CD

Veröffentlicht am 10.04.2004 | von Michael Boldhaus

Where Eagles Dare/Operation Crossbow

Where Eagles Dare/Operation Crossbow Michael Boldhaus
Bewertung

Erneut gibt es bei FSM eine Premiere: zum ersten Mal Musik des britischen Komponisten Ron Goodwin auf CD. Das Doppel-CD-Set vereint die vollständigen Musiken zu zwei Filmen: Where Eagles Dare • Agenten sterben einsam (1968) und Operation Crossbow • Geheimaktion Crossbow (1964).

Insbesondere Agenten sterben einsam gehört in die Kategorie „Krieg als Abenteuer“. Ein britisches Spezialkommando befreit einen US-General, der von den Nazis in einer bayerischen Bergfestung gefangen gehalten wird, die pikanterweise nur per Seilbahn erreichbar ist. Nicht allein der Titel riecht bereits ein wenig nach James Bond, die reißerisch inszenierte Plotte ist dabei nicht allein vergleichbar unglaubwürdig wie ein Film mit 007. Das Ganze strotzt vor naiv-dümmlichen Klischees, wie bitterbösen aber zugleich tumben SS-Leuten und heroisch-tapferen Alliierten. Das erstklassig ausgestattete und informative Begleitheft nimmt den Streifen ebenso wenig ernst: die Überschrift „Die, Nazi, Die“ bringt es an den Tag.

Geheimaktion Crossbow schneidet insgesamt ein gutes Stück besser ab. Es geht um einen Sabotageauftrag britischer Agenten gegen die von den Deutschen im Geheimen entwickelten Raketenwaffen in Peenemünde. Zwar handelt es sich auch hier in erster Linie um einen Abenteuerfilm, aber die Story ist insgesamt überzeugender und trotz einiger Klischees dem deutschen Gegner gegenüber um Fairness bemüht.

Der Name Ron Goodwin (1925 – 2003) dürfte den allermeisten Lesern unauslöschlich mit der Musik zu den vier Miss-Marple-Filmen mit Margaret Rutherford verknüpft sein. Der Brite gehört zur Garde der „British Light Music“ und bewegt sich damit in den Sphären solider sinfonischer Unterhaltungsmusik (siehe auch Klassische Britische Filmmusik, Teil III: „Mit leichter Hand“). Markantes Merkmal seiner Musik ist das ausgeprägt Melodische. Dabei bleibt Goodwins immer eingängiger Musikstil eher konservativ denn experimentell und der von üppigem Wohlklang dominierte Sound erinnert oft an eine auf Hochglanz polierte Operette.

Von den beiden auf dem vorliegenden FSM-Album vertretenen Kriegsfilmmusiken hat Operation Crossbow ein schönes Hauptthema, das durch sein Stilvorbild, die „Pomp and Circumstance“-Märsche Edward Elgars, besonders britisch wirkt. Für Where Eagles Dare hatte der Komponist einen besonders wirkungsvollen Einfall. Im Main Title geht ein kurzes fanfarenartiges Thema (Bläser über Snare-Drums) in ein zweites, fugatohaft gestaltetes Thema über, und am Schluss des Stücks formt der Komponist daraus sogar einen — allerdings schüchtern-kleinen — Kontrapunkt. Mit dem jeweiligen Hauptthema und davon abgeleiteten Nebenmotiven gestaltet Goodwin beide Scores und greift bei Bedarf zusätzlich auf tonmalerische Effekte zurück, die für (beide) Filmhandlungen passen, wenn Aktionen in luftigen Höhen angesiedelt sind.

Bei aller erkennbar soliden handwerklichen Qualität sind in der Gestaltung allerdings deutlich hörbare Grenzen gesetzt. Etwas, das im Zusammenwirken mit den Filmbildern deutlich weniger auffällt als allein von Tonträger. In der Länge wirkt die Musik aber deutlich redundant und in den Spannungs- und Action-Sequenzen tritt sie zwischendrin arg auf der Stelle, wirkt dementsprechend ermüdend. Diese an den beiden vollständigen Scores der FSM-CD gewonnene Erkenntnis ist allerdings nicht grundsätzlich neu, sie erhärtet nur eine bereits früher aufgestellte These: nämlich die, dass die Filmmusiken Ron Goodwins in erster Linie dankbares Material für geschickt kompilierte Suiten bilden und weniger gut für eine Komplettveröffentlichung taugen.

Das Vorbild für das o. g. Hauptthema von Where Eagles Dare dürfte bei Jerry Goldsmith zu finden sein. In der Musik zu The Blue Max greift Goldsmith ebenfalls auf barocke Formen zurück, die er gekonnt auf das große Orchester der Spätromantik überträgt und mit denen er exzellente dramatische Wirkungen erzeugt. Auch Jerry Goldsmith arbeitet oft monothematisch und greift in der Gestaltung seiner Filmpartituren neben thematischen Variationen ebenso auf davon abgeleitete Motive zurück. An dieser Stelle enden die Gemeinsamkeiten allerdings. Was Goldsmith dem Material abzugewinnen vermag, spielt sich im Vergleich mit Goodwin in einer merklich anderen, deutlich weiter oben anzusiedelnden Liga ab. Bei aller Funktionalität und mitunter auch klarem Charme des Goodwinschen Resultats ist Goldsmiths Musik doch erheblich vielseitiger, dabei auch komplexer und somit vielschichtiger gearbeitet. So vermag er es, auch in längeren Suspense-Sequenzen den Zuhörer allein durch die Kraft seiner Tonsprache zu fesseln. Daran zeigt sich das große musikdramatische Talent eines Meisters des Metiers.

Das FSM-Doppel-CD-Set macht die Musik zu Where Eagles Dare erstmals vollständig und im Original zugänglich. Bei der seinerzeit parallel zum Film veröffentlichten LP (später auch als CD) handelt es sich um eine sehr dynamische und originalgetreue Nachspielung und übrigens um ein sehr gut geschnittenes Höralbum von rund 35 Minuten.

Von den Adlern standen Tonmaster in hervorragendem Zustand zur Verfügung: Hier präsentiert das FSM-Album die Musik in bislang ungehörter Klarheit und Frische, die manche Aufnahmen der 70er Jahre locker hinter sich lässt. Bei Crossbow sind die Original-Master nicht mehr existent. Erfreulicherweise konnte hier aber auf eine Tonband-Kopie aus dem Privatarchiv des Komponisten zugegriffen werden. Das Crossbow-Tape kann tontechnisch allerdings mit dem der Eagles nicht mithalten und zeigt außerdem partiell einige alterungsbedingte Mängel. Allerdings darf (muss) hier gesagt werden: Das Gebotene ist durchaus anhörbar. Das (immerhin stereophone) Klangbild wirkt etwas dicht und verhangen und ist auch nicht allzu präsent. Es kann aber trotz gewisser Einschränkungen noch als durchaus ordentlich eingestuft werden – so manche LP-Veröffentlichung der 60er klingt kaum besser.

Als Anhang der erstmals überhaupt auf Tonträger zugänglichen Musik zu Operation Crossbow enthält die zweite CD darüber hinaus noch sämtliche Source-Cues aus Where Eagles Dare. Über das „typisch“ Teutonische und auch Bajuwarische einiger der Stücke mag der Hörer amüsiert und gerührt zugleich schmunzeln, und für den Unersättlichen sind noch zwei alternative Score-Tracks angehängt.

Wertungsmäßig liegen beide Goodwin-Musiken im Bereich von drei bis dreieinhalb Sternen. Where Eagles Dare dürfte durch sein prägnantes Hauptthema vielen Hörern besonders wirkungsvoll und damit als „besser“ erscheinen. Das (wieder einmal) vorzügliche Booklet wartet neben erstklassigem Bildmaterial mit ausgiebigen Hintergrundinfos zu den Filmen und ihren Musiken auf. Alles in allem ist damit das zudem randvoll bestückte FSM-Doppelalbum auf seine Art schon ein gewisser Knüller. Als „Albumwertung“ halte ich daher aufgerundete vier Sterne und damit eine klare Empfehlung für angemessen. Nicht nur der Goodwin-Fan erhält hier eine liebevoll erstellte editorische Topleistung und diese zu einem überaus fairen Preis.

Titel: Where Eagles Dare/Operation Crossbow
Erschienen: 2004

Laufzeit: 152:41 Minuten

Medium: CD
Label: FSM
Kennung: Vol. 6 No. 21

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