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Veröffentlicht am 25.10.2015 | von Michael Boldhaus

Wem die Stunde schlägt

Wem die Stunde schlägt Michael Boldhaus
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Wem die Stunde schlägt: Paramounts Antwort auf Vom Winde verweht

Der amerikanische Universitätsprofessor und Sprengstoffspezialist Robert Jordan (Gary Cooper) – das Alter Ego des Romanautors und Kriegsberichterstatters Ernest Hemingway – ist mit einer der aus Freiwilligen rekrutierten Internationalen Brigaden in den Spanischen Bürgerkrieg gezogen, um gegen den aufstrebenden Faschismus zu kämpfen. Er wird 1937 im Vorfeld der republikanischen Offensive auf Segovia in die Sierra de Guadarrama zu einer hinter den feindlichen Linien operierenden Partisanengruppe geschickt. Sein Auftrag: Punktgenau mit dem die Kampfhandlungen eröffnenden Bombardement soll er eine für Truppenbewegungen und Nachschub der Faschisten wichtige Brücke sprengen. Bei den Partisanen verliebt er sich in Maria (Ingrid Bergman), ein junges Mädchen, das auf grausame Weise beide Eltern verlor und selbst brutal vergewaltigt wurde. Doch das Glück der Liebenden ist nur von kurzer Dauer. Die bevorstehende republikanische Offensive ist verraten worden. Jordan versucht vergeblich, seinen Vorgesetzten, General Golz, darüber rechtzeitig in Kenntnis zu setzen, um die Angriffsoperationen noch zu stoppen, und so nehmen die Dinge ihren Lauf. Als bei Tagesanbruch aus der Ferne das Grollen der Bombenexplosionen zu hören ist, führen Jordan und die Partisanen die Aktion gegen die Brücke mit Erfolg durch. Beim Versuch, eine Lichtung zu überqueren, die vom Feinde eingesehen werden kann, wird Jordan tödlich verwundet. Er bleibt schließlich mit einem MG zurück, um den in die Berge Fliehenden die Verfolger so lange wie möglich vom Halse zu halten.

Wem die Stunde schlägt (Plakatmotiv 1)Der Film schildert eine nur knapp 3 Tage umfassende fiktive Episode aus dem Spanischen Bürgerkrieg (1936–39), dem äußerst blutigen und von beiden Seiten mit großer Rücksichtslosigkeit geführten Vorspiel zum 2. Weltkrieg. Die Verfilmungsrechte an Ernest Hemingways berühmter Romanvorlage und Bestseller des Jahres 1940 waren auf Veranlassung von Produzent Cecil B. DeMille von Paramount für die seinerzeit beachtliche Summe von 150.000 $ erworben worden. DeMille schied allerdings bald aus dem Projekt aus. Den Part des Regisseurs übernahm daraufhin sein Assistent aus Stummfilmtagen: Sam Wood. Hemingways Favorit für die Rolle des Robert Jordan war Gary Cooper, den er bereits aus der 1932er Paramount-Verfilmung seines Weltkrieg-I-Romans „A Farewell to Arms“ kannte und für die optimale Besetzung hielt. Für die Besetzung der Rolle der Maria kam für Hemingway nur Ingrid Bergman in Betracht.

Paramount war allerdings anfänglich auf die Bergman nicht besonders scharf. Man hielt die junge sowohl attraktive als auch sehr gepflegte schwedische Schauspielerin für eher ungeeignet, eine vom Krieg traumatisierte Teenager-Senorita zu verkörpen. Dass sie die Rolle schließlich doch erhielt – die Dreharbeiten hatten bereits mit der deutschen Schauspielerin Vera Zorina begonnen –, das verdankte die von Hemingway auf die Rolle bereits heiß gemachte Bergman in besonderem Maße dem außergewöhnlichen Engagement ihres Mentors David O. Selznick. So konnte sie schließlich, nach Abschluss des Drehs zum damals eher als weniger bedeutend eingestuften Schwarzweiß-Film Casablanca (Regie: Michael Curtiz, Musik: Max Steiner) direkt zum Team von Wem die Stunde schlägt hinüberwechseln. Ironischerweise verlieh Casablanca ihrem Ruhm späterhin die wesentlich entscheidendere Portion Glanz.

Die Kinofassung und die restaurierte Uraufführungsversion

Im Uraufführungsjahr war For Whom the Bell Tolls * Wem die Stunde schlägt (Produktionskosten 3.000.000 $, Weltpremiere am 14. Juli 1943 in New York City) an den US-Kinokassen ein absoluter Hit und zugleich der profitabelste Paramount-Film des Jahres 1943. Auch von der Kritik wurde der Film sehr positiv beurteilt, mit der Einschränkung, dass er den meisten Kritikern als zu lang erschien. Regisseur Sam Wood nahm daraufhin erste Schnitte vor. Wood scheint allerdings nur die bei derartigen größeren Kino-Events mit Überlänge bis etwa Ende der 1960er übliche Film-Pause (Intermission) sowie die dann ebenfalls zugehörigen, auf Schwarzfilm präsentierten reinen Musikteile – Ouvertüre, Pausenmusik (Prolog zum zweiten Filmteil) und vermutlich auch hier eine als Epilog dienende Exit-Music –, insgesamt knapp 14 Minuten, entfernt zu haben. Als der Streifen Anfang der 1950er wiederaufgeführt wurde, erfolgten weitere Schnitte. Weitere rund 25 Film-Minuten wurden entfernt. Anschließend waren von den ursprünglich 170 Minuten Lauflänge noch rund 130 Minuten übrig. Paramount ließ konsequenterweise auch das Original-Negativ entsprechend kürzen und das geschnittene Filmmaterial vernichten. Seitdem ist Wem die Stunde schlägt weltweit ausschließlich in der gekürzten 130-Minuten-Road-Show-Version gezeigt worden. Erst im Nachkriegsdeutschland erlebte der Film am 12. Januar 1951 seine Erstaufführung. Im deutschen Fernsehen war er erstmalig am 28. Dezember 1969 in der ARD zu sehen – PAL-Lauflänge (!) rund 125 Minuten.

Das UCLA Film & Television Archive konnte in den frühen 1990ern in der Library of Congress eine in recht gutem Zustand befindliche 157-minütige 35-mm-Kopie aus dem US-Uraufführungsjahr ausfindig machen. Aus dieser wurden die fehlenden Teile kopiert und anschließend, entsprechend der Schnittfolge der 1943er-Kopie, in eine qualitativ hochwertige Neuabtastung der 130-Minuten- Version wieder eingefügt. Die verlorene Pausenkarte wurde anhand der Gestaltung des Filmvorspanns neu entworfen. Die auf Blu-ray 1 zur Langfassung wieder zu hörende Ouvertüre und ebenso die Pausenmusik stammen von einem pensionierten Filmvorführer und Sammler, der dieses Schwarzfilmmaterial seinerzeit vor der Vernichtung gerettet hat. Mit knapp 167 Minuten ist die nun vorliegende restaurierte Uraufführungs-Fassung des Films wieder fast vollständig. Vermutlich ist ausschließlich die nach dem Abspann derartiger Kino-Events noch als rein musikalischer Epilog erklingende Exit-Music definitiv verloren. Diese restaurierte Lang-Fassung erschien 1995 in den USA auf dem DVD-Vorläufer Laser-Disc (LD), im Jahr 2003 erstmalig als US-DVD und hierzulande im Jahr 2007.

Wem die Stunde schlägt: Gestern wie heute?

Wem die Stunde schlägt (Plakatmotiv 2)Einhergehend mit zunehmender Kritik am Werk Hemingways begann der einstige Ruhm von Wem die Stunde schlägt ab den späten 60er Jahren langsam zu verblassen. In den einschlägigen Standardwerken wird der Film seit Ende der 1970er Jahre meist sehr zwiespältig betrachtet und eher dezent links liegen gelassen. Man sieht darin heutzutage offenbar kaum noch Paramount’s Antwort auf MGMs Blockbuster Gone with the Wind, der, obwohl in vielem nicht unähnlich, die Zeitläufe erheblich besser überstanden hat. Zwar verfügt Wem die Stunde schlägt nicht über die opulente Hochglanzästhetik in der üppigen Ausstattung (Kostüme und Bauten) von Vom Winde verweht, aber das ist natürlich auch der völlig anders gelagerten Story geschuldet. Das Paramount-Epos besitzt abgesehen von seinen zwei größeren Actioneinlagen – El Sordos Opfertod & Sprengung der Brücke (s. u.) – eher den intimen Charakter eines Kammerspiels, das von den Spannungen innerhalb der Partisanengruppe lebt, die in einer Höhle Zuflucht gefunden hat. Entsprechend wird Wem die Stunde schlägt den großen Kino-Epen der 1940er auch meist nicht hinzugerechnet, es belegt eher eine m.E. unverdiente Aschenputtelposition. In den Beschreibungen wird das Hemingway-Epos häufig allzu sehr auf das Melodramatische, die Love-Story zwischen Gary Cooper und der jungen Ingrid Bergman und seine heutzutage (zwangsläufig) etwas zu dezent wirkenden erotischen Anspielungen reduziert. Allerdings steht die Liebesgeschichte nicht im Zentrum, sondern nimmt im Gesamtgeschehen nur einen übersichtlichen Raum ein – was anhand der annähernd wiederhergestellten US-Uraufführungsfassung jetzt auch noch deutlicher wird.

For Whom the Bell Tolls ist wohl der erste Spielfilm überhaupt, der sich mit dem im Entstehungsjahr noch in frischer Erinnerung befindlichen spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) im Rahmen einer Spielhandlung befasst. Als die Dreharbeiten zur Verfilmung des Hemingway-Romans im Juli 1942 begannen, hatte der in seinen Darstellungen schnell ein wenig steif wirkende, m.E. etwas überschätzte Gary Cooper bereits die 40 überschritten. Er erscheint als Objekt der Begierde für die 27-jährige, sehr mädchenhaft frisch erscheinende Ingrid Bergman doch bereits etwas zu alt, gesetzt und damit weniger glaubwürdig. Dafür empfinde ich die im prüden Hollywood jener Jahre typischerweise so betont unschuldig inszenierte Annäherung Marias an ihren Auserwählten, „Ich kann nicht küssen … ich weiß nicht wie das geht“ und „sind die Nasen dabei nicht im Weg?“, immer noch als sehr charmant und gerade mit Blick auf das autoritäre, erzkatholische Spanien der 1930er sogar glaubhaft umgesetzt.

Natürlich ist Wem die Stunde schlägt wie auch Gone with the Wind ein Kind seiner Zeit, nämlich aus Hollywoods goldener Kino-Ära. Besonders heutzutage, wo mit wackliger Handkamera erzeugter realistischer Doku-Look alltäglich ist, mag der Film in der Art und Weise seiner klassischen Inszenierung, versehen mit zum Großteil gemäldehaft inszenierten Bildern, in besonderem Maße als ein Kunstprodukt und damit unmittelbar auch etwas zu künstlich erscheinen, aber das macht schließlich gerade den unverwechselbaren Reiz der Filme aus dieser Ära aus. Für den so klassischen Look ist die nichts dem Zufall überlassende Arbeit des Produktionsdesigners William Cameron Menzies und des Kameramannes Ray Rennahan („every shot a painting!“) in besonderem Maße verantwortlich. Rennahan hatte übrigens für Vom Winde verweht seinen ersten Oscar erhalten. Er war bereits am 1923er Die zehn Gebote sowie dem 1933er Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts (aufgenommen noch in 2-Farben-Technicolor) beteiligt und hatte mit Becky Sharp (1935) auch den ersten Spielfilm im brandneuen 3-Farben-Technicolor-Prozess realisiert.

Wem die Stunde schlägt ist zwar ebenfalls auf 3-Farben-Technicolor aufgenommen. Der Film ist aber von der mit Technicolor üblicherweise assoziierten üppigen Buntheit ein gutes Stück entfernt. Abgesehen von einzelnen Momenten, etwa einer kurzen Szene in einem Madrider Nachtklub zu Beginn oder dem eindrucksvoll in Szene gesetzten Sonnenaufgang am Tag der republikanischen Offensive, ist die Farbgebung äußerst dezent gehalten – etwas, das übrigens ähnlich für Vom Winde verweht gilt, der zwar farblich vielfältiger, aber klar von Pastelltönen dominiert ist. Selbst Marias grüne Bluse bildet keinen auffällig leuchtenden Farbfleck und die eher raue, wenig grün aufweisende felsige Landschaft am Sonora Pass in Nevada tut ein Übriges. Interessanterweise legt die betont expressive Kameraarbeit großen Wert auf kontrastreiche Bilder, was den Emotionen der Figuren mehr Ausdruck verleiht. Hinzu kommen ausgefeilte Licht- und Schatteneffekte, die dem Ganzen in den vielen nächtlichen Shots häufiger geradezu einen quasi Schwarz-Weiß-Film-Look verleihen. Das betrifft auch die bereits erwähnte Sonnenaufgangssequenz vor der Offensive, wo erst die am Horizont aufgehende Sonne eindrucksvoll Farbe in die zuvor fast Schwarz-weiß anmutenden Gesichter zaubert. Hinzu kommen die vielen getricksten Studio-Shots, etwa die als sehr beachtlicher Modell-Trick ausgeführte Sprengung der Brücke. Häufiger sind Matte-Paintings (Glasmalereien) mit von der Partie und einige (meist sehr gute) Rückprojektionen sind ebenfalls unübersehbar – z. B. in der Eröffnungs-Szene mit dem Sprengstoffanschlag auf den Militärzug oder wenn sich LKWs in einer Serpentine einen Berg hoch bewegen.

Wem die Stunde schlägt (Plakatmotiv Spanien)Der etwas artifizielle Eindruck wird zusätzlich auch von der gewisse Stereotypen bedienenden Typenkollektion verstärkt, welche die Gruppe der republikanischen Partisanen bildet. Dabei handelt es sich jedoch zugleich um ein geschickt entworfenes Figurenkaleidoskop des spanischen Bürgerkrieges. Die Markantesten der Gruppe sind ihre Anführer: Der äußerst zwiespältige und rücksichtslose Pablo, der auch als blutrünstiger Kriegsverbrecher enttarnt wird, eindrucksvoll interpretiert von Akim Tamiroff, und seine Frau Pilar, eine selbstbewusste, resolute Zigeunerin, die von der griechischen Theaterschauspielerin Katina Paxinou geradezu unvergesslich verkörpert wird. Katina Paxinou erhielt dafür 1943 als Einzige einen Oscar.

Die Stilisierung der Figuren ist bereits Teil des Romans, der ihnen ein wenig von den Akteuren einer antiken Tragödie verleiht: etwa in Pilar, die als Handleserin bei der ersten Begegnung mit Jordan seinen nahen Tod voraussieht oder der schillernde El Sordo (Joseph Calleia), der im Verlauf der Handlung als Anführer einer zweiten Partisanengruppe auftritt. Um Pablos Gruppe nicht zu gefährden, flieht er mit seinen Männern vor Francos Soldaten in eine andere Richtung und verschanzt sich auf der Kuppe eines Berges. Durch eine Täuschung dezimiert er die faschistischen Soldaten und die Gruppe wird schließlich durch ein Fliegerbombardement vernichtet. El Sordos Opfertod erscheint wie das wahnwitzige Fanal aus einer Sage und nimmt, trotz gelungener Sprengung der Brücke, auch das tragische Scheitern der Übrigen und überhaupt der republikanischen Offensive bereits vorweg. Der alte Anselmo (Wladimir Sokoloff) mit dem freundlich-gütigen Gesichtsausdruck ist der Nobelste unter den Partisanen des Höhlenverstecks in der Sierra. Er fühlt sich bei der Beobachtung der Wachmannschaften an der Brücke bei einem der Soldaten an einen jungen Mann aus seinem Dorf erinnert. Genau diesen muss er beim Angriff auf die Brücke erschießen.

Zwar wird bereits in der geläufigen 130-Minuten-Road-Show-Version der Bürgerkrieg durch die traumatischen Erinnerungen der Figuren in den Dialogen lebendig. Die Langfassung verleiht seiner Grausamkeit allerdings noch erheblich deutlicher ein Gesicht. Dabei ist es insbesondere die bisher unbekannte lange Rückblende zu einer der Erinnerungen Pilars, in der auch auf Seiten der Republikaner verübte Kriegsverbrechen gezeigt werden: das Erschießen von Angehörigen der Guardia Civil, die sich bereits ergeben haben, durch Pablo und die grausame Rache an den Honoratioren einer durch die Republikanische Guerilla eingenommenen Stadt. Diese werden nach einem brutalen Spießrutenlauf durch ein Dreschflegelspalier von einer steilen Klippe zu Tode gestürzt. Diese den Kriegsgräuel ungeschminkt zeigende Szene ist für einen Film aus dem Jahr 1943, in dem Amerika mit voller Wucht den 2. Weltkrieg erlebte, in ihrem außergewöhnlichem Realismus eine absolute Besonderheit – als die Kampfszenen mit El Sordo aufgenommen wurden, bombardierten die Japaner Pearl Harbor.

Der Name des spanischen Diktators Franco wird im gesamten Film übrigens nicht erwähnt. Das ist auf die lebhaften Bemühungen der Emissäre des im 2. Weltkrieg neutralen Spaniens zurückzuführen, die das gesamte Projekt am liebsten gestoppt gesehen hätten. Auch wenn ihnen das letztlich nicht gelang, dass die Hintergründe des Bürgerkriegs komplett ausgeblendet bleiben, dürfte so zumindest mit erklärt sein.

Abgesehen von besagter Rückblende sowie dem deutlich verlängerten Opfer-Fanal um El Sordos Gruppe, handelt es sich bei den übrigen wieder hinzugekommenen Teilen um Dialogeinschübe, welche die Motive der handelnden Charaktere insgesamt deutlicher herausstellen. In einer dieser Passagen reflektiert Jordan über seine Beteiligung am Krieg und spricht dabei auch von der Unterstützung der spanischen Faschisten durch die Italiener und die Deutschen. Das ist einer der Momente, welche auch der bundesrepublikanischen Filmprüfstelle, nicht bloß in den 50ern, sondern sogar noch bis Mitte der 1970er, in jedem Falle zum Opfer gefallen wäre.

Nicht vergessen werden darf die sehr wirkungsvolle, spanisch gefärbte Filmmusik von Viktor Young (1900–1956), der bei Paramount eine vergleichbare Stellung wie sein berühmter Kollege Max Steiner bei Warner besaß. Youngs Stärke lag allerdings in besonderem Maße im Erfinden unmittelbar eingängiger Melodien, die häufig ausgeprägten Ohrwurmcharakter besitzen. Das raffinierte dramatische Ausgestalten einer sinfonischen Filmmusik lag ihm hingegen weniger. Wie man allerdings besonders anhand der sehr frischen englischen Originaltonspur feststellen kann, ist seine Komposition für Wem die Stunde schlägt wirklich gut durchkomponiert. Sie zählt zu seinen stärksten und auch melodisch besonders inspirierten Arbeiten und wäre m.E. durchaus ein Kandidat für eine komplette Neueinspielung. 1956, Youngs Todesjahr, wird häufig mit dem Ende des so genannten „Golden Age of Hollywood“ gleichgesetzt.

Im Jahr 1958 hat Paramount übrigens praktisch sämtliche Filme seines Archivs an Universal verkauft, die vor 1948 produziert wurden. Das ist der Grund, warum u. a. auch Wem die Stunde schlägt auf Videokassette oder DVD mit dem Universal-Logo firmiert. Interessanterweise liegen allerdings die jeweiligen (Film-)Musikrechte nach wie vor bei Paramount. Und hier greift das im Herbst 1995 in Angriff genommene „Paramount Pictures & The Film Music Society Preservation Project“ (siehe Anhang). Ursprünglich ging es dabei ausschließlich um die Sicherung der Partituren, aber in den letzten Jahren ist man offensichtlich, wie andere Studios bereits zuvor, ebenfalls dazu übergegangen, sämtliche noch erhaltenen Musikaufnahmen zu retten. Dem haben wir u.a. die jüngsten US-CD-Veröffentlichungen der Miklós-Rózsa-Scores zu The Lost Weekend * Das verlorene Wochenende (1945) und Desert Fury * Desert Fury – Liebe gewinnt (1947) zu verdanken.

Wem die Stunde schlägt erstmalig in HD auf BD

Das ist wieder einmal einer der HD-Titel, bei dem Koch-Media gegenüber den internationalen Anbietern die Nase vorn hat. Wem die Stunde schlägt ist in einem schön aufgemachten Media-Book der Reihe „Masterpieces of Cinema“ erschienen. Als Covermotiv diente ein US-Wiederaufführungsplakat der 1950er. Eingearbeitet befindet sich ein fein aufgemachtes 16-seitiges Booklet, das neben ein paar knackigen Schwarzweiß-Fotos zum Film, mit einem informativem Text von Ansgar Skulme, der sich u. a. mit den Qualitäten der hervorragenden 1951er deutschen Synchronfassung befasst.

Wem die Stunde schlägt (Plakatmotiv 3)Die restaurierte Langfassung (knapp 166 Minuten) und die geläufige 130-Minuten-Version sind auf jeweils einer Blu-ray untergebracht. Das Bild im klassischen Akademieformat (1:1,37) sieht eindrucksvoll aus. Schärfe, Kontrast, Schwarzwert, Detailfreude und Bildstand geben praktisch keinen Anlass zur Kritik. Die Technicolor-Farben sind (s. o.) dezent gehalten, aber das tut der guten Wirkung, der von besterhaltenem Material neu transferierten 130-Minuten-Roadshow-Version, keinerlei Abbruch. Das leichte Filmkorn wirkt sehr natürlich und erscheint wie das insgesamt knackige Bild weitgehend naturbelassen, anstatt übermäßig gefiltert. Selbst im Uraufführungsjahr 1943 dürfte Wem die Stunde schlägt, kaum besser ausgesehen haben.

Die wieder eingefügten Bildteile sehen dagegen mal etwas mehr mal weniger dezent gealtert aus. Sie geben sich unmittelbar durch ihre leichte Softness sowie etwas verwaschen wirkende Farben (z.B. zu Rosa tendierende Hauttöne) zu erkennen. Das ist dem Umstand geschuldet, dass es dazu kein Negativmaterial mehr gibt, aus dem man qualitativ das Beste herausholen kann. Im Rahmen des Möglichen hat man hier sicher etwas korrigiert und das Resultat kann sich wirklich sehen lassen.

Was die Tonspuren angeht, hat Koch-Media sehr gute Arbeit geleistet. Der englische Originalton klingt für seine Zeit beachtlich frisch, sauber und kommt in den Kampfszenen sogar recht dynamisch herüber. Zwar erschien bereits im Jahr 2003 in den USA, 2007 dann auch hierzulande die Langfassung als DVD-Version, aber die damals komplett neu produzierte deutsche Synchronfassung war und ist schlichtweg ein Ärgernis. Dabei geht die massive Kritik weniger zu Lasten der in Teilen etwas anders übersetzten Dialoge, vielmehr sind es die im Vergleich zur herausragenden 1951er Synchronisation einfach nur blassen Sprecher, die absolut nicht zu überzeugen vermögen. Die 1951er Synchronfassung ist jedoch geradezu ein Paradebeispiel dafür, wie exzellent die insbesondere heutzutage häufiger mit überzogenem Naserümpfen kommentierten Synchronfassungen funktionieren können, wenn man sie entsprechend sorgfältig produziert.

Hier hat Koch-Media nun aus dem Vorhandenen das (annähernd) Bestmögliche Gemacht. Die 130-minütige, gekürzte Roadshowversion hat die alte 1951er Synchronfassung, und das gilt in den entsprechenden Bildteilen auch für die Langfassung. Die unbefriedigende Neusynchronisation kommt (außer man hat zum Film ausdrücklich die komplette 2003er Fassung gewählt) nur bei den wieder eingefügten Teilen zum Tragen. Damit kann man sehr gut leben. Ich hätte mir als zusätzliche Wahlmöglichkeit zwar noch gewünscht, das ehedem Fehlende anstelle der 2003er Synchronfassung auch mit der englischen Originalfassung (gegebenenfalls inklusive Untertiteln) unterlegen zu können. Das ist aber nun gewiss kein einschneidender, sondern vielmehr ein nur geringfügiger Kritikpunkt. Wirklich unbefriedigend ist allerdings die bei Koch-Media häufig problematische, im vorliegenden Fall mit nur 13 Indexmarken bzw. Kapiteln, völlig unzulängliche, ja geradezu willkürlich anmutende Unterteilung. Hier besteht dringend nachhol- und modernisierungsbedarf. Nicht nur eine deutlich feinere Unterteilung der Filme ist angeraten. Als ein weiterer Service wären doch zusätzlich auch individuell programmier- und löschbare (im Player abgespeicherte) Indexpunkte problemlos machbar.

Leider klingt die so markante wie vorzügliche 1951er Synchronfassung recht rauh, ist in der Dynamik beschnitten und leidet teilweise auch unter Verzerrungen. Das kann man allerdings Koch-Media nicht anlasten. Vermutlich steht die alte deutsche Tonspur derzeit nur so zur Verfügung, ist vermutlich – vor ewigen Zeiten – im Zuge einer frühen Videoabtastung von der Filmtonspur schludrig mit transferiert worden. Da etwas qualitativ deutlich Besseres zu bekommen, wäre zweifellos mit einigem finanziellem Aufwand verbunden, da zu diesen alten Filmen die ehedem im Tonstudio produzierten Synchronfassungen, aufgezeichnet auf Magnetton, schlichtweg nicht archiviert wurden.

Nett ist die Boni-Kollektion, die, untergebracht auf der zweiten BD mit der 130-minütigen Roadshow-Version, natürlich auch wieder eine ansprechende, Koch-Media-typische „Bildergalerie mit seltenem Werbematerial“ enthält. Neben einem deutschen sowie amerikanischen Trailer findet sich noch eine originelle Zugabe: die rund 50-minütige in der CBS-Reihe „Lux Radio Theatre“ am 2. Dezember 1945 ausgestrahlte Hörspielversion, eine Art früher Vorläufer der heutigen Filmhörspiele.

Fazit: Wem die Stunde schlägt ist erheblich weniger Liebesschmonzette als verschiedentlich behauptet wird, sondern vielmehr eine so wuchtige wie grimmige und dabei bildgewaltige Kinounterhaltung vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkriegs. Es ist ein außergewöhnliches Technicolor-Opus, das nicht nur mit besonders eindrucksvollen Figuren, sondern ebenso mit einer betont expressionistischen, mitunter quasi schwarz-weißen Bildästhetik aufwartet, wie man sie nicht alle Tage zu sehen bekommt. Klar ist das unübersehbar klassisches Hollywood. Aber wenn sich beispielsweise die rassige Zigeunerin Pilar gegenüber der hübschen Teenager-Senorita Maria so selbstironisch und ungeschminkt zu ihrer Hässlichkeit bekennt, dann ist das nicht nur göttlich gespielt, sondern Pilars Mut zur Hässlichkeit erscheint sogar erstaunlich modern. Somit resultiert zur sehr liebevoll produzierten Koch-Media-Blu-ray-Ausgabe von meiner Seite eine eindeutige Empfehlung.

Weiterführende LINKs:

„Ingrid Bergman erinnert sich“

Paramount Pictures & The Film Music Society Preservation Project

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema Blu-ray-Disc versus DVD.

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Titel: Wem die Stunde schlägt (For Whom the Bell Tolls)
Erschienen: 2015

Zusatzinformationen: USA 1943

Medium: Blu-ray
Verleih: Koch Media 2-BD-Edition

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