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Veröffentlicht am 24.11.2019 | von Michael Boldhaus

Waterloo

Waterloo Michael Boldhaus
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Dino De Laurentiis’ gewaltiges Schlachtenepos: Waterloo (1970)

Am 15. August 2019 jährte sich der Geburtstag von Napoleon Bonaparte zum 250. Mal. Bis heute ist das insbesondere ab den 1840er Jahren mythisch verklärte Leben des Korsen Gegenstand von Büchern, Filmen und Zeitungsartikeln geblieben. Entsprechend hat das Bild Napoleons stete Wandlungen durchlaufen.  Als sich Produzent Dino De Laurentiis Ende der 1960er dazu entschloss, der Schlacht von Waterloo, am 18. Juni 1815, ein groß angelegtes kinematografisches Denkmal zu setzen, war die Darstellung von Krieg als wildromantisches Abenteuer zwar längst weitgehend verpönt, die vorwiegend romantisierte, verehrende Sicht auf Napoleon brauchte aber noch deutlich länger, um entscheidende Risse zu bekommen. In Napoleon gar einen Verbrecher mit Hitlerschen Zügen zu sehen, blieb dem neuen Jahrtausend vorbehalten.

Für De Laurentiis war Sergej Bondartschuk die erste Wahl für das Waterloo-Projekt, denn dieser hatte nur wenige Jahre zuvor mit der rund achtstündigen Krieg-und-Frieden-Tetralogie (1965–1967) Furore gemacht – und das politische Tauwetter erleichterte Kooperationen zwischen Ost und West. Dieses sowjetische Prestige-Projekt in 70mm weist dank massiver staatlicher Förderung und damit auch der Unterstützung durch die sowjetische Armee gigantische Schlachtpanoramen auf. Allerdings werden darin keine größeren zusammenhängenden Abläufe rekonstruiert, sondern das Gezeigte tendiert (insbesondere in der Schlacht von Borodino) vielmehr zur reinen Collage mit betonter Antikriegstendenz, welche das Zerstörerische und Chaotische herausstellt. Auch sonst weist die Krieg-und-Frieden-Tetralogie so manchen modernistischen, ja avantgardistischen Einfall auf, etwa in den zum Teil aus der Vogelperspektive aufgenommenen gewaltigen Naturpanoramen, welche insbesondere den ersten Filmteil eröffnen.

Waterloo (1970) wurde im Gegensatz zur Krieg-und-Frieden-Tetralogie auf Panavision 35 aufgenommen. Die Schlacht wurde in der Ukraine gedreht. Hierfür stellte wiederum die Rote Armee die benötigten Komparsen: rund 15.000 Mann Infanterie und ca. 2.000 Kavallerie. Eindrucksvoll ist aber auch die Riege der Darsteller dieses letzten großen Kino-Schlachtenepos’ alter Schule, mit Christopher Plummer als Wellington, Jack Hawkins und Rupert Davis als die Generale Picton und Gordon und Rod Steiger in der Rolle des französischen Kaisers, welche in meinen Augen zu den besonderen Meriten zählt. Steiger besitzt hier eine derart überzeugend anmutende Präsenz, dass mir bis heute immer zuerst Rod Steiger einfällt, wenn Napoleon erwähnt wird.

Abel Gance begründete die Riege der Leinwandversionen der Napoleon-Legende bereits 1927 mit seinem berühmten Napoleon. In vielem ist davon auch Sergej Bondartschuks Waterloo geprägt, insbesondere wenn eingangs der Weg Napoleons bis ins Vorfeld der Waterloo-Schlacht geradezu faszinierend einleuchtend dargestellt wird: seine Abdankung nach dem Vertrag von Fontainebleau im April 1814, der ergreifende Abschied von seinen Garden, seine Rückkehr aus dem Exil auf Elba am 1. März 1815 und die „Herrschaft der 100 Tage“. Allerdings beanstandet bereits hier der britische Historiker Charles Esdaile den Mangel an historischer Akkuratesse in Bondartschucks Verfilmung – siehe dazu im Anhang: „Waterloo (1970): A Critical Review“. Da ist z.B. die im Film eindrucksvolle Szene, wenn Napoleon von Elba zurückgekehrt mit seinem hoffnungslos unterlegenen Detachement von nur rund 1000 Mann auf die unter dem Kommando von Ney stehenden bourbonischen Truppen trifft, die ihn stoppen und gefangen nehmen sollen. Wie es ihm dabei gelingt, die sich gefährlich zuspitzende Situation – die Soldaten haben bereits auf ihn angelegt – für sich zu entscheiden, das ist zwar Napoleon-Legende pur, aber trotzdem faszinierend anzuschauen.

Nehmen wir auch noch die Szene gegen Ende, wenn Blücher auf dem zentralen Schlachtfeld erscheint, Napoleon die Alte Garde vorgehen lässt und diese von den Briten unter Feuer genommen wird, derart, dass jede der hintereinander im Gras knienden doppelten Schützen-Linien ­– sogar von einer der hinteren beginnend – abwechselnd aufsteht ihre Salve abfeuert, um sich dann sofort wieder hinzuknien, so dass die nächste Kolonne eine weitere Salve feuern kann. Das sieht derart choreografiert zwar durchaus fein aus, aber es hätte nach Esdaile zweifellos im verlustreichen Chaos geendet, da derartige Taktik anzuwenden zu dieser Zeit völlig unrealistisch gewesen wäre. Trotz der von Esdaile festgestellten historiographischen Unzulänglichkeiten und Fehler in der Umsetzung kann man (gemeint ist die überwältigende Mehrheit der nicht auf die Napoleonische Ära Spezialisierten unter den Zuschauern) mit dem Gesamtresultat im Sinne eines effektvollen Stücks Monumental-Kino schon sehr gut leben. Immerhin werden die essentiellen Momente und damit der große Bogen der berühmtesten Schlacht der napoleonischen Ära weitgehend stimmig in gewaltigen Leinwandpanoramen präsentiert. Das Schlachtgeschehen umfasst dabei insgesamt rund 45 Minuten, was selbst die ebenfalls gewaltige Krieg-und-Frieden-Tetralogie nicht zu toppen vermag und damit absoluter Rekord in der Kinogeschichte ist.

Überhaupt beeindruckt der Film nicht zuletzt durch seine geschliffenen Dialoge, welche auch abseits des berühmten „Ich wollte es würde Nacht oder die Preußen kämen“ geradezu aus Zitatensammlungen stammen könnten. So schlägt beispielsweise ein junger Adjutant Wellington etwas naiv vor, auch die Soldaten bezüglich seiner Überlegungen für die morgige Entscheidungsschlacht ins Vertrauen zu ziehen und erhält darauf als Antwort: „Wenn ich befürchten müsste, dass meine Haare wissen was mein Gehirn denkt, dann würde ich sie abscheren und eine Perücke tragen.“

Darüber hinaus zeigt uns Bondartschuk nicht bloß den von der französischen Revolution geprägten, vom Volk geliebten, vitalen und überlegenen Schlachtenlenker, sondern macht immerhin auch die Tragödie des alternden Kaisers deutlich. In eindringlichen Gedanken-Monologen zeigt er Napoleon als einen in zunehmendem Maße von gesundheitlichem Verfall Heimgesuchten, der Angst davor hat, den Herausforderungen nicht gewachsen zu sein. Und wenn schließlich die Schlacht verloren geht, dann wirkt die Verzweiflung Napoleons, seiner Generale und auch der ins Bild gerückten Soldaten überzeugend echt. Ebenfalls wird deutlich, dass es am Ende zwar knapp, aber der Ausgang eindeutig war. Desweiteren sind übrigens auch die massiven Niederschläge stimmig, welche im Film beim Einmarsch in Belgien sowie am Vorabend der Waterloo-Schlacht zu sehen sind und deren Auswirkungen unter anderem in den jeweiligen nächtlichen Stabsbesprechungen auf beiden Seiten thematisiert werden. Verantwortlich dafür war eine massive globale Klimastörung, verursacht durch den Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815. Diese sorgte über fast drei Jahre in Folge für Missernten, Hungersnöte und verstärkte Migration.

Zeichen ihrer Zeit, aus dem Umfeld von 68er-Revolte und Anti-Vietnamkrieg-Protesten, finden sich in Form recht gestelzt und aufgesetzt wirkender Antikriegsakzente, etwa wenn bei den französischen Kavallerieattacken am Nachmittag der Schlacht aus einem der britischen Karrees ein Soldat heraustritt und dem Zuschauer verzweifelt zuruft: „Wir sind uns nie vorher begegnet. Warum schießen wir dann aufeinander, warum nur?“ Deutlich überzeugender ist demgegenüber die traurige Feststellung Wellingtons, der am Schluss über das nächtliche Schlachtfeld reitet: „Neben einer verlorenen Schlacht ist eine gewonnene das Traurigste, was es auf der Welt gibt.“ Dazu ist auch bemerkenswert, dass Napoleon, bei der Besichtigung des Schlachtfelds von Ligny – zwei Tage vor der Schlacht bei Waterloo – ähnlich bemerkt: „Ein Schlachtfeld ist auch für den Sieger kein schöner Anblick“.

An den Kinokassen war der Film ein Totalflop, der auch Stanley Kubrick sehr verärgert hat, denn er sah daraufhin keine Möglichkeiten mehr, Geldgeber für sein geplantes ehrgeiziges Napoleon-Projekt zu gewinnen.

Die Filmmusik stammt von Nino Rota. Er verwendete in seiner Komposition traditionelle Lieder und Märsche der Zeit, etwa „La Victoire Est A Nous“ für die Grande Armée, und hat für den berühmten Ball der Herzogin von Richmond – abgehalten in Brüssel, drei Tage vor Waterloo – einen eleganten Walzer beigesteuert. Als Motiv für die Preußen unter Blücher verwendete er eine Variante der Melodie des Deutschlandliedes. Auch hier handelt es sich um einen Fehler, der allerdings verständlich und damit verzeihlich wird. Das „Lied der Deutschen“ entstand erst 1841 und ist von Hoffmann von Fallersleben bewusst auf die von Haydn stammende Melodie der österreichischen Kaiserhymne gedichtet worden. Lange Zeit war es allerdings nur eines von vielen deutschnationalen Liedern der Vormärz-Bewegung. Zur Nationalhymne avancierte es erst im Jahr 1922 durch den Reichspräsidenten Friedrich Ebert. Stimmig wäre somit zwar „Heil dir im Siegerkranz“ gewesen, das bereits seit 1795 die Preußische Nationalhymne war und auch späterhin, ab der Reichsgründung von 1871, noch bis 1918 als Kaiserhymne fungierte. Dieses Lied wird allerdings auf die uns heutzutage geläufige Melodie der britischen Hymne „God save the Queen“ gesungen. Eingesetzt als Motiv für die Preußen hätte diese wohl nahezu sämtliche Zuschauer einfach nur völlig irritiert. Entsprechend wurde dieser „Fehler“ in der Geschichte des Tonfilms noch x-fach bewußt wiederholt.

Waterloo in HD auf BD

Die Blu-ray-Veröffentlichung von explosive media ist als Einzel-BD in der üblichen blauen Amaray-Box erhältlich, versehen mit einem ansprechenden Filmplakatmotiv als Cover.

Bild und Ton

Das HD-Bild im korrekten Scope-Format (1: 2,35) sieht praktisch durchweg prima aus. Sehr gute Schärfe und ein sehr stimmig abgestuftes Kontrastverhältnis gehen zusammen mit tadellosem Schwarzwert sowie sehr frisch erscheinenden Farben. All das sorgt überwiegend für detailreiche Bilder von beachtlicher Brillanz. Nur in einer handvoll kürzerer Einstellungen wirkt das Bild deutlich körniger und verzeichnet gelegentlich auch mal dezente Unschärfen. Hierbei handelt es sich um dieselben Stellen, welche ich aus den insgesamt fünf Mal in Erinnerung habe, die ich Waterloo zuvor im TV, von DVD und einmal, in den späten 1990ern, sogar noch in einer exzellenten Kinopräsentation von einer absolut neuwertigen Archivkopie als 70-mm-Blow-Up gesehen habe.

Der Stereo-Ton der englischen Tonfassung ist besonders vorzüglich. Er klingt sehr natürlich und zeichnet sich neben ausgeprägter Kanaltrennung auch durch einen beträchtlichen Raumeindruck aus und besitzt außerdem recht große Dynamik. Demgegenüber fällt die (leider nur) monorale deutsche Lichttonspur zwangsläufig ein Stück ab. Diese klingt zudem etwas gepresst, ist aber insgesamt durchaus passabel. Die o. g. 70-mm-Blow-Up-Kopie besaß übrigens einen entsprechend vorzüglichen deutschen Sechs-Kanal-Magnetstereoton wie hier zur englischen Tonfassung angemerkt. Leider verfügte auch die an sich respektable 2002er DVD-Version ausschließlich über die auch jetzt wieder mitgelieferte etwas bescheidene deutsche Mono-Fassung. Schade: Hier wäre vermutlich mehr drin gewesen. Meine Empfehlung lautet: Die englische Tonspur verwenden und gegebenenfalls die recht sorgfältig ausgeführten deutschen Untertitel hinzufügen.

Extras

Als Boni gibt es eine ansehnliche Bildergalerie, versehen mit Standfotos und weiteren Werbematerialien. Unterlegt ist der Bilderreigen mit stereofoner Filmmusik. Darüber hinaus gibt’s noch einen etwas unscharfen und im Format merkwürdig, nämlich zu breit erscheinenden US-Kinotrailer in noch passabler SD-Qualität.

Fazit: Dino De Laurentiis Monumental-Produktion Waterloo (1970) verfügt in seiner kaum Napoleon-kritischen, vielmehr auf der Legende des französischen Kaisers fußenden Darstellung der Ereignisse zwar über eine Reihe von Fehlern und ist auch in den Kampfszenen häufiger nicht allzu korrekt. Im Sinne einer Monumentalfilmunterhaltung ist er trotzdem sowohl im Prolog als auch in der insgesamt eine gute Dreiviertelstunde betragenden Rekonstruktion der Waterloo-Schlacht zweifellos ein den Liebhaber des epischen Schlachten-Kinos mittnehmendes, in vielem faszinierendes Leinwandspektakel, das nicht zu toppen ist.

 

Anhang:

 

Hier geht’s zum Gewinnspiel.

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema „Blu-ray-Disc versus DVD“.

Titel: Waterloo
Erschienen: 9/2019

Zusatzinformationen: I/UdSSR/USA 1970

Medium: Blu-ray
Verleih: explosive media (Vertrieb: Koch Media)
Kennung: BD

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