstkritisch an, wie problematisch er heutzutage die unterschwellig rassistischen Tendenzen des Films empfindet. Das DVD-Cover ist übrigens auf einem Bildmotiv dieses Cartoons aufgebaut. Auch die Disney-Studios sind – wenn auch leider nur einmal – vertreten: Im das Schlusslicht bildenden Cartoon The Spirit of ’43 – wird Donald von Onkel Dagobert erläutert, wie wichtig Sparsamkeit und Konsumverzicht des Einzelnen für den Sieg sind.

Soweit so gut! Allerdings nimmt sich die relative Kürze des Gebotenen mit insgesamt knapp 100 Minuten gegenüber den vergleichbaren Disney-Micky-Maus- bzw. Donald-Duck-Zeichentrick-DVD-Editionen doch etwas bescheiden aus. So fehlen leider verschiedene Filme, auf die man gerade durch die Dokumentation neugierig gemacht wird: beispielsweise Disneys Eduacation for Death, in dem es um die Erziehung der deutschen Jugend zum Sterben für „Führer und Vaterland“ geht. Nach der Dokumentation zu urteilen, soll es sich dabei um den wohl schonungslosesten Film dieser Gattung handeln. Auch Tex Averys – des Meisters der Anarcho-Cartoons – Ausflüge in die Welt der Kriegspropaganda fehlen vollständig. Da wäre zumindest der angerissene Blitzwolf, der zugleich eine Parodie auf Disneys Die drei kleinen Schweinchen ist, eine wünschenswerte Ergänzung gewesen – ganz zu schweigen natürlich von Disneys Der Fuehrer’s Face.

Die verschiedenen Teile des Programms der DVD schwanken in der Bildqualität, was besonders für die Cartoon-Kollektion in der Bonus-Sektion gilt. Das Gezeigte ist sämtlich okay, reicht von knapp befriedigend bis gut. Die zum überwiegenden Teil gute bis sehr gute Bildqualität der Disney-Editionen wird allerdings nicht voll erreicht. Die Farben der Technicolor-Cartoons, die Grauabstufungen der Schwarz-Weiß-Filme und auch Schärfe, Kontrast sowie Detailfreudigkeit der Bilder rangieren hier eher im ordentlichen Mittelfeld. Mitunter sind merkliche Gebrauchsspuren, Laufstreifen und sonstige Bildschäden zu sehen. Zwangsläufig hat auch der Ton wenig Aufregendes zu bieten, kommt über ein passables Mono nicht hinaus. Die Dokumentation gibt es wahlweise im englischen Original oder mit darüber gelegtem deutschem Kommentar sowie deutschen Untertiteln zu den Cartoons zu sehen.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zum Jahresausklang 2004.

Regisseur*in:
Diverse

Erschienen:
2004
Vertrieb:
CMV Laservision
Kennung:
0414
Zusatzinformationen:
USA, 1995

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