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Veröffentlicht am 01.01.2006 | von Michael Boldhaus

Münchhausen

Münchhausen Michael Boldhaus
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Münchhausen

Am 4. März 1943 erlebte der zum 25jährigen Bestehen der Ufa produzierte Jubiläumsfilm Münchhausen seine Premiere im Berliner Ufa-Palast am Zoo. Der Zuschauer begleitet den titelgebenden Helden in einem unterhaltsam-spannenden und zugleich faszinierend farbigen Bilderbogen bei fantastischen Abenteuern auf Stationen quer durch ganz Europa.

Der zum 25-jährigen Ufa-Jubiläum produzierte Film sollte in der Manie der Nazis — wie alles in Deutschland produzierte — Weltgeltung besitzen. Natürlich war er damit ein Prestigeobjekt, das zugleich die besondere Leistungsfähigkeit der deutschen Filmindustrie im Krieg demonstrieren sollte. Entsprechend wurde mit Aufwand nicht gegeizt: Darsteller wie Hans Albers in der Titelrolle, Ilse Werner, Käthe Haack und Hubert von Meyerinck; Ausstattung, Drehorte und zum Großteil (auch heute noch) eindrucksvolle Filmtricks sprechen dazu eine ebenso eindeutige Sprache.

1740So wurde für die prächtige Tafelszene am Hofe Katarinas der Großen (Brigitte Horney) vom preußischen Adel historisches Geschirr ausgeliehen und der Karneval von Venedig wurde nicht etwa getrickst, sondern an Originalschauplätzen mit rund 800 Statisten in Szene gesetzt. Als Kameraleute fungierten: Werner Krien (Große Freiheit Nr. 7) und Konstantin Irmen-Tschet.

Georg Haentzschel (1907-1992) komponierte dazu eine schwelgerische sinfonische Filmmusik, die nicht nur im stimmungsmäßig wandlungsfähigen Münchhausenthema, welches die Musik leitmotivisch durchzieht, den Vergleich mit Hollywood nicht zu scheuen braucht. Die aus sechs Sätzen bestehende, knapp 25-minütige Konzertsuite aus der Filmmusik ist gelegentlich im Rundfunk zu hören. Eine solide Einspielung mit dem Kölner Rundfunkorchester unter Emmerich Smola erschien 1993 auf Capriccio, ist allerdings derzeit vergriffen. Haentzschels Münchhausenmusik hätte aber auch eine Einspielung in gegenüber der Konzertsuite deutlich erweiterter Fassung verdient.

1741Ob der Film nun als staatskonform, unpolitisch oder gar subversiv einzustufen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Hierbei ist und wird für meinen Geschmack des Öfteren einfach etwas arg (zu-)viel (rein-)interpretiert. Es ist dabei schon abenteuerlich wie manche Autoren offenbar meinen, in allem, was in Nazideutschland entstand, zumindest einen unterschwelligen Hauch des Bösen nachweisen zu müssen. Der mitunter zwanghafte Drang entlarvt sich in der Behauptung, der Münchhausenfilm sei eine besondere Erscheinungsform der Katastrophe von Stalingrad, durch Heike Klapdor in „Münchhausen und Stalingrad“. Die Autorin hat sich offenbar an ihrer These derart berauscht, dass sie die Tatsache, dass das Film-Drehbuch bereits rund eineinhalb Jahre vor der Premiere fertig gestellt worden ist, völlig verdrängt hat. Gerade dieser, sicher extreme, Fall von überzogener (Falsch-)Interpretation wirft aber m. E. die Frage auf, ob man so nicht gerade Gefahr läuft, die NS-Ära und ihre Vertreter unnötig zu dämonisieren …

1742Das verschiedentlich als subversiv Gedeutete, wie in Münchhausens Bemerkung über die kaputte Zeit, wirkt unterm Strich letztlich ebenfalls (über-)konstruiert. Derartige Fundsachen taugen m. E. nicht wirklich dazu, den Streifen (fast) zum heimlichen Widerstandsfilm zu stilisieren, sie zeigen aber zweifellos den Wortwitz und das Feinsinnige der listenreichen Kästner’schen Dialektik. Und diesbezüglich kann man auch an anderen Stellen fündig werden. So, wenn der alte Casanova resümiert: … „Ich mag mich auch nicht mehr in der Welt herumtreiben. Die Augen werden davon satt, aber das Herz bleibt leer. Das Leben ist kurz und der Tod verjagt uns, bevor das interessante Spiel zu Ende ist.“ Entsprechendes gilt für die Äußerungen des Dogen von Venedig (Franz Schafheitlin), der zu einem Wissenschaftler, der mit seinem Heißluftballon anlässlich des bevorstehenden Karnevals aufsteigen will, anmerkt: „Wir dienen der Wissenschaft und belustigen das Volk. Es gehört zur Kunst des Staatsmannes ein Ding zu tun und dadurch zweierlei zu erreichen!“ Worauf ihm der Wissenschaftler bestimmt entgegnet: „Ich diene allein der Wissenschaft!“ Was den Dogen veranlasst, ihn spöttisch über die Realität aufzuklären mit den Worten „Lassen sie sich diesen Aberglauben nicht rauben: Er ist ein Stein in unserem Spiel!“ Und der Pfiff des Drehbuchautors Kästner wird auch in der den Film eröffnenden Szene vom Rokokko-Fest auf Schloss Bodenwerder deutlich, dass sich überraschend als Kostümball in der heutigen Zeit entlarvt, wenn der Hausherr einen elektrischen Lichtschalter betätigt, man ein Automobil vor dem Haus stehen sieht und drinnen die historisch kostümierte Kapelle originellerweise einen Tango intoniert.

Dies alles und noch einige weitere gute Einfälle (wie die fantasyhafte Rahmenhandlung) machen Münchhausen abseits des rein filmhistorischen Stellenwertes — als vierter deutscher und opulent ausgestatteter Farbfilm — trotz unzweifelhaft angesetzter Patina auch heute noch sehenswert, ja dürfte ihn vielleicht sogar als zeitlos charmant erscheinen lassen.

1743Natürlich stand die Filmproduktion (wie die gesamte gleichgeschaltete Kulturlandschaft im Dritten Reich) unter der strengen Aufsicht von Reichsminister Dr. Goebbels. Dieser ging hier aber sogar soweit, dass der ansonsten mit Berufsverbot belegte „Zersetzungsliterat“ Erich Kästner (freilich unter dem Pseudonym Berthold Bürger) das Drehbuch verfassen und ebenso der beim Regime wenig beliebte Josef von Baky Regie führen durfte. Goebbels hat hier letztlich einiges Gespür bewiesen, indem er offenbar ganz gezielt implantierte Nazi-Ideologie herausgehalten hat. Vermutlich weil ihm, dem intelligenten Propagandist und Verführer, der als Filmfreund aber zugleich die Produkte des ausländischen Kinos kannte wie kaum ein anderer Nazi, eben doch bewusst war, was einem Film zur Weltgeltung verhelfen konnte: eben keinesfalls triefige NS-Biederkeit wie in Die goldene Stadt. Dazu muss man feststellen, dass die recht wenig bekleideten Damen in den Haremsszenen eine (relative) sexuelle Freizügigkeit an den Tag legen, die im US-Film jener Jahre eindeutig unmöglich gewesen wäre. Das soll nun aber keineswegs heißen, dass der Film in gewissen konservativen Tendenzen (z. B. zur Rolle der Frauen in der Gesellschaft) nicht ebenso ein Kind seiner Zeit ist. Allerdings gilt: Vergleichbares lässt sich auch in den während dieser Jahre entstandenen Filmen Hollywoods und Großbritanniens nachweisen. Damit soll der Charakter der ideologisch festgezurrten Filmmaschinerie des Dritten Reiches gewiss nicht verharmlost werden: Auch in so manch biederer Unterhaltungsware dieser Ära kann man zumindest unterschwellig braune Wertstrukturen (stimmig) festmachen und natürlich fehlte generell die Freiheit für kritische Untertöne, z. B. in der Darstellung des Alltäglichen. Anders kann man heutzutage die meist nicht dokumentierten Gründe für Aufführungsverbote durch die NS-Zensur kaum angemessen interpretieren.

Goebbels ließ über die neutrale Schweiz Technicolor-Kopien von unter anderem Gone with the Wind (1939) und The Thief of Baghdad (1940) organisieren, um das Team um Regisseur Josef von Baky zu inspirieren. Und das sieht man dem Münchhausen-Film denn auch deutlich an: ganz besonders der Touch der „Arabian Fantasy“ Alexander Kordas, The Thief of Baghdad, hat in den bonbonbunten Szenen am Hof des türkischen Sultans, aber auch im Russland Katharinas der Großen deutliche Spuren hinterlassen. Aber auch abseits dieser Reminiszenzen vermögen die — sorgfältig auskomponierten, Malereien der Renaissance nachempfundenen — farblichen Stimmungen der einzelnen Szenenkomplexe des Films für sich zu gewinnen: so dominiert in den Russlandszenen überwiegend kühles winterliches Blau, der Karneval in Venedig hingegen wird von leidenschaftlichen Rottönen bestimmt und der Alterssitz Münchhausens, die Braunschweiger Residenz, erstrahlt dafür in herbstlichen Gelb- und Ockertönen.

1744Dank umfangreicher Restaurationsbemühungen kann die beeindruckende Qualität des damaligen Agfacolors in der vorliegenden DVD-Edition besonders gut beurteilt werden — Lauflänge 110 Minuten, nicht wie fehlerhaft aufgedruckt 112 Minuten. Die früheren Restaurationen sind hier farblich meist zu bunt geraten, was dem Charme der etwas diffusen Agfacolor-Farbtöne nicht gerecht wird. Die jetzt vorliegende Münchhausen-Version löst letztlich die seit Ende der 80er Jahre im TV des Öfteren gezeigte, von Jürgen Labenski verdienstvoll für das ZDF erstellte Fassung ab. Besagte ist gegenüber den farblich mangelhaften und zudem durch starke Kürzungen auf Standardfilmlänge (90 Minuten) beeinträchtigten Kopien des Films der 50er Jahre und auch der für ihre Zeit farblich ordentlichen westdeutschen 1978er Restauration (in der DDR ist der Film Mitte der 80er ebenfalls restauriert worden) schon beachtlich geraten und sogar noch etwas länger als die jetzige DVD-Version. Allerdings enthält die ZDF-Version laut Murnau-Stiftung nicht wirklich mehr Material, sondern vielmehr eine Reihe von Szenen, die aus der so genannten „Nichtkopierer-Kopie“ einmontiert sind. Dabei handelt es sich um alternative Einstellungen, die speziell für die Exportfassungen gedreht worden sind und sowohl in Details als auch in der Länge differieren. (Seinerzeit konnten von Agfacolornegativen noch keine Duplikate hergestellt werden — siehe dazu auch Der letzte Mann.) Und ebenso hat man sich in der ZDF-Version offenbar gewisse gestalterische Freiheiten genommen: einige Szenen sollen durch Wiederholung von Einstellungen künstlich verlängert sein.

Die jetzt vorliegende, von der Murnau-Stiftung autorisierte 2004er Fassung baut auf der 1995 von der ARD erstellten Version auf und kommt schnitttechnisch der deutschen Fassung am nächsten. Die Farben der einzelnen Szenen sind nicht nur sorgfältig aufeinander angepasst worden: Man hat sich hier ganz besonders darum bemüht, den typischen Look des frühen Agfacolors mit seinen gedeckten, leicht diffusen Pastelltönen zu erhalten. Die in anderen Fassungen, aufgrund unterschiedlicher Ausgangsmaterialien, besonders deutlich sichtbaren Farbschwankungen sind entsprechend elektronisch weitgehend ausgeglichen worden. Außerdem wurde der Bildstand beruhigt, Bildfehler (soweit möglich) retuschiert und das typische Farbpumpen (Flackern) des frühen Agfacolors deutlich minimiert. Und natürlich wurde auch der Ton sorgfältig nachbearbeitet und Verzerrungen und Pegelschwankungen weitgehend bereinigt, was das Bild recht frisch erscheinen lässt.

1745Trotzdem sind in Teilen des Films, so in der brillanten Eröffnungsszene, allen Bemühungen zur Bildverbesserung zum Trotz, leichte Restmängel zu sehen, welche die Grenzen der modernen Restaurationstechniken aufzeigen. So ist im (scheinbaren) Rokkoko-Ball auf Münchhausens Schloss Bodenwerder in den Hintergründen so manche Schliere und Flackern zu erkennen und neben Schwankungen in der Schärfe zeigen weite Teile des Films merkliches Korn. Damit ist, alles in allem, Münchhausen, so, wie man ihn jetzt von der DVD zu sehen bekommt, nicht perfekt, kann mit Restaurationen von Hollywoodklassikern wie Vom Winde verweht aber auch mit Die Fledermaus (1944) nicht voll konkurrieren. Allerdings, trotz verbliebener einzelner Mängel handelt es sich insgesamt um das mit Abstand Beste, was man von diesem Film seit langem zu sehen bekommen hat.

Bei seiner Premiere war Münchhausen 134 Minuten lang und ist wenige Monate später auf 119 Minuten gekürzt worden. Die 110 Videominuten korrelieren mit einer Kino-Lauflänge von 115 Minuten. Da seit Mitte der 90er Jahre keine neuen Fragmente mehr aufgetaucht sind, müssen wohl knapp 20 Minuten als verloren gelten. Wobei die anhand des Drehbuches identifizierbare Szene am Braunschweiger Hoftheater anscheinend den längsten fehlenden Komplex bildet. Im 12-seitigen Begleitheft zur Transit-DVD-Edition im Digi-Pac (Vertrieb durch Warner Home Video) gibt’s nicht nur Lesenswertes zu den verschiedenen Fassungen, sondern überhaupt wertvolle Informationen für den Einsteiger. Anschließend können diese mit der im Bonusmaterial auf Disc-2 im Zentrum stehenden vorzüglichen, dreiteiligen Dokumentation „Münchhausen ein Mythos in Agfacolor“ vertieft werden. Filmhistoriker Gert Koshofer (Autor von „Color — Die Farben des Films“) beleuchtet darin über knapp 74 Minuten eingehend die Entwicklung der Farbverfahren des Kinos und dabei natürlich auch das legendäre Agfacolor. Letzteres war die deutsche Konkurrenz zu Technicolor (siehe Robin Hood) und hat den Status der „Weltgeltung“ im Nachhinein (zumindest indirekt) durchaus erlangt, nämlich als Mutter sämtlicher heute gebräuchlicher Mehrschichtfarbfilmsysteme. Anschließend gibt’s ausführliche Infos zur Entstehung des 1943er Münchhausenfilms, zu den verschiedenen Fassungen sowie zur aktuellen Restauration. Abschließend findet sich noch Wissenswertes zu den auch heute noch überwiegend elegant erscheinenden Tricks. Zwei deutsche Münchhausen-Kurzfilme (von 1931 und 1944) fungieren neben einer Bildergalerie und Biografien auf Texttafeln noch als weitere nette Zugaben. So ist Münchhausen, rund 62 Jahre nach seiner Fertigstellung, jetzt auch hierzulande als eindeutig vorzeigbare und zugleich erfreulich preiswerte Doppel-DVD-Edition auf dem Markt.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zum Jahresausklang 2005.

Titel: Münchhausen
Erschienen: 2005

Zusatzinformationen: D 1943

Medium: DVD
Verleih: Transit Classics (Warner Home Video)
Kennung: DVD 9721195

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