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Veröffentlicht am 26.12.2012 | von Michael Boldhaus

Das James Bond Archiv

JAMES BOND, TEIL 5

Skyfall, der 23. Bond-Film (deutscher Kinostart: 1. November 2012), markiert zugleich das 50-jährige Jubiläum des bislang ausdauerndsten Franchise der Kinogeschichte. Das ist Grund genug, die hauseigene kleine Artikelreihe anlässlich des 40. Bond-Jubiläums (Teil 1 bis 4, erschienen 2003) zu ergänzen. Aber was kommt dafür in Frage? In Sachen Aufbereitung des Musikarchivs hat sich seit damals nichts Wesentliches getan. Anlässlich des erneuten Ehrentages des Geheimagenten Ihrer Majestät wäre es wünschenswert gewesen, die in der umfangreichen (17 CDs), insgesamt vorbildlichen 2003er-Albenreihe definitiver (verlängerter) Bond-Musikalben noch verbliebenen Schwachpunkte auszumerzen. Hierbei handelt es sich um die beiden nur mit dem alten LP-Albumschnitt aufwartenden Veröffentlichungen zu The Man with the Golden Gun • Der Mann mit dem goldenen Colt (1974) und Moonraker • Moonraker — Streng geheim (1979). Allerdings sahen die Produzenten bei EMI-Capitol dies offenbar nicht als vordringlich. Und so hat es zum stattlichen 50. Jahrestag leider nur für eine in meinen Augen eher schlichte Kompilation sämtlicher Filmsongs gelangt: „Best of Bond … James Bond“, als Einzel-CD oder ergänzt mit Musikschnipseln als „Deluxe-Doppel-CD“, unter dem Zusatztitel „50 Years — 50 Tracks“.

Eindeutig interessanter zeigt sich dagegen der Buchmarkt, aus dessen Publikationen seit 2003 mir die nachfolgend vorgestellten vier Titel besonders bemerkenswert erscheinen.

„Das James Bond Archiv“

Kurz erwähnt sei dieser jüngst im Taschen Verlag erschienene großformatige wie gewichtige Prachtband, der sich dem Bond-Phänomen auf über 600 Seiten Hochglanzpapier in informativen und aufwändig illustrierten Texten en detail widmet. Dabei sind in dieser Fundgrube für Bond-Enthusiasten erfreulicherweise auch die beiden aus der Betrachtung häufig ausgeklammerten „inoffiziellen“ Bonds, Casino Royale (1967) und Sag niemals nie (1983), mit enthalten.

Leider lag der Band nicht physisch, sondern ausschließlich in Form einer PDF-Datei zur „Ansicht“ vor. Angesichts des nicht kleinen Preises (150 €) ist das zwar verständlich, aber ein PDF vermittelt natürlich nur einen völlig unzulänglichen Eindruck von der im Original zweifellos vorhandenen besonders beeindruckenden Gesamtwirkung. Die deutsche Version enthält offenbar ein Reprint der englischsprachigen Originalausgabe und wird ergänzt durch ein deutschsprachiges Paperback.

James Bond: 50 Jahre Filmplakate

Ebenfalls aktuell erschienen, mit rund 35 cm Höhe großformatig und gewichtig, aber auf deutlich erschwinglicherem Preisniveau rangiert dieser von Dennis Gassner betreute Ausflug in 50 Jahre Bond-Geschichte. Zusammengestellt aus zum Teil unveröffentlichtem Archivmaterial der Produktionsfirma EON, passieren sämtliche bislang produzierte Bonds in Form der interessantesten ihrer weltweit x-fachen Filmplakatillustrationen Revue — erfreulicherweise ebenfalls inklusive Casino Royale (1967) und Sag niemals nie (1983). Mehr als 600 Plakatmotive und Skizzen und dazu auch Aushangfotos in vorzüglicher Reproduktion liefern dazu die eindrucksvolle Grundlage.

Trotz der der werbenden Bilderflut zur Seite gestellten informativen Anmerkungen des Bühnenbildners Dennis Gassner erhält man hier weniger ein Lesebuch, sondern vielmehr etwas zum Schwelgen in Bildern und nostalgischem Genießen. Natürlich wandeln sich Stile fortwährend, und früher war sicher nicht alles besser. Aber es ist schon unübersehbar, dass Filmplakatillustrationen zwischen etwa 1950 und 1985 in der Regel aufwändiger und insgesamt liebevoller, einfach wesentlich detailverliebter gestaltet worden sind als heute — siehe dazu auch „Graphische Träume“. Dabei lässt auch die wahrhaft globale Vielfalt in der Motivgestaltung erstaunen.

Na, wie auch immer, der Bond-Freund dürfte beim Wandeln durch den Zeitgeist über fünf Dekaden Bond-Filmwerbung viel Spaß haben. In einer Tasche auf der Rückseite des Frontdeckels befinden sich übrigens als ansprechende Zugabe noch zwei Kunstdrucke von älteren Original-Plakatmotiven: Diese auseinandergefaltet, also richtig groß zu betrachten, macht das Vergnügen perfekt.

James Bond — Geheimagent 007

Diese Publikation erschien erstmalig im Jahr 2000 und ist nun in der 2009er Version, in aktualisierter Form zum attraktiven Preis erhältlich. Dabei ist der Interessierte, abgesehen von den beiden inoffiziellen Bond-Filmen und natürlich dem aktuellen Bond-Abenteuer, also bis einschließlich 2008 mit Ein Quantum Trost, auf dem aktuellst machbaren Stand. Zu Skyfall sind erste Veröffentlichungen frühestens nach der Kinoauswertung im kommenden Jahr 2013 zu erwarten. Vorher wird nichts Essentielles verraten, und auch der zuvor vorgestellte Band mit den Kinoplakaten enthält dazu nur ein einsames Vorankündigungs-Plakat.

Der unter fachlicher Beratung von Siegfried Tesche (siehe [url=rezension.htm?rid=2033]„Das große James Bond Buch“[/url]) entstandene Band ist ebenfalls keine in die Tiefe des Bond-Phänomens und die Geschichte der Filme vorstoßende Publikation, sondern eher etwas für den kleineren Bond-Hunger zwischendurch. Das umfangreich illustrierte Buch wendet sich zuerst an den „Praktiker“, der sich über die einzelnen Bond-Missionen und die dabei zum Einsatz kommenden futuristischen technischen Hightech-Zaubereien aus der Werkstatt des genialen Q informieren möchte. Wer also eventuell die aktuelle Blu-ray-Jubiläums-Edition ins Auge gefasst hat oder auch seine bereits zuvor erworbenen DVD-Ausgaben erneut in Augenschein nehmen möchte, der liegt hier exakt richtig.

Das Ganze ist dank seiner vielen großen Abbildungen betont visuell angelegt. Das sehr kurzweilige, recht großformatige Buch „verkauft“ James Bond und den MI6 augenzwinkernd als ein tatsächliches Phänomen: Der MI6 öffnet dazu seine Archive, wobei es im Vorwort zum letzten Kapitel, in dem es um die verschiedenen Darsteller der Titelfigur geht, drolligerweise heißt: „ … der wirkliche 007 hat nie verraten, von welchem dieser Akteure er sich am besten verkörpert fühlt.“

Geschüttelt, nicht gerührt — James Bond und die Physik

Zum Abschluss dieser Empfehlungen für Bond-Leseratten steht nun ein echtes Lese- und eventuell auch Arbeitsbuch, eines, bei dem es mit Geheimagent 007 in den Uni-Hörsaal geht.

Völlig neu ist der Blickwinkel à la „Physik im Alltag“ zwar nicht, aber das tut der Originalität dieser wissenschaftlichen Betrachtungen des mehr oder weniger Unmöglichen in den Bond-Szenarien keinen Abbruch. Hauptautor Metin Tolan ist Bond-Fan und zugleich Professor für Experimentelle Physik an der TU Dortmund, Co-Autor Joachim Stolze ist dort Professor für Theoretische Physik. Die Anregung zum vorliegenden Band stammt aus seit mehreren Jahren in Lehrveranstaltungen integrierte Betrachtungen, bei denen diverse Abenteuer von 007 gezielt ins Visier der Physik genommen und analysiert worden sind. Nach der vom Piper Verlag angeregten Buchpublikation wurde „Bond-Abenteuer wissenschaftlich betrachtet“ zum Thema eines Seminars, das sich offenbar großen Zuspruchs erfreute. Das daraus, auch unter Mitwirkung einer beträchtlichen Anzahl von Studierenden, resultierende Quantum Physik präsentiert sich dem Leser in der vorliegenden Buchform keineswegs akademisch trocken. Das Buch ist vielmehr eine augenzwinkernd in die Welt exakter physikalischer Phänomene führende Betrachtung der unglaublichen Abenteuer des berühmten MI6-Agenten. Erstaunlicherweise erweist sich dabei so mancher der akrobatisch haarsträubenden Stunts, wenn auch nur unter ganz bestimmten Rahmenbedingungen, als grundsätzlich machbar. Ein praktisches Überprüfen im Experiment als Selbstversuch ist jedoch eher nicht zu empfehlen.

Interessant sind beispielsweise die eingehenden Betrachtungen zu den körperlichen Belastungen eines Geheimagenten: etwa wenn 007 in Casino Royale (2007) einen Gegner auf einer Großbaustelle verfolgt und dabei den Ausleger eines Baukrans hinaufläuft oder beim Bungee-Sprung in Golden Eye. Es wird aber auch deutlich, wo und wie mitunter denn doch übertrieben worden ist: so in Diamantenfieber, wenn zur Energieversorgung eines Weltraumlasers Solarpaneele mit einer Fläche von etwa 50.000 Fußballfeldern erforderlich wären. Auch nimmt sich die seriöse Betrachtung mitunter mal selbst auf die Schippe: etwa wenn es heißt, dass in Goldfingers Goldgießerei natürlich so viel Goldstaub in der Raumluft herumfliegen könnte, dass der Laserstrahl gut sichtbar wird. Ebenso ist die den Band beschließende Erklärung für die berühmte „Martini-Formel“ mit Hilfe des sogenannten „Paranuss-Effekts“ eher drollig denn ernsthaft und somit einfach nur ein netter kurzweiliger Gag.

Insgesamt bleibt die keineswegs anspruchslose 007-Physikvorlesung auch für diejenigen gut lesbar, die nicht mathematisch fixiert sind, also weniger gern zu Skizzenblock, Stift und Taschenrechner greifen. Die allermeisten der den Berechnungen zugrundeliegenden Formeln sind nämlich nicht im Text, sondern nebst kurzen Erläuterungen in Fußnoten untergebracht. Darüber hinaus finden sich am Schluss eines jeden Kapitels noch in einer Art Anhang „Details für Besserwisser“, wo die den Berechnungen wiederum zugrunde liegenden physikalischen Phänomene und deren Gesetzmäßigkeiten erläutert sind. Hier fühlt man sich in besonderem Maße in den Physikunterricht versetzt. Das ist zwar schon recht gut gemacht, aber das Nachvollziehen durch Nachrechnen ist trotzdem längst nicht immer völlig easy. Die (nicht wenigen) mathematisch eher weniger talentierten Zahlenjongleure unter den Lesern, die trotzdem besser und mehr verstehen wollen, bleiben dabei mitunter doch etwas auf der Strecke. Häufiger wäre ein in mehr Einzelschritte aufgeschlüsselter Lösungsweg hilfreich, damit rechentechnisch alles noch klarer, übersichtlicher und damit leichter nachvollziehbar wird. Ansonsten gibt es nichts zu bemängeln. Die gebundene Publikation in Taschenbuchgröße ist grundsätzlich auch für unterwegs geeignet.

Links zu den älteren Artikeln unserer Bond-Reihe:

JAMES BOND, TEIL 1
JAMES BOND, TEIL 2
JAMES BOND, TEIL 3
JAMES BOND, TEIL 4

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zum Jahresausklang 2012.

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Titel: Das James Bond Archiv
Erschienen: 2012

Zusatzinformationen: (D) 150,00€
Laufzeit: 600 Seiten

Medium: Buch
Verlag: Taschen Verlag, München
Kennung: ISBN 978-3836521048

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Veröffentlicht am 26.12.2012 | von Michael Boldhaus

Geschüttelt, nicht gerührt – James Bond und die Physik

Titel: Geschüttelt, nicht gerührt – James Bond und die Physik
Erschienen: 2009

Zusatzinformationen: 5. Auflage, (D) 16,95€
Laufzeit: 304 Seiten

Medium: Buch
Verlag: Piper Verlag, München
Kennung: 978-3-492-05082-1

Autor(en):

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