Blu-ray

Veröffentlicht am 21.08.2019 | von Michael Boldhaus

Taras Bulba

Taras Bulba Michael Boldhaus
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Yul Brynner von Koch-Media im reizvollen Mediabook zum Ersten: Taras Bulba

Nikolaj Gogols Novelle aus dem Jahr 1835 spielt im 16./17. Jahrhundert, während des Kosaken-Aufstands in der heutigen Ukraine gegen die polnische Fremdherrschaft. Im Zentrum des extrem düsteren Geschehens steht der Kosaken-Ataman Taras Bulba, der in diesem blutigen Kampf nicht allein seine beiden Söhne, Ostap und Andrej verliert, sondern den Letztgenannten sogar persönlich erschießt. Er selbst wird am Schluss von den Polen bei lebendigem Leib verbrannt und tritt ein in die Legende der russischen Freiheitshelden, indem er in einem letzten Aufschrei die Unbesiegbarkeit des Vaterlandes prophezeit – die Ukraine war bis zur Oktoberrevolution 1917 Teil des Russischen Kaiserreichs. Was Gogol mit seinem Heldenlied für die Kosaken beabsichtigte, wird nur im historischen Kontext der Entstehungsgeschichte verständlich. Beim unvorbereiteten heutigen Leser vermag der pathetische Text nicht nur ob seiner nationalistischen und kriegsverherrlichenden Tendenzen anstelle von Begeisterung eher dezentes Befremden auszulösen. Wenn allerdings Andrej von seinem eigenen Vater wegen Verrats (aus Liebe zu einer polnischen Adligen wechselte er die Seiten) erschossen wird, dann liest sich das bei Gogol so: „Stillgehalten und nicht gemuckst! Ich habe dich gemacht, ich mach dich jetzt auch kalt!“ (1952er Übersetzung: Aufbau Verlag), und das wiederum besitzt schon das Zeug zum ungewollten Saalbrüller.

Die Macher der unabhängigen Hecht-Hill-Lancaster Productions (was für Harold Hecht, James Hill und Burt Lancaster steht) haben sich bei der Gestaltung der Filmhandlung nicht nur weit von den Grundzügen der Vorlage entfernt. Sie haben daraus ein völlig naives, plattes und für die Zeit der Filmhandlung geradezu unerwartet knallbuntes Abenteuerspektakel gezimmert, das im ersten Filmdrittel mit komödiantischen Einschüben durchsetzt ist. Insgesamt kann man den Streifen kaum ernst nehmen, mag ihn bestenfalls noch als einen wenig geglückten Monumentalfilmversuch für die Jugendvorstellung durchgehen lassen, denn ein Klischee jagt hier das andere. Den damals eine Großmacht darstellenden polnischen Herren der Ukraine wird alle nur erdenkliche Niedertracht angedichtet, hingegen die auf der Gegenseite stehenden Kosaken zu einer zwar wilden, aber freiheitsliebenden, aufrechten Horde stilisiert werden, welche den Bösen aufs Haupt schlägt. Dabei werden die Kosaken mit archaischen Stereotypen versehen, wie man sie ähnlich auch bei Wickies starken Männern findet: Wunden werden mit Wodka übergossen und angezündet, und wenn sich die mutigen Recken dieser brüderlich verschworenen Gemeinschaft mal duellieren, dann galoppieren die Kombattanten so lange über eine Schlucht, bis einer von ihnen mit samt seinem Ross hineinfällt.

Gedreht wurde zum Großteil in Argentinien, wobei die Inszenierung trotz unübersehbaren Aufwands an Statisten mitunter auch hemdsärmlig erscheint – ein bisschen wie die Karl-May-Western. Auffällig sind auch die unmittelbar erkennbaren recht schlampigen Rückprojektionen und häufig ähnlich unzulänglichen Special Effects. Wenn am Schluss die polnische Kavallerie massiv geblendet von einer Klippe stürzt, dann ähnelt das sehr der Entscheidungsschlacht zwischen den Juden und den Truppen des Pharaos in Salomon und die Königin von Saba. Immerhin fungierten als Kosaken rund 10.000 Gauchos mitsamt ihren Pferden, und als ihre polnischen Gegenspieler hatte Harold Hecht 1.000 Mann der argentinischen Kavallerie verpflichtet.

Tony Curtis als Andrej wirkt ähnlich hölzern wie in The Black Shield of Falworth * Der eiserne Ritter von Falworth (1954). Yul Brynner in der Titelrolle neigt wie bereits in De Milles The Ten Commandments * Die zehn Gebote oder The King and I * Der König und ich (1956), auch dieses Mal zum „overacting“, übertreibt es in Gestik, Mimik und (besonders in der Originalfassung) beim Sprechen mit theatralischen Ausdruck. Tony Curtis und die 16-jährige Christine Kaufmann in der Rolle der schönen adligen Polin Natalija, die hier erstmalig zusammen vor der Kamera standen und das tragische Liebespaar geben, erlebten abseits des Films (zeitweilig) ein Happy-End indem sie zwei Jahre später heirateten.

Zum Besten gehört neben Franz Waxmans erstklassiger Filmmusik die Kameraarbeit des renommierten Joseph Lee Thompson (The List of Adrian Messenger, The Sand Pebbles), welche in den Massenszenen immerhin für eine Reihe spektakulärer, das breite Panavisionsformat gelungen ausfüllender Panoramen sorgt.

Die komplette Filmmusik von Franz Waxman auf Tadlow

Leoš Janáček inspirierte Gogols Novelle bereits in den 1910er Jahren zu seiner grandiosen, balladenartigen Rhapsodie für Orchester gleichen Namens. Für Harold Hechts Schinken hingegen hat der gebürtig aus Schlesien stammende Komponist Franz Waxman nicht nur eine beachtliche, sondern sogar ausgesprochen vorzügliche Filmkomposition geliefert. Eine zuvor unternommene Konzerttournee durch die Sowjetunion gestattete dem Komponisten in Kiew eingehende Studien ukrainischer und russischer Musik, um sich inspirieren zu lassen. Diese Vertonung fand übrigens auch Gnade bei Bernard Herrmann, der sich ansonsten häufiger recht harsch gegenüber dem Hollywooder Tonschaffen äußerte: Die Taras-Bulba-Musik hob er hingegen als „The Score of a lifetime“ hervor.

Der mit Bolero-Touch versehene Ritt der Kosaken nach Dubno, „Ride to Dubno (Ride of the Cossacks)“, ist ein besonders mitreißendes Highlight des Scores und wurde bereits in den 1970ern von Charles Gerhardt im Rahmen seiner edlen Serie „Classic Film-Scores“ für RCA mit dem National Philharmonic Orchestra eingespielt. Da sämtliches Partiturmaterial einem Brand zum Opfer fiel, musste Gerhardt anstelle der originalen Filmversion die leicht veränderte Version desselben Stücks aus der (anscheinend von ihm selbst) für die Waxman-(Film-)Musik-Kollektion (auf John Waxmans Homepage) eingerichteten Konzertsuite verwenden. Es handelt es sich hierbei nach wie vor um eine prächtige Einspielung, die auch nach nunmehr 45 Jahren nichts von ihrer mitreißenden Kraft verloren hat.

Darüber hinaus steht dem an der Musik Interessierten aber seit dem Jahr 2011 auch noch Tadlows erstklassige Kompletteinspielung zur Verfügung, die derzeit problemlos erhältlich ist. Darüber hinaus ist eventuell noch die von Kritzerland gegenüber sämtlichen früheren Veröffentlichungen klanglich deutlich verbesserte CD-Version der 1962er LP interessant – beim Anbieter Kritzerland vergriffen. Es handelt sich dabei allerdings nicht um das Original, sondern um eine Nachspielung mit deutlich verkleinertem Orchester. Der nur rund 44 Minuten umfassende Musikschnitt ist zudem durch das zwar schöne, aber allzu häufig wiederkehrende Liebesthema doch etwas sehr redundant und daher ermüdend.

Demgegenüber steht Tadlows präzise und kraftvoll realisierte Gesamteinspielung mit den Prager Symphonikern unter Nic Raine makellos und grandios da. Neben den beiden in besonderem Maße tragenden Hauptthemen, dem bereits genannten für die Kosaken und dem für Natalia (Liebesthema), hat die rund 90-minütige Komposition nämlich noch beträchtlich mehr zu bieten: etwa das schwermütige Thema für Taras Bulba nebst seinen vielfacheen, raffinierten Wandlungen/Verknüpfungen oder auch die reizvollen Fanfaren für Kiew und Dubno. Waxmann hat für die komödiantischen Einlagen übrigens auch drolliges Mickey-Mousing komponiert, etwas, das in seinem filmmusikalischen Schaffen nur sehr selten anzutreffen ist. Überhaupt zeigt der Score auch seine Sympathie für die moderne russische Musik von Schostakowitsch und besonders ausgeprägt Prokofjew (Leutnant Kije). Allein hier kann man die gesamte Konzeption dieser Waxman-Filmmusik der Top-Kategorie sauber nachvollziehen.

Zusätzlich ist da aber auch noch die mit rund 30 Minuten besonders üppig ausgestattete Boni-Sektion des Doppel-CD-Albums. Neben einer besonders markanten, an die Liszt’schen Klaviertranskriptionen erinnernden Adaption des Kosakenritts für zwei Klaviere und sechs Hände sowie alternativ-Versionen einzelner Stücke (Film- & Konzertfassung), sind auch die im Film zum Zuge kommenden Kosakengesänge (kurioserweise in Englisch) in durchaus stimmungsvollen Interpretationen vertreten. Dass die vorzüglich klingende Tadlow-Einspielung außerdem noch mit einem umfangreichen, informativen Begleitheft aufwartet, ist schon fast selbstverständlich.

Waxman erhielt für diese vorzügliche Komposition übrigens insgesamt zwei Nominierungen in der Kategorie „Beste Filmmusik“, für den Oscar sowie für den Golden Globe. Im filmmusikalisch außergewöhnlich reichhaltigen Jahr 1962 „verlor“ er aber bei der im Folgejahr stattgefundenen Oscarverleihung (Academy Awards) 1963 letztlich das Rennen, zusammen mit den übrigen ebenfalls nominierten Hochkarätern: Bronislaw Kapers Mutiny on the Bounty, Elmer Bernsteins To Kill a Mocking Bird und Jerry Goldsmith’ Freud, gegen Maurice Jarres Lawrence of Arabia.

Taras Bulba in HD auf BD

Die Blu-ray-Disc von Koch-Media kommt zusammen mit einer DVD vereint im eleganten Media-Book daher. Bemerkenswerterweise hat der Interessent die Auswahl zwischen zwei Versionen des ansonsten identischen Produkts mit unterschiedlichen Covermotiven (Mediabook A bzw. B).

Bild und Ton

Der HD-Transfer des im korrekten Panavision-Format (1:2,35) präsentierten Bildes sieht insgesamt wirklich gut aus. Verschmutzungen oder Bildschäden treten nur marginal in Erscheinung. Schärfe, Kontrast und Schwarzwert sind sehr solide, und im bis in die Tiefe meist detailfreudigen Bild ist auch die Farbwiedergabe tadellos. Auffällig ist allerdings das stets sichtbare, recht grobe Filmkorn, das immerhin recht naturbelassen, also weitgehend ungefiltert erscheint – für diese Beeinträchtigung gibt’s bei der Bildwertung einen halben Stern Abzug.

Der deutsche Mono-Ton ist recht sauber und weitgehend klar. Ein jedoch spürbares Quäntchen mehr an Power besitzt dafür die englische Stereotonfassung, wodurch dann auch die feine Musik noch ein Plus an Wirkung erzeugt.

Extras

Als Boni gibt es neben der üblichen Bildergalerie mit Werbematerialien und einem englischen sowie deutschen Trailer die knapp einstündige so unterhaltsame wie informative  Featurette „Yul Brynner – Der Mann der König war“ (wie auch die Trailer in SD), auf Wunsch mit deutschen Untertiteln. Soweit so gut. Dass man allerdings bei dieser unübersehbar aus 4:3-TV-Zeiten stammenden älteren Doku in das Bild hineingezoomt hat, um es auf das heute übliche TV-Breitbildformat aufzublasen, ist schlichtweg eine Schande. Das am oberen und unteren Bildrand kräftig beschnittene (und anscheinend zusätzlich durch Kompression verzerrte) Resultat wirkt nämlich in dem, was es noch zeigt, völlig fehlproportioniert und sieht einfach nur schrecklich unnatürlich aus. Schade!

Ein zusätzliches, freilich kleineres Wermutströpfchen möchte ich ebenfalls nicht unterschlagen. Das bereits erwähnte Filmkorn tritt nämlich beim für das Hauptmenü der jeweiligen Disc gewählten Hintergrundfilmbild extrem hervor, was denn doch recht bescheiden ausschaut. Das gilt auch für die durchaus ansprechenden, in aller Regel knackig scharf abgebildeten Werbematerialien, die präsentiert vor einem ebenso arg bescheidenen Hintergrund in der Wirkung doch etwas beeinträchtigt werden.

Besonders positiv hervorzuheben ist dafür das fest integrierte, 20-seitige Hochglanz-Begleitheft, das mit überraschender Informationsdichte (Texte von Rolf Giesen) und eindrucksvollem Bildmaterial aufwartet.

Fazit: Auch wenn der 1962er Taras Bulba kaum noch als guter Film durchgehen kann, bei der jetzt vorliegenden, besonders liebevoll produzierten Mediabook-Präsentation von Koch-Media kommt einige Freude auf. Bei diesem exzellent aufgemachten Sammlerstück vermag sicher so mancher beim letztlich etwas hohlen Film ein Äuglein zuzudrücken.

Hier geht’s zum Zweiten Artikel: Salomon und die Königin von Saba sowie zum Gewinnspiel.

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema „Blu-ray-Disc versus DVD“.

Titel: Taras Bulba
Erschienen: 7/2019

Zusatzinformationen: USA, YU 1962

Medium: Blu-ray
Verleih: Koch Media
Kennung: BD

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